Mirko Zilahy - Autor
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Autor

Mirko Zilahy

Mirko Zilahy wurde 1974 in Rom geboren und studierte dort Anglistik und Italianistik. Anschließend promovierte er Dublin, wo er mehrere Jahre als Dozent für italienische Literatur arbeitete. Heute lebt er mit seiner Familie in Rom und ist ein gefragter Übersetzer namhafter englischer Autoren (z.B. Donna Tartt). Schattenkiller ist sein Debüt als Schriftsteller.

Interview

Im Interview: Mirko Zilahy über seinen Debütroman "Schattenkiller" | 05.12.2016

Lieber Herr Zilahy, Sie sind in Rom geboren und aufgewachsen und waren Literaturprofessor an der Universität in Dublin. Mit Übersetzungen haben Sie sich bereits einen Namen gemacht – nun erscheint mit „Schattenkiller“ ihr Debütroman, der sofort ein großer Erfolg in Italien war und bei den Lesern und...

Lieber Herr Zilahy, Sie sind in Rom geboren und aufgewachsen und waren Literaturprofessor an der Universität in Dublin. Mit Übersetzungen haben Sie sich bereits einen Namen gemacht – nun erscheint mit „Schattenkiller“ ihr Debütroman, der sofort ein großer Erfolg in Italien war und bei den Lesern und Kritikern sehr gut ankam. Was sollten Ihre deutschen Leser noch über Sie wissen?
Zuallererst: Ich bin selbst ein Leser und jede Arbeit, die etwas mit Wörtern zu tun hat, entsteht aus einer großen, inneren Leidenschaft. Demnach kommt meine Liebe für das Schreiben vom Lesen. Ich bin in einem Haus voller Frauen und Bücher aufgewachsen, habe die Bücher als meine Freunde angesehen und früh lieben gelernt – Heute ist jedes Buch mein Kumpel, mein Baby und meine Geliebte zugleich!
„Schattenkiller“ ist ein perfekter, nervenaufreibender Thriller und Literatur in ihrer besten Form – war das Ihr Plan oder ist es einfach so „passiert“? Wie schwierig war es, dieses Buch zu schreiben und wie lange hat es gedauert?
Der Schreibprozess hat ungefähr anderthalb Jahre gedauert – wie ich das geschafft habe, ist mir selbst noch ein Rätsel. Aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es eine anstrengende und schwierige Zeit gewesen sein muss. Es war mein Ziel, einen literarischen Thriller zu schreiben. Ich weiß literarische Qualität sehr zu schätzen und mag es nicht, Bücher in Genres oder Kategorien einzuteilen. Oscar Wilde hat es einmal treffend formuliert: „Ein Buch ist entweder gut oder schlecht geschrieben. Das ist alles.“ Ich habe versucht, mich an den englischen Klassikern des viktorianischen Zeitalters zu orientieren, wie zum Beispiel Charles Dickens, Robert Louis Stevenson, Oscar Wilde oder in den USA Edgar Allan Poe und im 20. Jahrhundert Shane Stevens. Aber ich habe mich auch von italienischen Autoren wie Umberto Eco inspirieren lassen, um einen Roman zu kreieren, der in das neue Zeitalter passt, aber eine vergleichbare Atmosphäre und einen vergleichbaren Schreibstil aufweist.
In „Schattenkiller“ hält ein Serienmörder, der sich selbst „Der Schatten“ nennt, ganz Rom in Angst und Schrecken. Wen er ermordet, wie er mordet, wann er mordet und wo er die Leichen deponiert – alles ist akribisch geplant und hat eine symbolische Bedeutung. Warum Sind Sie so fasziniert von Serienmördern?
Weil Sie besser zu uns sprechen als alle anderen Charaktere, sogar besser als die positiv Besetzten. Sie sind der schlimmste Teil von uns, von uns allen, der versteckte Part, wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Und manchmal bringen Sie uns dazu, unglaubliche Geschichten zu erzählen. Über diese Art von Menschen zu schreiben, gab mir die Gelegenheit, tief in diese abnormalen Gedanken einzudringen. Beim „Schatten“ habe ich auch genau diesen Prozess angewendet, ein grausamer Serienmörder, der die Menschen symbolisch ermordet. Und mehr noch: Dieser Charakter hat es mir erlaubt, meinen inneren, bösen Teil zu analysieren und in meine dunkelste Seite und in meine Wut abzutauchen.
Mit jedem neuen Opfer vom „Schatten“ steigt natürlich der Druck auf die römische Polizei. Sie setzen ihren besten Mann an den Fall: Commissario Enrico Mancini, einer der verblüffendsten und faszinierendsten Charaktere, der je geschaffen wurde. Dieser Charakter ist ein Meisterstück! Haben Sie gleich von Beginn an gewusst, dass er so sein wird oder hat er seine eigene Geschichte kreiert?
Seitdem ich 2009 darüber nachgedacht habe, ein Buch zu schreiben, war Mancini in meinen Gedanken, irgendwo in einer Ecke meines Gehirns. Zu Beginn hatte ich nur ein Gesicht auf einem weißen Blatt Papier, dann kam seine, bzw. meine Trauer und ein Paar Lederhandschuhe hinzu. Schließlich begann ich, kleine Details zu ergänzen, um ihm einen internationalen Touch zu verleihen und außerdem die Neigung, sich auf das Spiel mit dem Tod einzulassen. Zum Schluss habe ich meine drei Charaktere, Roma, Mancini und den „Schatten“, ineinanderlaufen lassen.
Mancini ist ein Star bei der römischen Polizei. Er ist nicht bloß ein Detective der Mordkommission, sondern auch ein Profiler, der von den besten gelernt hat, nämlich vom FBI in Quantico, Virginia. Warum meinen Sie, dass Serienmörder anscheinend nur ein amerikanisches Phänomen sind und Italien anscheinend keine Profiler braucht?
Serienmörder sind ein globales Phänomen. Der Kriminologe, den ich kontaktiert habe um die Figur des Serienmörders auszubauen, erzählte mir, dass es heutzutage noch knapp 15 freilaufende und aktive Serienmörder allein in Rom gibt. In Europa haben wir die Neigung, es als ein amerikanisches Problem anzusehen. Unser Bild vom Serientäter wird maßgeblich von amerikanischen Erzählungen und Mythen geprägt.
Mancinis Leben ist ins Wanken geraten, nachdem seine Frau an Krebs gestorben ist. Das Trauma, das er durch ihren Verlust erleidet, die Tiefe seiner Liebe und seine Hoffnungslosigkeit sind quasi physisch fühlbar. War das „nur“ hart zu schreiben oder hatte es auch einen befreienden Effekt?
Wenn jemand stirbt, den wir lieben, erleiden wir endlose Qualen. In diesem speziellen Moment beginnt die Blüte der Verzweiflung in uns zu wachsen und wird jeden Tag größer. Es ist wie eine leere Blase, in der unsere inneren Geister wohnen. Sie sprechen zu uns und das Echo ihrer Worte sind Dinge, vor denen wir uns fürchten und fliehen möchten oder, andersherum, ihnen hinterherlaufen wollen. Diese Geister ergreifen Besitz von uns. Sie wohnen in uns. Ich habe versucht, mich durch Mancini selbst zu analysieren, meinen Schmerz und meine eigenen Geister kennenzulernen. Und ja, es war auch qualvoll, dieses Buch zu schreiben. Ich habe versucht, ihn und seinen Antagonisten zu benutzen, um mir mein Herz auszuschütten. Aber eine Wunde ist nun einmal da, egal wie lange du versuchst, dir einzureden, sie wäre weg. Im Endeffekt ist sie immer in uns.
Mancini sehnt sich nach Zuflucht, verliert sich im Alkohol und niemand kann ihm das verübeln. Bei seiner Aufgabe, den „Schatten“ zu fangen, muss er denken und fühlen wie er – genau wie Sie, als Sie das Buch geschrieben haben. Was war der schwerste Part über eine solche Kriminalität zu schreiben und was hat Sie daran am meisten fasziniert?
Der Alkohol, vor allem Bier, ist ein Part von Mancinis Lebens. Bevor seine Frau starb, war es nur ein einfacher Weg, der Realität zu entfliehen. Wenn er sein Feierabendbier trank, war das seine Art sich zu sagen: Okay, der Arbeitsalltag mit all den furchtbaren Dingen ist vorbei, nun beginnt mein sicheres Leben, hier in meinem Haus mit meiner Frau. Nach ihrem Tod wurde das Trinken so essentiell wie atmen für ihn. Eine Art Raum, wo er sie wieder treffen konnte. Und ja, Mancini muss denken und fühlen wie der „Schatten“ um ihn zu finden – und so habe ich es auch gemacht. Ich habe den schlimmsten Teil von mir aufleben lassen, habe ihn freigelassen, um Rache zu nehmen. In „Schattenkiller“ sind die Szenen mit dem Serienmörder sehr schrecklich, aber auch lyrisch. Auch wenn ich teilweise darunter gelitten habe, meine wütende Seite auszuleben.
„Schattenkiller“ hat drei Protagonisten, die man auch gut und gerne als „Stars“ betiteln kann: Mancini, den „Schatten“ und Rom selbst! Aber das Rom, das Sie uns zeigen, ist nicht die unendliche Stadt mit ihren faszinierenden Bauwerken und dem dolce vita. Warum haben Sie Orte wie den Gasometer in Ostiense oder das alte Schlachthaus in Testaccio ausgewählt?
Ich habe viele Jahre weit weg von meiner Heimatstadt verbracht, um italienische Literatur in Dublin zu studieren und zu unterrichten. Dadurch habe ich einen anderen Blickwinkel auf Rom bekommen, einen außenstehenden Blick gemischt mit meinen inneren Gefühlen. Deshalb wusste ich: Das Rom in meinem Buch musste ein anderes sein als das monumentale, stereotype Rom, was jeder kennt. Zuallererst habe ich die dunkle Atmosphäre ausgewählt – da wurde ich wahrscheinlich von meiner Zeit in Irland inspiriert. Das Setting für das Buch musste so ähnlich sein, wie die etwas düstere Atmosphäre am Ende des 19. Jahrhunderts in London, Edinburgh oder Dublin. Wegen eines komischen Zufalls bin ich 2012 nach Ostiense gezogen, eine Ecke in Rom, die geprägt ist von Bauruinen und industrieller Architektur, wie zum Beispiel der Gasometer (der übrigens doppelt so groß ist wie sein berühmter Bruder das Colosseum), die baufällige Waschmittelfabrik oder auch das alte Schlachthaus in Testaccio. Somit habe ich mein perfektes Setting gefunden, wo der „Schatten“ seine Opfer umbringt und auch ausstellt.
Bevor Ihr Debütroman eine literarische Sensation geworden ist, waren Sie sehr erfolgreich als Übersetzer tätig. Unter anderem haben Sie Donna Tartts Roman „Der Distelfink“ aus dem Italienischen übersetzt. Werden Sie weiterhin als Literaturübersetzer arbeiten oder wollen Sie sich auf ihre eigenen Schreibprojekte konzentrieren?
Ich arbeite als Journalist, Übersetzer und nun auch als Autor. Ich muss aber zugeben, dass das Übersetzen immer noch die größte Faszination auf mich ausübt. Ich liebe es, gotische und viktorianische Autoren zu übersetzen, aktuell konzentriere ich mich aber darauf, meine Trilogie zu schreiben.
„Schattenkiller“ fesselt den Leser vom Anfang bis zum Ende. Nicht nur Mancini und der „Schatten“ sind faszinierende Charaktere, auch das ganze Team hat so viel Potenzial, dass der Leser sich nach einer Fortsetzung sehnt. Was kann der Leser erwarten? Gibt es konkrete Pläne für weitere Bände?
Ja, ich schreibe gerade am zweiten Band meiner Trilogie, ebenfalls mit Commissario Enrico Mancini in der Hauptfigur und ungewöhnlichen Schauplätzen in Rom. Danach fange ich auch sofort mit dem dritten Band an. Ich freue mich drauf!

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