Nadine Schojer - Autor
© Nadine Schojer

Autorin

Nadine Schojer

Nadine Schojer ist Tourismus-Managerin und lebt mit Mann und Tochter in Wien. Wenn sie nicht physisch verreist, ist sie lesend und schreibend in der Zeitgeschichte unterwegs. Bei den Recherchen für ihre Reihe DIE TELEFONISTINNEN hat sie sich in die Mode der Fünfzigerjahre verliebt. Deshalb ist sie nun stolze Besitzerin eines Petticoat-Mantels. Unter Pseudonym hat Nadine Schojer bereits mehrere Romane veröffentlicht, zuletzt bei Lübbe den Liebesroman WIENER MELANGE FÜR ZWEI.

Download Autorinnen-Foto

Interview

„Füreinander Dasein und füreinander Einstehen macht die Frauentruppe stark und ihre Freundschaft besonders“ | 23.04.2024

Liebe Frau Schojer, stellen Sie uns die Protagonistinnen Ihres Romans bitte kurz vor. Es geht um die vier Telefonistinnen Gisela, Hanni, Julia und Charlie, sowie um Erna, die als Empfangsdame das Ohr und Sprachrohr der Versicherung ist. Gisela, mit der die Reihe beginnt, ist verheiratet, Mitte dreiß...

Liebe Frau Schojer, stellen Sie uns die Protagonistinnen Ihres Romans bitte kurz vor.
Es geht um die vier Telefonistinnen Gisela, Hanni, Julia und Charlie, sowie um Erna, die als Empfangsdame das Ohr und Sprachrohr der Versicherung ist. Gisela, mit der die Reihe beginnt, ist verheiratet, Mitte dreißig und hat einen zwölfjährigen Sohn. Sie wartet seit Ende des Krieges auf die Rückkehr ihres Mannes, wobei das Warten nicht spurlos an ihrem Herzen vorübergeht.
Hanni ist Anfang 20 und Hobbyschneiderin, sie verfügt über ein gutes Gespür für Mode und Schnitte. Mit zwei jüngeren Schwestern und ihren Eltern lebt sie in einer kleinen Wohnung im Agnesviertel. Ihr Vater besitzt ein Büdchen, in dem sie des Öfteren aushelfen muss. Einfach hat sie es nicht, denn ihr Vater ist ein Tyrann und macht ihr das Leben schwer.
Julia ist mit 16 Jahren das Nesthäkchen unter den Telefonistinnen, hat es aber faustdick hinter den Ohren. Schon im Krieg hatte sie sich am Schwarzmarkt herumgetrieben und alles besorgt, was die Familie zum Leben brauchte. Mit ihrem Verkaufstalent setzt sie sich später für Hannis Handschuhverkäufe ein.

Die starke und eigenwillige Charlie tritt zu Beginn überheblich auf, findet aber zunehmend ihren Platz in der Versicherung und vor allem ihre Bestimmung in der Welt.

Erna ist ein liebes Teufelchen, über 50, und schon seit Anfang an im Versicherungskonzern tätig. An ihr kommt kein Klatsch und Tratsch vorbei, was unterhaltsam ist aber auch gefährlich werden kann.

Mit welcher von ihnen identifizieren Sie sich am meisten? Und warum?
Mit allen vier Telefonistinnen und mit Erna. Sie haben ihr Schicksal akzeptiert, aber auch erkannt, dass sie die Zukunft ändern können. Vor allem durch den Zusammenhalt untereinander stärken sie ihre jeweilige Position. Das finde ich schön und dieses füreinander Dasein und füreinander Einstehen, macht ihre Freundschaft besonders.
Den Job der Telefonistin gibt es heute nicht mehr. Können Sie kurz erklären, was deren Aufgabe war?
Telefonistinnen haben für Verbindungen im Innen und Außen gesorgt. Sie saßen an Schaltschränken und verteilten von dort aus die Telefonate. Ähnlich wie eine Telefonvermittlung. Kaum noch vorstellbar, in Zeiten von Handys und Videotelefonie.
Giselas Schicksal steht im Mittelpunkt des ersten Bandes. Welche Herausforderungen muss sie als alleinerziehende Mutter eines Zwölfjährigen meistern?
Sie steht vor den Ruinen ihres Lebens: Wohnung zerstört, Ehemann verschollen. Ob er überhaupt noch lebt?, fragt sie sich häufig und vermisst die Liebe und etwas Romantik in ihrem Leben. Sie wünscht sich einen Mann an ihrer Seite, eine Schulter zum Anlehnen. Peter, ihr Sohn, den sie allein durch den Krieg gebracht hat, ist ihr Ein und Alles. Allerdings stellt er ihren Alltag immer wieder auf den Kopf, da er viele Flausen im Kopf hat.
Hannelore ist eine begabte Schneiderin, die leidenschaftlich gerne näht. Woher kennen Sie sich mit der Mode der 50er-Jahre so gut aus und was gefällt Ihnen daran?
Ich interessiere mich selbst für Mode, weil es ein Ausdrucksmittel der Persönlichkeit ist. Meine Großmutter war früher Schneiderin. Sie hat mir als Kind alles genäht, was ich mir aus Katalogen ausgesucht habe. Das war herrlich! Für die Telefonistinnen-Reihe habe ich in Büchern, Bibliotheken und sehr viel im Internet recherchiert. Nun besitze ich auch ein hübsches Kleid im Stil der 1950er-Jahre. Was mir daran so gefällt, ist der Aufschwung und die Leichtigkeit, und ein wenig Opulenz, die in diesem Stil erkennbar sind. Diors New Look war in der Nachkriegszeit bahnbrechend und hat für viel Furore gesorgt. Petticoats, weite Röcke in A-Linienform, betonte Dekolletés und Wespentaillen waren gefragt. Beeindruckend finde ich auch den Erfindergeist der damaligen Schneiderinnen: Aus alten Care-Paketen (Decken) oder Soldatenuniformen Kleider und Mäntel zu schneidern. Der Fantasie waren keine Grenzen gesetzt. Aus dem Wenigen, was da war, haben sie das Beste gemacht.
Wie haben Sie für die Romanreihe recherchiert?
Ich habe einige Geschichtsbücher und etliche Romane gelesen, die in dieser Zeit spielen oder davon berichten. Außerdem noch meine Großmutter befragt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt hat. Sehr hilfreich fand ich die DVD „Köln nach dem Krieg in Farbe“ von Hermann Rheindorf. Etliche Male habe ich vor dem Bildschirm gesessen, das Bild auf Pause, nur damit ich ein Haus oder eine Straße, die im Roman vorkommt, genau beschreiben kann.
Warum haben Sie sich für Köln als Standort des Versicherungsunternehmens entschieden?
Die Versicherungsanstalt Pering, die in meiner Reihe vorkommt, ist angelehnt an den Versicherungskonzern Gerling, der seinen Standort im Friesenviertel hatte. Das Gerling-Quartier ist weit über Köln hinaus bekannt und das hat den Impuls für den Unternehmenskosmos der Reihe gegeben.
DIE TELEFONISTINNEN - STUNDEN DES GLÜCKS“ beginnt im Juni 1948, können Sie kurz erklären, wie die Lebensrealität der Nachkriegsjahre aussah?
Köln war durch den Zweiten Weltkrieg eine der am meisten zerstörten Städte Deutschlands. Kurz nach dem Krieg hausten die meisten Kölner:innen in Ruinen oder Kellern. Lebensmittel waren knapp und konnten nur durch Marken bzw. Lebensmittelkarten erworben werden. Oft harrten die Leute stundenlang in Schlangen aus und bekamen am Ende trotzdem keine Grundnahrungsmittel mehr. Der Hungerwinter 1946/47 war einer der kältesten Winter Deutschlands. Die Nachkriegsjahre waren also geprägt von Hunger, aber auch getragen von Hoffnung, denn es herrschte eine Aufbruchsstimmung: Die Sehnsucht und der Wunsch, das Land wieder aufzubauen, um es besser zu haben.
Ihre Protagonistinnen sind starke, eigenwillige Frauen. Wie würden Sie die Rolle der Frau in den 1950er-Jahren beschreiben?
Frauen haben das Land nach dem Krieg wieder aufgebaut. Viele Männer waren tot, galten als vermisst oder kamen verwundet und traumatisiert nach Hause. An den Frauen war es somit gelegen, für die Familien zu sorgen und das Geld nach Hause zu bringen. Als die Männer zurückkamen, wurden sie nach und nach in die Rollen der Hausfrauen und Mütter zurückgedrängt. Arbeiten ging fortan der Mann. Die Hausarbeit blieb an den Frauen hängen. Das war damals Schwerstarbeit, denn Hilfsgeräten wie Geschirrspüler, Staubsauger oder Dampfbügeleisen fehlten. Zum Glück gab es Gegenbewegungen, die für die Rechte der Frauen einstanden. Legendär Elisabeth Selberts Sieg, den Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ 1949 im Grundgesetz zu verankern. Das war ein wichtiger Meilenstein für die Gleichberechtigung der Frau.
Auf was können sich die Leser:innen in Band 2 freuen?
Im wahrsten Sinne des Wortes auf „Tage des Zweifels“. Es wird turbulent werden, soviel steht fest. Die Leser:innen werden mit Gisela, Hanni, Charlie und Julia lachen, weinen, mitfühlen, bangen und am Ende hoffentlich mit einem glücklichen Seufzen das Buch schließen. Zumindest ist es mir beim Schreiben so ergangen.
Alle Verlage