Birgit Borchert - Autor
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Autor

Birgit Borchert

Birgit Borchert ist der Geburtsname von bibo Loebnau. Die gebürtige Bremerin ist gelernte Journalistin, verheiratet und lebt abwechselnd in Berlin und einem kleinen Haus am See in der Mark Brandenburg. Dort, mit Blick in die Natur, entstehen die meisten ihrer Bücher.
Vor ihrer schriftstellerischen Karriere arbeitete sie als Journalistin für verschiedene Zeitungen und betreute als PR-Redakteurin die TV-Shows von Hape Kerkeling, Anke Engelke, Kai Pflaume, Christoph Maria Herbst, Harald Schmidt, Thomas Gottschalk u.v.a.
Seit 2009 veröffentlichte sie außerdem diverse Romane und Sachbücher bei u.a. Eichborn, Heyne und arsEdition. Birgit Borchert engagiert sich seit 2014 bei der Autorenvereinigung DELIA.

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Interview

„Es gab viele Widerstände gegenüber Frauen, die sich in wissenschaftlichen Männerdomänen einen Platz erkämpfen wollten“ | 15.03.2023

Liebe bibo, worum geht es in deinem neuen Roman? Ich erzähle die Geschichte einer jungen Frau in der Kaiserzeit, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen auflehnt, um ihr Leben anders zu gestalten, als es Anfang des 20. Jahrhunderts für Töchter aus großbürgerlichem Hause vorgesehen ist. Sophie ...

Liebe bibo, worum geht es in deinem neuen Roman?
Ich erzähle die Geschichte einer jungen Frau in der Kaiserzeit, die sich gegen die gesellschaftlichen Normen auflehnt, um ihr Leben anders zu gestalten, als es Anfang des 20. Jahrhunderts für Töchter aus großbürgerlichem Hause vorgesehen ist. Sophie von Mayden bekommt eine Anstellung im Frankfurter Senckenberg-Museum, wo sie Paul Klüver kennenlernt, einen jungen Doktoranden, aus sehr viel bescheideneren Verhältnissen, der sich seinen akademischen Weg hart erarbeiten musste. Er tritt ihr zunächst mit großer Skepsis gegenüber, glaubt nicht an die Ernsthaftigkeit ihrer Ziele. Mit ihrem Studium in Marburg und schließlich der Teilnahme an einer riskanten Expedition nach Afrika hofft Sophie, ihn und ihre Eltern davon überzeugen zu können, dass die Paläontologie für sie nicht nur ein netter Zeitvertreib ist, sondern echte Leidenschaft.
Du lebst in Berlin – warum dann der Schauplatz Frankfurt? Warum das Senckenberg-Museum?
Auf den ersten Blick lag es nahe, die Story rund um das Berliner Naturkundemuseum mit seinen imposanten Dinosauriern anzusiedeln. Doch dann fand ich heraus, dass das berühmte Senckenberg-Museum genau zu der Zeit, in der meine Geschichte spielen sollte, seinen damaligen Neubau bezog, und die altehrwürdige, malerische Universitätsstadt Marburg war perfekt, um meine Heldin dort studieren zu lassen. Ich wusste, dass die Entdeckungsreise zu neuen, mir teilweise unbekannten Schauplätzen interessanter wäre, als mich erzählerisch in meinem unmittelbaren Umfeld zu bewegen. Aber ganz ohne Berlin ging es dann doch nicht, da die spektakuläre Expedition nach Afrika, auf die ich Sophie unbedingt schicken wollte, vom hiesigen Naturkundemuseum organisiert wurde.
Kannst du dich noch an das erste Mal erinnern, als du ein Dinosaurierskelett gesehen hast?
Ja, sehr lebhaft – ein prägendes Erlebnis, das mein Interesse an Wissenschaft und Geschichte geweckt hat. Im Bremer Übersee-Museum stand ich als kleines Kind so einem riesigen Knochengerippe gegenüber. Das Interesse am Leben weit vor unserer Zeit hat mich nie losgelassen. Durch die Romanrecherchen bot sich mir nun die Gelegenheit, Näheres zur Dinosaurierforschung zu erfahren. Obwohl wir heute so viel mehr darüber wissen als zu Sophies Zeit, ist es für mich noch immer genauso faszinierend, im Senckenberg-Museum dem Skelett des Diplodocus longus gegenüberzustehen, wie es das im Dezember 1907 für meine Romanheldin gewesen sein muss.
„Schauplätze, (historische) Personen und der Kenntnisstand der Paläontologie zur Zeit der Handlung sind hervorragend recherchiert und in Szene gesetzt!“ – Das sagt Prof. Dr. Dieter Uhl, Leiter der Paläontologie am Senckenberg Naturmuseum Frankfurt, zu deinem Roman. Ein besonderes Lob aus dem Mund eines Wissenschaftlers – wie hast du recherchiert?
Um diese fiktive Geschichte so exakt wie möglich in einem realen Umfeld mit realen Personen anzusiedeln – ähnlich wie in der TV-Serie „Charité“ – musste ich in den unterschiedlichsten Quellen bis ins Detail recherchieren. Als gelernte Journalistin besitze ich dafür zum Glück die nötige Erfahrung. Meine Romanfiguren sollten schließlich nicht nur die Garderobe ihrer Zeit tragen, sondern auch nach deren Regeln denken und handeln. Die Recherchearbeit, vor allem das Studium der authentischen „Berichte der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft“, aber auch die eigene Anschauung der Handlungsorte und natürlich die Gespräche mit Fachleuten, wie den Wissenschaftlern im Senckenberg-Museum, waren unglaublich interessant und hilfreich. Professor Uhl hat mich nicht nur hinter die Kulissen des Museums blicken lassen, sondern stand mir dankenswerterweise auch während des Schreibprozesses mit seiner fachlichen Expertise zur Seite.
Wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion stecken in deinem Buch?
Wahrheit und Fiktion überschneiden sich. Die fiktiven Romanfiguren sind Geschöpfe ihrer Zeit und hätten genauso leben können, wie ich es beschrieben habe. Bei meinen Recherchen stieß ich auf ein reales Vorbild für die fiktive Sophie von Mayden: die 1897 in Frankfurt geborene Paläontologin Tilly Edinger, die auch im Senckenberg-Museum geforscht und gearbeitet hat – allerdings erst einige Jahre nach meiner Romanheldin. Tilly Edinger gilt als Pionierin der Paläoneurologie und war eine der ersten weiblichen Paläontologen. Um diese Wissenschaftlerin zu würdigen, habe ich in meinem Roman eine Begegnung zwischen der fiktiven Sophie von Mayden und der damals elfjährigen Tilly „arrangiert“.
Was hat dich an der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts fasziniert?
Es war eine Zeit des Aufbruchs. Mich hat interessiert, unter welchen Bedingungen junge Frauen damals lebten, als das Kaiserreich eine rasante Industrialisierung erlebte und wichtige Erfindungen gemacht wurden. Um 1908 kämpften auch in Deutschland Frauen, inspiriert durch die Suffragetten in England, für politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Gleichberechtigung. Ihre Forderungen umfassten unter anderem bereits die Abschaffung des § 218, gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit und das Frauenwahlrecht. Es gab viele Vorurteile und Widerstände gegenüber Frauen, die sich in wissenschaftlichen Männerdomänen wie der Paläontologie einen Platz erkämpfen wollten.
Wie würdest du deine Protagonistin Sophie von Mayden in drei Worten beschreiben?
Neugierig, mutig, liebenswert.
Können sich Frauen von heute noch etwas von ihr abgucken?
Meine Romanheldin hat ein Ziel, von dem sie sich auch durch Rückschläge nicht abbringen lässt, sondern stattdessen nach einem alternativen Weg sucht, um das zu erreichen, was sie sich vorgenommen hat. Ich hoffe, ihre Zielstrebigkeit wirkt inspirierend auf die jungen Frauen von heute. Sie sollten weiterkämpfen, denn trotz aller Freiheiten kann man ja noch immer nicht von wirklicher Parität in höheren Positionen und der gleichen Bezahlung von Frauen und Männern sprechen.
Als Sophie 1909 ihr Studium in Marburg begann, war sie als Frau eine Exotin. Im Wintersemester 2021/2022 haben erstmals mehr Frauen an deutschen Universitäten studiert als Männer. Auch der Frauenanteil bei Doktoranden und akademischen Mitarbeiter:innen ist inzwischen ausgeglichen, aber die wenigsten Professuren und Hochschulleitungen sind in weiblicher Hand. Was denkst du, was passieren muss, damit sich das Verhältnis auch dort ändert?
Um das Verhältnis von Frauen in Professuren und Hochschulleitungen zu verbessern, könnten gezielte Förderprogramme und Stipendien für Frauen, Mentoring-Programme, Quotenregelungen sowie die Schaffung von Arbeitsbedingungen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, helfen. Letztendlich ist es wichtig, dass die Veränderungen von allen Beteiligten aktiv unterstützt werden, sowohl von Frauen als auch von Männern.
Sophie, die aus einem bürgerlichen Akademikerhaus kommt, verliebt sich in den Doktoranden Paul Klüver, der aus einfachen Verhältnissen stammt. Wie passt das zusammen?
Aus Sicht ihrer Eltern schloss sich eine solche Verbindung aus, da es für eine junge Frau aus großbürgerlicher Familie damals selbstverständlich war, nur eine vorteilhafte, standesgemäße Ehe mit einem wohlhabenden Mann einzugehen. Doch Sophie will lieber lernen, forschen, die Welt entdecken. Und insofern passen Paul und Sophie trotz aller gesellschaftlichen Unterschiede sehr gut zusammen: Beide sind von derselben Sache, der Paläontologie, fasziniert und begeistern sich für neue Entdeckungen.
Liebe und Profession – war damals beides möglich?
Sicher nur in Ausnahmefällen. In der Regel gaben Frauen ihr Studium oder ihren Beruf auf, sobald sie heirateten. Doch es gab auch damals schon Paare, die zusammen arbeiteten und forschten, wie den Paläontologen Fritz Drevermann und seine Ehefrau Ria, die gemeinsam auf Expedition gingen – ein Vorbild für das zukünftige Leben meiner Romanheldin Sophie.
Eine spektakuläre Expedition führt Sophie und Paul nach Afrika. Warst du selbst schon einmal in Afrika?
Seit ich in den 1990er-Jahren das erste Mal beruflich in Kenia war, habe ich mein Herz an den afrikanischen Kontinent verloren. Dort hatte ich die Gelegenheit, in der Nähe von Nairobi das Haus der Schriftstellerin Karen „Tania“ Blixen, die den wunderbaren Roman „Jenseits von Afrika“ geschrieben hat, zu besuchen. Am häufigsten war ich inzwischen in Südafrika, wo ich einige Freunde habe – zugezogene und dort geborene. Einmal war ich auch auf der Insel Sansibar, die zu Tansania gehört. Jetzt, aufgrund meiner Recherchen zu den Dinosaurierfundstätten am Berg Tendaguru in der damaligen Kolonie „Deutsch-Ostafrika“, zu der Tansania bis 1918 gehörte, möchte ich unheimlich gerne auch dorthin reisen und alles mit eigenen Augen sehen.
„Spannend bis zur letzten Seite. Wann kommt der Film?“ – Das sagt Hape Kerkeling zu deinem neuen Roman. Könntest du dir deine Geschichte auch gut auf der Leinwand vorstellen? Welche Schauspieler:innen sollten dabei sein?
Ich erzähle sehr filmisch, habe also – wie Hape Kerkeling es gleich bemerkt hat – immer die szenische Umsetzung vor Augen, wenn ich einen Roman schreibe. Ich denke, „Spuren einer fernen Zeit“ spielt nicht nur an interessanten Handlungsorten, sondern bietet auch ein breites Spektrum an Charakteren, die sich für eine filmische Umsetzung, ob im Kino oder Fernsehen, eignen würden. Für die Hauptrolle der Sophie von Mayden könnte ich mir sehr gut Paula Beer vorstellen, und als Sophies Marburger Freundin – die angehende Schriftstellerin Rahel Silberstein – wünsche ich mir Katharina Schüttler. Als Doktoranden Paul Klüver würde ich Tom Schilling besetzen oder auch Jannis Niewöhner. Und in der Rolle von Sophies bestem Freund Richard von Lohenstein sehe ich Florian David Fitz vor mir. Wenn dann noch Ken Duken den Paläontologen Fritz Drevermann spielt, steht mein Wunsch-Hauptcast. Bleibt also nur noch die Frage: Wer produziert den Film?
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