Gabriele Sonnberger - Autor
© Franziska Liehl Photography

Autorin

Gabriele Sonnberger

Gabriele Sonnberger, geboren in Wien, ist studierte Lehrerin und Grafikdesignerin. Schon früh entdeckte sie ihr Talent fürs Schreiben, ABSCHIED VON DER HEIMAT ist nun ihr Debüt als Romanautorin. Die als Trilogie angelegte Saga um das Schicksal zweier Familien aus Hohenfurth ist inspiriert von der bewegenden Geschichte ihrer Mutter, die 1945 aus ihrer böhmischen Heimat vertrieben wurden. Gabriele Sonnberger ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie lebt als freie Schriftstellerin im Herzen von Wien.

Interview

„Ein Koffer voller Briefe war eines der Herzstücke, die die Recherche zu einem aufregenden Abenteuer werden ließen.” | 23.11.2021

ABSCHIED VON DER HEIMAT ist Ihr Debütroman. Sie beschreiben darin, was es bedeutet von einem Tag auf den anderen die eigene Heimat zu verlieren. Wie ist die Idee zu Ihrer dreiteiligen Familiensaga entstanden?Ursprünglich hatte ich vorgehabt, das Leben meiner Mutter in zwei miteinander verschränkten ...

ABSCHIED VON DER HEIMAT ist Ihr Debütroman. Sie beschreiben darin, was es bedeutet von einem Tag auf den anderen die eigene Heimat zu verlieren. Wie ist die Idee zu Ihrer dreiteiligen Familiensaga entstanden?
Ursprünglich hatte ich vorgehabt, das Leben meiner Mutter in zwei miteinander verschränkten Zeitsträngen als eine abgeschlossene Geschichte zu erzählen. In einem Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter wollte ich einerseits Schlaglichter auf ihre bewegte Lebensgeschichte werfen und gleichzeitig ein für mich persönlich außergewöhnliches Ereignis einarbeiten: Das Glück meinem Mann zu begegnen. Als wir uns kennenlernten stellte sich heraus, dass sein Vater und meine Mutter in dem gleichen kleinen böhmischen Dorf aufgewachsen waren – in Hohenfurth. So hatte ich es also geplant – und auch fertig geschrieben. Doch dann kam es ganz anders. Auf der Suche nach einer Agentur für mein 500-Seiten-Epos erklärte mir ein Agent, warum das Buch so nicht funktioniert. Andererseits hat das aber eine vage Idee in mir angestoßen, das Thema weiter zu fassen und eine Familien-Saga daraus zu machen. Ich bin immer noch unendlich dankbar für die Ehrlichkeit und die Geduld des Agenten, an meine Fähigkeiten zu glauben. So ist aus meiner ursprünglichen Idee eine große Saga deutsch-österreichischer Zeitgeschichte geworden.
Wovon handelt der erste Teil ABSCHIED VON DER HEIMAT?
Dieser erste Band spannt den Bogen von Erikas Ankunft in Hohenfurth im März 1929 bis zur Vertreibung aus ihrer Heimat im November 1945. Er erzählt die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend bei ihrer Tante. Die Schwester ihrer Mutter hatte das Kind aus dem von Hungersnot geplagten Rheinland zu sich geholt und danach nie mehr an die Eltern zurückgegeben. Erikas Heranwachsen findet einerseits in dem kleinen, geschützten Kosmos eines böhmischen Dorfs statt, steht aber andererseits untrennbar im Kontext der zeitgeschichtlichen Ereignisse der Zwischenkriegs- und Kriegsjahre, die auch an ihr und ihrem Umfeld Spuren hinterließen.
Ihre Mutter wurde 1945 aus ihrer Heimat Hohenfurth in Böhmen vertrieben. Wann ist bei Ihnen der Wunsch entstanden, die Familiengeschichte ihrer Mutter Erika niederzuschreiben?
Ganz zu Beginn stand ein Familientreffen, bei dem meine Mutter bei mir das mulmige Gefühl hinterlassen hat, dass sie (damals 89jährig) keine Lust mehr aufs Leben hätte. Um ihr die Freude am Leben wieder in Erinnerung zu rufen, ist mir die Idee gekommen, sie über ihre Lebensgeschichte auszufragen. Sie hat oft davon gesprochen, wie sie aus Düren in den Böhmerwald gekommen und warum sie dortgeblieben ist, bis die Tschechen sie und ihre Tante nach dem Krieg 1945 vertrieben haben. In groben Zügen kannte ich die Geschichte also, aber ich habe nie so genau zugehört, um auch über die Details Bescheid zu wissen. Es entstand eine Interviewsituation, in der meine Mutter tatsächlich auflebte und Spaß an meiner Idee gefunden hat, dass ich aus ihrem wechselhaften Schicksal einen Roman schreibe.
Wie ist Ihre Mutter mit dem Verlust ihrer Heimat umgegangen?
Ich habe sie nach außen hin immer als sehr abgeklärt und ruhig über die Geschehnisse sprechen hören. Ganz selten hat sie dabei Emotionen gezeigt. Sie hat aber ihr Leben lang nach verlorenen Gegenständen gesucht. Auf Flohmärkten, in Antiquitätengeschäften oder Second-Hand-Läden war sie ständig höchst aufmerksam auf der Suche nach Dingen, die ihren Weg vielleicht über die Grenze bis zu uns genommen haben könnten. Auch die Bilder von ihren Künstler-Vorfahren, die sie zurücklassen mussten, versuchten sie und mein Vater bei Auktionen aufzuspüren. Eines davon konnten sie tatsächlich ersteigern. Meine Mutter hat geweint, als sie es zu Hause aufgehängt hat.
Wie hat sich diese Erfahrung auf das weitere Leben Ihrer Mutter ausgewirkt?
Prägend für die Entwicklung meiner Mutter war in erster Linie das Leben bei der sehr strengen Tante, die sie im Geiste des 19. Jahrhunderts erzogen und ihr die Werte, die sie für richtig und wichtig hielt, durchaus auch eingeprügelt hat. Das hat meine Mutter sehr hart gemacht. Insofern war es dann auch verständlich, wie unerbittlich (auch sich selbst gegenüber) sie auf den Verlust ihrer Heimat reagiert hat. Bis zum Ende ihres Lebens konnte sie Ungerechtigkeiten schlecht ertragen und hat sich immer dagegen aufgelehnt.
Sind Sie jemals mit Ihrer Mutter nach Hohenfurth zurückgekehrt?
Als während des Prager Frühlings im Sommer 1968 für kurze Zeit eine Einreise in die damalige Tschechoslowakei möglich war, ist mein Vater mit meiner Mutter zum ersten Mal seit der Vertreibung wieder nach Hohenfurth gefahren. Meine Mutter war erschüttert und entsetzt, wie heruntergekommen und zerstört der Ort war, den sie ganz anders in Erinnerung gehabt hat. Auch das Wohnhaus ihrer Tante, in dem sie sechzehn Jahre lang gelebt hat, war abgerissen worden. Sie hat geweint und geschworen, nie wieder nach Hohenfurth zurückzukommen. Ich selbst bin 2013 zum ersten Mal zu den Wurzeln meiner mütterlichen Vorfahren aufgebrochen und habe mit meinem Mann die Orte besucht, die unsere beiden Familien verbinden. Auf ihren Wunsch hin haben wir meiner Mutter von unserer Reise ein Säckchen Erde aus Hohenfurth mitgebracht. Als wir es ihr übergeben haben, meinte sie mit Tränen in den Augen, dass sie es vielleicht doch noch einmal wagen würde, nach Hause zu fahren, wenn wir sie dabei begleiten wollten. Leider haben wir dieses Vorhaben nicht mehr umsetzen können.
Welche Teile der Romanhandlung sind autobiografisch inspiriert und welche rein fiktiv?
Um genügend Spannung aufzubauen, habe ich nicht nur in die Lebensgeschichte meiner Mutter Handlungsstränge und Wendungen eingebaut, die so nie stattgefunden haben, sondern sogar einer ganze Menge Figuren Auftritte ermöglicht, die meiner Fantasie entsprungen sind. Sehr große Teile der Handlung und Personen beruhen aber auf Tatsachen. Die besten Freundinnen gab es genauso wie den patenten Bürgermeister und seine Familie. Die Aufenthalte in den Schulen von Budweis und Krumau, die Beschimpfung des Ortsleiters von Hohenfurth und auch die Schwärmereien für junge Professoren und Mitschüler durfte ich noch aus dem Mund meiner Mutter erfahren. Und die erste große Liebe, der Marine-Oberleutnant Heinz Riedel, der es sogar zu einem Wikipedia-Eintrag gebracht hat.
Wer oder was ist für Sie heute „Heimat“? Hat sich die Bedeutung für Sie verändert, durch die Geschichte Ihrer Mutter?
Für mich waren Österreich und Wien immer meine Heimat, das habe ich nie in Frage gestellt. Es war aber auch nichts, worüber ich mir besondere Gedanken gemacht habe. Es war eine Selbstverständlichkeit, hier zu leben, manchmal verbunden mit Dankbarkeit, wenn ich mit Berichten über Menschenrechtsverletzungen oder Kriegen in anderen Teilen der Erde konfrontiert worden bin. Die intensive Beschäftigung mit den Ereignissen, denen meine Mutter in ihrem Leben ausgesetzt war, hat mein Bewusstsein dafür geschärft, dass es einfach reines Glück ist, in welchem Teil der Erde man zur Welt kommt und welche Chancen auf ein gelungenes Leben man damit erhält – oder eben nicht. Diese Sensibilisierung auf das Thema lässt mich die Gesellschaft, wie sie sich momentan in Europa zeigt, mit anderen Augen sehen. Beinahe reflexartig empfinde ich das Bedürfnis, Menschen, die durch Umstände, für die sie nichts können, zur Flucht gezwungen werden, helfen zu wollen.
Auf welches Material konnten Sie sich bei Ihren Recherchen stützen?
Meine Mutter hat immer geschrieben und gezeichnet. Hunderte Seiten gefüllt mit Gedichten, Geschichten und Erinnerungen waren ein Fundus, der mich hat aus dem Vollen schöpfen lassen. Nach ihrem Tod habe ich einen Koffer voller Briefe gefunden, die sie im Laufe ihres Lebens geschrieben und erhalten hat. Das früheste Werk war eine Muttertagskarte an ihre Mama in Düren, bemalt und beschriftet von der knapp sechsjährigen Erika. Dieser Koffer war eines der Herzstücke, die die Recherche zu einem aufregenden Abenteuer werden ließen. Zu den historischen Ereignissen und Zitaten aus der Zeit während des Zweiten Weltkriegs gibt es ja zu meinem Glück umfangreiches Material. Die sehr persönliche Note durfte die Erika aus meiner Geschichte aber selbst setzen – in unseren Gesprächen und in den Texten, die sie mir hinterlassen hat.
Gibt es Figuren, die Ihnen beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen sind? Welche sind das?
Bis auf den schrecklichen Coelestin liebe ich alle meine Figuren sehr. Sogar für Tante Mimi konnte ich zumindest Mitleid empfinden, obwohl sie es einem nicht gerade leicht macht, sie zu mögen. Ganz besonders ist mir aber Emmi ans Herz gewachsen. Es berührt mich, wie sie mit allen Mitteln um ihre Liebe kämpft, selbst wenn sie auf verlorenem Posten steht … und wie loyal sie zu ihrer ältesten Freundin Erika hält. Egal, wie ungerecht sie von dieser auch manchmal behandelt wird. Sie ist die Figur, die am meisten an sich arbeitet und sich im Laufe der Geschichte von dem etwas oberflächlichen Mädchen zu einer jungen Frau mit fester Meinung und geradem Charakter entwickelt.
Haben Sie literarische Vorbilder oder Lieblingsautor:innen?
Oh ja! Eine ganze Menge! Seit Jahrzehnten liebe und lese ich alles, was Michael Köhlmeier herausbringt. Er ist für mich einer der ganz großen Meister der Schreibkunst und ein echter Geschichtenerzähler.
Große Vorbilder und leuchtende Ikonen in Bezug auf Sprachgewalt sind für mich auch Nina George und Charlotte Roth (Charlie Lyne).
Aus dem nicht-deutschsprachigen Raum bewundere ich zutiefst die erzählerische Kraft von Donna Tartt oder John Irving. Ich liebe Simone de Beauvoir und Benoite Groult, mein Bücherregal biegt sich unter Romanen von Nick Hornby, Paul Auster oder Marilyn French.
Alle Verlage