Julie Buxbaum - Autor
© Indy Flore

Autorin

Julie Buxbaum

Julie Buxbaum, geb. 1977 in Rockland County, New York, studierte u.a. an der Harvard Law School und arbeitete zwei Jahre als Anwältin in einer großen New Yorker Kanzlei, bevor es sie in die Sonne nach Los Angeles zog. Dort hing sie die Juristerei an den Nagel und fing an zu schreiben. Ihr Debütroman wurde in 25 Sprachen übersetzt. Absender: Glück ist ihr erstes Jugendbuch, zu dem sie eine anonyme E-Mail einst inspirierte. Sie lebt mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern und einem unsterblichen Goldfisch in Los Angeles.
 


Interview

»Wir leben in einer herrlich vielfältigen Welt, und natürlich ist in dieser Welt nicht jeder neurotypisch. Wir sollten immer versuchen, diese ganze menschliche Vielfalt auch in der Literatur abzubilden.« | 30.08.2021

Wie würden Sie Ihr Buch in einem Satz beschreiben?WHAT TO SAY NEXT ist eine Geschichte über unerwartete Verbindungen und über das Wunder, diesen einen ganz besonderen Menschen zu finden, der einen auch dann genau versteht, wenn man sich von der ganzen Welt unverstanden fühlt.Sie studierten Jura und ...

Wie würden Sie Ihr Buch in einem Satz beschreiben?
WHAT TO SAY NEXT ist eine Geschichte über unerwartete Verbindungen und über das Wunder, diesen einen ganz besonderen Menschen zu finden, der einen auch dann genau versteht, wenn man sich von der ganzen Welt unverstanden fühlt.
Sie studierten Jura und arbeiteten als Anwältin, bevor Sie sich ganz dem Schreiben widmeten. Fließt etwas aus diesen Tätigkeiten in Ihre Bücher mit ein?
Ich denke, dass das Jurastudium meine Art zu schreiben für immer verändert hat. Die juristische Welt erfordert ein enormes Maß an Präzision, und ich glaube, diese Standards sind in meine Romane eingeflossen. Ich neige dazu, knapp zu schreiben, und ich überarbeite und streiche alles Überflüssige viel schneller, als ich es vermutlich tun würde, wenn mir diese Gnadenlosigkeit als Anwältin nicht beigebracht worden wäre.
Was ist für Sie das Besondere daran, Jugendbücher zu schreiben?
Ich bin mittlerweile eine waschechte Erwachsene. Ich arbeite hauptberuflich als Schriftstellerin, ich bin verheiratet, ich habe zwei nicht mehr ganz so kleine Kinder, ich habe eine Hypothek, und so viele der großen Fragen meiner Teenagerjahre sind jetzt beantwortet. Ich weiß, wer ich später einmal sein werde. Diese erschreckende Erkenntnis hat mich dazu gebracht, Bücher für junge Menschen zu verfassen. Ich liebe es, über eine Zeit zu schreiben, in der all das nicht der Fall war, in der die Welt noch so offen und geheimnisvoll war, in der alles ein erstes Mal war. Es ist ein großes Vergnügen, diese wunderbare Zeit nochmal durch meine Figuren zu erleben.
In WHAT TO SAY NEXT schreiben Sie über Trauer und Autismus bzw. das Asperger-Syndrom. Wie kamen Sie auf die Idee, diese beiden Themen zum Gegenstand Ihres Buches zu machen?
Es war nicht von Anfang an mein Plan, über Trauer oder Autismus zu schreiben. WHAT TO SAY NEXT begann mit zwei Stimmen: David und Kit. Als ich Davids Stimme hörte und begann, auf dem Papier daran zu feilen, wurde mir klar, dass er sich höchstwahrscheinlich im Autismus-Spektrum befindet. Daraufhin musste ich erstmal meinen Stift beiseitelegen und recherchieren. Wenn ich schon über einen Menschen im Spektrum schreiben würde, wollte ich sichergehen, dass ich es auf verantwortungsvolle und respektvolle Weise tun würde. Was die Trauer angeht, so findet sie leider ihren Weg in so ziemlich alles, was ich schreibe.
Werden diese Themen in Jugendbüchern zu wenig repräsentiert?
Auf jeden Fall! Ich denke, wir neigen dazu, zu vergessen, dass viele Teenager „erwachsene“ Probleme haben – auch sie erleben Trauer und Verlust. Was das Thema Autismus betrifft: Wir leben in einer herrlich vielfältigen Welt, und natürlich ist in dieser Welt nicht jeder neurotypisch. Wir sollten immer versuchen, diese ganze menschliche Vielfalt auch in der Literatur abzubilden.
Wie haben Sie sich darauf vorbereitet, Davids Perspektive einzunehmen?
Ich habe sehr viel recherchiert, bevor ich Davids Perspektive geschrieben habe, denn wie gesagt – es sollte verantwortungsvoll und respektvoll geschehen. Aber ich möchte klarstellen, dass David niemand anderen als sich selbst repräsentieren soll. Es gibt ein bekanntes Sprichwort, das besagt, dass man, wenn man einen Menschen mit Autismus kennengelernt hat, einen Menschen mit Autismus kennengelernt hat. In WHAT TO SAY NEXT lernen wir David Drucker kennen, nicht mehr und nicht weniger. Ich muss allerdings gestehen, dass David von allen Figuren, die ich je zu Papier bringen durfte, vermutlich meine Lieblingsfigur ist.
Nach dem Tod ihres Vaters ist David der einzige Mensch, mit dem sich Kit richtig wohl fühlt. Woran liegt das?
Als ihr Vater stirbt, fühlt sich Kit von ihren Freunden isoliert und kann sich nicht mehr mit ihnen identifizieren. Sie möchte nicht über Abschlussballkleider und Geschichtshausaufgaben diskutieren oder über die gelegentlich mitleidigen Blicke der anderen nachdenken. Gleichzeitig will sie aber auch nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Als sie David kennenlernt, sagt er – vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben – genau das Richtige: »Dein Dad ist also tot.« Kit ist beeindruckt von seiner radikalen Ehrlichkeit, von seiner Fähigkeit, die Dinge auf den Punkt zu bringen. Seltsamerweise ist es genau das, was sie in ihrer Situation hören möchte.
Ihr Buch trägt den Titel WHAT TO SAY NEXT. Haben Sie einen Tipp für alle, die in einer schwierigen Situation – beispielsweise im Umgang mit einer trauernden Person – nicht wissen, was sie als Nächstes sagen sollen?
Ich bin eine Person, die ihr ganzes Leben damit verbracht hat, zu überlegen, was sie sagen soll, und Gespräche oft noch Jahre später im Kopf Revue passieren lässt. Daher weiß ich sehr gut, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, was man als Nächstes sagen soll. Aber als ich älter wurde, habe ich gelernt, dass ein ehrlicher, mitfühlender und freundlicher Umgang mit Menschen immer eine gute Strategie ist. Ein »Ich weiß, dass das wirklich hart ist und das tut mir leid« kann erstaunlich viel bewirken. Und wenn jemand von Ehrlichkeit, Mitgefühl und Freundlichkeit abgeschreckt wird, dann ist das höchstwahrscheinlich sein Problem und nicht deins.
Kit und David starten das „Unfallprojekt“, ein gemeinsames Projekt, das den Unfall bzw. dessen Vermeidbarkeit rekonstruieren soll. Was hat Sie dazu inspiriert?
Ich weiß nicht immer so genau, wie ich auf meine Ideen komme. Manchmal bringen mich meine Figuren auf diese Ideen, und manchmal entstehen sie aus heiterem Himmel. Als ich über das „Unfallprojekt“ nachdachte, wurde mir klar, dass es nicht nur eine perfekte Gelegenheit bietet, um Kit und David zusammenzubringen, sondern auch, um Davids einzigartige Talente und Kits Trauer in einen Zusammenhang zu bringen.
In ihrer jeweiligen Situation fühlen sich Kit und David unverstanden und grenzen sich von ihren Mitschüler:innen ab. Welche Botschaften möchten Sie allen Leser:innen mitgeben, die sich auch so fühlen oder schon einmal gefühlt haben?
Die Wahrheit ist, dass sich JEDER irgendwann in seinem Leben schon einmal so gefühlt hat. Das ist automatisch in die menschliche Lebenserfahrung eingebaut. Ich denke, das Wichtigste, was man jemandem sagen kann, der sich unverstanden oder isoliert fühlt, ist, dass man trotz dieses Gefühls nicht allein ist. Und außerdem weiß man nie, wer sich beim Mittagessen neben einen setzen und damit das ganze Leben verändern könnte. So habe ich schließlich meinen Mann kennen gelernt!
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