Tina Frennstedt - Autor
© Gabriel Liljevall

Autorin

Tina Frennstedt

Tina Frennstedt arbeitet als Kriminalreporterin beim schwedischen Fernsehen und ist – wie die Protagonistin ihrer COLD-CASE-Krimireihe – Expertin für Mordfälle, die jahrzehntelang nicht aufgeklärt wurden. Ihre Reportagen sind preisgekrönt und bilden den realitätsnahen Hintergrund für ihre Krimis, deren Schauplatz das südschwedische Österlen ist. Der erste Band, COLD CASE – DAS VERSCHWUNDENE MÄDCHEN, war ein großer Erfolg und wurde in Schweden als bestes Krimidebüt 2019 ausgezeichnet.
Die folgenden COLD-CASE-Bände setzen diese Erfolgsgeschichte fort. Tina Frennstedt lebt in Stockholm.

Interview

»Ich interessiere mich mehr für die Psyche eines Menschen als für Blut und verschiedene Waffentypen.« | 14.12.2021

Worum geht es im dritten Band der Reihe um die schwedische Polizistin Tess Hjalmarsson und ihr Team, das in Österlen ermittelt und in einer Spezialeinheit alte Fälle aufklärt? Diesmal scheint es, dass ein Brandstifter Häuser in Österlen niederbrennt. An den zerstörten Häusern werden Ziffern gefunden...

Worum geht es im dritten Band der Reihe um die schwedische Polizistin Tess Hjalmarsson und ihr Team, das in Österlen ermittelt und in einer Spezialeinheit alte Fälle aufklärt?

Diesmal scheint es, dass ein Brandstifter Häuser in Österlen niederbrennt. An den zerstörten Häusern werden Ziffern gefunden. Tess und ihr Team sind gerade dabei, den Tod einer jungen Frau zu untersuchen, als sie die Ermittlungen in den Brandfällen übernehmen sollen. Tess bringt bald darauf einige brisante Details in Erfahrung, die sie eine Verbindung zu einem Cold Case vermuten lassen, der sich vor 15 Jahren ereignete und den sie und die Polizei seinerzeit nicht lösen konnten.

Wie ist die Hauptfigur Tess entstanden und was war Ihnen bei der Konzeption der Figur besonders wichtig?

Ich habe die Figur der Tess vor zehn Jahren erfunden. Am Anfang arbeitete sie als Psychiaterin mit dem Schwerpunkt Verbrechensbekämpfung. Ich glaube, ich war anfangs ein wenig unsicher, ob ich die Arbeitsweise einer Polizistin richtig beschreiben kann. Dann wurde mir klar, dass ich schon so viel mit der Polizei zusammengearbeitet hatte, dass ich die Polizeiarbeit vielleicht sogar besser kannte als viele andere Menschen. So wurde aus Tess schließlich eine Polizistin, die sich mit Cold Cases beschäftigt. Auf diese Weise konnte ich meine eigenen Erfahrungen einbringen, da ich selber viel über ungelöste Fälle geschrieben habe.

Für mich war es ganz selbstverständlich, dass sie lesbisch ist, aufgrund meines eigenen Lebens. Wenn man aufwächst, ist es sehr wichtig, Vorbilder in verschiedenen Bereichen zu haben. Ich entdeckte, dass es fast keine berühmten homosexuellen Figuren oder Krimiautorinnen und -autoren gab, was mir etwas seltsam vorkam. Außerdem war es mir wichtig, dass Tess eine hingebungsvolle, sympathische Figur ist, anders als ihr Sidekick, Marie.

Ihre Kriminalromane kommen ohne unnötige Szenen von Gewalt und Blutvergießen aus. Stattdessen erzeugen Sie auf subtile Art Spannung und richten den Fokus auf die Opfer von Gewaltverbrechen. Worauf legen Sie beim Schreiben von Kriminalromanen besonders wert?

Ich versuche, die verschiedenen Arten zu beschreiben, wie ein unaufgeklärtes Verbrechen Menschen beeinflussen kann. Unschuldige, Verwandte, Freunde, Polizisten, manchmal sogar ein ganzes Dorf. Ich interessiere mich mehr für die Psyche eines Menschen und menschliche Beziehungen als für Blut und verschiedene Waffentypen.

Versetzen Sie sich beim Schreiben eher in die Rolle der Ermittler:innen oder die der Täter:innen?

In die Rolle der Ermittler (zum Glück!). Wenn ich nicht Journalistin oder Schriftstellerin wäre, würde ich gerne als Mordermittlerin tätig sein. Ich mag die Art und Weise, wie man als Ermittler das komplette Bild Stück für Stück zusammensetzt. Manche Verbrechen bleiben nicht deswegen unaufgeklärt, weil die Ermittlungen schlecht geführt wurden, sondern wegen Missverständnissen oder falschen Zeugenaussagen und das macht es für mich umso interessanter.

Was sind die stärksten Motive und Inspirationen für Ihre Bücher?

Einerseits dem Thema Cold Cases einen größeren Raum zu geben. Andererseits möchte ich aber auch eine starke weibliche Polizistin als Hauptfigur schaffen. In meinen Büchern spielen Frauen die Hauptrolle und Männer stehen in der zweiten Reihe. Abgesehen von der Mordhandlung schreibe ich auch gerne über starke Gefühle und Ereignisse im Leben, wie Scheidung, Verlassenwerden, Süchte, Elternschaft. Ein weiteres starkes Motiv für das Schreiben ist es, zu unterhalten, sowohl mich selbst als auch die Leser.

In Ihren Büchern treffen Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Wie entwickeln Sie Ihre Plots für die Cold Case-Reihe?

Um den Cold Case "zu erwecken", muss immer etwas Neues passieren. Man braucht einen aktuellen Fall, um etwas Action rein zu bekommen, sonst wäre es ein bisschen langweilig. (Was die meisten realen Ermittlungen ja oftmals sind ...) Der schwierige Teil besteht darin, diese natürliche Verbindung zu finden, die es spannend macht. Normalerweise lasse ich mich von einem echten Cold Case inspirieren. Ich finde es spannend, wahre Details einzubauen und meine Polizistin Tess den Fall lösen zu lassen, hoffentlich zur gleichen Zeit, wie die Leser verstehen, "wer es getan hat". Ein guter Weg ist es, die Leser sehen zu lassen, was in der Vergangenheit passiert ist und alles Stück für Stück zusammenzusetzen.

Wie viel Recherche haben Sie für das neue Buch Cold Case – Das gebrannte Kind betrieben?

Ich habe einige Nachforschungen angestellt und mit Feuerwehrleuten gesprochen, um die Details und die Fachausdrücke richtig hinzubekommen. Ich habe auch einige neue Orte recherchiert und natürlich mit meiner echten Cold-Case-Polizei gesprochen. Die Geschichte ist, wie auch bei den ersten beiden Bänden der Reihe, von einem realen ungelösten Fall inspiriert. Es handelt sich um den Mord an einer Frau. Einige der Details, wie z. B. die Rauchmelder, die der Täter zu zerstören scheint, habe ich aus einem anderen wahren Fall übernommen, den ich letztes Jahr für eine TV-Dokumentation aufgearbeitet habe.

Wie beeinflusst Ihre eigene berufliche Tätigkeit als Kriminalreporterin und Spezialistin für Cold Cases Ihren Schreibprozess?

Die Details aus den Cold Cases reizen mich, denn sie stellen das Geheimnisvolle dar. Wie die weiße Tonerde in Cold Case – Das gezeichnete Opfer (das ist immer noch ein großes Fragezeichen im wahren Fall). In meinem neuen Kriminalroman Cold Case – Das gebrannte Kind sind es eine Flasche Wein und zwei Gläser unter einem Bett, die das große Rätsel darstellen und die die Verbindung zur Lösung des Falles sein könnten.

Im dritten Band Ihrer Reihe spielt beim Cold Case – sehr zur Freude der deutschen Leser:innen – auch die Deutsche Kriminalpolizei eine nicht unbedeutende Rolle. Wie ist die Idee entstanden, dass Spuren in der Ermittlung nach Deutschland führen?

Deutschland und das Südschweden, in dem meine Bücher spielen, haben eine enge Verbindung zueinander. Man kann Deutschland leicht mit dem Boot oder dem Auto erreichen, und in meiner Kindheit kauften viele Deutsche Sommerhäuser in Österlen. Mir macht es Spaß, eine kleine internationale Perspektive zu haben. In meinen Büchern kommt auch eine dänische Profilerin vor. Und außerdem ist Deutschland ein viel größeres Land und man hat so auch viel mehr Morde!
Was gefällt Ihnen am Krimi-Genre besonders?
Es umfasst viele Themen und Gefühle. Solche wie Recht, Psychologie, Recherche, Beziehungen und Spannung, Trauer, Angst, Erleichterung, Glück, Rache, Liebe....
Was ist Ihr Rezept für einen richtig guten Krimi?

Wahre und interessante Charaktere, die mit großen und kleinen Hindernissen im Leben zu kämpfen haben. Gemischt mit großen Emotionen, einem spannenden Plot und dem Anspruch, den Lesern eine gute Zeit bescheren zu wollen.

Interview

»Tina Frennstedt ist eine der erfahrensten Kriminalreporterinnen Schwedens und eine Spezialistin für Cold Cases.« | 29.01.2021

TEXT: Margarete von SchwarzkopfGeboren und aufgewachsen ist sie in Schonen, dem südlichsten Teil Schwedens, in der alten Universitätsstadt Lund. In Lund hat sie unter anderem Schwedisch und Politikwissenschaft studiert. Obwohl Tina Frennstedt heute in Stockholm lebt, hängt ihr Herz noch immer an die...

TEXT: Margarete von Schwarzkopf
Geboren und aufgewachsen ist sie in Schonen, dem südlichsten Teil Schwedens, in der alten Universitätsstadt Lund. In Lund hat sie unter anderem Schwedisch und Politikwissenschaft studiert. Obwohl Tina Frennstedt heute in Stockholm lebt, hängt ihr Herz noch immer an dieser Region. »Es ist wunderschön dort«, schwärmt sie. Einen »vielfarbigen Flickenteppich« nannte Selma Lagerlöf einst dieses Gebiet mit seinen sanften Hügeln, weiten Feldern und Wäldern. So wundert es nicht, dass die Cold-Case-Thriller der am 19. April 1969 geborenen Autorin rund um Malmö spielen, das gerade mal zwanzig Kilometer entfernt von Lund liegt.
Doch auch im südlichen Schweden können die Winter hart und lang, die Sommer viel zu kurz sein, der Regen im Frühjahr nerven. Deshalb spielt das Wetter in den Romanen von Tina Frennstedt eine große Rolle. »Wir sind alle vom Wetter abhängig«, sagt sie. »Unsere Reaktionen auf den Wechsel der Jahreszeiten und des Wetters prägen unseren Charakter, unseren Alltag. Das Wetter gleicht in meinen Romanen einem ambivalenten Charakter mit unterschiedlichen Launen.« Insbesondere hasst Tina Stürme oder heftigen Wind. In ihrem ersten Cold-Case-Roman, DAS VERSCHWUNDENE MÄDCHEN, beschreibt sie die Folgen eines furchtbaren Sturms. »Darin spiegeln sich meine eigenen Ängste und mein Respekt vor den Naturgewalten wider«, meint sie.
Ohnehin spielen in ihre Romane durchaus autobiografische Erfahrungen hinein. Die junge Tina Frennstedt wurde nach einem Jahr auf einer Journalistenschule Reporterin und kam so nach Stockholm. Ihre journalistische Karriere begann bei der auflagenträchtigen Tageszeitung EXPRESSEN. Sie bearbeitete damals unterschiedliche Themen. Eines Tages aber wurde sie mit dem Mord an einer Frau konfrontiert, deren Mörder auch nach vielen Jahren nicht gefasst worden war. »Mir wurde klar, wie schrecklich das für die Betroffenen sein muss. Die Familie, die Freunde der Toten, aber auch für Personen, die in den Verdacht geraten, eventuell der oder die Täter zu sein. Und wenn der wahre Täter nicht gefunden wird, klebt dieser Verdacht für immer an ihnen, zumal heute im Internet ja ständig Geschichten verbreitet, aber selten korrigiert werden. Nach dieser Reportage beschloss ich, Kriminalreporterin zu werden.«
Tina Frennstedt erarbeitete sich bald den Ruf als Schwedens beste Spezialistin auf diesem Gebiet. »Ich kam mir selbst irgendwann wie ein Detektiv vor, denn während der Prozesse überlegte ich, wie denn der Fall, der jeweils verhandelt wurde, wirklich verlaufen sein könnte, was die Verdächtigen verschwiegen, was die Polizei übersehen haben könnte.« Und irgendwann kam ihr der Gedanke, sich näher mit dem Thema Cold Case zu befassen und darüber Romane zu schreiben. »Ich wollte eine Polizistin als Hauptfigur, da ich selbst ungern Krimis lese, in denen irgendein Privatmensch den Ermittler spielt. Mein erster Gedanke war tatsächlich eine weibliche Ermittlerin in den Mittelpunkt zu stellen. Eine ambitionierte Frau mit einem komplexen Privatleben, lesbisch wie ich es bin, die eng mit ihren Kollegen zusammenarbeitet und sich mit viel Empathie an ihre Arbeit begibt. Sie möchte vor allem den Verwandten der Opfer endlich Gewissheit über das Schicksal der Opfer bringen und engagiert sich deshalb mit großer Verve. Und so ist Tess entstanden, eine Frau in mittleren Jahren mit einem großen Herzen, aber einigen privaten Problemen.« Im ersten Fall gelingt es Tess, die bei der Polizei in Malmö arbeitet, eine Verbindung zwischen Verbrechen aufzubauen, die fast zwanzig Jahre auseinanderliegen. Es beginnt mit dem Verschwinden einer Schülerin und endet mit der Enttarnung eines kaltblütigen Mörders.
Im zweiten Buch DAS GEZEICHNETE OPFER, ist Tess, nunmehr Anfang vierzig, getrennt von ihrer großen Liebe Angela. Sie wird getrieben von einer großen Sehnsucht: Sie möchte ein Kind. Darin spiegelt sich ein tiefgreifendes Erlebnis und eine der elementarsten Erfahrungen der Autorin selbst wider: Vor knapp vierzehn Jahren wollte Tina ein Kind. Doch ihre damalige Lebensgefährtin lehnte dies rigoros ab. Die beiden Frauen trennten sich, und Tina reiste nach Kopenhagen zu einer Kinderwunschklinik, um sich mit Hilfe von künstlicher Befruchtung ihren Traum zu erfüllen. »Ich gehöre zu den sehr seltenen Fällen, bei denen dies sofort geklappt hat. Oft unterziehen sich Frauen vielen langwierigen Prozeduren, die nicht nur teuer sind, sondern psychisch sehr belastend und oft auch mit der bitteren Erfahrung enden, dass der Kinderwunsch unerfüllt bleiben wird. Ich dagegen wurde beim ersten Versuch schwanger, meine Tochter ist heute zwölf Jahre alt. Meine damalige Lebensgefährtin kam dann für eine Weile zu mir zurück, aber inzwischen sind wir längst getrennt, und ich ziehe meine Tochter zwar nicht ganz alleine auf, fühle mich aber für sie hauptverantwortlich. Ich bin noch immer dankbar, dass mir dieses Glück beschert worden ist.«
Ob Tess tatsächlich schwanger und ein eigenes Kind bekommen wird, bleibt im zweiten Roman noch ungeklärt. Das erhöht die Spannung auf eine Fortsetzung zusätzlich. Den Fall oder besser die Fälle, die einmal mehr Vergangenheit und Gegenwart miteinander verknüpfen, kann Tess aufklären. Sehr geschickt wartet der Roman mit unterschiedlichen Erzählperspektiven auf und erzeugt dadurch unterschwellige Suspense. Was am Anfang logisch wirkt, wird durch überraschende Wendungen immer wieder in Frage gestellt. Dem Buch zugrunde liegt auch ein wahrer Fall, der Tod eines jungen Mannes namens Niklas, im Buch heißt er Max Lund. Er starb vor dreißig Jahren, sein Mörder ist bis heute nicht gefasst. Seine Leiche wurde an der ROUTE 9, die vom Meer durch Schonen nach Norden führt, entdeckt. Der schwedische Titel lautet deshalb auch VÄG 9. »Eine der schönsten Strecken in Schweden. Eigentlich alles andere als ein Tatort. Deshalb war der Fall besonders schockierend. Man fand den jungen Mann in einem Graben, sein Fahrrad war verschwunden, tauchte aber wieder auf. Ein Fahrraddieb hatte es sich genommen. Auch das fließt in meinen Roman ein. Ich habe die Verwandten von Niklas gefragt, ob ich sein Schicksal in dem Plot verarbeiten dürfe. Sie haben zugestimmt. Aber alles andere, was in der Gegenwart spielt, ist Fiktion.«
Tina Frennstedt plant noch sieben weitere Folgen mit der Ermittlerin Tess Hjalmarsson und ihrer rechten Hand Marie Erling. Sie arbeitet gerade am dritten Buch, das in Schweden im kommenden Juni erscheinen soll. »Im dritten Band steht Tess eindeutig im Mittelpunkt der Handlung. Ereignisse aus ihrer eigenen Vergangenheit, indirekt auch eine Art von Cold Case, da gewisse Fragen nie beantwortet wurden, beschäftigen sie und werfen einen Schatten auf ihr Leben.«
Tina hat diese »öden Wochen«, wie sie den durch Corona belasteten Sommer nennt, für die Arbeit an ihrem Roman genutzt. »Schreiben ist eine wunderbare Therapie«, lauten ihr Fazit und ihr Motto für die Zukunft.
Denn immerhin hat sie in diesen tristen Monaten auch eine gute Nachricht erhalten: Das schwedische Fernsehen plant eine Verfilmung der Cold-Case-Romane. »Das motiviert mich, weiterzuschreiben. Denn das Fernsehen braucht ja genügend Stoff für diese Filme. Allerdings werde ich mich nicht an der Produktion beteiligen, auch keine Drehbücher selbst schreiben. Das überlasse ich den TV-Profis.« Eines aber hat Tina Frennstedt ganz klar ausgehandelt: Ihre Tess darf auf keinen Fall verändert werden und etwa plötzlich mit einem Ehemann dastehen. »Tess ist, wie sie ist, und sie bleibt wie sie ist. Über alles andere kann man diskutieren.« Einen großen Wunsch hat die Autorin für 2021: »Ich möchte sehr gerne wieder nach Deutschland reisen. Dort habe ich viele Leser, und ihnen wieder zu begegnen, ist eine meiner größten Hoffnungen.«
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