Kathrin Rohmann - Autor
© Tilman Wrede

Autorin

Kathrin Rohmann

Kathrin Rohmann wurde 1967 in Hannover geboren. Eigentlich wollte sie Bühnenbildnerin oder Journalistin werden, wegen eines Bernhardiners wie „Bootsmann“ wurde sie jedoch erst einmal Landwirtin, dann Agrar-Ingenieurin und schließlich Mutter dreier Kinder. Für sie begann sie zu schreiben und veröffentlichte als „Kathi Roman“ u. a. Geschichten im GECKO und im Betthupferl des Bayerischen Rundfunks. „Apfelkuchen und Baklava oder Eine neue Heimat für Leila“ ist ihr Herzensprojekt, das im Rahmen der Akademie für Kindermedien 2014/15 entwickelt und mit dem Baumhaus / Boje-Medienpreis 2015 ausgezeichnet wurde.

Interview

„Niemand verlässt seine Heimat mit zwei Plastiktüten voll Hab-seligkeiten nur zum Spaß!“ | 25.02.2016

Liebe Frau Rohmann, in wenigen Wochen erscheint Ihr Kinderbuch „Apfelkuchen und Baklava oder Eine neue Heimat für Leila“. Können Sie kurz beschreiben, worum es in der Geschichte geht?Vor rund einem Jahr ist Leila mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern aus Syrien aufgebrochen. Nun steht der Asylantr...

Liebe Frau Rohmann, in wenigen Wochen erscheint Ihr Kinderbuch „Apfelkuchen und Baklava oder Eine neue Heimat für Leila“. Können Sie kurz beschreiben, worum es in der Geschichte geht?
Vor rund einem Jahr ist Leila mit ihrer Mutter und ihren zwei Brüdern aus Syrien aufgebrochen. Nun steht der Asylantrag in Deutschland kurz vor der Bewilligung und die kleine, halbe Familie hat eine Wohnung in einer Kleinstadt zugewiesen bekommen. Doch Leilas Vater und ihre geliebte Großmutter sind noch in der Nähe von Damaskus. Leila vermisst sie sehr und hält sich fest an ihrem wichtigsten Erinnerungsstück: einer Walnuss aus dem Garten ihrer Großmutter. Doch in der ersten Woche in der neuen Schule verliert sie diese Nuss. Leila ist verzweifelt. Die ihr unerwartet angebotene Hilfe von Max, ihr beim Suchen zu helfen, lässt eine Freundschaft wachsen, die einige schwierige Situationen überstehen muss. Als die die Nuss am Ende wieder auftaucht, hat sich vieles verändert. Denn man kann neu heimisch werden, dort wo man Freunde findet. Und sogar eine Walnuss kann solch ein neues Zuhause finden.
Es handelt sich also um die Geschichte eines Flüchtlingskindes aus Syrien. Wie kamen Sie darauf, gerade zu diesem aktuellen und auch sensiblen Thema ein Kinderbuch zu schreiben?
Ohne die Unterstützung in der Akademie für Kindermedien (AKM) hätte ich mich vermutlich nicht an die Geschichte eines syrischen Flüchtlingskindes in Deutschland gewagt. Viel Recherche und Einfühlungsvermögen waren notwendig und immer wieder die Ehrlichkeit mir selbst gegenüber, wie wahrhaftig ich – ohne eine Fluchterfahrung – Leilas Perspektive zu erzählen vermag. Im Kern jedoch erzählt die Geschichte etwas Universelles. Es geht darum, wie intensiv Heimat im Herzen verwurzelt bleibt, ein Leben lang. Und, dass man dennoch ankommen und wieder heimisch werden kann, ohne diese Wurzeln zu verlieren, zu verraten oder zu verdrängen.
Das Buch basiert auf dem Film-Projekt „Omas Garten blüht in mir“, mit dem Sie den Baumhaus-/ Boje-Medienpreis 2015 gewonnen haben. Können Sie uns mehr über das Projekt und den Preis sagen?
Im Jahrgang 2014/15 war ich Teilnehmerin der Akademie für Kindermedien in der Gruppe Spielfilm. In diesem Zeitraum habe ich das Projekt als Spielfilm entwickelt und mich am Ende der Akademie, wie alle zwölf TeilnehmerInnen, um zwei Preise beworben: den Förderpreis der Mitteldeutschen Medienförderung und den Baumhaus-/Boje-Medienpreis. Diese letztgenannte Auszeichnung zugesprochen zu bekommen, hat mich sehr beflügelt. Anhand des erarbeiteten Treatments habe ich in den darauffolgenden Monaten das Manuskript verfasst.
In der Jurybegründung hieß es damals: „Diese Geschichte erzählt, wie sich Menschen fühlen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Die Autorin arbeitet mit einprägsamen Bildern, glaubhaften Figuren und Wendungen. Die Walnuss als verbindendes Element ist ein Bild, das sowohl im Kinderbuch als auch im Film funktioniert.“. Ist eine Verfilmung der Geschichte in Planung?
Mir sind noch keine Anfragen diesbezüglich bekannt, ich würde mich aber natürlich extrem freuen. Auch als Theaterstück für Kinder könnte ich mir die Geschichte sehr gut vorstellen.
Als Sie mit der Arbeit an dem Projekt und dann an dem Kinderbuch begonnen haben, haben Sie da schon geahnt, welche Ausmaße der Krieg in Syrien haben wird und wie aktuell ihr Buch bei Erscheinen sein wird?
Nein. Der Krieg in Syrien und die vielen Flüchtenden waren im Herbst 2014 zwar bereits „aktuell“, aber die Entwicklungen bis heute waren für mich in keiner Weise absehbar. Im Jahr 2015 haben mich viele vor allem schreckliche Ereignisse immer wieder überlegen lassen, ob und in welcher Form ich diese Geschichte überhaupt und für Kinder erzählen soll und kann.
Was möchten Sie den jungen Lesern mit Leilas Geschichte sagen?
„Sei freundlich und offen!“, möchte ich sagen und merke: „Niemand verlässt seine Heimat mit zwei Plastiktüten voll Habseligkeiten nur zum Spaß!“
Warum Ist es Ihrer Meinung nach so wichtig, dass Kinder sich mit dem Thema Flucht und Heimatsuche auseinandersetzen?
Vermutlich ist es hilfreich und wichtig, weil es Kindern in ihrem Alltag begegnet, zumindest in der Schule. Ob es grundsätzlich ein für Kinder „wichtiges Thema“ ist, mag ich nicht beurteilen. Themen, die einen im Leben interessieren, kommen von alleine auf einen zu und lassen sich nicht vorschreiben. Insbesondere Kinder fragen nach dem, was sie interessiert - meist sogar sehr direkt. Die Geschichte von Leila und Max kann aus meiner Sicht ein Angebot sein, über Heimat und Flucht nachzudenken und im günstigsten Fall darüber zu sprechen.
Was glauben Sie, wie Erwachsene die jüngeren Generationen an das Thema heranführen können?
Ihre Frage suggeriert, dass Erwachsene das Thema bearbeitet hätten und den Kindern klare Antworten und vielleicht auch Lösungen bieten könnten. Dem ist glaube ich nicht (immer) so! Aber, sofern sie gefragt werden, haben Erwachsene die Möglichkeit ehrlich zu sein. Vielleicht fragen Kinder nach der Lektüre des Buches nach ihren Großeltern und Urgroßeltern und deren Heimat - im Sinne eines Geburtsortes. Möglicherweise ergibt sich so ein erhellendes Gespräch. Im Buch erfährt Max solch ein Detail aus seiner Familiengeschichte, von dem er gar nichts wusste. Aufdrängen aber sollte man Kindern dieses Thema aber meiner Meinung nach nicht.
Wie sind Sie bei der Recherche für Ihr Buch vorgegangen?
Für die Recherche habe ich Kontakt zu syrischen Menschen gesucht, viel gelesen und Nachrichten geschaut. Eine ganz besondere Hilfe aber waren die Gespräche mit Kindern und Jugendlichen der Sprachlernklasse des Gymnasiums an meinem Wohnort. Ihre Geschichten haben mich zutiefst bewegt. Die Situation, in einem schlichten Klassenraum erzählt zu bekommen, dass das Boot, auf dem sie elf Tage über das Mittelmeer geschaukelt seien, sich dann vor ihren eigenen Augen zur Seite geneigt habe und untergegangen ist, holt mich noch heute manchmal ein. Ein besonderer Dank geht auch an meine Freundin Layla.
Sie lassen Ihre Leser ganz intensiv an Leilas Gefühlen teilhaben. Beim Lesen denkt man automatisch an all die Flüchtlingskinder, die ihre Heimat vermissen und sich in Deutschland fremd und einsam fühlen. Wie haben Sie es geschafft, sich so intensiv in Leila hineinzudenken?
Zum einen ist es vermutlich die Aufgabe gelingenden Geschichtenerzählens, „hineinzuschlüpfen“ in die selbst erschaffenen Figuren. Eine große Hilfe für dieses „Sich-hinein-versetzen“ jedoch war der Besuch der von zwei Schauspielerinnen aus dem Improvisationstheater DIE GORILLAS im Rahmen der AKM. Unter ihrer Anleitung haben wir unsere Protagonisten in einer ausgewählten Szene selbst gespielt. Eine sehr beeindruckende Erfahrung! Zudem bietet diese Geschichte zwei Perspektiven. Die von Leila und die von Max, einem Jungen, der sich seit Generationen auf diesem Hof seiner Vorfahren wähnt.
In Ihrem Buch wird Leilas Familie in Deutschland herzlich empfangen. In der Realität sieht das leider oft anders aus. Haben Sie Fremdenfeindlichkeit ganz bewusst nicht zum Thema in Ihrem Buch gemacht?
Die Idee zu dieser Geschichte stammt aus dem Herbst 2014. Es wurde zu der Zeit eine „Willkommenskultur“ gelebt und syrische Kinder waren tatsächlich noch ganz allein in einer deutschen Schulklasse. Das ist ein Grund. Ein weiterer ist die Frage, ob das Anreißen aller denkbaren Aspekte eines Themas einem Buch in seiner Wirkung als Ganzes weiterhilft? Habe ich einen roten Faden, an dem ich entlang erzähle oder knüpfe ich viele Fäden zusammen? Was genau will ich 10-jährigen Kindern erzählen? Das habe ich mich immer wieder gefragt und mich für „Ankommen in einem fremden Land“ entschieden und dafür, dass es (positive) Erinnerungen gibt, die ein Leben lang bleiben.
Haben Sie im Buch eine Lieblingsillustration?
Vermutlich alle Vignetten, denn sie zeigen die Essenz des jeweiligen Kapitels. Damit hat mich Franziska Harvey sehr berührt. Von den Illustrationen mag ich die Bäckerei und Großmutter Aminas Garten ganz am Schluss ganz besonders. Dieses letzte Bild wirkt auf mich ungemein tröstlich.
Was wünschen Sie sich für Ihr Buch?

Wenn es gegenseitiges Verständnis fördern würde und dazu beitragen könnte, dass Kinder offen aufeinander zugehen, dass sie so freundlich und hilfsbereit sind wie Max und Jette und somit Kindern wie Leila das Ankommen erleichtern würde, wäre das mehr als großartig.

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