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Bill Konigsberg

Bill Konigsberg, geboren 1970 in New York City, ist ein mehrfach ausgezeichneter US-amerikanischer Autor, der vor allem durch seine LGBTQ-Romane bekannt wurde. Er lebt mit seinem Mann und zwei Labradoodles außerhalb von Phoenix, Arizona. The Music of what happens ist sein Debüt im ONE-Verlag.

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Interview

Interview mit Bill Konigsberg über seinen neuen Roman "The Music of What Happens" | 09.12.2020

Wie würden Sie Ihr Buch in einem Satz beschreiben?The Music of What Happens ist die Geschichte von zwei netten, aber aus dem Gleichgewicht geratenen homosexuellen Jungs, die zueinander finden und einander ergänzen.Die beiden Protagonisten Max und Jordan sind homosexuell, dies steht jedoch, im Gegens...

Wie würden Sie Ihr Buch in einem Satz beschreiben?
The Music of What Happens ist die Geschichte von zwei netten, aber aus dem Gleichgewicht geratenen homosexuellen Jungs, die zueinander finden und einander ergänzen.
Die beiden Protagonisten Max und Jordan sind homosexuell, dies steht jedoch, im Gegensatz zu vielen anderen LGBQTIA*-Titeln, nicht im Fokus. Warum haben Sie sich dafür entschieden, die Coming-outs nicht zu thematisieren?
Als ich anfing, das Buch zu schreiben, war das Coming-out einer der Figuren ein wichtiger Aspekt des Romans. Ich glaube, ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass es in einer LGBTQIA*-Geschichte einmal nicht um ein Coming-out geht. Als ich dann aber Jordans Coming-out in die Vergangenheit verschob, hat sich mir die ganze Geschichte erschlossen. Ich glaube, andere Autoren kamen etwa zur gleichen Zeit zu der gleichen Erkenntnis wie ich: Es gibt noch viel mehr über LGBTQIA*-Figuren zu erzählen, Geschichten über Freude und Schmerz und alles dazwischen – und nicht nur über deren Coming-outs. Das ist neu, und für mich ist es aufregend!
Max bekam von seinem Vater von klein auf eine sehr bestimmte Vorstellung von Männlichkeit und Stärke vermittelt, die ihn schließlich sehr belastet. Denken Sie, das ist ein weit verbreitetes Problem?
Ich kann nicht für die deutsche Kultur sprechen, aber in den Vereinigten Staaten ist toxische Männlichkeit definitiv immer noch ein weit verbreitetes Problem. Ich sehe viele Jungen, die lernen, dass Männer nicht weinen, dass sie keine Traurigkeit oder Angst empfinden. Dass Männer nicht verletzlich sind. Für mich ist das ein riesiges Problem, denn, wie Rosa sagt: „Die Welt macht dich verletzlich". Ich beobachte hier in den USA aber, dass daraus eine Bewegung hervorgeht: die Männerbewegung, eine Mitstreiterin der Frauenbewegung. Es geht darum, dass wir die von der Gesellschaft auferlegten Grenzen überwinden und uns erlauben, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Max und Jordan kommen sich bei der gemeinsamen Arbeit in einem Food-Truck näher. Wie kamen Sie auf dieses besondere Setting?
Teil meiner wöchentlichen Routine ist es, Samstagvormittag mit meinem Mann auf einen Bauernmarkt zu gehen. Die vielen Food-Trucks dort haben mich sehr fasziniert. Ich wollte wissen, wie es wäre, in einem zu arbeiten, besonders in der extremen Sommerhitze Arizonas! Also fragte ich einige, ob ich zu Beginn des Sommers bei ihnen aushelfen könnte. Wow ­– eine echte Erfahrung! So heiß war mir noch nie in meinem ganzen Leben!
Der Food-Truck ist aber nicht nur ein origineller Ort, sondern steht auch für harte Arbeit, für Scheitern und Erfolg. Wieso ist das für Max und Jordan so wichtig?
Eine von Jordans Schwächen ist seine Annahme, dass er nichts kann, dass er schwach ist. In einem Food-Truck zu überleben und Erfolg zu haben, bedeutet für ihn also, eine Schwäche zu überwinden. Max hingegen hat mit dem Thema Verletzlichkeit zu kämpfen. Mit einem Food-Truck kann man leicht scheitern. Das war wichtig, damit Max versteht, wie die Welt ihn verwundbar machen kann – auch wenn ihm die Lüge erzählt wurde, dass Männer nicht verletzlich seien.
Sie haben Ihre beiden Charaktere sehr unterschiedlich gestaltet. In vielerlei Hinsicht profitieren sie von dieser Gegensätzlichkeit, weil sie sich dazu bringen, neue Dinge auszuprobieren. Wieso ist es so wichtig, von Zeit zu Zeit die eigene Komfortzone zu verlassen?
Das ist wichtig für das Gleichgewicht. Ja, wir alle haben eine eigene Persönlichkeit, Unterschiede und Vorlieben, aber wenn wir nur eine einzige Sache sind, ist es leicht, aus dem Gleichgewicht zu geraten. Ich wollte jeden Charakter dazu herausfordern, seine Komfortzone zu verlassen, um wachsen zu können.
Sie schneiden in Ihrem Buch einige ernste Themen wie Alltagsrassismus, Spielsucht und Vergewaltigung an. Welchen besonderen Beitrag kann Literatur Ihrer Meinung nach im Umgang mit solchen Themen leisten?
Diese ernsten Themen zu behandeln, kann den Leserinnen und Lesern helfen, sich nicht mehr so allein damit zu fühlen. Außerdem kann es dazu beitragen, Empathie aufzubauen. Ich weiß, dass ich mich mit einer Figur verbunden fühle, wenn ich lese, dass sie etwas durchmacht, womit ich selbst auch schon fertig werden musste. Und wenn ich lese, wie eine Figur mit etwas kämpft, womit ich selbst noch nicht konfrontiert war, dann beginne ich, Mitgefühl für sie zu entwickeln. Das ist ein so wichtiger Aspekt der menschlichen Erfahrung. Empathie.
The Music of What Happens ist bereits ihr fünftes Jugendbuch, kürzlich erschien in den USA bereits das sechste. Wieso haben Sie sich dazu entschieden, Bücher für (und über) Jugendliche zu schreiben?
Es fühlt sich an, als hätte die Jugendliteratur mich ausgewählt! Ohne auch nur eine Ahnung von Jugendbüchern zu haben, begann ich mit Anfang dreißig, Geschichten aus der Perspektive eines Teenagers zu schreiben. Vermutlich, weil mein Coming-out als Teenager die traumatischste Erfahrung (oder zumindest eine davon) war, die ich je machen musste. Ich schrieb also automatisch aus dieser Perspektive. Jetzt, wo ich viel älter bin, fällt es mir etwas schwerer, eine Verbindung zu meinem inneren Teenager herzustellen. Es ist aber immer ein tolles Gefühl, wenn es mir gelingt.
Wurden Sie als Jugendlicher selbst positiv von Büchern beeinflusst?
Ja, obwohl es sehr schwierig war, Texte zu finden, die sich mit dem beschäftigten, was ich als noch nicht geouteter homosexueller Junge durchmachte. Ich musste mich ohne diese Geschichten durchkämpfen, aber als ich sie fand – ich erfuhr von einem Buchladen, der homosexuelle Literatur verkaufte – war das eines der besten Dinge, die mir je passiert sind. Plötzlich eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb ich diese Bücher schreibe. Um das Geschenk, das mir die Schriftsteller damals gemacht haben, weiterzugeben.
Der Titel Ihres Buchs, „The Music of What Happens”, geht auf ein Gedicht von Seamus Heaney zurück. Lesen Sie gern Gedichte und lassen sich davon inspirieren?
Ich mag Poesie. Die Geschichte hinter dem Titel ist die: Ein befreundeter Pastor und seine Frau waren eines Abends zum Essen zu Besuch und der Pastor sagte mitten beim Essen, er würde uns gern ein Gedicht vortragen. Er trug das Gedicht von Seamus Heaney vor und ich war davon wie gebannt. Zu dieser Zeit suchte ich nach einem Buchtitel, und ich sah das als ein Zeichen. Also benannte ich das Buch nach der letzten Zeile des Gedichts.
Welche zentrale Botschaft möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?
Ich möchte, dass Jungs – insbesondere homosexuelle Jungs – verstehen, dass die Gesellschaft uns ständig widersprüchliche Botschaften darüber sendet, was es bedeutet, ein Mann zu sein. Das ist auch das, was Max und Jordan als schwule Jungs erfahren mussten. Max' Vater hat ihm gesagt, dass es in Ordnung sei, schwul zu sein, solange man männlich ist; Jordan hat von seinen beiden besten Freundinnen gelernt, dass schwule Jungs passiv sein müssen. Ich möchte, dass wir alle – Jungs, Mädchen, Männer und Frauen – ohne diese Labels unsere eigene Identität finden.

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