Verena Gonsch - Autor
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Autorin

Verena Gonsch

Verena Gonsch, geboren 1966, arbeitet als Redakteurin bei NDR Info und kümmert sich dort um gesellschaftspolitische Trends. Sie hat einen 14jährigen Digital Native zuhause, und der programmiert ihr längst nicht mehr nur die Klingeltöne für ihr Smartphone, sondern führt sie in die Welt des Gaming ein. Als Europakorrespondentin in Brüssel hat sie jahrelang gemerkt, wie lässig andere Länder mit der digitalen Welt sind und wie kompliziert wir Deutschen da sind. Sie ist ausgebildet als systemischer Coach und outet sich auch bei Elternabend und Müttergesprächen gerne als streitbare Gamingexpertin. Als Medienprofi moderiert sie regelmäßig Radiosendungen und öffentliche Veranstaltungen.

Interview

Im Interview: Verena Gonsch spricht über ihr Buch "Digitale Intelligenz" | 01.12.2017

Sie bezeichnen sich selbst als Computerspiel-Versteher? Was heißt das und wie sind Sie einer geworden?Computerspiel-Versteher sind die Gattung Eltern, die nicht bei jedem Elternabend mit zerfurchter Stirn und Grabestimme fragen: "Liest Dein Kind eigentlich noch?", sondern die auch mal zum Controller...

Sie bezeichnen sich selbst als Computerspiel-Versteher? Was heißt das und wie sind Sie einer geworden?
Computerspiel-Versteher sind die Gattung Eltern, die nicht bei jedem Elternabend mit zerfurchter Stirn und Grabestimme fragen: "Liest Dein Kind eigentlich noch?", sondern die auch mal zum Controller oder dem Tablet greifen und sich von den Kids zeigen lassen, was sie da eigentlich alles so treiben. Ich bin beim Gamen vom Saulus zum Paulus geworden, weil ich anfangs gefühlt auch jede Minute Computerspiele mit der Stoppuhr gezählt habe. Das bedeutete wenig Spaß und viel Familienstress. Irgendwann habe ich dann begriffen, dass mein Sohn manche Spiele nicht einfach nach Punkt zwanzig Minuten wegklicken kann, weil da ein ganzes Team von Mitspielern dranhängt, dass das also auch ein soziales Event ist. Außerdem habe ich mich nicht mehr von solchen Sätzen wie "Der hat nur noch ein Leben" schockieren lassen, sondern begriffen, dass die Gamer eine ganz eigene Sprache haben. So wie wir früher auch.
Was hat Sie dazu bewegt, DIGITALE INTELLIGENZ zu schreiben?
Diese "Früher war alles besser"-Haltung vieler Eltern, die sich selbst als so liberal und aufgeklärt betrachten und eigentlich genauso handeln wie ihre Eltern, die ihnen Comics und laute Musik verboten haben. Mich hat fürchterlich genervt, dass wir unsere Kinder und Jugendliche so schlechtmachen. Und zwar gegen jede wissenschaftliche Erkenntnis! Hirnforscher und Psychologen sagen: Es gab noch nie eine sozial so entwickelte und intelligente Generation. Auch das Argument, sie würden nicht lesen und nicht schreiben, zieht nicht. Diese Generation liest mehr als die davor, zwar nicht mehr so dicke Schmöker, aber dafür kontinuierlich - nicht zuletzt am Smartphone, Tablet oder Computer.
Was sind die Chancen einer Generation, die mit Smartphones aufwächst? Was kann ein Digital Native in der 5. Klasse heute, was ein Sextaner von früher niemals hinbekommen hätte?
Diese Generation ist gewappnet für eine Berufswelt, in der Teamarbeit und vernetztes Arbeiten an erster Stelle stehen. In unserer globalisierten Welt muss sie im Internet nicht nur Fakten finden, sondern auch schnell in den sozialen Netzwerken nach Experten rufen, wenn sie an einer Stelle nicht weiterkommen. Die aktuelle Pisa-Studie hat gezeigt, dass wir in Deutschland auf dem richtigen Weg sind! Wir sind beim Punkt Teamarbeit sehr gut dabei. Eltern und Großeltern empfehle ich, sich mal den Schulunterricht genau anzuschauen: Da gibt es nur noch wenig Frontalunterricht und ganz viel Gruppenarbeit. So sieht die Arbeit von morgen aus! Was ein Fünftklässler heute besser kann? Dazu gibt es Langzeitstudien aus den USA. Er kann nicht mehr so gut Aufsätze schreiben über den letzten Ferienausflug :) Dafür kann er viel besser visuell etwas ausdrücken, er kann Wissen recherchieren und er hat ein viel größeres Verständnis von der Welt um ihn herum.
Ist in Deutschland das Gefühl der Überforderung oder sogar der Angst vor der Digitalisierung anders oder stärker als in anderen Ländern? Warum?
Ja, leider! Die OECD spricht ganz offiziell von einer Technikskepsis in Deutschland. Das ist schade, weil wir auf der anderen Seite ja wirtschaftlich so toll dastehen. Ich erkläre das in meinem Buch mit unserer kulturellen Tradition: Elternsein ist in Deutschland viel befrachteter als in vielen anderen Ländern. Ob aus dem Kind etwas wird oder nicht, dafür wird in Deutschland vor allem die Mutter verantwortlich gemacht. Wir hatten schon Anfang des 20. Jahrhunderts so etwas wie einen Mutterkult, der ist von den Nazis auf die Spitze getrieben worden. Nach dem 2. Weltkrieg wollte dann niemand mehr, dass der Staat sich in die Erziehung einmischt. Und in Deutschland gab es länger als in anderen westeuropäischen Ländern die Hausfrau, die sich komplett um die Familie gekümmert hat. Das lastet auf vielen Eltern, wie man an den Regalen voller Ratgeber sieht. Sie wollen alles richtig machen. Und das gilt auch für die Computerspiele. Geschichten über Computersucht und Amokläufe schrecken viele Eltern ab. Sie bekommen schnell Angst, dass ihre Kinder sozial abstürzen. Hinzu kommen die Mobbing-Fälle. Das Paradoxe ist aber, dass jede zweite Mutter und jeder zweite Vater gar nicht wissen, was ihre Kinder da eigentlich im Netz machen. Das zeigen die Jugendstudien. Und gerade diese Eltern haben am meisten Angst. Hinzu kommt in Deutschland eine allgemeine Angst vor zu viel Technik, die auch schon lange Wurzeln hat, noch aus der Zeit der Industrialisierung.
Insbesondere nach Amokläufen wurden Computerspiele, vor allem Shooter, oft stark kritisiert: Die Spiele sorgten für einen Abbau der Hemmschwelle und hätten den Amokschützen womöglich gar zur Tat motiviert. Wie ist Ihre Meinung dazu?
Amokläufe sind fürchterlich und es muss alles getan werden, um sie zu verhindern. Die untersuchten Fälle haben gezeigt: Alle Jugendlichen, die Amokläufe begangen haben, haben diese Spiele gespielt und - und das ist das Entscheidende - sie hatten Zugang zu einer Waffe, meist in ihrem Elternhaus. Studien zeigen aber: Ego-Shooter sind für die Spieler ein emotionales Event. Sie führen nicht per se dazu, dass die Jugendlichen ihre Aggressionen nach außen richten. Vielmehr zeigen die Jugendlichen, die Amokläufe begangen haben, große soziale Defizite. Und das sagen auch die Computersuchtexperten: Wenn ein Kind 10 bis 12 Stunden Computerspiele am Tag spielt und nichts anderes mehr machen möchte. Wenn es sozial isoliert ist und keine Freunde mehr hat und sein Zimmer nicht mehr verlässt, dann muss man sich richtig Sorgen machen. Und sollte mit dem Kind zu einer psychologischen Beratungsstelle gehen.
Was raten Sie Müttern und Vätern, die sich Sorgen machen, weil der Nachwuchs stundenlang vorm Computer sitzt?
Setzen Sie sich daneben, lassen Sie sich die Spiele erklären. Versuchen Sie mitzuhalten. Versuchen Sie zu verstehen, welche unterschiedlichen Dinge Ihre Kinder da machen. Manche Kinder hören mit einem Tablet Hörbücher, sie erstellen Playlists, sie chatten, sie gucken Dokumentationen, sie spielen Spiele. Das muss man erstmal verstehen. Und dann kann man unterschiedliche Zeiten für die Spiele entwickeln. Ein Spiel, das das Kind unheimlich aufwühlt, reicht vielleicht eine halbe Stunde alle zwei Tage. Andere Spiele, die im Team gespielt werden, kann es nur mitspielen, wenn es jeden Tag eine bestimmte Zeit dabei ist. Es gibt anerkannte Richtwerte, wie lange ein Kind pro Tag Computerspiele spielen sollte. Ein Grundschulkind vielleicht anfangs nur eine halbe bis eine Stunde am Tag, später wird es dann mehr. Das Wichtigste ist: Am Ball bleiben, zu verstehen, was das Kind da macht. Meistens merken die Eltern dann, dass die Kinder deutlich fixer und intuitiver agieren als sie. Und das tut auch den Kindern gut, dass sie mal etwas besser können :)
Können nur noch unsere Kinder so richtig von der Digitalisierung profitieren? Oder meinen Sie, auch mit 50, 60 oder später lohnt es sich noch, sich mit Internet, Konsole und Touchpad anzufreunden?
Es lohnt sich in jedem Alter! Ich habe diese Woche mein erstes Youtube-Video produziert :) Im Ernst: In der Demenzforschung werden jetzt auch in Deutschland Computerspiele eingesetzt, weil man gemerkt hat, dass die kognitiven Fähigkeiten sich länger erhalten lassen, wenn die Senioren täglich Playstation spielen. Altersheime in Amerika praktizieren das schon eine ganze Weile und verzeichnen tolle Fortschritte. Man kann heute nicht mehr sagen: Online-Banking interessiert mich nicht. Ich brauche kein Handy. Ich mache alles analog. Die Welt verändert sich so schnell und wird es weiter tun. Wir müssen alle mithalten.
Was haben Sie selbst von Computerspielen gelernt?
Dass ich viel langsamer bin als mein Sohn. :) Ich habe gelernt, wie wichtig gerade für Jungen der Konkurrenzkampf im Netz ist. Wie sehr man taktisches Geschick und Strategie dort lernen kann. Und wie sehr einem ein Wii-Sportspiel an regnerischen Winterabenden hilft, gemeinsam zu etwas Bewegung zu kommen. Und wie aufregend und innovativ diese digitalen Grafiken sind. Kein Erwachsener kann heute behaupten, diese Spiele hätten ihn als Kind nicht angezogen, wenn es sie damals schon gegeben hätte.
Wem würden Sie gern Ihr Buch überreichen und welche Widmung stünde drin?
Manfred Spitzer würde ich das Buch gerne überreichen, der "Digitale Demenz" geschrieben hat. Und als Widmung stünde da: Ich hoffe, ich kann Sie vom Gegenteil überzeugen!

Video

Warum die Generation Smartphone unsere Rettung ist

Verena Gonsch über „Digitale Intelligenz"

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