Vergesst unsere Namen nicht
 - Simon Stranger - eBook

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15,99

inkl. MwSt.

Bastei Entertainment
Sonstige Belletristik
350 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-7325-7843-6
Ersterscheinung: 30.08.2019

Vergesst unsere Namen nicht

Roman

(24)

Eine wahre Familiengeschichte, die zeigt, wie nah Dunkelheit und Hoffnung beieinanderliegen können
In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen. 
Ein auf wahren Begebenheiten basierender Roman, der achtzig Jahre Geschichte und vier Generationen umfasst. Eine Erzählung über den Holocaust, über Familiengeheimnisse und über die Geschichten, die wir an unsere Kinder weitergeben.
»Eine mitreißende Geschichte, erzählt in eindrucksvoller Sprache« DAGBLADET
»Meisterlich und beängstigend zugleich« ADRESSEAVISEN

Rezensionen aus der Lesejury (24)

kati-katharinenhof kati-katharinenhof

Veröffentlicht am 17.10.2019

Dieses Buch geht garantiert nicht vergessen

Simon Stranger lässt in seinem Roman "Vergesst unsere Namen nicht" einen tiefen Einblick in sein ganz persönliches Familienalbum zu, denn er hat mit diesem Buch die Familiengeschichte seiner Frau für die ... …mehr

Simon Stranger lässt in seinem Roman "Vergesst unsere Namen nicht" einen tiefen Einblick in sein ganz persönliches Familienalbum zu, denn er hat mit diesem Buch die Familiengeschichte seiner Frau für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ermöglicht so Einblicke in das Leben einer jüdischen Familie, die sich über 5 Generationen erstreckt und die ich in einer solchen Intensität noch nicht erlebt hat.
Es fällt mir schwer, dieses Buch überhaupt in Worte zu fassen, um damit annähernd zu beschreiben, was der Autor geleistet hat und mit einfühlsamen, eindringlichen Worten zum Ausdruck bringt und erzählt. All meine Worte würden nämlich nicht dem gerecht werden, was Stranger preisgibt, welche Gefühle er beim Lesen in mir geweckt hat und dieses Buch somit zu dem wohl persönlichsten Leseerlebnis macht, das ich je von einem Autor erleben durfte.
Der Beginn der Kapitel alleine ist schon ungewöhnlich, sind diese nicht nummeriert, sondern nach dem Alphabet strukturiert. Beginnend bei A wie Anklage, Arrest, Aussage....wenn man mit solchen Schlagwörtern in das jeweilige Kapitel eingeführt wird, beginnt dieses Buch etwas mit einem zu machen - man wird unweigerlich ein Teil der Geschichte und erlebt all die Gräuel mit, die der Familie Komissar widerfahren. Schonungslos und ehrlich werden hier die Frevel geschildert, die die Bande um Henry Rinnan begeht und mir geht das Gelesene so unter die Haut, sodass ich mehr als einmal das Buch zur Seite legen muss, innehalte und an die Menschen denke, denen all das angetan wurde. So viel Leid, so viel Hassen, so viel Schrecken...unfassbar.
Man erhält einen sehr detaillierten Einblick in das Leben und Wirken von Henry Rinnan, erfährt, warum er zu dem Menschen wurde, der er war und alleine das ist schon sehr nervenaufreibend. Doch erst in Verbindung mit der Geschichte der Familie Komissar bekommt seine Grausamkeit eine ganz hässliche Fratze, die den Leser erschreckt und noch mehr schockiert. Mehr als einmal habe ich Tränen in den Augen, bin fassungslos über das, was ich gelesen habe und weiß nicht, wie ich das Gelesene verarbeiten soll.
Dem Autor ist es zudem gelungen, beide Seiten der Geschichte so zu beleuchten, dass man sowohl Täter als auch Opfer des dunkelsten Kapitels der jüngeren Vergangenheit kennenlernt und das macht dieses Buch für mich so einzigartig.
Dieser Roman gehört für mich so den Büchern, die dazu beitragen, dass die Gräueltaten der braunen Schergen niemals vergessen gehen. Er gibt den vielen Menschen, die unschuldig für eine hirnverbrannte Ideologie ihr Leben lassen mussten, ein würdiges Andenken und appelliert an jeden einzelnen von uns, zu vergeben und zu verzeihen. Diese Buch geht garantiert nicht vergessen !
Bitte lasst nie zu, dass sich so etwas wie damals nicht noch einmal wieder holt !

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

ConnieRuoff ConnieRuoff

Veröffentlicht am 23.09.2019

Mit dem Wissen über die Vergangenheit in die Zukunft schauen!

Rezension „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger

Zum Inhalt „Vergesst unsere Namen nicht“

Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch ... …mehr

Rezension „Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger

Zum Inhalt „Vergesst unsere Namen nicht“

Vergesst unsere Namen nicht“ von Simon Stranger ist nicht nur eine Familiengeschichte, sondern auch das Psychogramm eines brutalen Kriegsverbrechers. Es zeigt die Zeit von ca. 1920 bis heute und es spielt in Norwegen. Es ist vor allem die Geschichte der deutschen Besatzung in Trondheim während des Zweiten Weltkriegs.

Das Schlimmste an diesem Buch ist, dass es auf Fakten beruht und keine Fiktion ist. Es ist ein historischer Roman, der mit abscheulichen Fakten hinterlegt ist. Deswegen habe ich in der rechten Spalten historischen Fakten aus den genannten Wikipedia Artikeln beigefügt.

Simon Stranger und „Vergesst unsere Namen nicht!“

„Wir leben in einer Welt der verbalen Auseinandersetzungen. Lass diesen Roman lieber eine Aufforderung sein, nach vorn zu sehen. Lass ihn lieber eine Möglichkeit zur Versöhnung sein und für Vergebung“, ...Seite 320

Dieser Aufruf kam von Simon Strangers Frau Rikke, deren Mutter Grete als Kind im Bandenkloster gewohnt hat und das, obwohl Ihre Familie durch den Holocaust Opfer zu beklagen hatte.

Das Buch ist für Simon Stranger eine sehr persönliche Angelegenheit. Es ist ein Teil seiner Geschichte oder genauer gesagt, es ist die Familiengeschichte seiner Frau.

Dieser Roman möchte nicht anklagen, er verwirklicht Rikke Strangers Aufforderung.

Historische Fakten zu „Vergesst unsere Namen nicht“
Norwegen unter deutscher Besatzung

Die Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg begann mit dem Unternehmen Weserübung am 9. April 1940 und endete am 8. Mai 1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht.

Aus deutscher Sicht wurde die Invasion als „Inschutznahme“ gegen britische Operationen in norwegischen Gewässern verteidigt. Der bisherige NSDAP-Gauleiter von Essen, Josef Terboven, wurde von Hitler unter Abkehr von einer an die völkerrechtlichen Regeln gebundenen Besatzungsherrschaft einer Militärverwaltung, zum Reichskommissar für Norwegen ernannt und sollte die „Norweger als Freunde gewinnen“.

Nach der Besetzung lebten im Lande rund 2100 jüdische Norweger und Flüchtlinge aus Mitteleuropa, deren Situation sich ab Sommer 1941 verschlechterte. In Nordnorwegen verhafteten die deutschen Besatzer alle jüdischen Männer, in anderen Landesteilen nur die staatenlosen Juden.

(Entnommen aus Wikipedia Artikel „Norwegen unter deutscher Besatzung“

Worum geht es?

Simon Stranger erzählt das Schicksal der Familie Komissar. Familie Komissar steht als Juden auf der Seite der Verfolgten und gleichzeitig stellvertretend für alle Opfer.

Er erzählt auch die Geschichte Henry Oliver Rinnans. Ein Kriegsverbrecher, der als Kollaborateur, Spion, Folterer und Handlanger der Nazis auf Seiten der Täter steht, stellvertretend für alle Täter.

Es handelt sich zwar konkret um diese Familiengeschichte, aber Simon Stranger weist immer wieder darauf hin, dass seine Familie nur eine und der vielen Opferfamilien ist. Der Leser erfährt in diesem Zusammenhang auch einiges über die „Stolpersteine“, dem Kunstprojekt für Europa von Gunter Demnig.

Meine Gedanken zu Henry Oliver Rinnan

Rinnan wird zum Täter, ohne wirklich ein Nazi zu sein. Er war ein Psychopath, der im Nationalsozialismus, das System fand, in dem er seine Bedürfnisse befriedigen konnte, seine Rachegelüste ausleben konnte und das ihn anerkannte. Er war jemand! Er hatte es Allen gezeigt. Er hatte das Kommando!

Rinnan, nur 1.60 m groß, von den Anderen als Kind schon verspottet, wollte schon immer hoch hinaus. Empathie kannte er nicht. Der Autor erzählt eine Geschichte aus der Kindheit Rinnan, in der er großes Mitgefühl und hohe Sensibilität zeigte. Aber anscheinend hat ihm das Leben diese Seite abgewöhnt. Er wurde in der norwegischen Armee nicht angenommen. Und diese Erfahrung wiederholte sich. Jede Zurückweisung setzte bei ihm weitere kriminelle Energie frei. Schon früh zeigt sich, dass er über kein Unrechtsbewusstsein verfügt. Ich würde das schon als einen Napoleon-Komplex bezeichnen. Er versuchte durch scheinbare Erfolge, seine Körpergröße zu kompensieren.

„S - wie der Spruch der Rinnan zugeschrieben wird und den er zu neuen Gefangenen gesagt haben soll, wenn sie ins Bandenkloster kamen: Willkommen am einzigen Ort in Trondheim, an dem die Wahrheit gesagt wird.“, ...Seite 301

Historische Fakten zu Henry Oliver Rinnan
Henry Oliver Rinnan (14. Mai 1915 – 1. Februar 1947) war ein berüchtigter norwegischer Gestapo- Agent während des Zweiten Weltkriegs (1940 – 1945). Er leitete eine Gruppe namens Sonderabteilung Lola. Diese Gruppe, unter Norwegern als Rinnanbanden bekannt, hatte 50 bekannte Mitglieder.

Ab September 1943 hatten die Rinnanbanden ihren Sitz in Trondheim, bekannt als Bandeklosteret . Rinnan arbeitete eng mit der deutschen Sicherheitspolizei in Trondheim zusammen. Während des Krieges wurde Rinnan zum SS – Untersturmführer der Reserve ernannt und erhielt 1944 das Eiserne Kreuz der 2. Klasse.

Rinnan wurde wegen persönlicher Ermordung von dreizehn Personen verurteilt, aber die tatsächliche Zahl könnte höher sein, hingerichtet. Er wurde eingeäschert und später inoffiziell auf dem Levanger-Friedhof in einem nicht gekennzeichneten Grab beigesetzt.

Vierzig Prozent der Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wegen norwegischer Kriegsverbrechen hingerichtet wurden, waren mit der Sonderabteilung Lola verbunden.

(Entnommen Norwegischer ins Deutsche übersetzte Wikipedia Artikel zu Henry Oliver Rinnan)

Sprachstil

Simon Stranger erzählt in vier Zeitebenen und Handlungssträngen.:

1. Handlungsstrang: Hirsch Komissar (während der Besatzung). Im Buch die 1. Generation der Familie Komissar.

2. Handlungsstrang: Gerson Komissar und seine Familie (nach der Besatzung) 2. Generation.

3. Handlungsstrang: In der Gegenwart – der Autor erzählt von seiner Familie und der Entstehungsgeschichte von „Vergesst unsere Namen nicht“. 3., 4. und 5. Generation der Familie.

4. Handlungsstrang: Henry Oliver Rinnen – vor und während der Besatzung.

Der Autor schildert das Geschehen ohne Affektheischerei. Es sind Vorkommnisse, die man beim Lesen kaum ertragen kann. Das Wissen, dass es sich dabei um keine Horrorfiktion handelt, sondern um unsere deutsche Geschichte, ist der eigentliche Horror.

Besonders gut hat mir die Kapitelbezeichnung und Aufteilung gefallen. Simon Stranger hat das Alphabet mit Bespielen als Nummerierung genommen. Ich zitiere:

„A wie Anklage
A wie Aussage
A wie Arrest“
Ich fand das sehr aussagekräftig. Er fand für jeden einzelnen Buchstaben des Alphabets, passende Schlagwörter. Es ist keine bequeme Lektüre. Es ist Literatur gegen das Vergessen.

Das Hörbuch

Die ungekürzte Hörbuchfassung wird exklusiv von Audible und ausschließlich als Download präsentiert. Das Hörbuch hat eine Länge von 10 Stunden und 9 Minuten und ist ebenfalls am 30.08.2019 erschienen.

Uwe Teschner liest das Buch sensibel und zurückhaltend. Mir hat die Stimme und das Sprachverhalten sehr gut gefallen.

Meine abschließenden Gedanken zu „Vergesst unsere Namen nicht“

Das Buch wurde mir über die Blogger-News von Bastei Lübbe, der Eichborn Verlag gehört zu Bastei Lübbe, angeboten. Obwohl mein Stapel ungelesener Bücher schon sehr hoch ist und ich zudem Rezensionen für September und Oktober zugesagt hatte, konnte ich, wegen folgender Zeilen aus dem Klappentext, nicht widerstehen, die ich gerne rezitieren möchte:

„In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.“Seite 6 und Klappentext

Ich finde das einen sehr schönen Gedanken des Talmuds, der auch einer der Entstehungsgründe der „Stolpersteine“ ist. Ich wollte mit der Veröffentlichung meiner Rezension einen kleinen Beitrag dazu leisten, deswegen habe ich dieses Rezensionsexemplar angefragt.

Ja! Ich schäme mich, dass wir Deutschen diese Gräueltaten begingen und zugelassen haben. Ich schäme mich, dass wir weggeschaut haben. Und trotz des Wissens über diese abscheulichen Verbrechen des Nationalsozialismus, ruckt Europa nach rechts und die Rechten marschieren wieder. Sie marschieren zwar nicht generell, aber immer wieder. In einigen Bundesländern konnte die AfD 25 % erreichen. Wie ist so etwas möglich? Hat uns die Zeit so desensibilisiert und alles vergessen lassen? Haben wir gar nichts aus unserer Geschichte gelernt?

Einige meiner Leser wissen, dass ich eine große Anhängerin Hannah Arendts bin. Eine großartige Philosophin, die selbst Jüdin, aber noch rechtzeitig mit ihrem zweiten Mann, Heinrich Blücher, ins Exil in die USA flüchten konnte. Walter Benjamin hat sich 1942, aus Angst vor den Verfolgern, in Paris das Leben genommen.

Ich benenne hier Hannah Arendt, weil Simon Strangers Frau Rikke, den Aufruf zur Versöhnung einbrachte. Auch Hannah Arendt wollte Versöhnung und keineswegs Rache oder Vergeltung.

Davor habe ich große Achtung. Ich bezweifle, dass ich diese Größe hätte.

Schade, dass die Politik Benjamin Netanjahus, keine Toleranz gegenüber der anderen Seite hat und eine Siedlungspolitik verfolgt, die keine Rücksicht auf die Palästinenser nimmt. Man kann nur hoffen, dass die nach der Wahl beabsichtigte „Großen Koalition“ unter Benny Gantz und ohne Netanjahu kommt. Aber selbst dann, gibt es noch genügend Hardliner, die auf der Regierungsbank sitzen.

Simon Stranger ist dem Aufruf seiner Frau gefolgt. Er schrieb ein Buch, das nicht wertet, sondern berichtet und erzählt. Er versucht, Gründe zu finden, wie ein Mensch zu einem der größten Kriegsverbrecher Norwegens wurde. Die Geschichte ist nicht schwarz/weiß, sondern hat viele Grautöne. Der Leser selbst darf das Geschehen werten

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Lillianne Lillianne

Veröffentlicht am 23.09.2019

Ein Stolperstein in Norwegen erzählt uns eine Geschichte

Simon Stranger erzählt uns eine wahre Familiengeschichte: Die Geschichte der Familie seiner Frau Rikke, ihrer Eltern Grete und Steinar und den Großeltern Hirsch und Marie Komissar. Die Großeltern, Juden ... …mehr

Simon Stranger erzählt uns eine wahre Familiengeschichte: Die Geschichte der Familie seiner Frau Rikke, ihrer Eltern Grete und Steinar und den Großeltern Hirsch und Marie Komissar. Die Großeltern, Juden aus Russland, haben sich in Norwegen angesiedelt und bis zum Einmarsch der Deutschen in Norwegen ein bürgerliches Leben geführt.

Der Autor führt uns mit diesem Buch in Kapitel finsterster Zeitgeschichte der Nationalsozialisten in Norwegen und zeigt auch die Verquickung der einheimischen Bevölkerung mit dem National­sozia­lis­mus. Hierfür steht die Figur des Henry Oliver Rinnan, der mit seinen „Bandenmitgliedern“ die hässliche Fratze des Kollaborateurs widerspiegelt.

Simon Stranger nimmt einen Spaziergang in der Stadt Trondheim zum Anlass über die Geschichte hinter dem Stolperstein, den sein 10jähriger Sohn putzt und liest, zu recherchieren und erzählen. Und so wird er zum Zeugen einer Zeit, die auch in Norwegen unmenschliche Züge angenommen hat.

Hier wohnte Hirsch Komissar Jg. 1887. Verhaftet 12.1.1942 Falstad. Ermordet 7.10.1042

Strangers Schwiegermutter Grete mit ihrem Mann Steinar steht mit vor dem Haus mit dem Stolperstein. Hirsch Komissar war ihr Großvater und wohnte im zweiten Stock und ist ein Opfer dieser Zeit, „weil er Jude war“.

„In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, ...“ 1) „Vergesst unsere Namen nicht“ ist daher ein Aufruf, immer der Toten zu gedenken. Dies ist das Anliegen der Stolpersteine, dem Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der in Deutschland seit 1992 über 70.000 Stolpersteine 2) verlegt hat. Die im Boden verlegten kleinen Ge­denk­tafeln sollen an das Schicksal der Menschen erinnern, die in der Zeit des National­sozia­lis­mus (NS-Zeit) verfolgt, ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden 3).

„Vergesst unsere Namen nicht“, das Buch von Simon Stranger, übernimmt das Thema Holocaust in Norwegen und ergänzt die Geschichts­schreibung aus einer anderen Perspektive. Und damit kommen wir zu dieser Besonderheit dieses Buches: Es erzählt die Geschichte eines Holocaust-Opfers aus der Perspektive des "Stolpersteins": Der Vater des Ururenkels dieses Hirsch Komissar, dem ein Stolperstein in Trondheim gewidmet ist, versucht sich an die Biographie heran zu tasten. Wie er das macht ist auch bemerkenswert: Er geht durchs Alphabet und nimmt seine Assoziationen, um sich der Geschichte zu nähern. Und vieles verknüpft er mit seiner Phantasie, da er offensichtlich nicht sehr viele Quellen für Hirsch Komissar hat, wie er in der Schlussbemerkung schreibt: „Viele Ereignisse aus der Familiengeschichte der Komissars sind fiktionalisiert.“ 4)

Was allerdings gut belegt ist, ist das Leben des Kollaborateurs Rinnan, um den sich auch viele Mythen ranken, der aber in Deutschland bisher ziemlich unbekannt ist. Wir lernen diesen Rinnan als 10jährigen kennen und erleben seine Entwicklung bis zum Hauptakteur der Folter und Ermordung im „Bandenkloster“, dem Hauptquartier dieser Gruppe um Rinnan mit allerbesten Verbindungen zu den Nationalsozialisten in Norwegen und Deutschland. „Die deutsche Sicherheitspolizei will ihn anstellen.“ - „wie ein Agent.“ 5)

Ein Höhepunkt dieser Familiengeschichte ist die Verquickung des Ortes der Folter mit der Kindheit der Großmutter genau in diesem Haus: B wie Bandenkloster, das berüchtigte Haus, das auf einer Hügelkuppe direkt außerhalb der Innenstadt von Trondheim liegt. 6)

Die Historie des Hauses eröffnet eine weitere jüdische Biografie, die des Professor Ralph Tambs, dem wir mehrfach auf seiner qualvollen Reise begegnen: H wie Herbarium: 7) Es ist der 10. März 1942 und Hirsch Komissar begegnet dem Professor, den er schon zu Studentenzeiten kannte. Ihm gehörte das Haus, das zum Bandenkloster wurde. Und die Familiengeschichte nimmt eine weitere tragische Wendung, die mit den Zweig der Söhne Hirsch Komissars, Gerson und Jakob, verknüpft ist. Gerson, verheiratet mit Ellen, wird nach dem Krieg in diesem Haus leben und ihre Tochter Jannike bekommen.

Ein wichtiges Buch in dieser heutigen Zeit!

Der Autor beschreibt seine Intension, die auch dem Buch den Titel gegeben hat: Er will der Biographie "Leben einhauchen"damit der Name nicht vergessen wird. Der Stolperstein hat diese Funktion bereits übernommen, doch für seine Kinder möchte er mehr: Hirsch Komissar soll als Ururgroßvater in seiner Geschichte lebendig werden.

„Die Welt dreht sich weiter, und ich schließe die Augen, denke daran, was aus jenem Vormittag an deinem Stolperstein alles geworden ist, und dann an all die Geschichten, die sich unter den Steinen aller anderen noch verbergen. Wir werden weiter ihre Namen sagen. Lieber Hirsch, wir werden weiter deinen Namen sagen.“ 8)

Mit diesem Zitat schließt der Autor sein Buch und wir haben eine neue Seite des Holocaust erlebt.

Mein Kommentar

Ich habe mich für dieses Buch beworben, weil ich viele Geschichten dieser Art kenne, mir der Blick aus Norwegen fehlte. Die Idee, mit dem Alphabet durch die Geschichte zu gehen, fand ich äußerst spannend, hat mich dann aber auch irritiert, weil Hirsch, dem ja dieses Buch gewidmet ist, viel zu kurz kommt.

Ob es an der Übersetzung liegt, kann ich nicht beantworten: Der rote Faden konnte auch mit dem Alphabet nicht durchgezogen werden. Viel zu wirr kommen die Assoziationen zu den einzelnen Punkten und nicht immer wird klar, in welchem Zusammenhang sie stehen. Außerdem sind die 70.000 Stolpersteine seit 1992 in Deutschland verlegt. Wollte der Autor seine norwegische Geschichte korrekt wiedergeben, müsste er sich auf auf knapp 600 Stolpersteine seit 2011 beziehen, wobei 66 in Trondheim verlegt sind. (Stand 20.09.2019 laut Wikipedia) Die „Namen der Opfer werden“ nicht „in den Weg geritzt“ 9), sondern in die Stolpersteine, die dann im Gehweg im Pflaster verlegt werden.

Diese Einwände sollen keinesfalls die Wichtigkeit des Buches schmälern. Gerade in heutiger Zeit ist es wichtiger denn je, zu zeigen, was der Hass aus den Menschen machen kann. Und es ist wichtig daran zu erinnern, dass wir aus der Geschichte lernen sollten.

Da ich das Buch als Lesemanuskript erhalten habe, kann ich über das haptische Gefühl, ein gut gestaltetes Buch in Händen zu halten, nichts aussagen. Was mir aber sehr zusagt, ist das Cover mit seinem Bild, das an Vergangenes erinnert: Die Trümmerfrauen, die nach dem Krieg die Steine klopften, um neue Ziegel zum Bauen zu haben. Die zwei Mädchen symbolisieren in diesem Umfeld die Zukunft. Und in dieser Hoffnung wünsche ich dem Buch viele Leser:innen und ein weit verbreitetes Gedächtnis!

Ich würde gerne in einer neuen Auflage einen Stammbaum der Komissars lesen.

Fußnoten müssen hier händisch eingefügt werden:

1) Aus dem Klappentext des Buches.
2) Quelle: Erinnerung an NS-Opfer: Künstler Gunter Demnig verlegt 70.000. „Stolperstein“. FAZ online aktualisiert am 22.10.2018 . faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/kuenstler-gunter-demnig-verlegt-70-000-stolperstein-15851064.html - Abruf: 20.09.2019
3) Wikipedia: de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine - Abruf: 22.09.2019
4) Zitat aus Buch Seite 349.
5) Zitat aus Buch Seite 165.
6) Buch Seite 20.
7) Buch Seite 116.
8) Zitat aus Buch Seite 348.
9) Buch Seite 7.

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bookloving bookloving

Veröffentlicht am 22.09.2019

Lesenswerter, aufrüttelnder Roman

INHALT
In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der ... …mehr

INHALT
In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.

(Quelle: Eichborn Verlag)

MEINE MEINUNG
Der norwegische Autor Simon Stranger wurde für seinen Roman „Vergesst unsere Namen nicht“ mit dem Norwegischen Buchhändlerpreis für den besten Roman des Jahres 2018 ausgezeichnet. In seinem auf wahren Begebenheiten basierenden Roman verwebt Stranger geschickt hervorragend recherchierte historische Fakten, fiktive Passagen und in seiner eigenen jüdischen Familie überlieferte Erinnerungen an vergangene Geschehnisse zu einer aufrüttelnden, ergreifenden Geschichte, die noch lange in einem nachwirkt.
Hierin greift er die achtzig Jahre zurückliegende Geschichte über den Holocaust in Norwegen auf, lässt uns am erschütternden Schicksal der während der deutschen Besatzung in Norwegen verfolgten und ermordeten Juden und Widerstandskämpfer, dem Leid der überlebenden Familien teilhaben und spannt den Bogen bis hin zu seiner eigenen Familie in die Gegenwart. Über vier Generationen erstreckt sich seine eindringliche Erzählung, die sowohl schöne als auch leidvolle Episoden der jüdischen Familiengeschichte seiner Frau Rikke Komissar aufgreift, und deutlich macht, wie nah oftmals Dunkelheit und Hoffnung beieinanderliegen können. Sehr einfühlsam beleuchtet Stranger nicht nur die Perspektive der Opfer, der Überlebenden und ihrer Nachkommen, sondern widmet sich auch sehr anschaulich den Tätern und ihren unfassbar brutalen Gräueltaten.
Äußerst fesselnd ist schon der Aufhänger und Ausgangspunkt des Romans, die Simon Stranger veranlassen, die damaligen Geschehnisse während der Besatzungszeit Norwegens zu rekonstruieren und anhand der Erinnerungen an den Urgroßvater seiner Frau Hirsch Komissar dessen tragisches Schicksal nachzuzeichnen, das auch nach seiner Erschießung das Leben seiner Familie nachhaltig beeinflusst hat. Im Mittelpunkt seiner detaillierten Schilderungen steht aber auch der Werdegang und das erschreckende Psychogramm von Henry Oliver Rinnan, dem in Norwegen meist gehassten Doppelagenten, der für die Nazis unzählige norwegische Widerstandskämpfer ausspionierte, gemeinsam mit seinen Gefolgsleuten folterte und ermordete. Schrittweise nähert sich Stranger der Figur von Henry Oliver Rinnan an. Basierend auf den über diesen Menschen bekannten Fakten versucht er ein objektives Portrait von ihm zu schaffen. Es ist ihm gut gelungen, aufzuzeigen, wie der kleinwüchsige schüchterne Sohn eines armen Schuster voller Minderwertigkeitskomplexe und gemobbter Aussenseiter allmählich Macht über andere erlangen konnte und als Handlanger der Nazis zu einem skrupelloser Foltermeister und unheimlichen, gefühlskalten Monster wurde, der später wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt wurde. Viele der schonungslos geschilderten Passagen mit Rinnan und seinen unvorstellbar grausamen Taten gehen einem sehr unter die Haut.
Sehr anspruchsvoll ist Strangers Erzählstil, bei dem man sich auf einen raschen Wechsel zwischen den Erzählperspektiven, Zeitebenen und Handlungsorten einlassen muss. Untergliedert ist der Roman in aphabetisch geordnete Einträge von A bis Z, wobei mehrere Stichpunkte pro Buchstabe in einem Kapitel zu finden sind. Sehr eindrucksvoll hat der Autor in diesen seine Gedanken, Assoziationen, Rückblicke und recherchierten Geschichten zusammengetragen und zu verarbeiten versucht. Dies gibt auch der norwegischen Titel des Romans “Leksikon om lys og mørke “ sehr gut wieder - diese Enzyklopädie von Licht und Dunkelheit führt uns durch die unterschiedlichsten Episoden seines sehr bewegenden und ungewöhnlich aufgebauten Romans, der in seiner Eindringlichkeit zunehmend an Dynamik entwickelt.
In dem sehr eindrücklich geschriebenen Nachwort bringt der Autor seine Intention noch einmal sehr gut zum Ausdruck und konnte mich mit seiner Botschaft zum Abschluss auch sehr versöhnlich stimmen. Stranger wollte bewusst einen Roman vor historischem Hintergrund schreiben und hat deshalb auch die Familiengeschichte teilweise modifiziert. Leider blieben für mich bei der Aufarbeitung der wechselvollen Geschichte um die Familie Komissar auch einige Leerstellen und vage Episoden, über die ich gerne noch mehr gelesen hätte.
FAZIT
Ein lesenswerter, aufrüttelnder und nachdenklich stimmender Roman, der mir aufgrund der schonungslos geschilderten Gewalttaten teilweise sehr an die Nieren gegangen ist.

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

SigiLovesBooks SigiLovesBooks

Veröffentlicht am 22.09.2019

Ein bewegender literarischer "Stolperstein" aus Norwegen

Dieser wichtige literarische "Stolperstein", der in diesem Falle Hirsch Komissar gewidmet wurde und von dessen Leben und seinen Peinigern im besetzten Norwegen (ab 1940) der Nationalsozialisten handelt, ... …mehr

Dieser wichtige literarische "Stolperstein", der in diesem Falle Hirsch Komissar gewidmet wurde und von dessen Leben und seinen Peinigern im besetzten Norwegen (ab 1940) der Nationalsozialisten handelt, erschien im Eichborn-Verlag, August 2019. Es ist inhaltlich keine leichte Kost und lässt den Leser - gerade in der heutigen Zeit, im Erstarken von Populisten in ganz Europa - sehr nachdenklich zurück; aber das Lesen dieses ungewöhnlich geschriebenen Romans lohnt sich für historisch interessierte LeserInnen sehr!

"In der jüdischen Tradition heißt es, dass ein Mensch zwei Mal stirbt. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen und die Synapsen im Gehirn erlöschen wie das Licht in einer Stadt, in der der Strom ausfällt. Das zweite Mal, wenn der Name des Toten zum letzten Mal gesagt, gelesen oder gedacht wird, fünfzig oder hundert oder vierhundert Jahre später. Erst dann ist der Betroffene wirklich verschwunden, aus dem irdischen Leben gestrichen.

Ein auf wahren Begebenheiten basierender Roman, der achtzig Jahre Geschichte und vier Generationen umfasst. Eine Erzählung über den Holocaust, über Familiengeheimnisse und über die Geschichten, die wir an unsere Kinder weitergeben." (Quelle: Verlagstext)

Ausgangspunkt des Romans und der Aufarbeitung einer Familienchronik ist ein Stolperstein (Steine der Erinnerung, die vor dem jeweiligen Haus platziert wurden, in dem eine oder mehrere jüdische Familien vor dem 2. Weltkrieg und dem Holocaust wohnten). Es ist der im Roman vom Verfasser mit "du" angesprochenen Hirsch Komissar, der mit seinen Eltern einst aus Russland emigrieren musste und in Norwegen mit seiner Frau Marie einen Textilladen aus dem "Nichts" erschuf. Der Familie geht es gut, bis Norwegen von den Deutschen besetzt wird und der Vater von Gerson und Lillemor denunziert und verhaftet wird. Kurzzeitig wird er als Dolmetscher, des Russischen mächtig, in Nordnorwegen eingesetzt, um dann wieder nach Falstad, einem Gefangenenlager der Nazis, verbracht zu werden. Im Zuge eines Vergeltungsschlages wegen eines Angriffes des norwegischen Widerstands wird Hirsch Komissar mit 9 weiteren unschuldigen Gefangenen im Oktober 1942 erschossen.

Auch wenn Simon Stranger einem sehr eigenwilligen Stil folgt: Seine kurzen Kapitel beginnen in alphabetischer Reihenfolge, denen jedoch entsprechende Worte vorangehen, die - wenn auch zeitlich sprunghaft - jedem Kapitel sinngemäß voranstehen, versteht er es sehr prätentiös und eindringlich, zuweilen auch beklemmend, etwaige Gedankengänge, aber auch real Erlebtes von Komissar (wie vielen weiteren unschuldig Inhaftierten) immer wieder in den Roman einfließen zu lassen. Der Hauptprotagonist ist jedoch ein Mann namens Henry Oliver Rinnan, dessen Lebensgeschichte so bizarr klingt wie das Ausmaß seiner Grausamkeiten, nachdem er es schaffte, zum Schlimmsten aller norwegischen Nazis zu werden, mit den Deutschen zu kollaborieren (dadurch die von ihm längst ersehnte "Anerkennung" zu finden),und im Jonsvannsveien 46, dem sog. "Bandenkloster" zahlreiche Menschen, die des Verrats oder des Widerstands gegen die Nazis beschuldigt wurden, grausam folterte und ermordete.

Gibt dem Leser bereits die Kindheit und Jugendzeit dieses Verbrechers sehr zu denken, der bedingt durch seine Körpergröße von 161 cm Probleme hat, sich durchzusetzen, "unauffällig" bleibt und dennoch immer mehr Gewaltpotential, Wut und Hass in sich zu mehren, so ist man im Erwachsenenalter von Rinnan zuweilen an der Grenze der eigenen Belastbarkeit, die Zeilen über seine Macht- und Gewaltfantasien, die bald in die Realität umgesetzt werden können, zu lesen: Er ist skrupellos und bar aller Gefühle, ebenso wie sein Handlanger Karl Dolmen: Mit einigen anderen versuchen sie, die Netzwerke des Widerstands zu infiltrieren, Waffen aufzuspüren und - sich gegen die eigenen Landsleute wendend - diese aufs Grausamste zu foltern und auch zu ermorden. Das Haus im Jonsvannsveien 46, das leider im Internet nur Informationen auf norwegischer Sprache preisgibt, nicht aber auf deutschen Seiten, hat eine sehr dunkle Epoche erlebt: So wundert es nicht, dass Ellen, die Frau Gersons, in diesem Haus immer mehr erschaudert und eigentlich eine andere Wohnung finden möchte, ihr Mann dies aber herunterspielt und nicht erkennt, wie sehr seine sensible Frau leidet. In diesem Zusammenhang konnte ich die Gefühle und das Verhalten von Ellen sehr gut nachvollziehen, jedoch Marie, die Frau des ermordeten Hirsch Komissar, missfiel mir sehr: Egozentrisch und leichtfertig vermittelte sie ihnen dieses Haus der Folter und der Angst, um ihren Sohn Gerson im Laden zur Hilfe zu haben.
Es geht um Flucht (nach Schweden) und um Fluchthelfer, die gerade jüdischen Flüchtlingen halfen, über die Grenze zu kommen und oft ihr eigenes Leben damit aufs Spiel setzten. Es geht um Angst der Flüchtenden (auch heute ein aktuelles Thema, denn seit dem Ende des 2. Weltkrieges gab es nicht mehr so viele Flüchtlinge auf der Welt wie seit einigen Jahren), aber auch um das Überleben. Das Weiterleben, wobei dem Leser nach dieser auf Wahrheit basierenden Lektüre sehr bewusst wird, wie viele Leben durch den Krieg zerstört wurden - und Lebenswege, Möglichkeiten sich für immer veränderten. Er ruft letztendlich dazu auf, zu verzeihen, da dies der Weg in die Zukunft sei.

Ein interessanter und nachdenklich stimmender Einblick hat der interessierte Leser auch auf die antisemitischen Anfänge bis in die heutige Zeit; die historischen Hintergründe sind gut recherchiert worden und beginnen bereits in der römischen Zeit durch die ersten Judenpogrome. Der Roman beleuchtet wie ein Scheinwerfer die Angriffe auf jüdische Siedlungen, etwa auch im russischen Zarenreich, weshalb die Familie unseres Protagonisten, dessen Name nicht vergessen werden sollte, auch die Flucht aus Russland nach Norwegen antreten musste. Man bedauert, dass die Familie während des 2. Weltkriegs nicht im sicheren Schweden verblieb (wie die Schwester von Gerson, Lillemor) und die Geschichte dieser Familie sich durch ihre Rückkehr nach Norwegen für immer veränderte...

Manche Bücher müssen weh tun, mit solch' einem haben wir es hier zu tun: Dennoch sollte man sie - oder gerade deswegen - lesen, um die Menschen und Schicksale, die hinter den bisher insgesamt 67.000 in europäischen Städten eingelassenen "Stolpersteinen" stehen, niemals zu vergessen. Und nicht nur das: Um Sorge zu tragen, dass sich solch eine dunkle Zeit weder in Deutschland noch in Europa niemals wiederholen darf! Hart an der Schmerzgrenze, aber - oder gerade deswegen - 4,5* und ein Dank an den Autor Simon Stranger, der diesen Stolperstein umgedreht und ihm eine (Roman)form gegeben hat.

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Autor

Simon Stranger

Simon Stranger - Autor
© Anne Valeur

Simon Stranger wurde 1976 geboren und lebt mit seiner Familie in Oslo.

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