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Autorin

Sarah Goodwin

Sarah Goodwin ist Engländerin. „Stranded – Die Insel“ ist ihr erstes Buch. Neben der Schreiberei liebt sie es, sich mit Büchern kritisch auseinanderzusetzen, und betreibt einen Podcast. Sie lebt im ländlichen Hertfordshire.

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Interview

»WIR LEBEN IN EINER ZEIT, IN DER EXPERTEN VERSCHMÄHT WERDEN UND DIE ÖFFENTLICHE MEINUNG REGIERT« | 16.08.2022

Was können die Leser:innen von „Stranded – Die Insel“ erwarten?Viel Atmosphäre; man wird das Gefühl haben, mit diesen Leuten auf einer Insel gefangen zu sein. Die Survival-Elemente der Geschichte sind sehr detailliert beschrieben. Wenn Sie sich also für Nahrungssuche und Wildcamping interessieren od...

Was können die Leser:innen von „Stranded – Die Insel“ erwarten?
Viel Atmosphäre; man wird das Gefühl haben, mit diesen Leuten auf einer Insel gefangen zu sein. Die Survival-Elemente der Geschichte sind sehr detailliert beschrieben. Wenn Sie sich also für Nahrungssuche und Wildcamping interessieren oder schon immer mit dem Gedanken gespielt haben, naturbezogen zu leben, werden Sie diese Elemente genießen. Und schließlich wartet am Ende von Maddys erschütternder Tortur ein sehr befriedigendes Ende auf die Leser:innen.
Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Hatten Sie zuerst die Handlung oder die Protagonistin im Kopf?
Der Schauplatz war das erste, woran ich gedacht habe. Wie die Insel aussehen würde und wie es sich anfühlen würde, ein ganzes Jahr lang dort zu sein, bei Schnee und Regen. Dann musste ich mir die Art von Protagonistin vorstellen, die das freiwillig mitmacht und warum. Im Laufe der Überarbeitung des Buches habe ich dann noch viel mehr über Maddy und ihre Kindheit herausgefunden, was sie zu der Figur gemacht hat, die sie jetzt ist.
Ihr Roman wurde erstmals im September 2021 in England veröffentlicht, mitten in der weltweiten Pandemie. Wie hat die Pandemie Ihren Schreibprozess und Ihr Buch beeinflusst? Hatten Sie währenddessen Probleme mit dem Schreiben oder hat die Situation geholfen, sich auf das Schreiben zu konzentrieren?
Die Pandemie hatte einen großen Einfluss auf das Buch. Im ersten Entwurf wurden die Inselbewohner wegen einer Pandemie auf dem Festland im Stich gelassen. Aber als ich das Buch fertig hatte, ist das tatsächlich passiert, was ziemlich surreal war. Also änderten wir die Stellen, um dem Buch einen Hauch von Eskapismus zu verleihen, anstatt die schreckliche Realität widerzuspiegeln.
Ich konnte mich viel mehr auf das Schreiben konzentrieren, weil ich nicht mehr als Aushilfe in Büros arbeiten konnte. Außerdem schirmten wir uns die meiste Zeit während des Lektorats ab, weil es in der Familie gesundheitliche Probleme gab. Es gab also nicht viel zu tun, außer zu schreiben.
Haben Sie bestimmte Schreibrituale? Wo schreiben Sie normalerweise?
Ich schreibe an meinem Schreibtisch in meinem Schlafzimmer. Ich habe Playlists mit Naturgeräuschen, die ich beim Schreiben höre. Bei diesem Buch war es eine achtstündige Schleife mit Regen in einem Kiefernwald. Ich hatte auch Weihrauch und ein Duftspray, das nach Zedern und Kiefern roch, um mich in die Situation zu versetzen. Ich habe einige 'New Age'-Glaubenssätze und auf meinem Schreibtisch liegen Kristalle, die einem helfen sollen, sich zu konzentrieren – ich bin aber nicht überzeugt, dass sie immer funktionieren.
Wie und warum sind Sie Schriftstellerin geworden?
Ich wollte Schriftstellerin werden, seit ich ungefähr dreizehn Jahre alt war. Davor wollte ich Gerichtsmedizinerin werden. Als Teenager habe ich ein paar ‚Romane‘ geschrieben, aber ich habe nie gedacht, dass ich eine Chance hätte. Das ist wie der Wunsch berühmt zu werden, es fühlt sich einfach wie eine Fantasie an. An der Universität studierte ich dann Englische Literatur, vermisste aber die kreativeren Aspekte des Fachs. Also wechselte ich zu Kreativem Schreiben und fing an zu glauben, dass ich in diesem Bereich vielleicht tatsächlich Karriere machen könnte.
Sind Sie ein Fan von Thrillern? Wer ist Ihr Lieblingsautor?
Ich habe Thriller schon immer gemocht, obwohl ich erst vor kurzem versucht habe, selbst welche zu schreiben. Die Monkeewrench-Reihe von P.J. Tracy ist seit langem einer meiner Favoriten. Ich habe aber gar nicht so wirklich Lieblingsautoren, sondern eher Lieblingsthemen. Wenn ich einen Klappentext über eine unheimliche Hütte, eine Kommune oder etwas mit Giften und Hexerei sehe, setze ich das Buch auf meine Wunschliste.
Was gefällt Ihnen am Schreiben eines Thrillers? Warum haben Sie gerade dieses Genre für Ihren Debütroman gewählt?
"Stranded" war eigentlich schon mein zweiter Versuch, einen Thriller zu schreiben. Der erste war allerdings eher ein polizeilicher Kriminalroman. Was mich an diesem Genre wirklich gereizt hat, war die Möglichkeit, dunkle und verdrehte Aspekte der Gesellschaft und des menschlichen Verhaltens zu behandeln. Man kann seine Figuren in schreckliche Situationen mit scheinbar unüberwindbaren Hindernissen bringen und dann zusehen, wie sie sich auf eine Art und Weise wehren, die wirklich kathartisch ist. Es ist ein Genre, in dem Frauen nicht nur die Freundin oder das Opfer sind, sie dürfen stark sein. Sie dürfen siegen.
Was machen Sie außer Lesen und Schreiben noch gerne?
Ich interessiere mich sehr für Horrorfilme, die mich auf viele sehr grausame Ideen bringen. Ich bin ein Body-Horror-Fan, daher gehören die Soska Sisters und Cronenberg zu meinen Lieblingsregisseuren. Ich liebe auch Horror-Elemente in Science-Fiction und würde tatsächlich gerne etwas schreiben, das ein bisschen ausgefallener ist, wo es um medizinische Experimente oder futuristische Technologie geht.
Ich liebe auch Computer-Spiele, denn es gibt viele starke Geschichten in diesen Spielen. Man kann sie als Charakter in einer Erzählung erleben, was unglaublich ist. Vor kurzem habe ich mich sehr für die Dishonored-Reihe interessiert, und zwar so sehr, dass ich einen 15.000 Wörter umfassenden Leitfaden für die dazugehörigen Tarotkarten geschrieben habe.
Die Geschichte wird aus der Perspektive von Maddy erzählt. Ihre Protagonistin scheint auf den ersten Blick eher zurückhaltend und ruhig zu sein, eine Beobachterin, die sehr behütet aufgewachsen ist. Wie würden Sie Maddys Charakter in drei Worten beschreiben?
Insular. Intelligent. Kämpferisch.
Finden Sie sich selbst in Maddy wieder?
Maddy basiert bis zu einem gewissen Grad auf mir. Ich war immer die Stille, die gehänselt wurde. Wir sind beide Menschenbeobachter, die sich beim Beobachten wohler fühlen als beim Mitmachen. Ich glaube, wir haben beide ein starkes Bedürfnis, dass Gerechtigkeit Genüge getan wird. Sie hat aber auch viele Eigenschaften, die ich gerne hätte, wie ihre Stärke und ihre wissenschaftlichen Kenntnisse.
Wie würden Sie Maddys Rolle innerhalb der Gruppe auf der Insel beschreiben?
Maddy ist der geborene Sündenbock. Sie passt nicht dazu und versucht es auch nicht wirklich, weil sie aus Erfahrung weiß, dass sie es nicht kann. In einer perfekten Welt wäre sie die Anführerin auf der Insel, eine Fundgrube an Informationen über Pflanzen für Medizin und Nahrung. Die Person, die ihnen hilft, zu überleben. Aber wir leben nicht in einer perfekten Welt. Wir leben in einer Zeit, in der Experten verschmäht werden und die öffentliche Meinung regiert.
In Ihrem Buch beschreiben Sie das Überleben in der Wildnis mit begrenztem Zugang zu Nahrung und Materialien sehr detailliert. Woher stammt Ihr Wissen?
Als Teenager habe ich mich für das Leben unabhängig von öffentlichen Einrichtungen interessiert und ein ganzes Buch über den Bau eines Rundhauses gelesen, weil ich überzeugt war, dass ich das selbst machen könnte. Lange Zeit interessierte ich mich auch sehr für Kräutermedizin und Pflanzenkunde sowie für die Nahrungssuche. Ich hatte eine Phase, in der ich tonnenweise wilde Früchte und Kräuter sammelte und daraus Marmeladen und Gelees herstellte. Ich bin bestimmt kilometerweit um Bristol herumgelaufen, um die Sachen zu pflücken und sie in meine Wohnung zu schleppen. Was die gefährlicheren Pflanzen anbelangt, so habe ich die meisten Details durch einfaches Googeln herausgefunden. Sobald ich einen interessanten Fakt fand, musste ich ihn in die Handlung aufnehmen, wie etwa die Debatte über die Essbarkeit von Fliegenpilzen.
Der eigentliche Kampf ums Überleben beginnt erst, als das Boot, das die Teilnehmer zurückbringen sollte, nicht kommt. Wie verändert sich die Atmosphäre auf der Insel danach?
Die Veränderung ist ziemlich plötzlich, denn es geht nicht mehr darum, bis zum Ende durchzuhalten, sondern um das Überleben auf unbestimmte Zeit. Plötzlich steht hundertmal mehr auf dem Spiel. Es gibt keinen Rettungsanker, wenn das Essen ausgeht oder sie verletzt werden – es gibt niemanden am Ende eines Telefons. Sie befinden sich plötzlich in einer realen Überlebenssituation, die nicht nur erfunden ist.
Wussten Sie schon immer, wie die Geschichte endet? Planen Sie normalerweise das gesamte Buch vor dem Schreiben oder entwickeln Sie die Geschichte währenddessen?
Normalerweise plane ich nicht die ganze Geschichte, aber ich habe einen Punkt in der Mitte, auf den ich zusteuere. In diesem Fall war es das Schiff, das nicht kommt. Das war der Punkt, an dem die zweite Hälfte des Buches beginnen sollte. Der Rest der Handlung entwickelte sich mehr oder weniger organisch, je nachdem, in welcher Jahreszeit sie sich befanden und welche Probleme sich daraus ergeben würden. Oder wie die Figuren auf Rationierung, schlechte Nachrichten und Verletzungen reagieren würden. Ich habe mich auch mit Themen beschäftigt, die mir sehr am Herzen liegen – wie Schwangerschaft und die Gefahren, die sie mit sich bringt, wenn es keine medizinische Versorgung und keine Möglichkeit für einen Schwangerschaftsabbruch gibt.
Wären Sie bereit, an einem solchen TV-Projekt mitzuwirken? Oder wäre das eher Ihr persönlicher Albtraum? Für wie realistisch halten Sie die Idee Ihrer Sendung?
Ich liebe die Idee ... im Prinzip! In der Realität bin ich wahrscheinlich zu schwach, um das durchzuziehen. Wie Maddy bin ich auch nicht die Beste darin mit Gruppendynamiken umzugehen, also würde ich wahrscheinlich bei Gruppenbildungen auf der Strecke bleiben. Ich bin jedoch wirklich fasziniert von alternativen Wohnformen. Im Moment überlege ich, einen Van fürs Campen und Reisen umzubauen.
Shows wie diese hier gibt es wirklich, aber sie haben mehr Sicherheitsnetze und mehr Personal von außen. Ich habe die Show auf Dinge wie Castaway 2000 und Eden aufgebaut, die beide aufgrund der Erfahrungen der Teilnehmer:innen umstritten sind. Würde eine Show jemals so weit gehen wie in dem Buch? Ich würde gerne nein sagen, aber Reality-TV wird immer extremer. Menschen haben sich aufgrund von Talkshows das Leben genommen, und Teilnehmer sind während der Dreharbeiten zu Survival-Shows aufgrund von Hitze, Dehydrierung und anderen Komplikationen gestorben. Es ist ein sehr schockierendes Thema, über das man mehr lesen sollte.
Fernsehsendungen wie die Amazon-Serie „The Wilds“ sind derzeit sehr beliebt. Was, glauben Sie, fasziniert die Menschen am Thema Überleben in der Wildnis?
Ich glaube, für manche ist es wie eine Flucht. Eine Situation, die ganz anders ist als das Leben, das wir führen. Es ist aufregend, es gibt immer einen Hauch von Gefahr. Aber für manche liegt der Reiz auch darin, dass Überlebenssituationen das Beste und das Schlimmste im Menschen zum Vorschein bringen. Sie erzeugen Dramatik und bringen die Dinge auf eine Weise auf den Punkt, wie es komplexere, zivilisierte Settings nicht können, weil es zu viele Regeln und zu viele Konsequenzen für die Figuren gibt.
Wo ist der perfekte Ort, um Ihr Buch zu lesen? Auf einer verlassenen Insel?
Das wäre sehr gruselig! Wenn Sie eine Insel finden können, nur zu, aber ich würde vielleicht eine Hütte im Wald vorschlagen. Irgendwo, wo es nachts sehr dunkel und still wird.
Arbeiten Sie bereits an etwas Neuem? Können Sie uns etwas darüber erzählen?
Ich arbeite gerade bereits an meinem dritten Roman für Avon Books. Der Titel lautet 'The Resort' und es geht um ein Paar, das auf dem Weg zu einer Hochzeit in einem Skigebiet ist. Auf dem Weg dorthin hat ihr Auto eine Panne und sie suchen Zuflucht in einer verlassenen Hütte – nur am nächsten Morgen wacht unsere Hauptfigur auf und ihr Mann ist spurlos verschwunden. Das Buch soll Anfang 2023 erscheinen.
Haben Sie einen Rat für angehende Schriftsteller:innen?
Mein bester Tipp ist, mit einem neuen Buch weiterzumachen, wenn man mal nicht weiterkommt. Ich habe über zwanzig Romane geschrieben, die nicht veröffentlicht wurden, und sie waren alle eine gute Übung, aber schließlich musste ich etwas Neues ausprobieren.
Ich empfehle auch, das Buch nicht durchzulesen, bevor es beendet ist. Abgesehen von der Überprüfung von Namen und Daten gehe ich nicht noch einmal durch die Story, bevor das Buch fertig ist. Ich würde sonst endlos an den ersten paar Kapiteln herumfeilen, anstatt am Rest zu arbeiten. Seien Sie wie ein Hai – bewegen Sie sich weiter, oder Sie werden sterben.
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