Susanne Thiele - Autor
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Autorin

Susanne Thiele

Susanne Thiele - geb .1970, Leiterin der Presse- und Kommunikationsstelle des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung in Braunschweig. Die studierte Mikrobiologin und Biochemikerin hat für verschiedene Tageszeitungen und Journale geschrieben. Sie moderiert Expertendiskussionen und ist in der Medienszene hoch vernetzt. Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke – Wie Mikroben unseren Alltag bestimmen (2019 bei HEYNE) war ihr erstes Sachbuch zum Trendthema Mikrobiom und gute und schädliche Keime in unserem Alltag.

Interview

»Wissenschaft und die realen Menschen, die forschen, schreiben die unglaublichsten Geschichten« | 13.09.2021

Sie sind ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Autorinnenduo: Kathrin Lange, Sie schreiben erfolgreich Romane für Jugendliche und Erwachsene und Sie, Susanne Thiele, sind studierte Mikrobiologin und Biochemikerin. Können Sie sich den Leser:innen kurz vorstellen?Kathrin: Mein Name ist Kathrin Lange...

Sie sind ein auf den ersten Blick ungewöhnliches Autorinnenduo: Kathrin Lange, Sie schreiben erfolgreich Romane für Jugendliche und Erwachsene und Sie, Susanne Thiele, sind studierte Mikrobiologin und Biochemikerin. Können Sie sich den Leser:innen kurz vorstellen?
Kathrin: Mein Name ist Kathrin Lange, und ich schreibe schon, so lange ich denken kann. 2005 erschien mein Debüt, und seitdem habe ich mehr als 25 Romane in verschiedenen Genres veröffentlicht. 2014 habe ich mich auf Thriller verlegt, die einen aktuellen oder politischen Bezug haben – politische und wissenschaftliche Themen und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, das interessiert mich. Ganz im Gegensatz dazu verhalten sich meine Jugendromane, die zwar auch immer viel Wert auf Spannung legen, bei denen aber viel mehr heile Welt und Romantik eine Rolle spielen.
Susanne: Die Zweite im Duo bin ich – Susanne Thiele – Biologin und Wissenschaftsjournalistin. Ich habe im Jahre 2013 angefangen, nebenberuflich Bücher zu schreiben. In meinem Hauptberuf bin ich seit vielen Jahren in der Wissenschaftskommunikation als Pressesprecherin tätig für verschiedene Forschungsinstitutionen, aktuell am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Ich habe bisher zwei Sachbücher geschrieben, die biologische Themen rund um Evolution & Partnerwahl, Mikroben, Mikrobiom und Gesundheit humorvoll erklären. Über Erzählungen und Kurzgeschichten kam ich später zum belletristischen Schreiben und die Idee von einem eigenen spannenden Science-Thriller entstand.
Wie haben Sie sich beide kennengelernt?
Kathrin: Wir haben uns das erste Mal auf der Tagung einer regionalen Kulturinitiative getroffen. Es ging dort um das Thema „Vernetzung“, und das haben wir beide dann auch gleich wörtlich genommen.
Susanne: Wir haben zufällig beim Kaffee zusammengestanden, waren uns sehr sympathisch und haben noch auf dieser Veranstaltung die ersten Ideen für PROBE 12 entwickelt.
Wie kam es dazu, dass Sie zusammen einen thematischen Thriller geschrieben haben? Was hat Sie beide daran besonders gereizt?
Susanne: Ich wusste bereits, dass Kathrin Thrillerautorin ist, und hatte die Grundidee für den Roman bereits im Kopf. So kamen wir auf der Autorentagung miteinander ins Gespräch und dachten uns schnell, dass wir uns perfekt ergänzen können.
Kathrin: Ich hatte zu der Zeit eine Anfrage eines Verlages nach einem Science-Thriller und war kurz davor, sie abzulehnen, weil ich mir die Recherche – vor allem zeitlich – nicht zutraute. Als Susanne mir dann von ihrer Idee erzählte und ich ihr von dieser Verlagsanfrage, war relativ schnell klar, dass wir etwas Gemeinsames machen wollten.
Wieviel wissenschaftliche Fachexpertise steckt von Ihnen, Frau Thiele, in PROBE 12?
Susanne: Als Mikrobiologin und Journalistin an einem Infektionsforschungszentrum habe ich einen ganz natürlichen Zugang zu spannenden Trendthemen aus der Forschung. Wissenschaft und die realen Menschen, die forschen, schreiben die unglaublichsten Geschichten.
Wie würden Sie Ihr Buch in drei Wörtern beschreiben?
Kathrin: Mir fallen nur zwei ein: Spannend. Und realistisch.
Susanne: Fakten und Fiktion und Edutainment, also die Vermittlung von Wissen auf beiläufige und unterhaltsame Weise.
Worum geht es in PROBE 12?
Kathrin: In Georgien wird ein führender Wissenschaftler ermordet, dessen Lebenswerk eine innovative Medizin gegen antibiotikaresistente Keime war. Nina Falkenberg, die Ziehtochter des ermordeten Forschers, selbst engagierte Wissenschaftsjournalistin, versucht herausfinden, was geschehen ist. Vor allem aber will sie das Vermächtnis ihres Vaters retten: 12 hochwirksame Medikamentencocktails. Ihre Suche danach führt sie nach Berlin, wo sie auf den Foodhunter und Blogger Tom Morell stößt. Dessen Tochter Sylvie leidet an einem nur noch schwer behandelbaren antibiotikaresistenten Keim und droht daran zu sterben. Als klar wird, dass eine der 12 Proben Sylvie retten kann, tun Nina und Tom sich zusammen. Das ist ein nicht ganz ungefährliches Unterfangen, denn es gibt noch andere, die hinter den Proben her sind, und sie scheuen vor Gewalt nicht zurück.
Susanne: Es steckt viel Realität in PROBE 12. Wenn wir von Medikamentencocktails reden, meinen wir eine innovative Methode, um antibiotikaresistenten Bakterien mit ihren natürlichen Feinden den – Bakteriophagen (= kurz Phagen) zu bekämpfen. Ich will hier nicht zu viel verraten, aber das ist eine fast vergessene Therapie, die schon vor hundert Jahren entdeckt wurde und in einigen Ländern der ehemaligen Sowjetunion weiter praktiziert wurde, z. B. in Georgien – einem unserer Romanorte. Mit der zunehmenden Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen und multi­resistenten Bakterien rückt das alte Therapiekonzept heute wieder in das Interesse der Forscher.
Inwieweit hat die Corona-Pandemie Ihren Schreibprozess und die Entstehung des Thrillers noch beeinflusst?
Kathrin: Zunächst natürlich hat es uns organisatorisch vor Herausforderungen gestellt. Wir wohnen nur wenige Kilometer voneinander entfernt, und eigentlich war der Plan, sich so oft wie möglich zu treffen und an dem Buch zu arbeiten. Das ging wegen Corona dann nicht mehr, ließ sich aber durch Zoom und Co. recht gut auffangen. Den größeren Einfluss hatte die Pandemie aber auf ein wichtiges Detail unseres Themas. Ursprünglich war die Idee nämlich, Sylvie Morell an einem multiresistenten Tuberkulosekeim leiden zu lassen.
Susanne: Als sich im März 2020 abzeichnete, dass die Tuberkuloseforschung im Zuge der Impfstoffentwicklung gegen Corona eine große Rolle spielen und dass es womöglich sehr schnell ein neues Medikament gegen resistente Tuberkulose geben könnte, hat dies unserer Romanprämisse die Grundlage genommen. Ich musste in der Recherche noch einmal völlig neu ansetzen, einen anderen passenden resistenten Erreger und eine andere Krankheit finden. Das führte dazu, dass wir auch etliche andere Teile des Romans noch einmal umstricken mussten. Das ist leider immer die Gefahr, da wir nah an der Realität schreiben.
Was waren die stärksten Motive und Inspirationen für PROBE 12?
Susanne: Ich habe durch meine beruflichen Stationen viel mit den Gefahren antibiotikaresistenter Bakterien zu tun. Das ist ein spannendes Thema, was jeden im Alltag angeht. Daher finde ich es legitim, diese Trendthemen auch in die gehobene Unterhaltungsliteratur einzuarbeiten, wie wir es mit unserem Science-Thriller gemacht haben. Zudem wollte ich schon immer etwas zur faszinierenden Phagentherapie schreiben und das ließ sich in unserem Projekt wunderbar kombinieren.
Kathrin: Dadurch, dass ich mich in meinen Thrillern immer wieder an aktuellen und relevanten gesellschaftlichen Themen abarbeite, war die Chance, mit Susanne dieses Buch zu schreiben, ein Glücksfall für mich.
Welche besondere Herausforderung stellt das Schreiben eines Science-Thrillers bzw. eines thematischen Thrillers für Sie dar?
Kathrin: Für mich war es eine Riesenherausforderung, das geballte Fachwissen, das Susanne mitbringt, zu verstehen und dann herauszufinden, wo darin der Kern für einen glaubwürdigen und spannenden Thrillerplot liegt. Bestand früher ein Großteil meiner Arbeit aus Recherchen, so hatte ich diesmal eher zu viel als zu wenig Informationen. Gleichzeitig war das aber auch ein Segen, denn ich kannte es bisher ja nicht, einfach bei jeder inhaltlichen Frage zum Telefonhörer greifen zu können und quasi sofort eine Antwort zu haben, mit der ich weiterarbeiten konnte.
Susanne: (lacht) Dafür haben mir manchmal die Plotwendungen, die Kathrin für unseren rasanten Thriller brauchte, etwas Kopfzerbrechen bereitet, damit sie noch in der wissenschaftlichen Realität lagen. Aber mit einer Nacht drüber schlafen und etwas Kreativität haben wir immer eine Lösung untereinander ausgehandelt.
Kathrin: „Ausgehandelt“ trifft es gut. (lacht)
Gibt es eine wissenschaftliche Grundlage für das Buch? Wenn ja, welche Aspekte im Zusammenhang mit multiresistenten Bakterien sind wissenschaftlich belegt?
Susanne: Leider gehört die Gefahr der Antibiotika-Resistenzen zu unserem Alltag. Die gefürchteten multiresistenten Keime breiten sich seit den 1940er-Jahren aus. Bis zu 95 Prozent der Staphylococcus-Stämme in Kliniken – bekannter unter der Bezeichnung MRSA oder auch Krankenhauskeim – sind schon resistent. Viele Umstände haben das begünstigt: von falschen oder vorzeitig abgesetzten Medikamenten bis zum landwirtschaftlichen Masseneinsatz von Antibiotika in der Viehzucht. Kritisch wird es, wenn Medikamente, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als „Reserveantibiotika“ für den Menschen eingestuft sind, weltweit in der Tiermast eingesetzt werden und auf diese Weise in die menschliche Nahrungskette gelangen. Die Antibiotikakrise ist zu einer globalen Bedrohung geworden. Es ist eine potenziell explosive Lage, eine Zeitbombe – allerdings eine, die in Zeitlupe explodieren wird. Wir haben für unser Buch das reale Szenario eines panresistenten Pseudomonas-Bakteriums gewählt. Wir Menschen sind mobil, wir reisen, und all das führt dazu, dass wir Keime mit gefährlichen Multiresistenzen, die wir in und an uns tragen, aus Ländern einschleppen, in denen der Verkauf von Antibiotika weniger oder gar nicht reguliert ist als bei uns. Wenn diese Bakterien dann ihre Resistenzgene mit anderen multiresistenten Erregern tauschen, werden sie zur Gefahr. Dass in der Folge panresistente Erreger entstehen können, gegen die alle gängigen Antibiotika nicht mehr wirken, ist bisher zwar noch selten, aber leider schon jetzt Wirklichkeit.
Auf einer Skala von 1 bis 10 wie realistisch ist Ihr Thriller?
Kathrin: 9
Susanne: Ja da gehe ich mit – 9. An einer Stelle im Thriller haben wir uns zugunsten der Dramaturgie entschieden, die Realität etwas zu biegen. Das wird im Nachwort erklärt.
Was gefällt Ihnen am Thriller-Genre besonders?
Kathrin: Ich mag es, dass man in diesem Genre wichtige Themen und Fragen unserer Zeit verhandeln und dabei spannend und unterhaltsam erzählen kann. Idealerweise lesen die Menschen unser Buch bis morgens um halb drei, weil sie es nicht mehr aus der Hand legen können, und haben, wenn sie es ausgelesen haben, ein paar neue Erkenntnisse gewonnen.
Susanne: Ich finde das Science-Thriller-Genre ideal, um Geschichten über wissenschaftliche Zukunftsthemen mit all ihren Potenzialen und Gefahren anhand spannender Protagonisten mit zum Teil dunklen Seiten zu erzählen. So kann ich Wissenschaft sehr gut unterhaltend vermitteln.
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