NSA - Nationales Sicherheits-Amt
 - Andreas Eschbach - Taschenbuch

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12,90

inkl. MwSt.

Bastei Lübbe
Taschenbuch
Sonstige Belletristik
796 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-404-17900-8
Ersterscheinung: 28.02.2020

NSA - Nationales Sicherheits-Amt

Roman

(107)

Weimar 1942: Die Programmiererin Helene arbeitet im NSA, dem Nationalen-Sicherheits-Amt, und entwickelt dort Komputer-Programme, mit deren Hilfe alle Bürger überwacht werden. Erst als die Liebe ihres Lebens Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, widersetzt Helene sich. Dabei muss sie nicht nur gegen das Regime kämpfen, sondern auch gegen ihren Vorgesetzten Lettke, der die perfekte Überwachungstechnik des Staates für ganz eigene Zwecke benutzt und dabei zunehmend jede Grenze überschreitet ...

Rezensionen aus der Lesejury (107)

Carl Carl

Veröffentlicht am 06.08.2020

Eschbachs Apokalypse

Das NSA ist keine Erfindung der USA. Der Computer wurde in seinen Anfängen mit Dampf betrieben. Nicht Konrad Zuse baute ein Gerät, das heute als erster funktionstüchtige Computer bezeichnet wird, sondern ... …mehr

Das NSA ist keine Erfindung der USA. Der Computer wurde in seinen Anfängen mit Dampf betrieben. Nicht Konrad Zuse baute ein Gerät, das heute als erster funktionstüchtige Computer bezeichnet wird, sondern ein Engländer namens Charles Babbage (1791 bis 1871) brachte ihn zur Serienreife. Als in Deutschland noch der Kaiser herrschte, entstanden nicht nur die modernen Computer, sondern auch das NSA, das Nationale Sicherheitsamt, mit Sitz in Weimar. Zumindest in der Vorstellungswelt von Andreas Eschbach.

Er wirft mit seinem neuen, 800 Seiten starken Roman einen Blick in eine künftige Vergangenheit. Klingt verwirrend? Ist es aber nicht.

Tatsächlich entwickelte Charles Babbage die sogenannte „Analytical Engine“, die als Vorläufer des Computers, also auch Zuses Erfindung, gilt. Der spielt bei Eschbach allerdings noch keine Rolle, denn sein Plot ist zeitlich vor Zuse angelegt.

Computer, Mobiltelefone, eMails, SMS – das alles gibt es bei Eschbach schon seit den 30er Jahren. Mit dem Beginn des Naziterrors in Deutschland gewinnt das NSA, das alles und jeden überwacht, zunehmend an Bedeutung. Vor allem als – und hier nimmt Eschbach eine Entwicklung voraus, die in der Jetztzeit ernsthaft diskutiert wird – das Bargeld abgeschafft wird. Mit Einführung der bargeldlosen Kartenzahlung ist der NSA nichts mehr geheim. Jeder Zahlungsvorgang eines jeden Individuums wird registriert. Ärzte, Anwälte, deren Aufgabe in Vertraulichkeit gegenüber Patienten und Klienten beruht, müssen ihre Daten qua Gesetz in einer „Datensilo“ genannten Cloud speichern, auf die die NSA selbstverständlich Zugriff hat.

Nun gibt es Menschen, die werden sagen: „Na und?!“ In Eschbachs Szenario hat das fatale Folgen. Denn der Zugriff auf alle Arten von Daten und deren gegenseitiger Abgleich führt zur Aufspürung von – versteckten Juden.

Jeder Mensch muss essen. Über die Kontrolle der Lebensmittel-Einkäufe und den Abgleich mit den verbrauchten Kalorien ist leicht feststellbar, in welchen Haushalten mehr Nahrungsmittel verbraucht werden, als die gemeldeten Personen durchschnittlich benötigen. Dort besteht der dringende Verdacht, dass Menschen versteckt werden. Jüdische Mitbürger zum Beispiel. Oder Deserteure. Grund genug für Polizei und SS, sofort einzufallen und alles auf den Kopf zustellen. In Zusammenhang mit dem Abgleich der ebenfalls gespeicherten Grundrisse der Häuser und Wohnungen sind vom NSA sehr schnell und einfach auch verborgene Räumlichkeiten, die als Versteck dienen, aufzuspüren.

Und das bringt nun Helene in eine verzweifelte Situation. Sie ist beim NSA Programmiererin – in Eschbachs Sprache eine „Programmstrickerin“. Programmieren ist eine rein weibliche Aufgabe. Männer haben in dieser Zeit – wir befinden uns im Jahr 1942, der Weltkrieg tobt an allen Fronten – anderes zu tun. Sie überwachen den eMail-Verkehr, genannt Elektro-Post. Und es gibt das als „Weltnetz“ bezeichnete Internet.

Männer überwachen das „Deutsche Forum“ nach verräterischen Beiträgen, sie hacken vor allem das „Amerikanische Forum“ und manipulieren deren Mitglieder durch gefälschte, deutschfreundliche Beiträge. Desinformation nennt man das im Geheimdienst. Und die Fake-News-Debatte ist uns in unserer Zeit auch nicht neu.

Helene, Typ einfaches deutsches Mädchen nach Gretchen-Vorbild, das vieles so hinnimmt, weil es so ist, unpolitisch, wenig denkend, fängt erst an, über die Folgen ihres Handelns nachzudenken, als mit Hilfe eines ihrer Programme der Widerstandskreis der „Weißen Rose“ zerschlagen und deren Mitglieder festgenommen werden. Und als die Gefahr besteht, dass ihre große Liebe Artur gefasst wird. Artur ist nämlich von der Wehrmacht desertiert, und sie, Helene, hat ihn auf dem Bauernhof ihrer Freundin versteckt.

Der oft nüchterne, trockene Stil von Andreas Eschbach verursacht eine Gänsehaut, wenn man sich die Geschichte in Erinnerung ruft. Was die Nazis mit diesen Menschen, die nicht in ihr Klischee eines Ariers passten, die politische Gegner waren, die einfach nur politisch kritisierten, die eine gehässige Bemerkung über Hitler oder einen der anderen Parteibonzen machten, anstellten. Die Vermengung tatsächlicher Geschichte umrankt von Geschichten macht dieses Buch so spannend. Auch wenn es durchaus Längen hat, beispielsweise wenn Eschbach Helene in aller Ausführlichkeit und detailliert erklären lässt, wie eine Datenbankabfrage und die Kombination mit verschiedenen Parametern funktioniert. Hier wäre Einsparpotenzial gewesen. Aber Eschbach ist nun mal detailversessen.

Erschienen bei BASTEI LÜBBE, Hardcover, 796 Seiten, ISBN: 978-3-7857-2625-9, Preis 22,90 Euro

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Tynes Tynes

Veröffentlicht am 02.08.2020

Wie Computer den 2. Weltkrieg beeinflussen (könnten)...

Uff... das ist das erste Wort, was mir nach dem Beenden dieses Buches in den Sinn kommt - UFF.
Nach 800 Seiten kann man das zu Recht auch mal tun, aber auch sonst hat mir das Buch ziemlich zu schaffen ... …mehr

Uff... das ist das erste Wort, was mir nach dem Beenden dieses Buches in den Sinn kommt - UFF.
Nach 800 Seiten kann man das zu Recht auch mal tun, aber auch sonst hat mir das Buch ziemlich zu schaffen gemacht.
Wir starten kurz vor dem 2. Weltkrieg, Hitler ist an der Macht - aber es gibt bereits "Komputer" und (mobile) "Telephone", welche das Geschehen äußerst nachhaltig beeinflussen.
Erzählt wird das ganze von zwei Protagonisten - Helene, Programmstrickerin und Eugen, Analyst - beide tätig im NSA, dem nationalen Sicherheitsamt.
Die beiden lernt man im Laufe der Zeit auch verhältnismäßig gut kennen, da der Autor umfangreichen Einblick in deren Gedankenwelt gewährt.
So weit, so gut - klingt ja eigentlich ganz spannend...
Auf die letzten ca. 25% mag das durchaus zutreffen, das letzte Viertel war echt spannend und temporeich mit einigen plötzlichen Wendungen, die man so vielleicht nicht erwartet hat.
Wenn das ganze Buch so gewesen wäre - 5 Sterne, ohne jede Diskussion.
Leider aber war der Weg dorthin sehr steinig, langatmig, teils schon fast langweilig und unnötig wortreich aufgeplustert - 2 Sterne, das höchste der Gefühle.
Ich habe mich eigentlich nur durchgekämpft, weil das Buch so viele gute Bewertungen hat.
Insgesamt also 3 Sterne für gute Protagonisten, ein eigentlich spannendes Thema, aber etwas zuviel "palavert" - schade eigentlich...

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Buecherliebe98 Buecherliebe98

Veröffentlicht am 10.07.2020

Für mich zu viel auf zu wenig Seiten...

Eschbach hat die Fiktion, dass bereits die heutige Technik zu den Jahren des zweiten Weltkriegs zur Verfügung standen. Die NSA ist in Weimar angesiedelt und konnte sich lange den Zugriff Berlins entziehen, ... …mehr

Eschbach hat die Fiktion, dass bereits die heutige Technik zu den Jahren des zweiten Weltkriegs zur Verfügung standen. Die NSA ist in Weimar angesiedelt und konnte sich lange den Zugriff Berlins entziehen, doch Mitarbeiter Helene Bodenkamp und Eugen Lettke stoßen auf ein Kriegsgeheimnis.

Die Idee der Story finde ich wirklich großartig, die Aufgabentrennung zwischen Männern und Frauen ist für die damalige Zeit zutreffend und denkbar (Männer;Analyse, Entscheidungentreffen, Arbeitsvorgaben verteilen - Frauen; Programmieren, Anweisungen ausführen).
Negativ fand ich den eingenommenen Raum um die Protagonisten auszubauen, das war nämlich gar nicht nötig, deren Lebensgeschichte zu erzählen und auszubauen. Dadurch wurde ich mit den Charakteren erst recht nicht warm und mochte Sie somit überhaupt nicht.
Die Neben- und Hauptcharaktere sind nämlich sehr detailliert beschrieben, sowie die Orte kann man sich bildlich vorstellen.
Das Buch hat sehr viel Handlung und viele Ereignisse, doch leider wurden diese sehr viel ans Ende gequetscht, wodurch es mir so vor kam, als wolle man das Buch schnell beenden.

Fazit:
Das Buch hat mich an die Bücher von Marc Elsberg erinnert, der Autor der zB "Black out" geschrieben hat. Trotz ein paar Markel hat mir das Buch gut gefallen, doch von Andreas Eschbach würde ich jetzt nicht sein neues Buch lesen, dafür fand ich den Schreibstil zu unpassend für mich, da zu viel ans Ende gequetscht wurde.

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DerMedienblogger DerMedienblogger

Veröffentlicht am 07.07.2020

Provozierendes, schockierendes Werk über die fiktiven Auswirkungen von Internet

Die Entwicklung von mobilen Endgeräten und dem Zugang zum Internet bringt eine schier unendliche Fülle an Möglichkeiten mit sich: der sekundenschnelle Zugriff auf Informationen, die Weiterleitung von Daten, ... …mehr

Die Entwicklung von mobilen Endgeräten und dem Zugang zum Internet bringt eine schier unendliche Fülle an Möglichkeiten mit sich: der sekundenschnelle Zugriff auf Informationen, die Weiterleitung von Daten, die mögliche Kommunikation untereinander, die globale Vernetzung und die damit einhergehende Sensibilisierung für andere Kulturen, um nur einige Beispiele zu nennen. Doch wo es Licht gibt, dort herrscht auch Schatten: Der Datenschutz für alle Benutzer ist schon längst nicht mehr gewährleistet und wer an dieses Wissen gelangt, erreicht Macht. Andreas Eschbach wagt das fesselnde Gedankenexperiment: Was, wenn diese totale Überwachung schon im Dritten Reich möglich gewesen wäre?

Das Szenario ist ab der ersten Seite packend und provozierend. Der Autor hinterfragt hier kritisch die heutige Medienlandschaft mitsamt ihren zweischneidigen Fortschritten und bezieht sie auf eine der schrecklichsten Epochen der Menschheitsgeschichte. Somit konstruiert er eine erschreckende Vision, in der die Nationalsozialisten dieses Kontingent für ihre Ideologien zweckentfremden.

Das vorliegende Werk gibt einen umfassenden Einblick in das Leben zweier Hauptfiguren, die eigene Ecken und Kanten besitzen. Aufgrund der großen charakterlichen Unterschiede bleibt die Handlung durchweg abwechslungsreich, obwohl diese beiden Stränge oft nahe beieinander liegen. Leider thematisiert "NSA" häufiger den Einsatz der Überwachungstechnik für deren persönliche Zwecke, anstatt die Verwendung für das totalitäre System näher zu beleuchten, was für mich den Reiz an dem Gedankenspiel ausmacht. Wirkliche Propaganda, durch die die rechtsradikale Partei NSDAP ja so stark an öffentlicher Bedeutung gewinnen konnte, wird über die sozialen Netzwerke nicht betrieben, wie man es hätte erwarten können.

Trotz seines starken Umfangs von knapp achthundert Seiten bleibt der Roman beinahe durchweg kurzweilig und mitreißend. Das liegt vor allem an dem überzeugenden Schreibstil, der sich gut lesen lässt und das Lesepublikum einen flüssigen Einstieg in die Geschichte ermöglicht. Gut, vor allem in der zweiten Hälfte gibt es doch einige erzähltechnische Längen und überflüssige Schlenker in der Handlung, die es wahrlich nicht gebraucht hätte, aber sie trüben den Unterhaltungswert von "NSA" nur unmerklich.

Andreas Eschbach vermischt geschickt historisch belegte Fakten und die fiktiven Auswirkungen des technischen Fortschritts auf den Erfolg der antisemitischen Politik. Somit erzeugt er eine vermeintlich vertrauenswürdige Ebene als Basis, die sein Erzählen authentischer erscheinen lassen, als der Wahrheitsgehalt es erlaubt. Die Handlung verdichtet sich zunehmend zu einem atmosphärischen, fesselnden Ende, das die Leser*innen schockiert zurücklässt: Die starken Parallelen zu George Orwells drastischem "1984", dessen Befürchtungen heutzutage teilweise schon eingetreten sind, sind wohl nicht unabsichtlich!

Jedoch gehe ich als Leser insofern nicht ganz mit, was die Naivität der Protagonistin Helene Bodenkamp anbelangt: Dass sie als Miterzeugerin eines technisch überlegenen Programms überrascht davon ist, dass sich die Technik auch gegen sie wenden kann, erscheint in dem Kontext vollkommen unglaubwürdig. Insgesamt hat mich Andreas Eschbach mit seinem Werk "NSA" trotz kleiner Mängel stark überzeugen können. Es ist ein vielschichtiges Werk mit einem unvergleichlichen Szenario, das seinesgleichen sucht und sofort fesselt. Daher eine große Leseempfehlung von mir!



"NSA: Nationales Sicherheits-Amt" ist ein provozierendes, schockierendes Werk über die fiktiven Auswirkungen von Internet auf die Politik im Dritten Reich.

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marcello marcello

Veröffentlicht am 06.07.2020

Nachdenklich machende alternative Realität

Andreas Eschbach war mir bereits vor der Lektüre von „NSA“ ein Begriff, da Bücher wie das „Jesus-Video“ natürlich im Gedächtnis hängenbleiben, selbst wenn man sie selbst gar nicht gelesen hat. Aber die ... …mehr

Andreas Eschbach war mir bereits vor der Lektüre von „NSA“ ein Begriff, da Bücher wie das „Jesus-Video“ natürlich im Gedächtnis hängenbleiben, selbst wenn man sie selbst gar nicht gelesen hat. Aber die Idee, neue Realitäten zu schaffen, die sich aber auf alte Realitäten zu beziehen und dabei zu provozieren und viele spannende Fragen aufzuwerfen, das kann auf dem Buchmarkt nicht untergehen, weil es ziemlich einzigartig ist. So gesehen bin ich froh, dass ich meine erste literarische Begegnung mit Eschbach nun auch hatte.

Die Buchstabenkombination NSA ist nun wahrlich keine Unbekannte, steht aber eigentlich eher für den großen Bruder in Übersee, der uns Deutsche alle abhört. Daher fand ich es zunächst mal witzig, dass auch im Deutschen zu diesem Akronym eine wunderbare Entsprechung gefunden werden konnte und dass wir Deutschen diesmal darunter versteckt sind. Ansonsten bekommen wir eine Welt präsentiert, die von den Grundgedanken her nicht weit von 2020 entfernt liegt, die aber tatsächlich fast 100 Jahre zuvor spielt. Unglaublich, mag man sagen, aber ich fand den Gedanken höchst faszinierend, dass nur winzige Veränderungen diese Realität wirklich hätten machen können. Aber diese Faszination darüber ist auch immer von Entsetzen abgelöst worden, denn zu lesen, wie der 2. Weltkrieg so vielleicht verlaufen wäre, hat mir einige Schauer über den Rücken gejagt. Es war schon in der Realität schlimm genug, aber auch andere Realitäten haben Grauen bereitgehalten.

Ich fand es strategisch sehr klug, welche Stilistik dieses Buch aufwies. Zum einen war das die Erzählreihenfolge. Dass wir zunächst in der „Zukunft“ starten und schon zentrale Knackpunkte dieser Geschichte präsentiert bekommen haben, bis es dann wieder zurückging, um den Leser vertraut mit den Hauptfiguren zu machen. Dieses Mysterium hat den Lesefluss doch ordentlich angeheizt, denn ansonsten können einen 800 Seiten doch ordentlich erschlagen, aber so wollte man unbedingt wissen, wie es weitergeht. Der zweite gute Kniff war, so zwei gegensätzliche Hauptfiguren zu wählen. Helene ist die klassische Protagonistin, die Heldin einer Geschichte. Sie ist ein durch und durch guter Mensch, die eine Faszination fürs Programmieren entwickelt, was sie aber in eine Welt von ethischen Dilemma einführt, womit sie wohl niemals gerechnet hätte. Ihr inneren Kampf, wenn sie ihrem Job nachging, gleichzeitig aber wissend, dass es anderen das Leben kostet, das war sehr nahbar transportiert. Auf der anderen Seite haben wir Eugen, der ziemlich widerlich daher kommt, den man aber trotzdem nicht einfach als Antagonisten bezeichnen könnte, da er trotz seiner widerwärtigen Neigungen eben doch auch eher ein Skeptiker des Hitler-Regimes war. Zudem waren auch seine inneren Kämpfe sehr transparent dargelegt, so dass selbst im Schlechten hier noch das Nachvollziehbare zu sehen war.

Mit so zwei konträren Hauptfiguren war natürlich auch in jedem Kapitel etwas Neues zu entdecken. Selbst wenn sich ihre Handlungen irgendwann zunehmend überschnitten, es war dennoch so unterschiedlich, dass ich an beiden Geschichten sehr gehangen habe. An Helene letztlich natürlich mehr, da sie einfach sympathischer daherkam. Da ich mich thematisch bis dato nie viel mit unserer Überwachungsgesellschaft auseinandergesetzt habe, weil ich quasi schon zur Generation gehöre, die damit großgeworden ist, war es doch entsetzlich für mich mitzuverfolgen, bis in welche kleinen Bereiche diese Überwachung geht und wie viel man über den einzelnen Menschen herausfinden kann. Gewarnt wurde schon viel, aber es auch so drastisch vor Augen geführt zu bekommen, war definitiv noch einmal eine andere Hausnummer.

Dennoch muss ich auch sagen, dass Eschbach sich insgesamt kürzer hätte halten können. 800 Seiten sind wirklich eine Hausnummer. So spannend die Geschichte auch zwischendurch war, so gab es eben leider auch Passagen, die meine Geduld mehr gefordert haben. Gerade für die Sachen zur Programmierung habe ich wenig Verständnis und die wurden so detailliert erklärt, dass man wahrscheinlich auch als Laie auf den Expertenzug hätte aufspringen können, aber ich hätte es für das Gesamtverständnis des Geschehen so nicht gebraucht. Insgesamt 100 Seiten hätte man sich locker sparen können.

Abschließend möchte ich noch ein paar Worte über die letzten Kapitel des Buchs verlieren, da mich diese wirklich extrem mitgenommen haben. Lange verlief die alternative Realität doch recht parallel zur tatsächlichen Historie, aber am Ende wurde dem ganzen Kuchen noch das Sahnehäubchen aufgesetzt. Hier hat Eschbach wirklich auf eine drastische Alternative gesetzt, die ich aber sehr gut nachvollziehen konnte. So ein Buch braucht ein Ausrufezeichen zum Abschluss. Und das war definitiv eins. Es verabschiedet den Leser mit neuen Horrorszenarien, die definitiv zum Nachdenken anregen und ich denke genau das wollte der Autor auch erreichen.

Fazit: Mein erstes Eschbach-Buch und ich bin nun auch weit 24 Stunden nach Beendigung der Lektüre noch erschüttert. Er hat eine alternative Realität geschaffen, die auf Drastik und das Wachrütteln setzt und dabei sehr intelligent erzählt ist. Einige Längen vor allem im Kontext des Programmierens kann man diesem Buch verzeihen, aber dennoch hätten es 100 Seiten weniger sein müssen, dann wäre es perfekt gewesen. Aber auch sonst empfehlenswert für jeden Interessierten, der sich reflexiv mit einem Thema auseinandersetzen möchte.

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"NSA - Nationales Sicherheits-Amt" von Andreas Eschbach

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Autor

Andreas Eschbach

Andreas Eschbach - Autor
© Olivier Favre

Andreas Eschbach, geboren am 15.09.1959 in Ulm, ist verheiratet, hat einen Sohn und schreibt seit seinem 12. Lebensjahr. Er studierte in Stuttgart Luft- und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Von 1993 bis 1996 war er geschäftsführender Gesellschafter einer EDV-Beratungsfirma. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung "für schriftstellerisch hoch begabten Nachwuchs" schrieb er seinen ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer", der 1995 erschien und für den er 1996 den …

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