Stefanie Argow - Autor
© Sebastian Singwald / © Karin Hirl

Autorin

Stefanie Argow

Stefanie Argow (links) ist Diplom-Sozialpädagogin und professionelle Fährtenleserin. Sie arbeitet unter anderem für Universi­täten, Forschungsinstitute und Naturschutzorganisationen. Neben der Unterstützung von wissenschaftlichen Projekten, wie zum Beispiel in Auswilderungs- oder Besenderungssprojekten, lehrt sie auf Exkursionen die Spuren und Zeichen von Wildtieren zu finden und richtig zu interpretieren. Hierzu reist sie in die Wildnis Namibias und der Slowakei, streift durch die Stadtwildnis Berlins und die Weiten Brandenburgs.

Interview

"Wir möchten den Lesern anhand der Spuren das Leben der Wildtiere näher bringen." | 03.09.2020

Sie beide sind international zertifizierte Fährtenleserinnen – was bedeutet das? Wie muss man sich die entsprechende Prüfung dazu vorstellen?Stefanie Argow: Die in Südafrika gegründete Organisation Cybertracker bewertet weltweit das Können von Fährtenlesern und hat einen Standard für die Qualifikati...

Sie beide sind international zertifizierte Fährtenleserinnen – was bedeutet das? Wie muss man sich die entsprechende Prüfung dazu vorstellen?
Stefanie Argow: Die in Südafrika gegründete Organisation Cybertracker bewertet weltweit das Können von Fährtenlesern und hat einen Standard für die Qualifikation geschaffen. Gerade in Afrika arbeiten Fährtenleser in wichtigen Bereichen wie zum Beispiel Anti-Wilderer Einheiten oder sie unterstützen Wissenschaftler bei der Datenaufnahme in Bezug auf Wildtiere. Da ist es wichtig zu wissen, ob der- oder diejenige überhaupt Spurenlesen kann. Cybertracker führt zwei Arten von Prüfungen durch. Zum einen gibt es die Kategorie „Track & Sign“, bei der man zwei Tage lang draußen Fragen zu allen möglichen Arten von Spuren beantworten muss. Das können Fragen zu Fußabdrücken, Federn, kleinen Löchern im Boden oder Kratzer an einem Baumstamm sein. Alle Zeichen, die auf ein wildlebendes Tier vom Insekt bis zum Säugetier hinweisen, werden abgefragt. Die zweite Kategorie ist das „Trailing“ – eine frische Fährte verfolgen und das Tier unbemerkt finden. Hier wird es also richtig spannend, die einzelnen Funde fügen sich zu einer Geschichte. Mit all unseren Sinnen sind wir unterwegs, um nicht doch einen Vogelalarm zu überhören oder eine Änderung der Windrichtung zu verpassen. Und wenn alles klappt, steht am Ende der Fährte ein Tier, das wir unbemerkt beobachten können.
Ulrike Fokken: Bei einer Trailingprüfung gehen wir in einer kleinen Gruppe raus und werden auf der Fährte nach unterschiedlichen Kriterien bewertet, wie zum Beispiel unser Verhalten in der Natur oder die Wahrnehmung der Umgebung. In Deutschland ist es ja nicht gefährlich in der Natur, aber in Afrika kann das Leben der Fährtenleser davon abhängen, ob sie einen Löwen rechtzeitig wahrnehmen. Der Begründer von Cybertracker, Louis Liebenberg, geht davon aus, das vor 100.000 Jahren das Spurenlesen der Beginn der wissenschaftlichen Arbeit war. Zeichen für Zeichen haben die Menschen sich das Leben der Tiere und die Natur erschlossen.
Wie sind Sie darauf gekommen, sich mit Tierspuren zu beschäftigen?
Ulrike Fokken: Als Kind bin ich schon mit meinem Großvater auf die Pirsch gegangen und habe schon immer so viel wie möglich in der Natur gelebt. Indem ich die Tierspuren lese, trete ich in die mir sonst verschlossene Welt der Tiere ein und erfahre ein bisschen aus ihrem Leben und von den Geschichten, die im Wald oder auch im Stadtpark passieren. Mit dem Spurenlesen lerne ich sozusagen meine Nachbarn erst richtig kennen.
Stefanie Argow: (lacht) Wie kann man sich NICHT damit beschäftigen wollen? Mich haben Wildtiere schon immer fasziniert und es hat mich schlicht und einfach genervt, dass ich die auf Spaziergängen und Wanderungen gefundenen Fußabdrücke nicht zuordnen konnte. Am Anfang stand also die reine Faszination und Neugier.
Welche Überraschungen stecken in Tierspuren, die man im städtischen Park oder im heimischen Wald entdecken kann?
Stefanie Argow: Ich glaube die größte Überraschung ist, dass überall Tierspuren zu finden sind. Zwischen Hochhäusern liegt eine Habichtfeder, an einer dreispurigen Straße läuft ein Igel durch den Matsch. Was mich zu Beginn wirklich überrascht hat, dass auch jedes Tier in seinen Spuren seine Persönlichkeit zeigt. Manche sind zum Beispiel vorsichtiger und laufen verstecktere Routen als andere mutigere Artgenossen. Und manchmal haben einzelne Individuen sogar bei der Futtersuche ihren ganz eigenen Stil und sind – wenn man sein Revier gut kennt – daran zu erkennen.
Ulrike Fokken: Am spannendsten sind die ganz frischen Spuren, wenn der Fußabdruck im Sand oder Schnee jedes Detail wie mit einem Messer gestochen widergibt und das Tier quasi noch in der Luft greifbar ist. Das kann ein Fuchs oder eine Maus sein, die gerade kurz vor mir über den Weg galoppiert ist.
Was war die erstaunlichste Fährte, die Sie je hierzulande entdeckt haben?
Ulrike Fokken: Erstaunlich sind eigentlich immer wieder die Spuren und Fährten, die eine Geschichte erzählen, eine Sequenz aus dem Leben des Tieres. Wenn ich sehe, dass ein Rothirsch von einem Busch zum anderen gegangen ist und überall mal ein bisschen geknabbert hat oder ich sehe, dass ein Mauswiesel von einem Stein durch eine Schneewehe gesprungen ist wie der Pudel durch den brennenden Reifen im Zirkus und ich mich frage, woher das Mauswiesel weiß, dass es da gut durch kommt.
Stefanie Argow: Das finde ich wirklich schwer zu beantworten, ich habe schon so viele tolle Geschichten entdecken dürfen. Manche Funde sind einfach lustig, zum Beispiel die Fährte eines Dachses im Sand, der vom Trab in den Galopp übergegangen ist und auf einmal eine Vollbremsung hingelegt hat, da er sonst in das von links angaloppierende Reh hineingelaufen wäre, das ebenfalls voll gebremst hatte. Manche Funde sind unerwartet, wie der Kokon einer Gottesanbeterin auf einer Brachfläche in Berlin. Andere Funde sind irrsinnig spannend, wie die Überreste eines Rehs, das eventuell von einem Wolf gerissen wurde.
Sie beide geben Ihr Wissen gern weiter: Ulrike Fokken im Rahmen von Wildnis-Seminaren, Stefanie Argow zum Beispiel auf Exkursionen im In- und Ausland mit Biologen, Ökologen, Naturschützern oder interessierten Privatpersonen. Mit welcher Motivation kommen die Leute zu Ihnen?
Stefanie Argow: Die meisten meiner Teilnehmer kommen zu mir, um das Handwerk des Fährtenlesens zu lernen und anschließend in ihre Arbeit einzubauen. Biologen, die wissen möchten, wo sie zum Beispiel ihre Wildtierkameras am besten platzieren. Oder Fotografen die wissen möchten, wo und wann sie die beste Chance haben ein bestimmtes Tier zu fotografieren. Andere Teilnehmer möchten anhand der Spuren einfach mehr über Wildtiere lernen oder wissen, welche tierischen Nachbarn sie haben.
Ulrike Fokken: Die Teilnehmer meiner Seminare haben eine große Sehnsucht nach Natur. Und die Leute sind neugierig und wollen was lernen über die Natur, wissen aber nicht, wie sie es machen sollen. Dann gehen wir zusammen raus und setzen uns erstmal auf die Erde, hören, sehen, riechen und nehmen mit allen Sinnen wahr.
Haben Sie den Eindruck, das Interesse an der heimischen Natur wächst?
Stefanie Argow: Ja. Das bemerke ich am großen Interesse an meinen Workshops und an den zunehmenden Anfragen von Medien.
Ulrike Fokken: Ja, ganz unbedingt. Die Menschen spüren, dass da was verkehrt läuft mit der Naturzerstörung, die zu solchen entsetzlichen Entwicklungen führt, dass zwei Drittel der Insektenmasse in den vergangenen 30 Jahren verschwunden ist und mehr Tierarten auf den Roten Listen als gefährdet und vom Aussterben bedroht stehen. Das Interesse an der Natur zeigt sich dann politisch wie in Bayern beim Volksbegehren für den Artenschutz oder, dass mehr und mehr Menschen in die Natur gehen und etwas über die Pflanzen und Tiere erfahren wollen. Sie betrachten die Natur nicht als reinen Abenteuerspielplatz oder Event-Arena, sondern haben ein echtes Interesse.
Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?
Ulrike Fokken: Die meisten Menschen leben in Städten und arbeiten in geschlossenen Gebäuden. Sie sehnen sich nach frischer Luft, Bewegung und echten Erfahrungen. Ihre Seele ruft nach Wildnis.
Stefanie Argow: Ja, da gehe ich mit. Wir können ohne Natur nicht sein. Sie tut nicht nur der Seele gut, sondern ist auch spannend, wenn man nur genauer hinsieht.
Was sind die häufigsten Irrtümer und Missverständnisse im Zusammenhang mit Tierspuren?
Stefanie Argow: Die Erfahrung aus meinen Touren hat gezeigt, dass viele Leute nur an Fußabdrücke denken, dabei umfasst Spurenlesen viel mehr. Außerdem sind die Teilnehmer doch oft überrascht, wie exakt diese Wissenschaft ist.
Ulrike Fokken: Und der größte Fehler, den auch wir zig Mal gemacht haben, ist, sich zu schnell festzulegen und zu schnell zu urteilen. Wie Stefanie sagt: Spurenlesen ist Wissenschaft. Es kommt auf die Details an, darauf, sehr genau hinzuschauen.
Gibt es so etwas wie ein Talent zum Fährtenlesen oder ist das eine Fähigkeit, die jeder gleichermaßen erlernen kann?
Ulrike Fokken: Mindestens 300.000 Jahre sind Menschen umhergezogen und haben vom Jagen und Sammeln gelebt. Die Fähigkeit, Tierspuren zu lesen, steckt in uns, aber wir müssen sie natürlich wieder lernen und üben. Am Anfang mussten auch wir erst wieder lernen zu sehen und die Strukturen im Gehirn anlegen, um eine Unregelmäßigkeit auf dem Boden zu entdecken oder die Achtsamkeit entwickeln, das wackelnde Ohr eines Rehs im Halbschatten wahrzunehmen.
Stefanie Argow: Jeder kann Spurenlesen lernen. Manche lernen schneller als andere, was meist damit zusammenhängt wie viel Zeit sie draußen verbringen. Jeder Abdruck sieht je nach Untergrund und wie schnell das Tier dort entlang gelaufen ist, anders aus, da sind viele Stunden draußen notwendig, um die Unterschiede zu verinnerlichen. Beim Trailing geht es aber auch darum, in der Lage zu sein, sich in ein anderes Lebewesen hineinversetzen zu können.
Verändert die Fähigkeit, Tierspuren zu lesen, womöglich das Leben? Oder zumindest die Einstellung zum Leben und der Natur? Wie haben Sie das bei sich selbst erlebt?
Stefanie Argow: Ja, für mich kann ich das definitiv bestätigen! Als ich anfing, hatte ich das Gefühl, dass die Tür zu einem neuen, erweiterten Kosmos aufging. Der Stadtpark, in dem ich immer mit meiner Hündin spazieren gehe, war auf einmal voller Tiere! Nach dem Motto: „Same same, but different“. Und mit dem neuen Bewusstsein, welche Vögel, Säugetiere, Insekten dort leben, änderte sich natürlich auch meine Sichtweise auf den menschlichen Umgang mit der Natur. Heute ist es eher so, dass ich mich bewusst zusammen reißen muss, mal nicht nach Spuren zu gucken, wenn ich unterwegs bin. Spurenlesen macht nämlich auch ein klein wenig süchtig.
Ulrike Fokken: Na, wenn ich Spuren und Fährten lese, tauche ich eben viel tiefer in die Natur ein, als wenn ich nur so hindurch laufe. Ich lerne die Tiere in ihrem Lebensraum kennen und ich sehe ja, wie anstrengend das Leben der Wildtiere in ihrem natürlichen Umfeld aber eben auch in der Zivilisation ist, wie mühsam es sein muss, Nahrung zu finden oder einen sicheren ruhigen Ort, um die Jungen großzuziehen. Ich lerne die Tiere besser kennen und das stärkt meine Verbindung und damit wächst auch mein Gefühl der Verantwortung für die Natur.
Wo macht es Ihnen am meisten Vergnügen, Fährten zu suchen und zu lesen? Haben Sie so etwas wie ein Lieblingsrevier?
Ulrike Fokken: In Deutschland ist das die Lausitz, da sind riesige Sandflächen und eine große Vielfalt an Tierarten, deren Fährten wir folgen und deren Spuren uns begeistern. Wildschweine, Rothirsche, Rehe, Damhirsche, Füchse, Dachse und natürlich die Wölfe. Ich mag aber auch Gegenden, die ich über viele Jahre kennengelernt habe wie die Sierra Nevada in Andalusien oder ein Waldstück in der Uckermark, in dem ich die Tiere kenne, da ich ihre Spuren sehr oft gesehen habe und daher auch Veränderungen wahrnehme.
Stefanie Argow: Ja, da schließe ich mich an, die Lausitz ist mit den vielen Sandflächen super. Aber ich erkunde auch gern neue Gegenden. Es fühlt sich für mich dann so an, als würde ich ein neues spannendes Buch beginnen zu lesen.
Und gibt es besonders gute Orte für Anfänger? Was wäre ein guter Start, wenn sich jemand das allererste Mal auf die Suche nach Fährten machen möchte?
Stefanie Argow: Einsteiger können zum Beispiel an matschigen Flussufern besonders unter Brücken beginnen. Dort halten sich die Spuren lange, da sie nicht vom Regen weggespült werden. Aber eigentlich kann man überall da, wo ein guter Spurenuntergrund ist, Spuren finden. Zum Beispiel auf einem lehmigen Feldweg nach dem Regen, auf dem Sand an einer Baustelle, in einer Matschpfütze auf einem Waldweg.
Ulrike Fokken: Und Spuren hinterlassen ja nicht nur die Füße. Gut sichtbar sind oft auch die Würstchen und Kackböppel, über die wir in „Spuren lesen“ ausführlich schreiben. Entscheidend ist eigentlich, mit offenen Augen durch die Natur zu gehen oder besser noch, auf die Knie zu gehen und den Boden mal von nahem zu betrachten.
Sie haben gemeinsam das Buch „Spuren lesen“ geschrieben. Was war Ihnen dabei besonders wichtig? Wen und was möchten Sie mit dem Buch erreichen?
Stefanie Argow: Wir möchten den Lesern anhand der Spuren das Leben der Wildtiere näher bringen. Durch unsere erlebten Geschichten möchten wir zeigen, dass uns Wildtiere überall umgeben: wir alle haben tierische Nachbarn mit denen wir zusammen leben. Wir möchten den Lesern Wissen vermitteln und damit auch die Angst vor dem Unbekannten, vielleicht auch Neuen nehmen. Im übertragenen Sinne quasi zum Völkerverständnis beitragen (lacht).
Ulrike Fokken: Das hast du schön gesagt! Wir wollen den Menschen eine Wertschätzung für die Natur und die darin lebenden Tiere vermitteln, egal ob es eine Ameise, eine Krähe, ein Wildschwein oder ein Wolf ist. Alle zusammen bilden erst die Ökosysteme, von denen auch unser Leben als Mensch abhängt.
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