Dr. Oliver Gralla - Autor
© Manfred Esser

Autor

Dr. Oliver Gralla

Dr. Oliver Gralla, geboren 1972, praktiziert nach erfolgreichem Medizinstudium inklusive Forschungssemester in Harvard seit 1999 als Urologe und war bis 2007 Arzt mit Spezialgebiet "Kinderwunsch" an der Berliner Charité - Spitzname: Der Storch von Mitte. Danach wechselte er in die Domstadt Köln und eröffnete mit einem befreundeten Kollegen eine urologische Praxis für Paare. Dem männlichen Klassiker „Ich war noch nie beim Urologen“ begegnet er mit offensiver Medienarbeit in den sozialen Netzwerken, was den Altersdurchschnitt in seiner urologischen Praxis glatt halbiert hat.

Interview

Im Interview: Dr. Oliver Gralla über sein Buch "Untenrum glücklich" | 08.09.2016

Herr Dr. Gralla, Sie werden auch der Storch von Berlin-Mitte genannt. Wie kamen Sie zu diesem Spitznamen?Der Name kommt aus der Zeit, als ich in der andrologischen Poliklinik der Charité in Berlin Mitte tätig war. Ich habe mich dem Thema Kinderwunsch besonders gewidmet. Meine Kollegen bekamen das mi...

Herr Dr. Gralla, Sie werden auch der Storch von Berlin-Mitte genannt. Wie kamen Sie zu diesem Spitznamen?
Der Name kommt aus der Zeit, als ich in der andrologischen Poliklinik der Charité in Berlin Mitte tätig war. Ich habe mich dem Thema Kinderwunsch besonders gewidmet. Meine Kollegen bekamen das mit und so erhielt ich den Kosenamen.
Wollten Sie schon immer Urologe werden? Oder hatten Sie einen anderen Berufswunsch als Kind?
Die feste Entscheidung Arzt zu werden, fiel sehr früh. Mein Vater war Chirurg. Als ich 14 war, durfte ich das erste Mal bei einer OP zuschauen. Seitdem habe ich regelmäßig in den Sommerferien bei meinem Vater „gearbeitet“, durfte mit am OP-Tisch stehen und mit Haken den Bauch aufhalten. Das prägt.
Was ist der Unterschied zwischen einem Urologen und einem Andrologen?
Urologie umfasst das ganze Fachgebiet der ableitenden Harnwege bei beiden Geschlechtern, inklusive Krebserkrankungen, Entzündungserkrankungen, Stein-Erkrankungen, Fehlbildungen, Inkontinenz, Kinderurologie und so weiter. Ein recht kleines, aber sehr spezifiziertes Fachgebiet. Die Andrologie ist dabei eine weitere Spezifikation, die sich ausschließlich mit der männlichen Sexualfunktion und deren Störungen beschäftigt. Hier geht es Kinderwunsch, Sexual- und Erektionsstörungen, Testosteronhaushalt, Prostatafunktion, Verhütung, etc. Die Andrologie entspricht in etwa dem männlichen Pendant zur Gynäkologie.
Wie kamen Sie nach Köln?
Die Stelle der andrologischen Klinikleitung der Uniklinik Köln war zu besetzen. Da meine Facharztausbildung und die Weiterbildung zum Andrologen in der Charité Berlin abgeschlossen war, konnte ich nach Hamburg, Boston und Berlin endlich wieder in Richtung Familie. Meine Schwester und mein Zwillingsbruder wohnen auch in Köln.
Was fällt Ihnen zu dem Satz ein: „Ich war noch nie beim Urologen“?
Gefühlt 50% der Patienten, die das erste Mal bei mir sind, begrüßen mich so.
Welches Vorurteil haben Sie in ihrer urologischen Praxis über Bord werfen müssen? Und welches hat sich bestätigt?
Urologie und gerade Andrologie sind definitiv keine Fachgebiete, in dem es sich nur um die Beschwerden alter Männer handelt. Das Altersspektrum unserer andrologischen Patienten erstreckt sich von 25-85 Jahren. Der jüngste Patient mit „Erektionsstörungen“ war gerade mal 14 Jahre alt, es gab auch schon über 90jährige, die wegen einer Behandlung ihrer Erektionsstörung zu mir kamen. Darüber hinaus haben wir etwa 25 % Patientinnen. Meist handelt es sich hierbei um komplizierte und chronische Blasenentzündungen, die wir innovativ und mit hoher Expertise therapieren können. Für mich ist die Andrologie die geheime Königsdisziplin der Medizin und ich möchte nichts anderes machen. Es geht dabei um Lebensqualität, Partnerschaft und Gesundheitserhaltung. Das ist ein medizinischer Zugang, dem ich sehr zugewandt bin.
Wie begeistern Sie junge Medizinstudenten für Ihre Fachrichtung?
Es gibt kaum eine medizinische Fachrichtung, die so spezifiziert und diversifiziert ist und auch solch rasante technische Entwicklungen erfährt. Im urologischen OP arbeiten wir täglich mit Lasern, Robotern und hochentwickelten Mikrosonden. Auch im operativen Bereich gibt es viele Bereiche, in denen man sich spezialisieren kann: Große Tumorchirurgie, Implantologie, Endoskopien, Wiederherstellungschirurgie. Es gibt aber auch viele kleine Eingriffe, die vermehrt von jungen Kollegen durchgeführt werden.
Sie haben an verschiedenen Universitäten lange wissenschaftlich gearbeitet und viel wissenschaftlich publiziert. Fehlt Ihnen das?
Ja und Nein. Die Möglichkeiten, sich wissenschaftlich auszutoben, gerade an der Harvard University und an der Charité in Berlin, waren enorm. In der Praxis ist mir das in dem Rahmen natürlich nicht mehr möglich. Es ist trotzdem großartig, wenn man die Erfahrungen aus dem Tissue-Engineering, also der künstlichen Gewebeherstellung, aus meiner Zeit in Boston oder Orthomolekulare Aminosäuren-Therapien für Erektionsstörungen innovativ in den Praxisalltag einbauen kann. Wir sind in der Praxis deutlich freier und effektiver, neue Therapiemöglichkeiten abzuschätzen und den Patienten anbieten zu können. Früher freute ich mich über neue Publikationen in medizinischen Fachzeitschriften, heute über Karten mit Babyfotos, bei denen ich „mitgeholfen“ habe.
Sie haben einen interessanten Lebenslauf. Wie bekommt man ein Stipendium für die Harvard Universität?
Meine Doktorarbeit war recht aufwändig und ich hatte damals das Ziel, weiter wissenschaftlich zu arbeiten. Der Klinikdirektor der Urologie meiner Universität - damals Dekan der medizinischen Fakultät - wollte mich fördern und hat mich bei Bewerbungen fürs Ausland unterstützt. Ein Labor an der Harvard-University arbeitete mit der Methodik aus meiner Promotion. So kam es zum ersten Kontakt. Nach Probevorträgen und einer Zusage aus Boston habe ich mit deren Unterstützung einen Förderungsantrag bei der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) eingereicht, der freundlicherweise für ein Jahr genehmigt wurde.
In Ihre Kölner Praxis kommen nicht nur ältere Männer, sondern auch vermehrt junge. Wie haben Sie es geschafft, so viele junge Leute in Ihre Praxis zu holen?
Einerseits ist das sicherlich durch die Lage der Praxis in der Kölner Innenstadt zu erklären. Hier leben und arbeiten viele junge Leute. Andererseits ist uns ein ansprechender Auftritt im Internet wichtig. Wir bieten viele Dienstleistungen aus der Praxis online an. Letztlich sind wir mit insgesamt zwei Ärzten und fünf tollen Arzthelferinnen ein junges Team und versuchen, eine möglichst lockere und entspannte Atmosphäre „beim Urologen“ zu schaffen. Das spricht sich rum.
Sie waren lange Jahre in Berlin und praktizieren nun wieder in Köln – in welcher der beiden Städte passieren die außergewöhnlichsten Fälle?
Aus beiden Städten sind mir Fälle in Erinnerung, bei denen „echt krass“ die passende Beschreibung ist. Beide Städte sind – auch urologisch betrachtet– großartig.
Viele Patienten kommen mit Potenzproblemen zu Ihnen. Gibt es Möglichkeiten zur Therapie neben Viagra?
Die PDE-5-Hemmer, also Viagra und Co, sind sicherlich gut wirksame Medikamente, die ich häufig verschreibe. Daneben gibt es aber auch andere Therapieoptionen, Erektionen zu verbessern oder sogar komplett wiederzuerlangen. Möglichkeiten bestehen z.B. in sexualtherapeutischen Verhaltensänderungen, bestimmten hochdosierten Aminosäure-Therapien oder Stoßwellen-Therapien zur Verbesserung der Blutgefäßsituation im Schwellkörper. Auch Hormone können in bestimmten Fällen großartige Erektionen bereiten. Häufig sind Kombinationstherapien hilfreich. Daneben gibt es weitere invasive Methoden wie Spritzentherapien, Harnröhren-Insertionstherapien oder Vakuum-Pumpen-Therapien bis hin zu Implantationen künstlicher Schwellkörper. Jeder kann Erektionen haben, man muss sich manchmal nur etwas weiter aus dem Fenster lehnen.
Wofür schämen sich Ihre Patienten am meisten?
Hoffentlich für nichts. Der erste Gang zum Urologen fällt bei der einen oder anderen Vorgeschichte etwas schwerer, aber nach 15 Sekunden weiß der Patient, dass uns nichts Menschliches fremd ist.
Fällt es Ihnen schwer, ernst zu bleiben, wenn ein Patient mit abstrusen, kuriosen oder merkwürdigen Geschichten zu Ihnen in die Praxis kommt?
Nein, definitiv nicht. Ich freue mich darüber. Sie sind das Salz in der urologischen Suppe. Und der Patient hat sicherlich ein arges Problem, bei dem er bei mir hoffentlich Hilfe findet. Wie gesagt, nichts Menschliches ist uns fremd.
Apropos abstruse Geschichten: Was war der kurioseste Fall, der Ihnen begegnet ist?
Wie lange haben Sie Zeit? Es gibt zig kuriose und abstruse Fälle. Manchmal möchte man die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, manchmal ist man einfach nur sprachlos. Es gibt viele Unfälle, oder sagen wir Dummheiten, die Männer in der Ausübung Ihrer sexuellen Schaffenskraft erleben. Man sollte sich zum Beispiel nie Tannenzweige oder drei Kilogramm Stahlkugeln vormittags in die Harnröhre schieben, wenn man nachmittags einen wichtigen Termin hat. Hoden sollten auch nicht selbsttätig in der Frischeabteilung großer Warenhausketten abgetrennt und dann in der Auslage der Zitrusfrüchte platziert werden. Das verwirrt nur Mitarbeiter und Polizei. Auch das Baden des Hodensackes in kochendem Wasser zu Verhütungszwecken sollte ggf. vorher mit einem Andrologen besprochen werden.
Hätten Sie jemals gedacht, dass es in der Urologie auch so amüsant zugehen kann?
Es ist nicht immer amüsant, manchmal ergeben sich wahre Dramen hinter den Geschichten. Aber ja, das habe ich in meiner ersten Woche als Urologe festgestellt und ich lerne seither niemals aus.
Ab wann sollten Männer eigentlich regelmäßig zum Urologen gehen?
Nur etwa 15-20% aller Männer lassen regelmäßig Vorsorgeuntersuchung durchführen. Die meisten gehen erst in die Gesundheits-Werkstatt, wenn der Motor qualmt - TÜV für die Gesundheit ist ein schwieriges Thema beim Mann. Frauen sind seit der Jugend regelmäßig beim Gynäkologen und haben daher einen guten Ansprechpartner in Gesundheitsfragen. Das gibt es bei Männern in der Form nicht. Die urologischen Verbände in Deutschland sind allerdings seit einiger Zeit bemüht, dies zu ändern. Grundsätzlich empfehle ich, wenn irgendetwas auffällt, was sich seltsam anfühlt oder sich verändert hat und es nach 10 Tagen nicht wieder von allein gegangen ist, sich beim Urologen vorzustellen. Eine reine Krebsvorsorge wird von den Krankenkassen ab 45 empfohlen, ich würde allerdings einen ersten Check mit Ende 30, Anfang 40 empfehlen. Dann kann ein individuelles Risiko errechnet und eine gute Vorsorge-Empfehlung für die nächsten 10 Jahre gegeben werden.
In „Untenrum glücklich. Eine urologische Handreichung“ vermitteln Sie Grundwissen und Handwerkszeug rund um das beste Stück des Mannes. Warum sollten nicht nur Männer, sondern auch Frauen und Paare Ihr Buch lesen?
Die Entscheidung, ein Buch mit „urologischem Infotainment“ zu schreiben, kam vor einigen Jahren, als ich immer wieder junge Männer in der Praxis sah, die recht wenig über sich, ihre „normale“ Sexualität und über ihre männliche Anatomie „untenrum“ wussten und generell auch sehr unklare Vorstellungen von dem ganzen Thema hatten. Das Buch soll sicherlich nicht den Gang zum Urologen verhindern. Im Gegenteil: Es soll den Männern eine urologische Verortung an die Hand geben. Ich bin sicherlich kein Paartherapeut und behandele in meiner Praxis eher die sexuelle Hardware als die Software. Dies ist aber gerade dann besonders effektiv, wenn die Partnerinnen auch Bescheid wissen, wie der Prozessor funktioniert. Ich freue mich immer, wenn Paare zu mir in die Sprechstunde kommen. Gerade Themen wie Kinderwunsch oder Störungen bei Erektion und Ejakulation gehen beide Partner was an. Ansonsten können Frauen in dem Buch eine Menge darüber erfahren, wie man mit innovativen, pflanzlichen, orthomolekularen oder immunologischen Möglichkeiten Blasenentzündungen behandeln kann.
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