Alix Faßmann - Autor
© Dennis Poser

Autorin

Alix Faßmann

Alix Faßmann, Jahrgang 1983, arbeitet seit 2003 als Journalistin und Autorin. Nach ihrem Studium der Sozialwissenschaften absolvierte sie ihr Volontariat beim Berliner Kurier, wo sie anschließend als Redakteurin angestellt war. 2010 wurde sie von einer großen Volkspartei angeworben und arbeitete als parteilose Redakteurin an der Entwicklung einer neuen Kommunikationsplattform. Doch weil die es mit dem Wandel nicht ernst meinten, hängte sie die Spitzenkarriere an den Nagel und machte sich im Wohnmobil auf den Weg nach Süditalien. Dort, wo das typisch deutsche Sicherheitsdenken und die Arbeiten-bis-zum-Umfallen-Mentalität unbekannt sind, entwickelte sie neue Sichtweisen auf scheinbar festgeschriebene Realitäten. Als sie nach einem Jahr nach Berlin zurückkehrte, gründete sie zusammen mit dem Dramaturgen Anselm Lenz das Haus Bartleby - Zentrum für Karriereverweigerung.

Interview

Interview | 06.05.2014

Sie selbst sagt: „Verweigerung ist nur der Anfang.“ Alix Faßmann steht für die Generation Y. Sie räumt mit den Glaubenssätzen der neuen Religion Arbeit auf und zeigt, dass Karriere eigentlich dumm, Arbeit arm, Ehrgeiz krank und Wachstum unglücklich macht. Im Interview erklärt Alix Faßmann u.a., was ...

Sie selbst sagt: „Verweigerung ist nur der Anfang.“ Alix Faßmann steht für die Generation Y. Sie räumt mit den Glaubenssätzen der neuen Religion Arbeit auf und zeigt, dass Karriere eigentlich dumm, Arbeit arm, Ehrgeiz krank und Wachstum unglücklich macht. Im Interview erklärt Alix Faßmann u.a., was sie unter Karriereverweigerung versteht, warum sie ihren Job gekündigt hat und was es mit dem „Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung“ auf sich hat.
Frau Faßmann, was verstehen Sie unter Karriereverweigerung?
Für mich ist Karriereverweigerung eine Haltung, die sich gegen das antrainierte Verständnis von Arbeit richtet. Das Streben nach Karriere ist dabei besonders gemeint. Dieses dumme Rumgeschiebe überall für nichts und wieder nichts. Besonders die junge Generation rennt dabei Versprechen nach, die längst nur noch hohle Phrasen sind. Arbeit für Wohlstand und Sicherheit – das gibt es nicht mehr. Selbst intelligente Menschen geben für eine geschmeidige Schleimspur im Büro ihren Geist beim Pförtner ab. Und nennen das dann auch noch Selbstverwirklichung. Ich würde das jedoch eher Arschgeigen-Gehabe nennen, das sich lieb und nett tarnt. Denn echte Solidarität und Kollegialität bleiben auf der Strecke.
Und jetzt haben Sie ein Buch darüber geschrieben. Ist das nicht auch eine „Karriere“?
Ja, das kann man meinen. Doch vor allem steckt in diesem Buch eine Menge Arbeit. Das klingt nicht nur paradox, sondern ist es auch. Aber diesen Widerspruch halte ich gerne aus. Das Buch ist ein Beitrag zur Debatte und steht für sich selbst. Denn ob ich mir und „meiner Karriere“ damit einen Gefallen tue, wage ich zu bezweifeln. Das Buch richtet sich nicht an die Obrigkeit, an Unternehmensberater oder Chefetagen, die nicht wissen, wie sie ihre Leute motivieren sollen. Ich will an das Selbstbewusstsein der Leute und die eigene Fähigkeit zu denken appellieren. Es geht um Selbstermächtigung. Und das passt den meisten Chefs, dem Markt, dem Staat – also der Macht - meist gar nicht in den Kram. Die Ohnmacht der anderen ist für sie existenziell.
Warum sind Sie gegen die Arbeit?
Ich bin nicht gegen die Arbeit, sondern dagegen, wie sie verteilt wird. Einige arbeiten zu viel und zu lange, andere gar nicht. Eigentümer und Führungspositionen werden in der Regel von Leuten aus besserem Haus besetzt. Denn eine demokratische Ordnung ist in Unternehmen bis heute nicht vorgesehen. Das hält den Fortschritt auf. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf lange Sicht unsere Chefs wählen müssen. Vom Eigentumsproblem ganz zu schweigen.
Und dann arbeiten alle und sind glücklich?
Ich würde dem überstrapazierten Begriff Glück mal so etwas wie Zufriedenheit entgegenhalten. Andererseits zeigt die Konjunktur von der Suche nach dem Glück, dass etwas gewaltig schief liegt. Arbeit als reines Abhängigkeitsverhältnis hat ausgedient und macht die Leute nur noch traurig oder bräsig. Neue Masche der Unternehmensberater ist ja derzeit, dass man nun seine Arbeit einfach lieben soll. Da bin ich skeptisch. Denn entscheidend für den Hass ist doch, dass einem seine Arbeit nicht gehört. Die durch Zwänge und Abhängigkeiten verschwendete Lebenszeit lässt sich durch geforderte Liebe nur verdrängen. Dieses falsche Spiel widert mich an. Eine demokratische Wirtschaftsordnung würde daran wesentlich etwas ändern.
Und warum sind Sie Autorin geworden?
Ich wusste mir nicht mehr anders zu helfen. Da musste was raus. Ein Bedürfnis, ein Anliegen, kein Job. Von meinem letzten Job hatte ich dermaßen die Nase voll, dass ich in radikalisierter Haltung gegen die dumpfen Mantras der Arbeitswelt anschreiben wollte. Ich war Online-Redakteurin bei einer Volkspartei, die mich als »junge Parteilose und Journalistin« von meiner Tageszeitung angeworben hatte. Es hieß, es sei das neue Superprojekt, das neue volkspartei.de à la Obama-Wahlkampf. Offen für Einflüsse, offen für einen neuen Kurs! Ein Bote aus der Zukunft mit direkter Demokratie. Im Gegensatz zu Obama haben sich aber alle guten Vorsätze schon zum Start des Projekts pulverisiert.
Wie lange sind sie geblieben?
Ich habe ein Jahr lang gerudert und darauf gehofft, dass das Wahlversprechen, also das Jobversprechen, irgendetwas gilt.
Das tat es aber nicht?
Nein, der jungen Abteilung wurde nicht vertraut. Dazu wurde uns ein Chef zugeordnet, der fest mit dem Parteisystem verwoben war und so konnte das nichts werden. Keine Kommunikationsrevolution von innen heraus, die im Dialog mit den Leuten sogar die Politik verändern könnte.
Sie haben ihren Job also hingeschmissen. Was kam dann?
Ich hatte den Eindruck, nach einem Jahr in der Parteizentrale tief in den Abgrund geblickt zu haben. So wollte ich nicht weiter Karriere machen. Dazu kamen Gespräche mit Freundinnen, alten und neuen Kollegen. Uns schien das ganze Arbeits- und Berufsleben durchsetzt von Starrheiten, einem tief sitzenden Hass auf die Jugend. Es gehört ja letztlich alles alten Männern.
Also ein Leben ohne Arbeit?
Zumindest ein Leben ohne Karriere im herkömmlichen Sinne. Ein neuer Job hätte das Elend nur verlagert. Ich kaufte mir von meiner Altersvorsorge ein Schrottomobil, ein altes klappriges Wohnmobil, und bin losgefahren. Habe nichts und alles gemacht. Chaos und Muße sind eine wunderbare Mischung für eine neue Ordnung. Das Buch entstand als Konzentrat meiner Erfahrungen und Erkenntnisse.
Würden Sie das jedem empfehlen?
Nun ja, die Kündigung ist wohl der radikalste Schritt, sich selbst und anderen eine Haltung zu demonstrieren. Das sollte ich wohl nicht empfehlen. Wenn ich auch fordern würde, dass sich jeder mal eine Haltung zulegt und diese auch aufrichtig vertritt. In der jungen Generation, also die namens Y, tragen doch alle dieses Unbehagen in sich, wenn sie wahrnehmen und reflektieren. Nur traut sich kaum einer, es offen zu sagen, denn alle fürchten letztlich den Verlust ihrer knapper werdenden Karrierechancen. Dabei waren die sogenannten Chancen immer die Chancen des Unternehmens, nicht die eigenen. 40 Jahre Neoliberalismus haben aber in unserer Psyche wirklich ganze Arbeit geleistet. Viele von uns arbeiten mit Anfang 30 ja immer noch umsonst. Dabei sind überall Reichtümer vorhanden wie noch nie zuvor. Wir werden mit Absicht knapp gespart, der Schotter wandert woanders hin. Meistens zu einigen wenigen alten Leuten.
Wollen Sie das System abschaffen?
Nein, ich will, dass wir das System unterlaufen. Es entspricht nicht mehr dem, was tatsächlich fortschrittlich wäre. Diese Möhre „Wachstum“, die den alten Gaul antreiben soll, ist kein Anreiz mehr. Und trotzdem malmt die Maschine stoisch weiter. Schon in der Schule wird man mit Bewerbungstrainings bombardiert und an den Unis geht es nur noch um Drittmittel. So wird man hübsch alle Werte los, um möglichst zügig als Arbeitskraft im supi-dupi Selbstverwirklichungs-Kreativ-Arbeitsmarkt verwertet zu werden. Das ist alles große Heuchelei, wie mir bei meinen Recherchen immer klarer wurde. Es braucht endlich ein qualitatives Wachstum! Und zwar von unten und nicht von oben!
Und das soll über die Verweigerung gelingen?
Zunächst mal führt der Weg zu einem souveränen Selbst über die Verweigerung. Sich pointiert zu verweigern ist ganz und gar kein destruktiver Akt, sondern verlangt etwas Schöpferisches. Wer sich traut zu sagen „Ich möchte lieber nicht“, der führt zwangsläufig etwas Neues ein. Dazu gibt es in meinem Buch ein paar hoffentlich humorvolle Anleitungen, wie man das anstellt. Verweigerung ist nur der Anfang.
Das klingt nach vielen einsamen Kämpfern.
Das stimmt. So habe ich mich nach meiner Kündigung auch eine Weile gefühlt. Man muss sich verbünden. Das ist nicht so leicht in einer Generation, die von Anfang an eingetrichtert bekommen hat, sich durchzubeißen. Wer sich selbst der Nächste ist, kann nur phlegmatisch mit dem Strom schwimmen. Das ist im Übrigen auch viel bequemer. Verweigerung, um dann am Fortschritt zu forschen ist anstrengend. Und damit man nicht den Mut für seine Entscheidung verliert, habe ich mit dem Gentleman Anselm Lenz eine Organisation gegründet. Schon jetzt haben sich weitere Mitstreiter gefunden. Das „Haus Bartleby – Zentrum für Karriereverweigerung“ ist eine Lobby, ein Gegengewicht, eine Zentrale, ein Ort für Menschen, die Wege suchen, sich dem Anpassungsdruck in der Verwertungsmaschine Arbeit zu entziehen. Und nicht weiter im Beschwerde-Modus zu verharren.
Wie gestaltet sich dieser Ort?
Das Haus Bartleby wird zunächst als ein geistiger Ort im Internet starten. Wir erzählen Geschichten, die einem neuen Verständnis von Arbeit folgen. Denn ein „I would prefer not to“, im Sinne des Arbeitsverweigerers Bartleby aus dem Roman Herman Melvilles, ist in Zeiten schnellstmöglicher Verwertung des eigenen Humankapitals nicht vorgesehen. Wir haben Muße-Forscher an der Universität Freiburg besucht, saßen mit dem Schweizer Gründer der Initiative Grundeinkommen auf einem Haufen Geld in Basel oder sprachen mit jungen Andersmachern in Kreuzberg. Es sollen Geschichten erzählt werden, die inspirieren, statt zu verängstigen und zu verwirren. Ganz konkret, nah und praktisch, und doch in seiner Vielzahl formbar und zugänglich. Von radikal bis zaghaft. Jede Entscheidung zählt, um der Ohnmacht zu entgehen.
Und wo soll es mit dem Haus Bartleby hingehen?
Wir entwickeln gerade verschiedene Veranstaltungsformate und planen einen Banküberfall, damit die Finanzierung des Unterfangens steht. Mitstreiter, Interessierte und Geschichtenerzähler sollen sich melden. Dann werden wir früher oder später einen physischen Ort schaffen, ein Versteck der stilvollen Kapitulation. Keine Sekte, kein Ausstiegs-Hippies, keine Urlauber. Leute, die was können, die mit sich klarkommen, aber die diese Ahnung haben, dass man so nicht mehr weitermachen möchte. Keine Untergangsstimmung, sondern Humor und Lebensfreude. Die Baupläne für ein achtes Weltwunder sind in Arbeit.

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