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Andrea Bianchi

ANDREA BIANCHI, in Trient im Norden Italiens geboren, leitet Barfuß Workshops in den verschiedensten Regionen Italiens, von den Dolomiten bis hin zur Via Francigena. 2017 gründete er „Il Silenzio dei Passi“ (ilsilenziodeipassi.it), die erste „ Barefoot Hiking“ Schule Italiens, die das Barfußlaufen als eine Methode für geistiges und körperliches Wohlbefinden für alle betrachtet. 2018 realisierte er den weltweit längsten „ Gänsemarsch“ – eine lange Reihe von Personen auf bloßen Füßen in der Bergwelt der Dolomiten - um eine respektvolle und bewusste Beziehung zur Natur zu fördern. Profunder Kenner von Yoga, das Teil seines Alltags geworden ist; auf Schuhen ist er Ingenieur, Kommunikationsberater, Journalist, Gründer und Herausgeber des Online Magazine MountainBlog zur Welt der Berge und des Outdoor Sport.
Das deutsche Fernsehen (ZDF) ist bereits auf ihn aufmerksam geworden – das Video können Sie sich hier ansehen.

Interview

»Barfuß in den Bergen zu wandern gab mir eine neue Freiheit und eine neue – und gleichzeitig uralte – Wahrnehmung der Welt.« | 19.03.2021

In „Feeling fresh“ geht es darum, eine positive Beziehung zur Kälte aufzubauen, anstatt sie mit allen Mitteln zu meiden. Wieso ist das so wichtig?Alles ist wichtig, was uns der Natur wieder näherbringt, da sich unser heutiges Leben zunehmend von der Natur getrennt abspielt. Eine gute und bewusste Be...

In „Feeling fresh“ geht es darum, eine positive Beziehung zur Kälte aufzubauen, anstatt sie mit allen Mitteln zu meiden. Wieso ist das so wichtig?
Alles ist wichtig, was uns der Natur wieder näherbringt, da sich unser heutiges Leben zunehmend von der Natur getrennt abspielt. Eine gute und bewusste Beziehung zur Kälte ermöglicht es uns, immer mehr Zeit im Freien zu verbringen und das ganze Jahr über in Kontakt mit den natürlichen Elementen – der Luft, der Sonne, dem Wind, der Erde – zu sein. Das ist auch ausschlaggebend für unsere geistige und körperliche Gesundheit. Der Mensch ist ein offenes System und braucht daher zum Leben einen kontinuierlichen energetischen Austausch mit dem Universum.
Sie haben zu diesem Zweck die HOT-mind-Methode entwickelt, mit der innere Wärme erzeugt werden kann. Wie würden Sie diese innere Wärme beschreiben?
Das ist die Lebensenergie, die dem Leben von uns allen und dem gesamten Universum zu Grunde liegt. Die innere Wärme bedeutet nicht nur tatsächliche Wärme, sondern gleichzeitig auch Kraft, Lebenslust sowie körperliches und inneres Gleichgewicht. Sie ist die treibende Kraft aller Lebensformen und für jeden von uns verfügbar. Wir sollten lernen, sie wieder als eine natürliche Energiequelle zu nutzen. Zu diesem Zweck habe ich die HOT-mind-Methode entwickelt!
Welche positiven Auswirkungen kann diese Methode auf unsere Gesundheit haben?
Die HOT-mind-Methode hat zahlreiche positive Auswirkungen. Im Zusammenhang mit der Kälte erzielt sie unter anderem folgende Effekte:
- eine verbesserte Durchblutung
- eine gesündere Haut (deren Alterungsprozess wird verlangsamt)
- eine bessere Regulation des Blutdrucks
- einen höheren Energieverbrauch, da unser Körper bei Kälte mehr Kalorien verbrennt
- eine entzündungshemmende Wirkung
- die Anregung des Immunsystems, da mehr weiße Blutkörperchen produziert werden (jene Zellen im Blut, die unseren Organismus vor Krankheitserregern wie Viren, Bakterien, Parasiten und Pilzen schützen)
- eine Steigerung der Gehirnfunktion durch geringeren Glukoseverbrauch
- einfach bessere Laune, da Endorphine freigesetzt werden
- einen verbesserten Schlaf-Wach-Rhythmus durch die vermehrte Produktion von Melatonin
Sie schreiben, dass Ihre Methode außerdem dazu beitragen kann, den Klimawandel einzudämmen. Inwiefern ist das möglich?
Das hat mit unserer emphatischen Beziehung zur Natur zu tun. Einer Beziehung, die in jedem Menschen verankert ist – als Ergebnis der Evolution in den letzten Millionen von Jahren. Wir können nur das schützen und retten, womit wir leben. Wenn wir den lebendigen Kontakt zur Natur verlieren – und den haben wir mit unserem heutigen Lebensstil bereits vor einiger Zeit verloren! – dann verlieren wir auch diese innige Verbindung. Die Fähigkeit, zu jeder Jahreszeit draußen in Kontakt mit den natürlichen Elementen leben zu können, bringt uns wieder zur Natur – und auch zu unserer inneren Natur – zurück. So können wir zum einen unser persönliches Wohlbefinden wiedererlangen und zum anderen einen gesunden Zustand der Erde ermöglichen. Der Klimawandel ist eine der schwerwiegendsten Bedrohungen für unser Leben auf der Erde: Zur Eindämmung brauchen wir nicht nur moderne Technologien, sondern auch unser Herz, unsere innere Wärme.
Wie kam es Ihrer Meinung nach dazu, dass die Verbindung zwischen Mensch und Natur in den letzten Jahrzehnten immer schwächer wurde?
Zum einen ist da der natürliche Hang des Menschen zu Komfort, Bequemlichkeit und Sicherheit, also zu einem Zustand, in dem alles unter Kontrolle ist. Zudem hat es uns der technologische Fortschritt der letzten zwei Jahrhunderte ermöglicht, unsere Komfortzonen so perfekt zu gestalten. Das Ergebnis ist paradox: Wir leben heute zwar länger, sind aber „weniger lebendig“. Dies hat einen hohen Preis, denn je länger wir in unserer Komfortzone bleiben, desto weniger können wir wachsen und lernen. Daraus ergibt sich ein Teufelskreis: wir benötigen Reize außerhalb unserer Komfortzone – wie die Kälte und die anderen Kräfte der Natur – um Neues lernen zu können, aber in unserem geschützten Leben finden wir keine Reize mehr. So vergessen wir, dass die Natur die Quelle unseres Lebens ist und suchen immer seltener den Kontakt zu ihr.
Sie sind Italiens bekanntester Barfußläufer und haben sogar eine Schule zum Barfußwandern in der Natur gegründet. Wie kamen Sie selbst dazu, ohne Schuhe zu wandern?
Alles begann, als meine damals vierjährige Tochter während eines Spaziergangs in den Bergen ihre Stiefel auszog: ich wollte es ihr gleichtun und so liefen wir eine Viertelstunde lang barfuß weiter. Ich entdeckte eine ganz neue Welt an Empfindungen und da begann meine persönliche Forschung. Barfuß in den Bergen zu wandern gab mir eine neue Freiheit und eine neue – und gleichzeitig uralte – Wahrnehmung der Welt.
Mussten Sie bei Ihren Experimenten mit Kälte auch schon negative Erfahrungen machen?
Ja, das kam schon vor, davon erzähle ich auch im Buch. Das hatte aber mit meiner persönlichen Forschung zu tun. Manchmal experimentiere ich mit extremen Situationen, um mich selbst besser kennen zu lernen.
Kann jeder lernen, sich an Kälte zu gewöhnen oder gibt es auch Menschen, die nicht für Ihre Methode gemacht sind?
Das Praktizieren der HOT-mind-Methode ist für alle möglich, außer für Menschen mit bestimmten Krankheiten (z.B. ist bei Fällen von Arteriosklerose oder Kreislaufproblemen davon abzuraten). Wir müssen uns auch gar nicht in lebensbedrohliche Extremsituationen begeben – im Gegenteil: wenn wir uns der Kälte langsam, gemäßigt und wiederholt aussetzen, erleben wir, dass unsere körperliche Widerstandsfähigkeit automatisch wächst. Als Folge dessen können wir Kälte nicht nur besser ertragen, sondern uns sogar unter Bedingungen wohlfühlen, die uns kurz davor noch unerträglich schienen.
Auch wenn wir wissen, dass uns beispielsweise eine kalte Dusche am Morgen guttäte, kostet es doch oft zu viel Überwindung. Haben Sie einen Geheimtipp, wie diese Überwindung leichter gelingen kann?
Ja, ich beschreibe im Buch einen bestimmten Ablauf, der unseren Körper schrittweise dem Wasser aussetzt, sodass ein plötzlicher Temperaturschock vermieden wird. Schon nach einigen Tagen wird deutlich, wie viel mehr Lebensqualität ein Tag bekommt, wenn man ihn mit einer kalten Dusche beginnt.
Empfinden Sie selbst manchmal trotzdem noch das unangenehme Gefühl zu frieren?
Natürlich, aber wenn es dazu kommt, bin ich daran gewöhnt, dieses Gefühl in innere Wärme zu verwandeln!
Können Sie noch einen Tipp für Anfänger geben, wie sich auf einfachem Weg mehr Kälte in den persönlichen Alltag integrieren lässt?
Man sollte einfach damit anfangen, leichtere Kleidung zu tragen. Die erste interessante Erkenntnis wird sein, wie wichtig es ist, die Sonne auf der Haut zu spüren!

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