Patricia Cammarata - Autor
© Marcus Richter

Autorin

Patricia Cammarata

Patricia Cammarata ist seit 1997 im Netz unterwegs und hat mit ihrem Blog schon mehrere Preise gewonnen. Ihr erstes Buch "Sehr gerne, Mama, Du Arschbombe" war ein Bestseller. Sie hat ein großes Faible für digitale Themen. Mit der "Let's talk“-Serie, die sie für den Elternratgeber "SCHAU HIN!" schreibt, macht sie Eltern fit in Sachen digitale Medien und zeigt ihnen einen Weg, wie Medienerziehung gelingen kann - statt Panik zu verbreiten und sie dann mit der Lebensrealität ihrer Kinder alleine zu lassen. Hören Sie auch die Podcasts "Mit Kindern leben“ und "Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss“.

Interview

"Das Buch rettet nicht durch die Zeit der Schutzmaßnahmen, sondern durch die Kindheit und Jugend." | 03.04.2020

Gerade ist die Versuchung groß, die Kinder vorm Fernseher oder Konsole zu parken – wie soll sonst diese Sache mit dem Homeoffice klappen? Wie konsequent müssen wir trotz allem mit dem Nachwuchs bleiben, wenn es um Internet, Fernsehen und Zocken geht? Aus meiner Sicht hat sich rein gar nichts geänder...

Gerade ist die Versuchung groß, die Kinder vorm Fernseher oder Konsole zu parken – wie soll sonst diese Sache mit dem Homeoffice klappen? Wie konsequent müssen wir trotz allem mit dem Nachwuchs bleiben, wenn es um Internet, Fernsehen und Zocken geht?
Aus meiner Sicht hat sich rein gar nichts geändert. Vielleicht die Minutenzahl, aber wichtig ist und war es doch immer, WAS die Kinder machen. Deswegen rate ich, sich mit dem Was zu beschäftigen.
Sind die Kinder produzierend (z.B. Mal-App, Scratch, Stop-Motion-Film machen) oder rein konsumierend unterwegs? Wenn letzteres: Was genau machen sie gerade? Sind die Inhalte altersgemäß? Gibt es Werbeunterbrechungen? Gibt es in der App In-App-Käufe?
Es geht doch nicht um Konsequenz, sondern darum, dass die Kinder gut aufgeklärt und altersgemäß geschützt unterwegs sind. Wenn beides passt, sehe ich kein Problem. Vielleicht sollten wir unsere Abendessen verstärkt dazu nutzen mit den Kindern über den Tag und das Erlebte zu sprechen.
Bewegung wird im Moment wahrscheinlich zu kurz kommen, aber vielleicht können wir das außerhalb der Arbeitszeiten oder in der Mittagspause ausgleichen. Morgens die Kinder mit dem Laufrad mit zum Joggen nehmen. Mittags spazieren gehen. Abends eine Runde um den Block. In der Wohnung beide Augen zudrücken und die Kinder toben lassen.
Was ist realistischer: Kinder für Brettspiele, Spazierengehen und Lesen zu begeistern oder auf eine erfolgreiche Karriere im E-Sport zu hoffen?
Das hängt sicherlich an der individuellen Veranlagung – aber im Durchschnitt haben Kinder eher Lust auf Spazieren und Brettspiele, v.a. wenn die Erwachsenen mitmachen. Damit man im E-Sport erfolgreich sein kann, muss man schon außergewöhnlich schnell, motorisch top und sehr erfahren sein. Die nötigen Reaktionszeiten und die Reflexe, die es als Profisportler braucht, entsprechen denen von Kampfjetpiloten. Auch die Geschwindigkeit mit der Entscheidungen getroffen werden müssen, sind ganz enorm. Wir sprechen hier von mehreren hundert pro Minute. Um hier also eine Chance zu haben ist kontinuierliches und hartes Training nötig. Darauf haben die meisten Kinder wahrscheinlich keine Lust.
Wie sieht das Leben gerade in der Familie Cammarata aus? Ohne welche neuen Regeln geht es nicht? Wo gibt es Kompromisse, damit der Familienfrieden gewahrt bleibt?
Ehrlich gesagt bezogen auf die Medienzeiten überhaupt nicht anders als sonst. Wir stehen auf, frühstücken gemeinsam und dann lernen die Kinder am Vormittag für die Schule. Dafür verwenden sie hauptsächlich Arbeitsblätter und Lehrbücher. Mit Apps wie Anton langweilen sie sich und an einem schlecht eingerichtetem Moodle verzweifeln sie eher.
Am Nachmittag gehen wir wenn es sich zeitlich einrichten lässt spazieren. Danach ist Freizeit. Die dürfen die Kinder mit dem verbringen, was gerade Spaß macht. Das ist z.B. Bücher lesen, Videospiele spielen oder mit ihren Freund*innen chatten. Abends kochen wir zusammen. Dafür hatten wir in der Intensität im normalen Alltag kaum Zeit.
Ist es eine Lösung, Videospiele als Belohnung einzusetzen?
Belohnung für was? Wir machen das überhaupt nicht. Warum auch? Videospiele sind bei uns Teil des Freizeitangebots wie alle anderen Dinge, die man tun kann, auch. Es wird viel gemalt, sehr gerne werden Geschichten geschrieben, wenn es sich anbietet wird gebastelt und wenn die Bibliotheken geöffnet haben, wird viel gelesen.
Wie kann uns Ihr Buch „Dreißig Minuten, dann ist aber Schluss!“ durch die Zeit der Schutzmaßnahmen retten?
Das Buch rettet nicht durch die Zeit der Schutzmaßnahmen sondern durch die Kindheit und Jugend. Es hilft Vorbehalte gegen Wissen auszutauschen und ermuntert auch mal gemeinsam mit den Kindern was zu machen und kontinuierliche Lernbegleiter zu sein. Es soll eben klar machen: Medienerziehung ist ein Untergebiet von vielen Erziehungsthemen. Je früher wir damit anfangen, desto leichter gelingt uns die Medienerziehung.
Beobachten Sie aktuell, dass Eltern ihre Einstellung zu Tiktok und Youtube etc. ein Stück weit überdenken, weil sie sich gerade gezwungenermaßen mehr damit auseinandersetzen?
Ja und nein. Viele werden lockerer und erlauben mehr, aber ich habe oft das Gefühl, dass sie einfach ein Auge zudrücken ohne sich am Ende mehr mit den einzelnen Themen zu beschäftigen. Dabei wäre dafür genau jetzt eine sehr gute Zeit.
Wie werden die Wochen mit Homeschooling, Homeoffice und ohne Großeltern oder Babysitter das Familienleben beeinflussen? Wird sich womöglich irgendetwas nachhaltig verändern?
Ich glaube, wir werden aktuell alle pragmatischer und geben uns mit „Gut-genug-Lösungen“ zufrieden. Vielleicht trägt das zukünftig der Entspannung bei. Es muss nicht alles perfekt sein.
Wie hat sich Ihr eigenes Leben wegen der aktuellen Lage verändert? Was vermissen Sie? Was hat mehr Bedeutung als noch vor drei Monaten? Was ist weniger wichtig geworden?
Ich vermisse vor allem theoretisch machen zu können, was ich will. Ich lebe so gerne in Berlin, weil ich hier theoretisch jeden Tag ins Kino, Theater, zum Poetry Slam oder in ein exotisches Restaurant gehen kann. Das alles mache ich meistens gar nicht, weil ich eine Stubenhockerin bin. Dennoch empfinde ich das als Verlust.
Am meisten vermisse ich meine Freund*innen treffen zu können und was mich selbst überrascht hat: Ich würde wirklich gerne lieber im Büro arbeiten als Zuhause.
Was uns allen sicher hilft, ist ein bisschen Gelassenheit, gerade wenn wir uns in der Familie gerade näher sind, als uns manchmal lieb ist. Wo nehmen wir diese Gelassenheit her?
Wir müssen sie uns in uns suchen. Ich bin schon lange „gesigniert“. Dieses Wort ist eine Eigenkreation meines Podcastkollegen Caspar Clemens Mierau. Es setzt sich aus gelassen und resigniert zusammen. Ich kann, seit ich mehrere Kinder habe nicht mehr genau sagen, ob ich wirklich gelassen oder resigniert bin. Vieles, was ich beim 1. Kind noch für sehr wichtig hielt, konnte ich dann beim 3. nicht mehr leisten. Ich habe vieles also nicht mehr gemacht und gemerkt: Naja, die Welt geht davon auch nicht unter.
Was sind coole Serien, Apps, Spiele, die der ganzen Familie Spaß machen? Haben Sie ein paar Tipps?
Wenn man eine Switch hat, dann unbedingt gemeinsam das Spiel „Lovers in a dangerous Space-time“ spielen. Wenn alle ein Handy haben, dann „Spaceteam“. Was wir alle immer gerne zusammen anschauen ist ganz banal „Die Sendung mit der Maus“.
Was glauben Sie: Werden mehr Firmen Insolvenz anmelden oder mehr Paare die Scheidung einreichen?
Ja, das wird leider so sein. Firmen bekommt man jetzt schon durch die Medien mit und was die Scheidungen angeht: In China sind sie in die Höhe geschnellt.
Was raten Sie Eltern, um die nächsten Wochen gut zu überstehen, ohne das Handtuch zu werfen?
Immer nur den einen Tag sehen. Nicht die Woche, nicht den Monat und schon gar nicht das Jahr. Aktuell können wir die Entwicklungen nicht abschätzen. Wir können aber jeden Tag schaffen. Wenn man am Abend feststellt: Das war heute blöd, dann versucht man es am nächsten Tag ein bisschen besser hinzubekommen.
Was raten Sie Kindern? Vielleicht auch Ihren eigenen?
Denen muss ich nichts raten. Meine Kinder kommen erstaunlich gut mit der aktuellen Situation klar. Sie vertrauen darauf, dass es irgendwann in den Alltag zurück geht und nehmen den neuen Alltag wie er kommt.
Wir Eltern sollten unseren Kindern einfach die Zuversicht schenken, dass alles wieder gut werden wird. Denn für die allermeisten wird es wieder gut werden. Je besser wir füreinander sorgen und je ernster wir die derzeitigen Maßnahmen nehmen, desto schneller vermutlich.
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