Katja Pantzar - Autor
© Katja Tähjä

Autorin

Katja Pantzar

Katja Pantzar ist Finnin, wuchs aber in Kanada auf und zog nach Stationen in Großbritannien und Neuseeland nach Helsinki. Sie arbeitet dort als freie Journalistin und arbeitet für finnische und britische Medien (Radio, TV, Web-Dienste). Nach anfänglicher Skepsis ist sie inzwischen  große Freundin des Winterschwimmens.

Interview

Im Interview erzählt Katja Pantzar über ihr neues Buch "SISU" | 26.04.2018

Sie haben ein Buch über SISU geschrieben, einem Konzept für ein glückliches und erfülltes Leben, das jeder Mensch erlernen kann. Können Sie Ihren deutschen Lesern, die noch nie von SISU gehört haben, erklären, was es damit auf sich hat?SISU ist eine besondere, für die Finnen typische Form von Widers...

Sie haben ein Buch über SISU geschrieben, einem Konzept für ein glückliches und erfülltes Leben, das jeder Mensch erlernen kann. Können Sie Ihren deutschen Lesern, die noch nie von SISU gehört haben, erklären, was es damit auf sich hat?
SISU ist eine besondere, für die Finnen typische Form von Widerstandskraft und Ausdauer angesichts von Rückschlägen. Einige der bekanntesten historischen Beispiele beziehen sich auf bedeutsame Siege im Krieg und verblüffende Meisterleistungen im Sport in scheinbar aussichtslosen Situationen. Im alltäglichen Leben steht SISU für eine besondere Art von innerer Kraft, Herausforderungen anzunehmen und die Stärke aufzubringen, etwas auf den ersten Blick Schwieriges zu tun. Das perfekte Beispiel für SISU ist das in Finnland recht beliebte Winter- bzw. Eisschwimmen. Als ich mich zum ersten Mal daran versucht habe und in das eiskalte Wasser eintauchte, fühlte ich mich anschließend sowohl körperlich als auch mental einfach großartig. Ich entwickelte eine regelrechte Sucht nach dem Winterschwimmen, da ich schnell merkte, wie es einen positiven Einfluss auf mein Wohlbefinden hatte, mein Stresslevel sank und körperliche Symptome wie Müdigkeit, Muskel­verspannungen und Schmerzen abnahmen. Meine Lebensgeister wurden geweckt. Es waren Aktivitäten wie diese, durch die ich mich auf eine Entdeckungsreise begab und nach anderen Sachen suchte, die Finnen tun, um ein bewusstes und glückliches Leben zu führen.
Welchen besonderen Nutzen hat es, in eiskaltem Wasser zu baden?
Fachliteratur zu dem Thema und Experten wie der Kälte-Fachmann Professor Hannu Rintamäki bekräftigen eine positive Wirkung des Winterschwimmens auf das Wohlbefinden. „Ein dreißig bis sechzig Sekunden langes Bad im Winter in Wasser mit einer Durchschnitts­temperatur von 4 Grad Celsius löst einen ‚Hormonsturm’ aus“, da viele der sogenannten Glücks­hormone wie Endorphine, Serotonin, Dopamin und Oxytocin ausgeschüttet werden, erklärt Rintamäki. „Außerdem verbessert es die Blutzirkulation, verbrennt Kalorien und gibt dem Immunsystem einen Schub.“
Auf den ersten Blick scheint es sich mit SISU wie mit dem Huhn und dem Ei zu verhalten, deshalb die Frage: Ist SISU eine Geisteshaltung, die das Wohlbefinden des Körpers fördert oder führt die körperliche Gesundheit dazu, eine positive Geisteshaltung zu entwickeln?
Das ist eine gute Frage. Ich glaube, die beiden Elemente gehen Hand in Hand, da viele der historisch belegten Beispiele für SISU sowohl körperliche als auch mentale Stärke erforderten. Aufgrund der Interviews, die ich mit Experten wie der führenden SISU-Forscherin Emilia Lahti geführt habe sowie meiner persönlichen Erfahrung, glaube ich, dass eine auf SISU ausgerichtete Mentalität das Wohlbefinden fördert. Wenn man mental stabiler werden will, ist es hilfreich, körperlich gesund zu sein. Die Verbindung zwischen Körper und Geist ist dafür ausschlag­gebend.
Bisher galt SISU als eine mentale Eigenschaft, über die einzig und allein die Finnen verfügen. Was hat Sie auf die Idee gebracht, SISU jetzt Menschen in aller Welt zugängig zu machen?
Schon vor vielen Jahren hatte ich die Idee, ein Buch über dieses Lebensmodell zu schreiben. Ich lernte diese einfachen und vernünftigen nordischen Methoden kennen, wie beispielsweise den Weg zur Arbeit mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen, nicht nur als Gegenmaßnahme zu einer vornehmlich sitzenden Lebensweise, sondern auch als Mittel, um Zeit und Kosten zu sparen. Vor zwei Jahren las ich in dem Magazin THE NEW YORKER einen Artikel, in dem behauptet wurde, es bestehe eine Verbindung zwischen SISU und Glück. Zudem haben mich meine Agentin und meine erste Lektorin ermutigt, dem Konzept von SISU richtig auf den Grund zu gehen und es zum Leitfaden des Buches zu machen. Ich fand es faszinierend, über einen Ansatz zu schreiben, den jeder überall praktizieren kann.
Die Rechte an Ihrem Buch sind inzwischen in 16 Länder verkauft, unter anderem nach China, Russland, Japan und in die USA. Hat Sie dieser große Erfolg überrascht?
Um die Wahrheit zu sagen: Ich stehe immer noch unter Schock. Es ist jetzt ein gutes Jahr her, seit mich meine Agentin unter Vertrag genommen hat. Damals hatte ich ein Exposé, ein paar Probekapitel und eine grobe Gliederung des Buches. Ich hätte mir niemals träumen lassen, dass ein Jahr später Lizenzen in 16 Länder verkauft werden und alle Verleger wollen, dass ich das Buch schnell schreibe, damit es möglichst bald überall veröffentlicht werden kann. Ich muss gestehen, dass es ein ausgesprochen anstrengendes Jahr war und dass der Druck und die Aufmerksamkeit, mit der man mich bedacht hat, zuweilen überwältigend war. Das liegt vermutlich hauptsächlich daran, dass ich mein gesamtes bisheriges Berufsleben der Aufgabe gewidmet habe, andere Menschen zu interviewen und ihre Geschichten zu erzählen und jetzt erzähle ich meine eigene. Ich versuche, sehr finnisch mit dem Ganzen umzugehen, das heißt, bescheiden zu bleiben, ganz normal weiterzuleben und sehr viel Eisschwimmen zu gehen.
Ihr Buch ist nicht nur ein praktischer Ratgeber für ein bewusstes und zufriedenes Leben, es ist zugleich auch ein autobiographisches Werk. Ist es Ihnen schwergefallen, Ihre eigene Geschichte zu erzählen?
Da ich mich während meiner beruflichen Laufbahn als Journalistin und Autorin mit den Geschichten anderer Menschen beschäftigt habe, war es furchterregend und befreiend zugleich, meine eigene Geschichte in den Fokus zu rücken. Allerdings bin ich auch der Meinung, dass dieses Buch ohne meinen persönlichen Blick und ohne meine eigenen Erfahrungen nicht funktioniert hätte. Ich glaube, dass Menschen sich für Menschen und deren wahre Geschichten interessieren.
Sie waren beruflich sehr erfolgreich und hatten alles, was ein modernes Leben mit sich bringt. Dann erkrankten Sie an einer Depression. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass heute so viele Menschen an Depressionen und Angststörungen leiden?
Leider nimmt die Zahl derer, die an Depressionen und Angststörungen leiden, weltweit immer weiter zu. Ich verfüge nicht über die nötige medizinische Expertise, aber meinem Empfinden nach beruht der Umstand auf mehreren Faktoren, zu denen auch die Lebensweise gehört. Viele Menschen leben ein virtuelles Leben. Sie sind sowohl zu Hause als auch bei der Arbeit permanent online und verbringen immer weniger Zeit im Freien oder damit, einen persön­lichen Kontakt zur Natur herzustellen. Darüber hinaus lastet ein großer Druck auf den Menschen permanent Leistungen zu erbringen. Sei es bei der Arbeit, zu Hause oder in anderen Lebensbereichen.
Was ist das Besondere an der finnischen Art sich zu ernähren?
Die nordische Ernährungsweise ist schlicht und es wird empfohlen überwiegend (Wurzel)-Gemüse, Kartoffeln, Fisch, Roggenbrot und Beeren zu essen. Sie erlaubt es einem aber auch, sich hin und wieder Süßigkeiten oder andere Leckerbissen zu gönnen, ohne extreme Diäten auf sich nehmen zu müssen.
Sie sind Mutter und in der Lage, Ihrem Sohn eine Lebensperspektive zu vermitteln, die Sie selbst erst finden mussten. Wie unterscheidet sich dank SISU das Leben, das Ihr Sohn heute führt, von dem Leben, das andere Kinder in seinem Alter führen?
Wenn ich das Leben meines Sohnes mit dem der Kinder von Freunden vergleiche, die in Vancouver aufwachsen, glaube ich, dass mein Sohn sehr viele Freiheiten genießt: Er kann beispielsweise allein zur Schule laufen, sehr viel Zeit im Freien verbringen und draußen in der Natur spielen. Ein Schwerpunkt des finnischen Schulsystems ist, die Kinder zu Selbstständigkeit zu erziehen.
War das Schreiben von jeher Ihr Traumberuf? Und könnten Sie sich vorstellen, auch einen Roman zu schreiben?
Ja, das Schreiben war von jeher mein Traumberuf! Als Kind habe ich mir oft die Schreibmaschine meines Vaters ausgeliehen, um Geschichten zu schreiben. Würde ich einen Roman schreiben, wäre das ein optimistischer nordischer Roman, in dem trotz der Herausforderungen des Lebens positive Dinge passieren und die Hoffnung siegt. Im Moment könnte ich mir auch gut vorstellen, Kinderbücher zu schreiben.

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