Eric Sander - Autor
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Autor

Eric Sander

Eric Sander ist ein deutsch-französischer Journalist. Er hat Politikwissenschaft und Soziologie in Berlin und München studiert und schreibt für renommierte Medien wie die Süddeutsche Zeitung, Spiegel Geschichte und Stern Crime. Die Gefahr durch Rechtsextremisten beschäftigt ihn, seit ihm seine Großmutter von der Besetzung ihres Heimatortes durch deutsche Soldaten erzählt hat. Auch auf den Social Media Kanälen Twitter und Instagram ist der Autor unter @ericsanderautor zu finden.

Interview

»Unsere Demokratie wirkt gefestigt, aber sie ist fragiler als viele denken.« | 26.07.2021

Neben Ihrer Tätigkeit als Autor sind Sie Journalist. Sie arbeiten unter anderem für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Was hat Sie dazu bewogen, einen Thriller zu verfassen?Ich lese selbst sehr gerne Polit-Thriller. Da war das Genre für mich naheliegend, und so kann ich auch meine Erfahrungen als Journalist e...

Neben Ihrer Tätigkeit als Autor sind Sie Journalist. Sie arbeiten unter anderem für die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG. Was hat Sie dazu bewogen, einen Thriller zu verfassen?
Ich lese selbst sehr gerne Polit-Thriller. Da war das Genre für mich naheliegend, und so kann ich auch meine Erfahrungen als Journalist einfließen lassen. Außerdem eignet sich der Thriller hervorragend, um unterhaltsam über aktuelle politische und gesellschaftlich relevante Themen zu schreiben.
Ohne zu viel zu verraten – worum geht es in DIE LETZTE WAHL?
Der Journalist Nicholas Moor deckt zufällig auf, dass eine rechtspopulistische Partei nach ihrem Sieg bei der Bundestagswahl einen Staatsstreich plant. Doch niemand glaubt ihm. Also beschließt er, sie ganz allein zu stoppen. Mich interessiert daran vor allem die Frage: Was würde ich tun, wenn ich der Einzige wäre, der einen Umsturz verhindern könnte? Wie weit würde ich gehen?
Gibt es Bezüge zu aktuellen Ereignissen in Ihrem Buch?
Tatsächlich hat die Realität meine Thriller-Handlung zum Teil eingeholt. In den letzten Wochen haben die Süddeutsche Zeitung, WDR, NDR und Die Zeit über die Spionage-Software „Pegasus“ berichtet. Das ist eine Überwachungs-Software, entwickelt vom israelischen Unternehmen NSO Group, die offiziell benutzt wird, um Terroristen und Kriminelle zu jagen, die aber, wie internationale Recherchen ergeben haben, auch eingesetzt wird, um Journalist:innen und Aktivist:innen in autoritären Staaten zu überwachen. Als dazu in der Tagesschau die erste Meldung kam und dann in den anderen Medien, bin ich schon zusammengezuckt. Mein Protagonist, der Journalist Nicholas Moor, hat nämlich auch an einer Enthüllungsgeschichte über einen Überwachungskonzern gearbeitet, der eine ähnliche Software wie Pegasus entwickelt. Die Parallelen sind wirklich verblüffend.
Dann haben Sie die Enthüllungen über das Pegasus-Projekt gar nicht überrascht?
Das konkrete Ausmaß hat mich schon überrascht und, dass es auch Europäische Staaten betrifft. Als ich an meinem Buch geschrieben habe, wusste ich noch nichts vom Pegasus-Projekt. Aber wenn man sich mit dem Thema Überwachung intensiv beschäftigt, dann weiß man, dass es diese Art Software gibt.
Zentrales Thema in Ihrem Buch ist die Gefahr, die von Rechtspopulismus und rechtsradikalen Tendenzen ausgeht – für Politik und Gesellschaft. Haben Sie einen persönlichen Bezug zu dem Thema?
Es beschäftigt mich schon lange. Die Zeit des Nationalsozialismus war bei uns in der Familie immer sehr präsent. Vom Balkon meiner Eltern konnte man direkt auf das ehemalige Reichsparteitagsgelände in Nürnberg sehen. Da habe ich als Kind automatisch Fragen gestellt. Ich habe mich schon früh für Politik interessiert und deshalb später auch Politikwissenschaft studiert. Spätestens seit dem Wahlsieg von Trump in den USA und dem Aufstieg rechter Politiker in ganz Europa hat das Thema wieder große Aktualität.
Das Thema Überwachung taucht auch immer wieder im Buch auf, aber eher im Subtext. Der Fokus liegt natürlich auf der rechtspopulistischen Volkspartei, die versucht, die Macht zu ergreifen und die einen Umsturz plant. Was ich da schildere ist vor allem, welche Möglichkeiten sie hätte, wenn sie an die Macht käme. Die Gefahr, die dabei von der Überwachungs-Technologie ausgeht ist vor allem diese: Es wird immer brisanter, wenn jemand an die Macht kommt, der sie missbrauchen könnte.
Am 26. September 2021 ist Bundestagswahl. Für wie wahrscheinlich halten Sie ein politisches Setting, wie Sie es in Die letzte Wahl beschreiben?
Es wird ziemlich sicher keine rechte Partei bei dieser Bundestagswahl die Mehrheit bekommen, so wie in meinem Roman. Aber was ist mit den nächsten Wahlen? Man muss sich nur ansehen, wie stark rechtsextreme Parteien etwa in Ungarn und Österreich schon sind. In Frankreich hat die rechtsradikale Marine Le Pen erschreckend gute Chancen, nächstes Jahr Präsidentin zu werden. Wer hätte das noch vor einiger Zeit für möglich gehalten? Und auch in Deutschland gewinnt die AfD seit Jahren Wählerstimmen hinzu.

Teile des Romans basieren auf Szenarien, die rein juristisch gesprochen so tatsächlich möglich wären, etwa die Entmachtung des Bundesverfassungsgerichts und die Abschaffung des Grundgesetzes.

In DIE LETZTE WAHL plant die Volkspartei den Staatsstreich. Ist das ein Szenario, das Ihnen persönlich Angst macht?
Unsere Demokratie wirkt gefestigt, aber sie ist fragiler als viele denken – und das finde ich durchaus beängstigend. Historische Studien der Harvard University zeigen, dass sich nur 3,5 Prozent der Bevölkerung aktiv beteiligen müssen, um einen Umsturz des bestehenden politischen Systems herbeizuführen. Das kann positiv sein, wenn etwa ein Diktator oder eine Diktatorin verjagt wird, aber eine kleine, radikale Minderheit kann auch die Demokratie abschaffen, wenn sich die Mehrheit zu passiv verhält.
Wie würden Sie Ihren Thriller einordnen?
Mich haben „Was-wäre-wenn“-Geschichten immer fasziniert. In diesem Fall: Was wäre, wenn in Deutschland eine rechtspopulistische Partei kurz davor wäre, an die Macht zu kommen? Margaret Atwood hat dafür den Begriff der Speculative Fiction geprägt, die ein „Was-wäre-wenn“-Szenario in einer nicht ganz so fernen Zukunft heraufbeschwört und eine Bedrohung, die im Bereich des Möglichen liegt. Robert Harris, den ich sehr schätze, hat mit Vaterland gezeigt, dass dieses Prinzip auch bei Thrillern gut funktionieren kann. Bei aller Lust an der politischen Fiktion geht es mir am Ende aber immer darum, eine spannende Geschichte mit glaubwürdigen Charakteren zu erzählen und die Leserinnen und Leser zu unterhalten.
Nicholas Moor ist Journalist. Haben Sie bewusst Parallelen zu Ihrem eigenen Berufsleben eingebaut, als Sie Ihren Protagonisten konstruiert haben?
Ich habe lange überlegt, ob mein Protagonist ein Journalist sein muss, aber ein Journalist eignet sich für diese Rolle sehr gut, weil er ermittelt und recherchiert, gleichzeitig aber keine Macht hat. Außerdem bin ich natürlich vertraut mit den journalistischen Methoden, darum war das für mich naheliegend. Die Figur selbst ist aber ganz anders als ich.
Der Bundeskanzlerkandidat der rechtspopulistischen Volkspartei, Markus Hartwig, ist ungewöhnlich charismatisch und mediengewandt. Er weiß die Presse und vor allem die sozialen Medien zu seinem Vorteil zu nutzen. Welche Verantwortung haben die Medien Ihrer Meinung nach?
Ich versuche in meinem Roman die Mechanismen sichtbar zu machen, mit denen Rechtspopulisten arbeiten. Nach meiner Erfahrung wird in den Redaktionen heftig diskutiert, ob man rechten Botschaften nicht schon eine Plattform bietet, wenn man nur über sie berichtet. Journalist:innen haben aber eben auch eine Chronistenpflicht. Das ist ein Dilemma, aber ich glaube, dass viele Medien da viel dazugelernt haben. Das Problem sind eher die sozialen Netzwerke.
Die Erregung der sozialen Medien bezeichnet Nicholas Moor als den Motor zur Verbreitung der Botschaften der rechtspopulistischen Volkspartei, weil sie Klicks und Likes versprechen. Sehen Sie eine Lösung, um diese Spirale zu durchbrechen?
Bei Facebook, Instagram und Twitter ist der Algorithmus darauf ausgelegt, maximale Aufmerksamkeit zu erregen. Extreme Meinungen passen perfekt in dieses Schema. Ich glaube dagegen helfen letzten Endes nur neue digitale Plattformen, die nicht nach diesem Prinzip funktionieren. Zumindest die grundlegende Infrastruktur dafür müsste wahrscheinlich öffentlich-rechtlich sein.
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