Rebecca Gablé - Autor
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Autorin/Sprecherin

Rebecca Gablé

Rebecca Gablé studierte Literaturwissenschaft, Sprachgeschichte und Mediävistik in Düsseldorf, wo sie anschließend als Dozentin für mittelalterliche englische Literatur tätig war.
Heute arbeitet sie als freie Autorin und lebt mit ihrem Mann am Niederrhein und auf Mallorca. Ihre historischen Romane und ihr Buch zur Geschichte des englischen Mittelalters wurden allesamt Bestseller und in viele Sprachen übersetzt. Besonders die Romane um das Schicksal der Familie Waringham genießen bei Historienfans mittlerweile Kultstatus.
 

Interview

„Die Treue und den Enthusiasmus meiner Leserschaft empfinde ich als riesiges Geschenk.“ | 28.08.2015

Ihre Fans atmen auf, denn nach vier langen Jahren ist es nun endlich so weit: „Der Palast der Meere“, das jüngste Werk in Ihrer so erfolgreichen Waringham-Reihe ist ab dem 10. September 2015 im Buchhandel erhältlich. Wie ist das zu wissen, dass es dort draußen so viele Menschen gibt, die diesem Ers...

Ihre Fans atmen auf, denn nach vier langen Jahren ist es nun endlich so weit: „Der Palast der Meere“, das jüngste Werk in Ihrer so erfolgreichen Waringham-Reihe ist ab dem 10. September 2015 im Buchhandel erhältlich. Wie ist das zu wissen, dass es dort draußen so viele Menschen gibt, die diesem Erscheinungstermin entgegenfiebern?

Einfach großartig. Die Treue und den Enthusiasmus meiner Leserschaft empfinde ich als riesiges Geschenk. Der Buchmarkt ist ja enorm schnelllebig geworden, Autoren und ihre Bücher geraten schnell in Vergessenheit. Aber die Waringham-Fans verfolgen die Saga seit fast 20 Jahren, und in sozialen Medien oder bei persönlichen Gesprächen erlebe ich immer wieder, wie groß die Neugier auf die Waringham und ihren historischen Hintergrund ist, und das finde ich wirklich bemerkenswert.

957 Seiten stark ist „Der Palast der Meere“, er ist der mittlerweile fünfte Band in der Waringham-Saga, und trotzdem ist es für einen Neueinsteiger ein regelrechtes Kinderspiel, sich in die Welt der Waringhams einzufühlen und darin zurechtzufinden. Wie schwierig ist es für Sie bei der Arbeit, das zu diesem Kinderspiel zu machen, und was sind da die größten Hürden?

Es ist eigentlich gar nicht so schwierig, weil jeder Roman von einer neuen Generation der Waringham erzählt, also einen neuen Satz fiktiver und historischer Figuren hat, eine neue Epoche und politische Ausgangslage, die für Neueinsteiger und „alte Hasen“ gleichermaßen eingeführt werden müssen. Aber natürlich haben die Leserinnen und Leser, die die vorherigen Bände kennen, einen tieferen Einblick in die Familiengeschichte und kennen die Hauptfiguren des aktuellen Romans vielleicht schon als Kinder aus dem Vorgängerband. Sie entdecken Eigenschaften und auch Macken wieder, die sie von früheren Familienmitgliedern kennen, und manchmal muss ich natürlich auch auf frühere Ereignisse verweisen, um die aktuelle Handlung nachvollziehbar zu machen. Da ist es gelegentlich schon eine Gratwanderung, die neuen Leser abzuholen, ohne die Serienkenner zu langweilen.

Diejenigen, die den letzten Band, „Der dunkle Thron“, gelesen haben, werden sich freuen zu erfahren, dass es ein Wiedersehen mit Francis und Eleanor of Waringham gibt und mit Philipp Durham und seiner Ehefrau Laura, denn in deren Haus lebt zu Anfang von „Der Palast der Meere“ der junge Isaac of Waringham. Ist es angenehm, mit Figuren zu arbeiten, die man als Autor bereits kennt, oder hat das auch Nachteile?

Es ist immer gut für den Wiedereinstieg in den Waringham-Kosmos, vertrauten Figuren wiederzubegegnen. Das verstärkt das Gefühl des „Nach Hause Kommens“ für die Autorin ebenso wie für die Leserschaft. Aber dann muss man diese alten Freunde auch loslassen können, um sich auf die neuen einzulassen. Laura und Philipp sind ein gutes Beispiel: Sie treten im ersten Kapitel auf, weil sie ein Teil von Isaacs Lebenswelt sind, aber sobald der junge Isaac als Hauptfigur zu agieren beginnt, treten sie in den Hintergrund und werden nur noch gelegentlich erwähnt. Weil wir sie aus dem vorherigen Band kennen, wollen wir vielleicht wissen, wie es ihnen ergangen ist. Leben sie noch, oder wenn nicht, wie sind sie gestorben? Aber man darf als Autorin niemals den Fehler machen, „alte“ Figuren aus Nostalgie mit durch einen neuen Roman zu schleppen, denn dieser neue Roman würde sonst sehr schnell an Überbevölkerung eingehen.

Bleiben wir gleich bei Isaac of Waringham, dem jüngeren Bruder von Francis und Eleanor. Der wird im Verlauf der Geschichte ein erfolgreicher Seefahrer, und so musste auch Rebecca Gablé in See stechen. Wie schwierig war es für Sie, sich mit dieser Fachterminologie so vertraut zu machen, dass es sich jetzt liest, als hätten Sie Ihr Lebtag nichts anderes getan als Seekarten ausgewertet und Dreimaster über den Atlantik geschippert?

Es war eigentlich nicht schwieriger als die Recherche zu anderen Themenbereichen auch. Mein Problem war – und das auch nicht zum ersten Mal – dass beinah mein gesamtes Recherchematerial in englischer Sprache war. Also wenn ich verstanden hatte, wie ein bestimmtes Segelmanöver funktioniert oder wie ein bestimmtes Segel heißt, musste ich die Begriffe noch in die deutsche Seemannssprache übersetzen. Dabei hatte ich aber fachkundige Hilfe. Es hat auch nicht geschadet, dass mein Mann ein versierter Segler ist, selbst wenn ein Segeltörn bei herrlichem Wetter auf dem Mittelmeer nicht wirklich mit den Strapazen und Gefahren einer Atlantiküberquerung im 16. Jahrhundert vergleichbar ist …

Ihre Protagonistin Eleanor of Waringham findet sich im Verlauf der Geschichte in einem nicht minder komplexen Umfeld wieder. Eleanor lebt bei Hofe und ist ‚das Auge der Königin’, verliebt sich aber in Gabriel Durham, den Londoner ‚König der Diebe’, der eine eigene Diebesschule und geschäftliche sowie zwischenmenschliche Kontakte zu anderen Verbrecherorganisationen unterhält, den sogenannten Dunklen Bruderschaften. Wie haben Sie diesen Teil des Buches recherchiert, und was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Es gibt ein paar herrliche Bücher über das elisabethanische London und die Londoner Unterwelt jener Zeit, aus denen ich viel mehr Faszinierendes erfahren habe, als ich im Roman unterbringen konnte. Den „König der Diebe“ habe ich erfunden, aber die Verbrecherorganisationen und die Diebesschule in Billingsgate hat es tatsächlich gegeben. Weil ich ein ähnliches Thema schon einmal für das 14. Jahrhundert recherchiert hatte, hat mich eigentlich gar nichts überrascht, höchstens das hier: Die Methoden der Strafverfolgung und des Strafvollzugs waren in elisabethanischer Zeit weitaus bestialischer als im Mittelalter.

Bevor wir weiter auf den Inhalt von „Der Palast der Meere“ eingehen, ein paar grundsätzliche Fragen zum Buch: Wie lange haben Sie an den 957 Seiten geschrieben, und wie gehen Sie bei der Arbeit an einem so umfangreichen Werk vor? Schreiben Sie zuerst die Geschichten der einzelnen Figuren und verflechten Sie später miteinander?

Die Arbeit an diesem Roman von den ersten Skizzen bis zum Abschluss des Manuskripts hat ungefähr zwei Jahre gedauert. Am Anfang steht immer die Entscheidung, welchen Zeitabschnitt ich erzählen will und aus welcher Perspektive. Wenn ich die Jahre 1560 bis 1588 zum Beispiel aus dem Blickwinkel eines Londoner Bettlerjungen erzählt hätte, wäre ja eine ganz andere Geschichte dabei herausgekommen. Das ist also eine wichtige Grundsatzentscheidung. Wenn sie gefallen ist, entwickle ich meine Figuren und schreibe zu jeder ein ausführliches Dossier mit einem Psychogramm und einer Biografie, die die Zeit während, aber auch vor der Romanhandlung umfasst. Und dann fange ich an zu schreiben.

Was nimmt unter dem Strich mehr Zeit in Anspruch: die Planung oder die Ausführung? Und kommt es auch schon mal vor, dass Sie sich „verplanen“?

Planung und die erste große Recherche, bei der ich mich in mein Thema einarbeite, dauern zwei bis drei Monate, der Rest ist Schreibzeit. Wobei die Recherche eigentlich bis zum letzten Tag weitergeht, weil sich oft erst beim Schreiben ergibt, welches Thema ich mir noch ein bisschen genauer anschauen muss. So war mir am Anfang zum Beispiel nicht klar, dass irgendwann im Verlauf der Geschichte die spanischen Transportrouten in Panama zum Schauplatz werden würden, ein faszinierendes Thema, das einen eigenen Roman wert wäre. Solche Aspekte ergeben sich oft erst während der Entstehung des Manuskripts, weil ich vorher nicht bis ins letzte Detail plane. Das hat Vor- und Nachteile, aber ich „verplane“ mich eigentlich nie, weil ich immer Raum für die unvorhersehbare Eigendynamik der Geschichte lasse. Das ist auch der Grund, weshalb ich die Reise zu den Schauplätzen – immer das Sahnestück der Recherche – meistens ziemlich spät mache, weil ich dann erst weiß, wo ich überall vorbeischauen muss.

Haben Sie feste Arbeitszeiten, an denen Sie sich an den Schreibtisch setzen, - gleichgültig, was geschieht -, oder arbeiten Sie blockweise? Und schreiben Sie lieber tagsüber oder in der Nacht?

Ich habe mir einen halbwegs geregelten Arbeitsrhythmus zugelegt, weil sonst die Gefahr besteht, dass man nie anfängt. Einen guten Roman zu schreiben, hat Elizabeth George einmal gesagt, erfordert vor allem, dass man sich hinsetzt und es tut. Klingt banal, ist aber ein weises Wort. Die Versuchung ist groß, alle fünf Minuten vom Schreibtisch zu fliehen und etwas anderes zu machen, wenn’s gerade mal schwierig wird. Aber das ist fatal. Darum setzte ich mich morgens an den Computer, lese ein bisschen Recherchematerial, das ich für mein aktuelles Kapitel brauche, lese noch einmal, was ich am Tag zuvor geschrieben habe, und dann lege ich los. Wie lange ich schreibe, ist unterschiedlich, das kann ein halber oder ein ganzer Tag sein. Und natürlich gibt es auch Phasen, wo ich gar nicht schreibe, sondern nur mit Recherche beschäftigt bin. Aber während der Schreibzeiten gilt: Das Schreiben hat absolute Priorität.

Sie waren vor Ihrem Studium kurze Zeit als Bankkauffrau tätig, und Ihr allererstes Buch war ein Roman, in dem es um einen Bankenskandal ging – war das reiner Zufall oder lag dem berufsbedingte Inspiration zugrunde?

Der Story von Jagdfieber lag tatsächlich ein authentischer Fall zugrunde, der so hanebüchen war, dass ich einige Dinge weglassen musste, weil mir das kein Mensch geglaubt hätte. Es gibt ja so einen schönen, altmodischen Ratschlag für angehende Schriftsteller: „Schreibe von dem, was dich umgibt.“ Hab ich gemacht ;-)

Sie leben mit Ihrer Familie in Wickrath und auf Mallorca. Wie ist da die Zeit verteilt – ein halbes Jahr Deutschland und ein halbes Jahr Spanien, und wo fällt Ihnen die Arbeit leichter?

In Mallorca kann ich konzentrierter schreiben. Das liegt vermutlich an der Nähe zum Meer und dem gemächlicheren Lebensrhythmus, es liegt aber auch daran, dass ich kein Festnetztelefon habe und die Türklingel nicht funktioniert. Auf der anderen Seite fehlt mir dort die Nähe zur Unibibliothek in Düsseldorf – von den deutschen Freunden und der Familie mal ganz abgesehen. Darum pendeln wir ziemlich häufig. Das ist ja einer der großen Vorteile am Standort Mallorca: Es gibt pro Tag wahrscheinlich mehr Flüge zwischen Düsseldorf und Palma als Busse zwischen Palma und Manacor.

Da Sie in Spanien eine zweite Heimat haben die Frage: Die Spanier kommen in „Der Palast der Meere“ nicht gut weg. Haben Sie bereits entsprechende Presseerklärungen vorbereitet, damit Ihnen da jetzt keine Repressalien drohen?

Na ja, die Engländer im 16. Jahrhundert ließen wirklich kaum ein gutes Haar an den Spaniern, und es ist natürlich ihre Meinung, die der Roman wiederspiegelt, nicht meine. Die meisten Spanier, die ich kenne, sind verständnisvolle und eher entspannte Menschen, die den Unterschied bestimmt verstehen. Darum rechne ich nicht mit Ausweisung. Ich habe aber trotzdem ein paar erklärende Worte in die Nachbemerkungen zum Roman geschrieben, um meine spanischen Leser nicht vor den Kopf zu stoßen.

Zurück zu „Der Palast der Meere“: Das Buch spielt in der Zeit von 1560 bis 1588. Der Religionskrieg, - in diesem Fall Protestantismus gegen Katholizismus –, Intrigen, Verschwörungen, Attentatsversuche, und wer Geld, Macht und Einfluss hatte, wusste das Recht auf seiner Seite – wie wenig hat sich da eigentlich in den letzten 450 Jahren verändert?

Es stimmt, manchmal, wenn man zurückblickt, könnte man verzweifeln, weil man den Eindruck gewinnt, nichts ist besser, vor allem die Menschen nicht klüger geworden. Stimmt aber nicht. Die Aufklärung, die uns den Gleichheitsgedanken und den Vorrang der Vernunft vor der Religion gelehrt hat, hat zumindest in der westlichen Welt das Leben jedes Einzelnen besser, sicherer und gerechter gemacht. Der wissenschaftliche und medizinische Fortschritt hat uns mehr Lebensqualität und geringere Kindersterblichkeit beschert. Die Frauenbewegung hat zwar noch viel zu tun, aber auch schon viel erreicht. Damit will ich nicht sagen, hier sei irgendetwas perfekt. Aber wir haben seit dem 16. Jahrhundert gewaltige Fortschritte gemacht.

Eine Sache ist radikal anders geworden, und das wird jedem Leser auffallen, obwohl es nie deutlich ausgesprochen wird: Die Frauen waren früher Sklavinnen ihrer Fruchtbarkeit. Ist das Ihrer persönlichen Meinung nach mit ein Grund für den ‚puritanischen Anstand’, zu dem Mädchen früher gezwungen wurden?

Eine komplexe Frage mit vielen Facetten, die vollständig zu beantworten wohl noch einmal 957 Seiten brauchen würde – mindestens! Die Frauen waren zuerst einmal Sklavinnen der religiös, also männlich geprägten Wertvorstellungen und hatten deswegen kein Anrecht auf (sexuelle) Selbstbestimmung: Eine Braut hatte nur dann einen Wert, wenn sie Jungfrau war, und der Lebenserfolg einer Frau – auch einer Königin – bemaß sich nach der Zahl ihrer Kinder. Ein Mann der gehobenen Schichten konnte fremdgehen, ohne gesellschaftlich geächtet zu werden, eine untreue Frau war gesellschaftlich erledigt, wenn sie erwischt wurde. Das lag zum Teil an der feudalistischen Gesellschaftsform: Die Menschen dachten dynastisch, der „Wert“ der Familie wurde vom vererbbaren Landbesitz bestimmt, und es war der Alptraum eines jeden Mannes, sein Land einem „Kuckuckskind“ zu vererben, einem Sohn, der nicht seiner war. Das bedeutete totale Unterdrückung und Zwänge für die Frauen, weitgehende Freiheiten für die Männer, und darum hat es sich auch erst geändert, als die Frauen im industriellen Zeitalter sagten: „So, Jungs, jetzt langt’s“.

Elizabeth I. und Mary Stewart sind zwei historische Persönlichkeiten, die schon viele Schriftsteller beschäftigt haben. Wenn man sich nun so intensiv mit diesen beiden Frauen befasst hat, wie Sie das für „Der Palast der Meere“ mussten: was ist das faszinierendste, was Sie bei Ihrer Arbeit über diese beiden Frauen gelernt haben und vorher nicht wussten?

Schwierig bei beiden Frauen, einen einzelnen Aspekt herauszupicken. Bevor ich mit der Recherche zu einer historischen Figur anfange, weiß ich meist im Groben, wer sie war und was sie getan hat, aber am Ende der 2 Jahre Recherche- und Schreibzeit habe ich das Gefühl oder zumindest die Illusion, sie wirklich zu kennen. Und echte Menschen sind eben komplex. Aber ich versuch es mal. Mary Stewart: Sie war zu Beginn ihrer Regierungszeit eine erfolgreiche und souveräne Königin, obwohl sie die denkbar schlechtesten Startvoraussetzungen hatte. Und als eigentlich nicht mehr viel schiefgehen konnte, hat sie auf einmal angefangen, alles falsch zu machen, und sich scheinbar systematisch selbst vernichtet. Das ist im schauerlichen Sinne „faszinierend“. Elizabeth: Wie in so vielen Dingen das komplette Gegenteil. Zu Anfang eine zutiefst verunsicherte, traumatisierte junge Frau auf dem Thron. Bis an ihr Lebensende litt sie an Depressionen und Panikattacken. Und gleichzeitig eine enorm starke Persönlichkeit, die fast alles richtig gemacht hat während ihrer langen Regentschaft und eine ganze Epoche prägte.

Eine der gelungensten historischen Figuren im Buch ist der Duke of Norfolk. Zunächst versessen darauf, Mary Stewart des Gattenmordes zu bezichtigen und dafür hinrichten zu lassen, verschwört er sich schließlich mit ihr, um Elizabeth zu ermorden und Mary auf den englischen Thron zu setzen. Fällt das in die Kategorie „einmal ein Fanatiker, immer ein Fanatiker“?

Ich würde eher sagen „einmal ein Trottel, immer ein Trottel“. Wankelmut und ein sicheres Gespür für fatale Fehlentscheidungen lagen offenbar in der Familie. Er war der 3. Howard (so hießen die Dukes of Norfolk mit Nachnamen) in Folge, der wegen Hochverrats verurteilt wurde. Sein Großvater zum Beispiel hat zuerst die Heirat zwischen seiner Nichte Anne Boleyn und Henry VIII. eingefädelt, nur um dann wenige Jahre später den widerwärtigen und abgekarteten Scheinprozess gegen Anne zu führen. Wirklich keine sehr sympathische Familie …

Eine große Überraschung wird für viele Leser Ihre Darstellung von Francis Drake sein. Für die meisten von uns ist er schließlich ein strahlender Held, der ultimative Freibeuter, der sein Leben für seine Königin aufs Spiel setzte. Sie zeichnen jetzt ein ganz anderes Bild – wussten Sie vor der Arbeit an „Der Palast der Meere“, dass er diese so ganz andere Seite hatte, oder war das auch für Sie eine Überraschung?

Das war tatsächlich auch für mich die größte Überraschung bei der Recherche, die mir anfangs ein bisschen Kopfzerbrechen bereitet hat, denn eigentlich sollte Drake eine klassische Heldenrolle im Roman übernehmen. Ich habe dann aber schnell gemerkt, dass der widersprüchliche „echte“ Francis Drake eine viel spannendere Romanfigur abgab.

Wenn Sie heute die Chance bekämen, sich Aug’ in Aug’ mit einer der Figuren aus „Der Palast der Meere“ – gleichgültig, ob historisch oder fiktiv – an einen Tisch zu setzen und eine ganze Nacht lang zu unterhalten, für wen würden Sie sich entscheiden und warum?

Das ist einfach. William Shakespeare, natürlich. Es gibt da ein paar Lücken in seiner Biografie, zu denen ich ihn gern befragen würde. Und ich hätte auch nichts dagegen, mit dem größten Dichter aller Zeiten ein bisschen über das schwierige Handwerk des Geschichtenerzählens zu fachsimpeln ;-)

Isabella of Waringham, die jüngere Schwester von Francis, Eleanor und Isaac heiratet in jungen Jahren und bringt ein ganzes Dutzend Kinder zur Welt. Haben Sie damit dafür gesorgt, dass die Waringhams in der Zukunft auch noch andere Kontinente, gegebenenfalls andere Planeten bevölkern können?

Isabella dient als Beispiel für das historische Phänomen der glücklichen Marathon-Mutter. Es gab sie zahlreich, Königin Elizabeths Hofdame Katherine Knollys zum Beispiel hatte 13 Kinder, die urkundlich erwähnt sind, in Wahrheit vielleicht noch mehr. Zum Fortbestand der Waringham muss Isabellas Kinderschar aber nicht herhalten, denn die direkte Linie wird ja fortgesetzt. Der Besiedlung anderer Kontinente oder einem Science Fiction Roman mit einem Waringham am Steuer eines Sternenkreuzers steht also nichts im Wege …

Und zum guten Schluss: Arbeiten Sie bereits am sechsten Waringham-Roman, in welcher Zeit der Geschichte wird der spielen, und worauf dürfen sich Ihre Fans zum Erscheinungstermin von „Der Palast der Meere“ freuen – was ist da geplant?

Mein nächster Roman wird kein Waringham, sondern eine Fortsetzung zu „Das Haupt der Welt sein“. Es geht also wieder um das deutsche Mittelalter, worauf ich mich schon sehr freue.

Zum „Palast der Meere“ sind ein paar tolle Aktionen geplant. Besonders großartig finde ich, dass ein Doppeldeckerbus, der außen den Look des Buchcovers zeigt und innen im Renaissance-Stil gestaltet ist, zwei Wochen lang durch die Republik fahren und in verschiedenen Großstädten halt machen wird, um dort die Kunden von Buchhandlungen zu historischen Stadtrundfahrten einzuladen. In Köln und Mönchengladbach werde ich mit an Bord sein. Und natürlich bin ich auf der Frankfurter Buchmesse – auch am Samstag, wenn die Messe ihre Tore für das lesende Publikum öffnet, und ich freue mich schon sehr darauf, dort möglichst viele meiner Leserinnen und Leser zu treffen.

Interview

Interview | 10.10.2013

»Ich möchte in keiner anderen Zeit leben als heute«Sie hat die Gabe, Menschen für längst vergangene Zeiten zu faszinieren. Millionen von Lesern lieben ihre historischen Romane. Im Interview gibt Rebecca Gablé einen Einblick in ihre Arbeit und in ihre ganz persönliche Geschichte.Frau Gablé, in Ihrem ...

»Ich möchte in keiner anderen Zeit leben als heute«
Sie hat die Gabe, Menschen für längst vergangene Zeiten zu faszinieren. Millionen von Lesern lieben ihre historischen Romane. Im Interview gibt Rebecca Gablé einen Einblick in ihre Arbeit und in ihre ganz persönliche Geschichte.
Frau Gablé, in Ihrem neuen Roman über Otto den Großen sagen Sie über eine der Figuren (Tugomir): »Er sah sich außerstande, sich ein Dasein außerhalb seiner vertrauten Welt vorzustellen« – Ihnen gelingt das sehr gut.
Wie die meisten Menschen im Mittelalter hat Tugomir bis zu diesem Punkt der Erzählung in einer Welt mit einem Radius von etwa zehn Kilometern gelebt. Jenseits davon beginnt das Unbekannte, Bedrohliche und Fremde. Er hatte auch keinen Zugang zu Literatur oder anderen Medien, um seinen Horizont zu erweitern. Beides ist bei mir anders.
Daher auch der Schritt, Ihren sicheren Job als Bankkauffrau zu kündigen, um Schriftstellerin zu werden?
Genau. Obwohl ich realistisch war und nicht geglaubt habe, dass es klappen würde. Aber ich habe gedacht, wenn ich es nicht versuche, werde ich das mein Leben lang bereuen.
Ein mutiger Schritt! Bis dato hatten Sie noch nichts veröffentlicht?
Nein, nur Absagen diverser Verlage erhalten. Bis ich ein Manuskript an Bastei Lübbe geschickt habe. Seither habe ich nie woanders veröffentlicht. Die ersten Verträge habe ich noch ohne Agent gemacht, so auch für »Das Lächeln der Fortuna«. Doch irgendwann, bei einem Bastei Lübbe Dinner während der Frankfurter Buchmesse, kam zu später Stunde – das war wie im Film – ein Mann auf mich zu, steckte mir konspirativ seine Visitenkarte zu und sagte: »Rufen Sie mich mal an«. Seitdem habe ich einen Literaturagenten …
… und schreiben historische Romane. Wie kam es, dass Sie genau dieses Genre für sich entdeckt haben?
Durch mein Studium. Ich habe englische Literatur als Hauptfach gewählt. Die Studienordnung zwang mich, mittelalterliche Sprache und Literatur als Nebenfach zu wählen. Zuerst habe ich gedacht: »Oh Schreck, oh Graus«. Wider Erwarten hat es mir aber von der ersten Sekunde an große Freude bereitet, sodass ich mittelalterliche Sprache und Literatur zu meinem Hauptfach gemacht habe. Ich bekam einen Job am Lehrstuhl und war von da an völlig vom Mittelalter umgeben. Da lag es nahe, auch literarisch etwas in diese Richtung zu probieren, zumal sich der historische Roman zu dieser Zeit zu einem eigenen Genre entwickelte. »Der Medicus« war bereits erschienen und »Die Säulen der Erde« stürmten die Bestsellerliste. Als Leserin hat mich der historische Roman fasziniert. In diesem Genre wollte ich auch schreiben.
Bei dem akademischen Hintergrund drängt sich die Frage auf, wie viel in Ihren Romanen Fakt, wie viel Fiktion ist?
Dem historisch verbrieften Personal meiner Romane, das ja meist in der Überzahl ist, dichte ich keine Taten an, die sie nicht tatsächlich vollbracht haben. Aber in dem Moment, da ich sie zu Romanfiguren mache, werden sie fiktionalisiert. Ich bemühe mich, ihre Charaktere so zu beschreiben, wie sie nach meiner Deutung wahrscheinlich waren, aber dessen ungeachtet werden sie zu Geschöpfen meiner Fantasie mit einer eigenen Ausdrucksweise und Körpersprache, mit Dialogen und Emotionen. Umgekehrt achte ich darauf, dass meine erfundenen Figuren typisch für ihre Zeit sind. Ihre persönliche Geschichte wird immer von den politischen und sozialen Verhältnissen bestimmt, die ihre Epoche geprägt haben. So werden Fakten und Fiktion auf allen Ebenen miteinander verwoben.
Finden Sie die historischen Figuren, die Sie beschreiben, in Ihrer Seele vor? Mit all ihren guten und schlechten Seiten, mit ihren Vorzügen und Lastern?
Um Himmels willen! Dann wäre ich wohl reif für die Anstalt. Sicher gibt es Schriftsteller, die nur ein Spiegelbild ihrer eigenen Seele als literaturtauglich erachten. Das ist aller Ehren wert, aber zu dieser Sorte Schriftsteller gehöre ich nicht. Ich nutze Fantasie, um meine Figuren zu entwickeln. Damit bin ich zum Glück reichlich gesegnet, andernfalls könnte ich mich wohl kaum in einen mittelalterlichen Zeitgeist oder eine männliche Psyche versetzen, um sie glaubhaft zu beschreiben.
Was genau reizt Sie daran, Personen, die seit hunderten von Jahren tot sind, wieder zum Leben zu erwecken?
Der Reiz liegt darin, dass die Vergangenheit, speziell das Mittelalter, sich radikal von der heutigen Zeit unterscheidet, und trotzdem finden wir Vertrautes. Das Mittelalter ist, wie Barbara Tuchman gesagt hat, ein »ferner Spiegel« für uns. Und je gründlicher wir hineinschauen, desto besser können wir verstehen, wie wir zu der Gesellschaft wurden, die wir heute sind.
Was sehen Sie, wenn Sie in diesen »fernen Spiegel« hineinschauen?
Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie viele von unseren heutigen Werten aus dieser Zeit stammen. Vor allem was den Umgang von Männern und Frauen betrifft. Da gibt es heute noch eine Idealvorstellung, die hat auch durchaus noch etwas mit Ritterlichkeit und Galanterie zu tun. Das sind Wertvorstellungen, die eigentlich aus dem 12. Jahrhundert stammen und sich 900 Jahre lang bewahrt haben. Natürlich haben sie sich gewandelt, aber die Ursprünge sind noch sehr klar erkennbar. Ich finde es erstaunlich, dass die Gesellschaft sich so stark verändert hat, aber so ein Wertekodex überdauert.
Otto der Große. Der hat vor rund 1.100 Jahren in Europa für eine neue Ordnung gekämpft. Wo sind Sie ihm begegnet? Wann? Warum Otto?
Ich wollte einen Roman über das deutsche Mittelalter schreiben. Da schien es mir sinnvoll, mit dem Anfang zu beginnen, den viele Historiker bei Otto bzw. seinem Vater festmachen. Darum also Otto. Und wenn man sich fürs Mittelalter interessiert, trifft man ihn zwangsläufig immer wieder, in Büchern, in Ausstellungen etc. Bis vor zwei Jahren waren wir aber nur flüchtige Bekannte. Er war mir vor allem als Schwiegervater der großartigen Kaiserin Theophanu begegnet und kam mir immer ein bisschen furchteinflößend vor: ein graubärtiger Patriarch, der alle und alles beherrscht. Umso verblüffter war ich über den Otto, den ich entdeckte, als ich ihn bei meiner Recherche näher kennenlernte: Er war ein Visionär, aber auch ein Zweifler, er war machtbewusst, aber nicht skrupellos, ein Pragmatiker, aber manchmal naiv, und er war jedes Mal todtraurig, wenn seine Brüder und Söhne gegen ihn rebellierten, was mehr als einmal passiert ist. Obwohl ich mich manchmal fürchterlich über ihn aufgeregt habe, ist er mir doch ziemlich ans Herz gewachsen.
Würden Sie uns zum Schluss noch verraten, in welcher Zeit Sie gerne leben würden?
Ich möchte in keiner anderen Zeit leben als heute, als Frau schon mal gar nicht. Je mehr ich über die Vergangenheit erfahre, desto glücklicher bin ich, dass das Schicksal mich in diese Gegenwart geführt hat.

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