Autor

Tom Jacuba

Tom Jacuba ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Jacuba war bis Mitte der 90er Jahre Diakon und Sozialpädagoge und schrieb vorwiegend Satiren, Kurzgeschichten und Kinderbücher. Seither ist er freier Autor und verfasst Fantasyromane, historische Romane, Spannungs- und Science-Fiction-Geschichten. Er erhielt 2001 den Deutschen Phantastik-Preis als Autor des Jahres.

Interview

„Gute Geschichten müssen von Liebe und Tod handeln, hat Reich-Ranicki mal gesagt. Recht hat er gehabt.“ | 22.04.2015

Wie kamen Sie auf die Idee zu der Geschichte?Anfang der 90er Jahre träumte ich einmal von einem barbarischen Jäger im Schilf eines Waldsees. Daraus entstand damals ein Gedicht mit dem Titel „Der Waldmann“. Die Figur hat mich nie mehr losgelassen. Später kam das Motiv der spielenden Magier dazu, das ...

Wie kamen Sie auf die Idee zu der Geschichte?
Anfang der 90er Jahre träumte ich einmal von einem barbarischen Jäger im Schilf eines Waldsees. Daraus entstand damals ein Gedicht mit dem Titel „Der Waldmann“. Die Figur hat mich nie mehr losgelassen. Später kam das Motiv der spielenden Magier dazu, das ich auch schon in anderen Geschichten variiert habe. Das Profil der Hauptfigur, also des Waldmanns, schärfte sich im Laufe der Zeit an anderen literarischen Helden. So wuchsen mir Figuren und Geschichte nach und nach zu.
Sie haben in dem Buch eine ganz neue Welt erschaffen. Haben Sie sich dabei von realen Schauplätzen inspirieren lassen?
Von meiner Heimat, dem Spreewald, allerdings in seinem ursprünglichen, wilden Zustand – den kenne ich natürlich nur aus Büchern. Dann vom Auenwald des Oberrheins. Hier findet man inzwischen wieder Stellen, die sich der urwüchsigen Altrheinlandschaft, wie sie einmal gewesen ist, zumindest annähern. Und schließlich von Bildern und Beschreibungen Tibets und der peruanischen und bolivianischen Anden. Persönlich war ich noch nicht in Südamerika.
Sie sind in Düsseldorf geboren, haben bei dem slawischen Volksstamm der Wenden Ihre Kindheit verbracht und sind in Karlsruhe aufgewachsen. Sie sprechen dabei selber von „Entwurzelung“. Auch in Kalypto lässt sich dieses Thema erkennen. Hat das Buch autobiografische Züge?
Kann man Geschichten erzählen, ohne biographischen Stoff zu verarbeiten? Ich glaube nicht. In einzelnen Figuren, Handlungssträngen oder -orten schimmert die eigene Erfahrung doch immer irgendwie durch. Und es stimmt – und überrascht mich selbst – in vielen meiner Geschichten spielt Entwurzelung eine Rolle. Auch in „Kalypto“.
Ihr Hauptcharakter Lasnic versucht sich vor der Verantwortung zu drücken, sein Volk als Waldfürst anzuführen. Warum haben Sie einen Helden mit Schwächen gewählt?
Wahrscheinlich fehlt mir die Fantasie, Geschichten über Helden zu erzählen, die keine Schwächen haben. Das kriege ich einfach nicht hin. Einen Bösewicht ohne eine einzige gute Seite habe ich schon einmal zustande gebracht, finde ich aber im Grunde auch nicht erzählenswert. In „Kalypto“ jedenfalls verzichte ich bis jetzt darauf.
Am Ende des ersten Bandes zeichnen sich „Gut und Böse“ zwar bereits deutlicher ab, doch die meisten Figuren haben noch Chancen, über sich hinaus zu wachsen, sich zu entwickeln oder aber Opfer ihrer Schwächen zu werden und zu scheitern.
Lasnic durchlebt im Buch eine große Verwandlung. Gab es für ihn ein reales Vorbild?
Nein, zumindest ist mir keines bewusst. Literarische Vorbilder fallen mir durchaus einige ein – etwa König David, König Artus oder Moses – ich hatte sie beim Erzählen allerdings nicht vor Augen. Doch Schreiben ist ja zum nicht geringen Teil ein unbewusster Akt, d.h.: Das ganze kulturelle Erbe und alles, was der Schreiber je gelesen, gehört und gesehen hat, ist ihm irgendwie gegenwärtig und fließt ggf. in seine Tastatur, ohne dass er es gleich merkt. So wird mir jetzt erst, während ich diese Frage beantworte, klar, dass ja auch Moses das Säuglingsalter eigentlich nicht hätte überleben dürfen und dass auch er zunächst vor einer Aufgabe gekniffen hat, die das Leben bzw. Gott ihm stellte. Genau wie Lasnic.
Die Magier des untergegangenen Kalypto wollen ein neues Reich errichten und dafür eines der existierenden Völker versklaven. Was fasziniert Sie an den Magiern als die „böse Macht“?
Ihre Blindheit für die anderen. Nicht ihr Wesen ist ja böse, nicht ihr Charakter, sondern das, was sie in dieser Blindheit tun. Das wiederum deformiert ihr Wesen natürlich mit der Zeit. Die Magier von Kalypto sind wie die Fanatiker und Fundamentalisten unserer Zeit – sie meinen das Gute und richten Böses an. Sie sind Global Players im schlechtesten Sinne. Wie viele Global Players unserer Tage, streben sie nach Wachstum, Wohlstand und Exzellenz, als wäre es ein Selbstzweck, und sie tun es nur für sich selbst. Dabei verschließen auch die Magier von Kalypto die Augen vor der Zerstörung, die sie mit ihrer großen Macht anrichten, oder beschönigen und rationalisieren sie mit auf den ersten Blick stichhaltigen Gründen.
Noch lieber würde ich natürlich von „guten“ Magiern wie Gandalf oder Merlin erzählen, doch mir scheint, die sind selten: So viel Macht, so großen Einfluss und dennoch nicht korrumpiert? Solche überirdischen Gaben dennoch selbstlos und immer das Wohl der Menschheit im Auge? Vielleicht entwickelt sich ja die eine oder andere Figur aus „Kalypto“ noch in diese Richtung. Wir werden sehen.
Mit welcher Figur können Sie sich persönlich am meisten identifizieren?
Mit dem Waldmann Lasnic. Sehr nahe ist mir allerdings auch seine Gegenspielerin, die Magierin Catolis.
Das Waldvolk zu dem Lasnic gehört, hat magische Fähigkeiten. Manche von ihnen können mit Tieren sprechen. Wäre das auch eine Eigenschaft, die Sie sich wünschen würden?
Ja! Nicht nur die Fähigkeit, sich mit den anderen Kreaturen zu verständigen, sondern überhaupt, der Natur näher zu sein und sie unmittelbarer zu erleben – das ist tatsächlich eine Sehnsucht, die mir vertraut ist. Bei Lasnic ist das übrigens weniger eine magische als eine natürliche Fähigkeit.
Sie haben bereits Science-Fiction-Romane, Kinderbücher, Dark-Mystery-Romane, historische Romane und Fantasyromane geschrieben. Was macht Ihnen am meisten Spaß und worin liegt dabei der Unterschied für Sie im Schreibprozess?
Am häufigsten stockt der Schreibprozess, wenn ich historische Romane schreibe. In manchen Phasen muss ich mich bei jedem dritten Satz vergewissern, dass ich keinen Unsinn dichte und die historischen Fakten aus meinen Recherchen ausreichend berücksichtige. Das ist Knochenarbeit. Unerklärlicherweise beglückt sie mich mehr als alles andere.
Ähnliches gilt für Satiren – immer wieder muss ich den Flow unterbrechen, mich zurücklehnen und meinen Text fragen, ob er die witzig verfremdete Wirklichkeit auch angemessen transportiert. Dennoch würde ich gern viel mehr Satiren schreiben und muss mich an manchen Tagen ernsthaft bremsen, um die vertraglichen Pflichten nicht über meinen satirischen Krimi-Entwürfen zu vergessen.
Am flüssigsten erlebe ich den Schreibprozess bei phantastischen Geschichten oder Science-Fiction-Romanen. Steht der Kosmos einmal fest, sind die Konflikte geschnürt, die gröbsten Spannungsbögen skizziert und die Figuren vertraut und losgelassen, dann passiert es mir häufig, dass sich eine Geschichte über 200 oder 300 Seiten wie von selbst schreibt. Wenn ich es recht bedenke, macht mir am meisten Spaß immer das, was ich gerade schreibe.
An welchem Punkt wird Ihnen bei Ihren Ideen bewusst, dass sich diese für ein Buch eignen?
Eine Szene steht mir plötzlich vor Augen, eine Figur wird lebendig und geht mir nicht mehr aus dem Kopf, eine Art Parole oder Leitsatz elektrisiert mich, als spreche er eine völlig neue Erkenntnis aus – dann ist der Schritt zu einem Plot bzw. einer Geschichte nicht mehr weit. Ich nenne mal Beispiele für das, was ich mit „Leitsatz“ meine: „Wer einen Feind besiegt, hat Kraft / wer sich selbst besiegt, ist stark.“ So überliefert die Tradition einen Lehrsatz von Laotse, und der hat einiges zur Entwicklung einer Figur in „Kalypto 2“ beigetragen. Oder Platons Satz „Nichts ist wirklich so, wie es scheint auf der Welt“, der mir im letzten Jahr zusammen mit Plot und Figuren eine Art Grundierung einer Fantasygeschichte geschenkt hat.
„Kalypto – Die Herren der Wälder“ ist der erste Band einer Trilogie. War Ihnen schon von Anfang an klar, dass diese Geschichte eine Trilogie wird?
Ursprünglich dachte ich nur an ein Buch: Lasnics Flucht vor der Verantwortung, seine Läuterung und seine Rückkehr. Doch durch die Motive der Magier von Kalypto und das doch recht differenzierte Königreich Garona entstand im Exposé ein derart vielschichtiger Plot, dass mir schnell klar wurde: Um das alles sinnvoll in eine Geschichte zu gießen, brauche ich Zeit und Platz.
Welche Themen erwarten uns in den Folgebänden? Werden wir Lasnic weiter begleiten?
Ganz bestimmt! Den Waldmann werden wir so schnell nicht los. Und die Themen? Gute Geschichten müssen von Liebe und Tod handeln, hat Reich-Ranicki mal gesagt. Recht hat er gehabt.
In Band 2, „Die Magier der tausend Inseln“, liegt ein besonders greller Spot auf Ayrins Halbschwester Lauka. In der Auseinandersetzung mit der Magierin Catolis wird sie sich zu einer starken Antagonistin entwickeln. Überhaupt führt die Geschichte einige Hauptfiguren in teilweise schmerzliche Erfahrungen, die tiefe Spuren hinterlassen werden. Und der Fokus der Geschichte wandert von Garona weg und zurück in die Flusswälder am Stomm.
In Band 3 bekommt der Magierclan von Kalypto seinen großen Auftritt. Eine Nebenfigur der ersten beiden Bände wird sich zu seinem wichtigen Handlungsträger entwickeln, und die Erzählung wird Lasnic und seine Gefährten auf einer langen Reise von den Flusswäldern am Stomm bis hinauf in den hohen Norden begleiten.
Alle Verlage