Caro Matzko - Autor
© Nadine Schachinger/Herzflimmern

Autorin/Sprecherin

Caro Matzko

Caro Matzko wurde 1979 in Ulm geboren. Parallel zu ihrem Studium der Kommunikationswissenschaft, Politik und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München arbeitete sie von 2000 bis 2002 als Moderatorin bei der Jugendwelle des SWR in Baden-Baden DasDing. Seit 2002 Caro Matzko Moderatorin und Autorin beim Szenemagazin Zündfunk auf Bayern2. Von 2004 bis 2008 präsentierte sie auf BR@lpha die beiden TV-Jugendformate BlaaTeen und Freiraum. Von 2009 bis 2017 reiste Caro Matzko zusammen mit ihrem Kollegen Gunnar Mergner für arte im Wissensmobil von X:enius durch die Welt und verbrachte dabei sehr viel Zeit an Tank- und Raststellen und Flughäfen. Gunnar und Caro verstehen sich dennoch recht gut. Seit 2016 moderiert sie zusammen mit Rainer Maria Jilg auf ARD-alpha die Sendung Planet Wissen. Mit Fero Andersen präsentiert Caro Matzko seit 2014 den ARD-Gesundheitscheck und Gesundheit! Die Show.
Seit Ende 2016 ist sie Co-Moderatorin in Hannes Ringlstetters Sendung Ringlstetter. Caro Matzko lebt in München, ist verheiratet und hat seit 2013 eine famose Tochter.

Interview

"Mal hinterfragen, für was oder wen man abnehmen möchte. Macht ihr das wirklich für euch?" | 18.01.2021

Sie haben sich bei dem Wissensmagazin xenius von arte kennengelernt. Caro, Sie waren Moderatorin. Tanja, Sie waren Maskenbildnerin. Es ist ja nicht unbedingt typisch, dass aus so einem Kennenlernen ein Buch entsteht. Wie hat das bei Ihnen funktioniert?Caro: Wenn uns das jemand vor zehn Jahren gesagt...

Sie haben sich bei dem Wissensmagazin xenius von arte kennengelernt. Caro, Sie waren Moderatorin. Tanja, Sie waren Maskenbildnerin. Es ist ja nicht unbedingt typisch, dass aus so einem Kennenlernen ein Buch entsteht. Wie hat das bei Ihnen funktioniert?
Caro: Wenn uns das jemand vor zehn Jahren gesagt hätte, dass wir mal zusammen ein Buch schreiben, dann hätten wir herzlich gelacht. Dass es dazu kam, das war Zufall – oder wenn man so will – göttliche Fügung. Wir waren damals, als wir uns kennenlernten, beide sehr unsicher und hatten sehr mit den Anforderungen zu kämpfen, was eine Frau zwischen 25 und 35 angeblich alles schaffen muss: Karriere, Kinder, erfolgreiche Partnerschaft… Wir mussten erst beide unsere Wege gehen, auf die Nase fallen, wieder aufstehen, unsere Aufgabe finden und haben dann zehn Jahre später erkennen können, dass wir viel gemeinsam haben: beide ein Problem mit unseren Körpern, beide eine Essstörung, aber eben auch beide einen für uns jeweils passenden Weg gefunden damit umzugehen. Ich fand Tanjas Entwicklung vom dicken schiachen [das ist österreichisch] Entlein zur strahlenden Plus Size-Ikone und ihrem Business „Kurvenrausch“ spektakulär, habe ein Radiofeature über sie gemacht und dabei meine Magersuchts-Vergangenheit wieder ausgegraben. Die Sendung lief in ganz Deutschland auf unterschiedlichen Sendern und stieß auf großes Interesse. Also haben wir beschlossen aus unseren Geschichten ein Buch zu machen, um möglichst vielen damit vielleicht einen Impuls zu geben nicht den Mut zu verlieren.
Tanja: Ich bin immer begeistert gewesen von Caros offener und fröhlicher Art und das ist heute noch so. Dass wir irgendwann aus einem Radiofeature ein Buch kreieren und ohne Scham und Angst Einblick in unsere Höhen und tiefsten Abgründe geben, das hätte ich so auch nicht vorhersagen können. Und es hat mich einiges an Überwindung gekostet. Caro und ich haben unsere inneren Dämonen angesehen, mit ihnen gelacht und bitterlich geweint und uns niemals unterkriegen lassen. Ich würde mir wünschen, dass wir beide, die ganz unterschiedliche Frauen sind, viele weitere unterschiedliche und einzigartige Frauen und Männer erreichen und ihnen zeigen, dass sie ihre innere Kampfzone – den Kopf – ausschalten können und dass sie so viel mehr sind als ihr Körper.
Sie beweisen im Buch, dass Sie Klartext sprechen können. Zum Beispiel über Essstörungen, Selbstbewusstsein, Körperwahrnehmung. Was gehört noch dazu?
Caro: Fuck Fuckability! und Wir sind mehr als unsere Körper! – wie es Tanja gerade gesagt hat. Das gilt für Männer und Frauen. Nur bei uns war und ist es leider immer noch System: Trotz einer langen Geschichte der Emanzipation und des Feminismus definieren wir uns immer noch – oder vielleicht sogar mehr denn je – über ästhetische Aspekte. Das kommt meiner Ansicht nach daher, dass wir uns früher mit einer „guten Partie“ verheiraten lassen mussten, um finanziell zu überleben. Außerdem ist für uns Frauen auch in der Berufswelt oftmals noch immer zu wenig Platz. Das ist wie bei den Schlümpfen: Es gibt viele männliche Schlümpfe und eine Schlumpfine. Ihre Kernkompetenz: Blondine und hübsch sein. Daher kommt auch das Gegeneinander von uns Frauen. Aber ich möchte betonen: Essstörungen treffen – das hat eine Studie der KKH (Kaufmännische Krankenkasse) 2020 ergeben – auch leider immer mehr Männer.
Tanja: Früher habe ich manchmal gedacht, dass es die klare Rollenverteilung unseren Müttern irgendwie leichter gemacht hat, um sich zu finden. Sie mussten vor allem still sein, funktionieren, schön frisiert den Kindern den dicksten Sonntagsbraten servieren und das Haus in Schach halten. Heute sehe ich das (Gott sei Dank) anders und möchte ganz klar über Gleichberechtigung sprechen, die nicht beim Haushalt aufhört. Gleichberechtigung macht zum Beispiel vor Body Positivity nicht halt. Denn heute sind wir alle einem viel größeren Schönheitsdruck ausgeliefert als noch vor 50 Jahren und werden überall damit bombardiert: Instagram, Facebook, Magazincover… Sich auf seine individuelle Schönheit zu konzentrieren, sich zu sehen ohne all die Glitzerfilter und sich trotzdem richtig genial zu finden – das ist Arbeit.
„Size Egal“ ist auch ein sehr persönliches Buch? Inwieweit fiel es schwer, darin so offen über Erziehung und Erfahrungen in Kindheit und Jugend zu schreiben?
Caro: Da ich viele auch sehr schmerzhafte Jahre der Familien-, Einzel- und schließlich auch Traumatherapie hinter mir habe, lag eigentlich alles in mir schon vor. Ich musste es nur für das Buch ordnen. Das hat mir persönlich aber noch mal sehr geholfen und ich möchte jede*n ermutigen, das für sich anzugehen und sein Leben mal zu verschriftlichen. Aber obwohl alles eigentlich schon ziemlich klar für mich war, hat mich der Prozess des Schreibens doch noch überrascht, denn wo anfänglich noch immer Schmerz und auch Wut war, stellte sich ein innerer Frieden mit meiner Geschichte ein. Ich möchte beinahe sagen: eine Zärtlichkeit, ein Umarmen. Auch meine anfängliche Sorge, wie meine Familie darauf reagieren würde, legte sich. Denn Aspekte, die sie betreffen, ihre Herkunft, ihr Umgang mit Problemen, ihre Prägung und blinden Flecken haben mich ja so tangiert, dass sie auch zu meiner Geschichte wurden. Und ich habe mich entschieden meine Geschichte zu erzählen.
Tanja: Ich fand es nicht einfach über meine Erziehung und mein Erwachsenwerden zu sprechen und all die Prägungen, die meine Essstörung befeuert haben. Es ist ein Gefühl des sich nackig Machens, was mir schwergefallen ist und bei dem Caro mich an die Hand genommen hat. 1000 Dank dafür! Ich habe mir mit dem Buch meine schlimmsten Erfahrungen und auch die schönsten Momente in meinem Leben von der Seele geschrieben. Dieser Prozess war hart, denn ich hatte immer die Stimme meiner Eltern im Hinterkopf, die fragte: „Was schreibst du denn da über uns?“ Ähnlich wie: „Was könnten die Nachbarn denken?“ Außerdem durchlebt man beim Schreiben alles erneut. Alter Schmerz macht sich wieder breit, alte verletzende Worte hallen wieder durch den Kopf. Man weckt schlafende innere Dämonen, die ich mir zuvor nicht immer en détail angeschaut habe. Aber durch das Durchleben und erneute Anschauen dieser Emotionen habe ich ganz viel Stärke entwickelt. Ich bin seit Sommer 2020 Binge Attacken-Free. Also quasi nicht aktiver Überesser:) Auch wenn der extra Flausch noch da ist, so bin ich auf einem guten Weg zu mir und das Buch ist ein großer Teil dieses Prozesses.
Tanja, wer ist Poldi? Und wie kamen Sie auf diesen Namen? Man denkt da doch an den Fußballer…
Tanja: Oh, ich gucke gar kein Fußball… Aber dieser Poldi ist es nicht. Mein Poldi ist ein Vielfraß, ein kleiner grüner Drache, ganz wie aus der Kinderserie „Hallo Spencer“ aus den frühen Achtzigern. Ich habe meinen Schutzpanzer so genannt, weil er ganz lange bei mir gelebt hat. Mein Schutzpanzer ist sichtbar nach außen und er hat mich lange beschützt. Er hat mir Halt, Wärme und Zuversicht gegeben, in einer Zeit als ich es mir selbst nicht geben konnte. Dieser kleine Drache lebt schon eine ganz lange Zeit bei mir, aber ich möchte ihn gerne gehen lassen. Ich habe erst spät kapiert, dass ich meinen Panzer – also meine Essstörung und meinen Fettpanzer – eigentlich nie richtig kennenlernen wollte. Daher habe ich mir meinen Panzer irgendwann genau angeschaut. Und er bekam von mir den Namen „Poldi“.
Im Buch kommen immer wieder „Learnings von Caro und Tanja…“ vor, in denen Sie zum Beispiel erklären, warum wir mit Essen Gefühle bewältigen, was eine Anorexia Nervosa ist oder was man alles in einer Beziehung (nicht) machen muss. Was ist das für ein Gefühl, wenn man, nachdem man selbst viel durchgemacht hat, Erkenntnisse weitergeben kann?
Caro: Ich war und bin da sehr vorsichtig, denn ich bin ja keine ausgebildete Therapeutin: Ich kann nur mitgeben, was ich für mich im Laufe der langen Therapiejahre verstanden und gelernt habe. Mir ist es wichtig zu betonen, dass wir niemanden vorschreiben wollen, wie man mit Dingen umzugehen hat. Unsere Wege sind keine Blaupause. Wir wünschen uns, dass wir den Leser*innen einen Anstoß geben können, vielleicht eine neue Perspektive, vielleicht sogar einen Impuls sich Hilfe zu holen und im Falle einer Essstörung die ganze Sache zu entstigmatisieren. Niemand muss sich schämen für seine blinden Flecken, Ängste und seine Traurigkeit. Aber wenn diese Dämonen einem dieses so kostbare Leben zur Hölle machen, dann sollte man die Sache mit professioneller Hilfe angehen.
Tanja: Auch wenn ich keine Therapeutin bin, weiß ich, dass unsere Learnings Mut machen und helfen können. Unser Buch ist kein Therapie-Buch, kein Selbsthilfe-Leitfaden, aber wir können durch unsere Erfahrungen anderen Menschen etwas mitgeben: dass sie zum Beispiel mehr als ihr Körper und ihr Aussehen sind. Die Fixierung auf den Körper macht krank. Das Hinterfragen auferlegter Glaubenssätze und das Finden seiner eigenen Identität sind wertvoll. Diese Erfahrungen teile ich nur zu gerne, denn nicht jede*r möchte den Mund aufmachen und das Kind beim Namen nennen. Scham hat mich jahrelang zurückgehalten mein Leben zu leben und mir Hilfe zu suchen. Das will ich anderen gerne ersparen.
Aktuell zu Beginn des Jahres häufen sich wieder die guten Vorsätze. Viele Menschen möchten wieder abnehmen. Was möchten Sie ihnen mitgeben?
Caro: Mal hinterfragen, für was oder wen man abnehmen möchte. Macht ihr das wirklich für euch? Sport treiben? Eine super Idee – vor allem draußen an der frischen Luft. Aber es sollte Spaß machen und kein Zwang sein. Gesund ernähren? Auch prima! Aber lasst es euch schmecken, genießt mit allen Sinnen und zählt keine Kalorien. Das Leben ist gerade jetzt nicht einfach und unter Umständen kürzer als ihr denkt. Also spuckt euch nicht in die Suppe. Das, was euch alle ja in erster Linie unwiderstehlich macht, ist Euer inneres Strahlen und ein herzliches Lachen. Der Rest ist doch … na was? Size Egal.
Tanja: Einfach weiter strahlen und glücklich sein. Und denkt bitte daran: Gesundheit hat viele Gesichter. Dicke Menschen sind nicht per se ungesund und schlanke Menschen die ultimativen Health-Gurus. Jeder kann seinen Weg für mehr Wohlbefinden finden.
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