Tina Frennstedt - Autor
© Gabriel Liljevall

Autorin

Tina Frennstedt

Tina Frennstedt arbeitet als Kriminalreporterin beim schwedischen Fernsehen und ist – wie die Protagonistin ihrer COLD-CASE-Krimireihe – Expertin für Mordfälle, die jahrzehntelang nicht aufgeklärt wurden. Ihre Reportagen sind preisgekrönt und bilden den realitätsnahen Hintergrund für ihre Krimis, deren Schauplatz das südschwedische Österlen ist. Der erste Band, COLD CASE – DAS VERSCHWUNDENE MÄDCHEN, war ein großer Erfolg und wurde in Schweden als bestes Krimidebüt 2019 ausgezeichnet.
Die folgenden COLD-CASE-Bände setzen diese Erfolgsgeschichte fort. Tina Frennstedt lebt in Stockholm.

Interview

»Tina Frennstedt ist eine der erfahrensten Kriminalreporterinnen Schwedens und eine Spezialistin für Cold Cases.« | 29.01.2021

TEXT: Margarete von SchwarzkopfGeboren und aufgewachsen ist sie in Schonen, dem südlichsten Teil Schwedens, in der alten Universitätsstadt Lund. In Lund hat sie unter anderem Schwedisch und Politikwissenschaft studiert. Obwohl Tina Frennstedt heute in Stockholm lebt, hängt ihr Herz noch immer an die...

TEXT: Margarete von Schwarzkopf
Geboren und aufgewachsen ist sie in Schonen, dem südlichsten Teil Schwedens, in der alten Universitätsstadt Lund. In Lund hat sie unter anderem Schwedisch und Politikwissenschaft studiert. Obwohl Tina Frennstedt heute in Stockholm lebt, hängt ihr Herz noch immer an dieser Region. »Es ist wunderschön dort«, schwärmt sie. Einen »vielfarbigen Flickenteppich« nannte Selma Lagerlöf einst dieses Gebiet mit seinen sanften Hügeln, weiten Feldern und Wäldern. So wundert es nicht, dass die Cold-Case-Thriller der am 19. April 1969 geborenen Autorin rund um Malmö spielen, das gerade mal zwanzig Kilometer entfernt von Lund liegt.
Doch auch im südlichen Schweden können die Winter hart und lang, die Sommer viel zu kurz sein, der Regen im Frühjahr nerven. Deshalb spielt das Wetter in den Romanen von Tina Frennstedt eine große Rolle. »Wir sind alle vom Wetter abhängig«, sagt sie. »Unsere Reaktionen auf den Wechsel der Jahreszeiten und des Wetters prägen unseren Charakter, unseren Alltag. Das Wetter gleicht in meinen Romanen einem ambivalenten Charakter mit unterschiedlichen Launen.« Insbesondere hasst Tina Stürme oder heftigen Wind. In ihrem ersten Cold-Case-Roman, DAS VERSCHWUNDENE MÄDCHEN, beschreibt sie die Folgen eines furchtbaren Sturms. »Darin spiegeln sich meine eigenen Ängste und mein Respekt vor den Naturgewalten wider«, meint sie.
Ohnehin spielen in ihre Romane durchaus autobiografische Erfahrungen hinein. Die junge Tina Frennstedt wurde nach einem Jahr auf einer Journalistenschule Reporterin und kam so nach Stockholm. Ihre journalistische Karriere begann bei der auflagenträchtigen Tageszeitung EXPRESSEN. Sie bearbeitete damals unterschiedliche Themen. Eines Tages aber wurde sie mit dem Mord an einer Frau konfrontiert, deren Mörder auch nach vielen Jahren nicht gefasst worden war. »Mir wurde klar, wie schrecklich das für die Betroffenen sein muss. Die Familie, die Freunde der Toten, aber auch für Personen, die in den Verdacht geraten, eventuell der oder die Täter zu sein. Und wenn der wahre Täter nicht gefunden wird, klebt dieser Verdacht für immer an ihnen, zumal heute im Internet ja ständig Geschichten verbreitet, aber selten korrigiert werden. Nach dieser Reportage beschloss ich, Kriminalreporterin zu werden.«
Tina Frennstedt erarbeitete sich bald den Ruf als Schwedens beste Spezialistin auf diesem Gebiet. »Ich kam mir selbst irgendwann wie ein Detektiv vor, denn während der Prozesse überlegte ich, wie denn der Fall, der jeweils verhandelt wurde, wirklich verlaufen sein könnte, was die Verdächtigen verschwiegen, was die Polizei übersehen haben könnte.« Und irgendwann kam ihr der Gedanke, sich näher mit dem Thema Cold Case zu befassen und darüber Romane zu schreiben. »Ich wollte eine Polizistin als Hauptfigur, da ich selbst ungern Krimis lese, in denen irgendein Privatmensch den Ermittler spielt. Mein erster Gedanke war tatsächlich eine weibliche Ermittlerin in den Mittelpunkt zu stellen. Eine ambitionierte Frau mit einem komplexen Privatleben, lesbisch wie ich es bin, die eng mit ihren Kollegen zusammenarbeitet und sich mit viel Empathie an ihre Arbeit begibt. Sie möchte vor allem den Verwandten der Opfer endlich Gewissheit über das Schicksal der Opfer bringen und engagiert sich deshalb mit großer Verve. Und so ist Tess entstanden, eine Frau in mittleren Jahren mit einem großen Herzen, aber einigen privaten Problemen.« Im ersten Fall gelingt es Tess, die bei der Polizei in Malmö arbeitet, eine Verbindung zwischen Verbrechen aufzubauen, die fast zwanzig Jahre auseinanderliegen. Es beginnt mit dem Verschwinden einer Schülerin und endet mit der Enttarnung eines kaltblütigen Mörders.
Im zweiten Buch DAS GEZEICHNETE OPFER, ist Tess, nunmehr Anfang vierzig, getrennt von ihrer großen Liebe Angela. Sie wird getrieben von einer großen Sehnsucht: Sie möchte ein Kind. Darin spiegelt sich ein tiefgreifendes Erlebnis und eine der elementarsten Erfahrungen der Autorin selbst wider: Vor knapp vierzehn Jahren wollte Tina ein Kind. Doch ihre damalige Lebensgefährtin lehnte dies rigoros ab. Die beiden Frauen trennten sich, und Tina reiste nach Kopenhagen zu einer Kinderwunschklinik, um sich mit Hilfe von künstlicher Befruchtung ihren Traum zu erfüllen. »Ich gehöre zu den sehr seltenen Fällen, bei denen dies sofort geklappt hat. Oft unterziehen sich Frauen vielen langwierigen Prozeduren, die nicht nur teuer sind, sondern psychisch sehr belastend und oft auch mit der bitteren Erfahrung enden, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleiben wird. Ich dagegen wurde beim ersten Versuch schwanger, meine Tochter ist heute zwölf Jahre alt. Meine damalige Lebensgefährtin kam dann für eine Weile zu mir zurück, aber inzwischen sind wir längst getrennt, und ich ziehe meine Tochter zwar nicht ganz alleine auf, fühle mich aber für sie hauptverantwortlich. Ich bin noch immer dankbar, dass mir dieses Glück beschert worden ist.«
Ob Tess tatsächlich schwanger und ein eigenes Kind bekommen wird, bleibt im zweiten Roman noch ungeklärt. Das erhöht die Spannung auf eine Fortsetzung zusätzlich. Den Fall oder besser die Fälle, die einmal mehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpfen, kann Tess aufklären. Sehr geschickt wartet der Roman mit unterschiedlichen Erzählperspektiven auf und erzeugt dadurch unterschwellige Suspense. Was am Anfang logisch wirkt, wird durch überraschende Wendungen immer wieder in Frage gestellt. Dem Buch zugrunde liegt auch ein wahrer Fall, der Tod eines jungen Mannes namens Niklas, im Buch heißt er Max Lund. Er starb vor dreißig Jahren, sein Mörder ist bis heute nicht gefasst. Seine Leiche wurde an der ROUTE 9, die vom Meer durch Schonen nach Norden führt, entdeckt. Der schwedische Titel lautet deshalb auch VÄG 9. »Eine der schönsten Strecken in Schweden. Eigentlich alles andere als ein Tatort. Deshalb war der Fall besonders schockierend. Man fand den jungen Mann in einem Graben, sein Fahrrad war verschwunden, tauchte aber wieder auf. Ein Fahrraddieb hatte es sich genommen. Auch das fließt in meinen Roman ein. Ich habe die Verwandten von Niklas gefragt, ob ich sein Schicksal in dem Plot verarbeiten dürfe. Sie haben zugestimmt. Aber alles andere, was in der Gegenwart spielt, ist Fiktion.«
Tina Frennstedt plant noch sieben weitere Folgen mit der Ermittlerin Tess Hjalmarsson und ihrer rechten Hand Marie Erling. Sie arbeitet gerade am dritten Buch, das in Schweden im kommenden Juni erscheinen soll. »Im dritten Band steht Tess eindeutig im Mittelpunkt der Handlung. Ereignisse aus ihrer eigenen Vergangenheit, indirekt auch eine Art von Cold Case, da gewisse Fragen nie beantwortet wurden, beschäftigen sie und werfen einen Schatten auf ihr Leben.«
Tina hat diese »öden Wochen«, wie sie den durch Corona belasteten Sommer nennt, für die Arbeit an ihrem Roman genutzt. »Schreiben ist eine wunderbare Therapie«, lauten ihr Fazit und ihr Motto für die Zukunft.
Denn immerhin hat sie in diesen tristen Monaten auch eine gute Nachricht erhalten: Das schwedische Fernsehen plant eine Verfilmung der Cold-Case-Romane. »Das motiviert mich, weiterzuschreiben. Denn das Fernsehen braucht ja genügend Stoff für diese Filme. Allerdings werde ich mich nicht an der Produktion beteiligen, auch keine Drehbücher selbst schreiben. Das überlasse ich den TV-Profis.« Eines aber hat Tina Frennstedt ganz klar ausgehandelt: Ihre Tess darf auf keinen Fall verändert werden und etwa plötzlich mit einem Ehemann dastehen. »Tess ist, wie sie ist, und sie bleibt wie sie ist. Über alles andere kann man diskutieren.« Einen großen Wunsch hat die Autorin für 2021: »Ich möchte sehr gerne wieder nach Deutschland reisen. Dort habe ich viele Leser, und ihnen wieder zu begegnen, ist eine meiner größten Hoffnungen.«
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