Tag 5/12: Der Rechercheur

Dan Starer

Rechercheur Dan Starer
© Dan Starer

Kurzbiografie

Dan Starer gründete 1981 in New York City "Reseach For Writers" und hat seitdem für viele Bestseller-Autoren recherchiert. Ken Follett war einer seiner ersten Auftraggeber.

Bei welchem Roman begann Ihre Zusammenarbeit mit Ken Follett?

Ich habe 1981 damit angefangen, für Ken zu recherchieren, und zwar für seinen Roman „Der Mann aus Sankt Petersburg“.

Wie muss man sich Ihre Zusammenarbeit vorstellen?

Im Regelfall läuft das so, dass Ken mir eine Liste mit Fragen schickt, zu denen er Recherchen benötigt. Manche dieser Anfragen sind recht breit gefächert wie Schilderungen von Augenzeugen, wie eine gewisse Stadt in einer gewissen Epoche ausgesehen hat. Andere Fragen sind ganz speziell, wie Struktur und Mechanik eines ganz bestimmten Flugzeugtyps. Mit Hilfe von Online-Quellen und großen Bibliotheken (insbesondere der New York Public Library) eruiere ich, wo was zu finden ist, und beliefere ihn dann mit den Büchern, Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln, Landkarten, Fotos, Dokumentarfilmen, DVDs und weiteren Quellen, die seine Fragen am besten beantworten. Manchmal schicke ich Ken auch eine ganze Liste mit Büchern und Artikeln, damit er selbst aussuchen kann, welche seine Fragen wohl am besten beantworten. Manchmal mache ich Historiker ausfindig, Professoren, Wissenschaftler oder andere Experten und führe Interviews mit ihnen oder organisiere direkt ein Telefoninterview zwischen ihnen und Ken.

Wenn Ken die erste Rohfassung eines neuen Romans fertig hat, bittet er mich immer, ein halbes Dutzend Experten und Professoren anzuheuern, damit sie das Buch aufmerksam lesen und einen Bericht abfassen, in dem sie auf die historischen und sachlichen Fehler hinweisen. Ken lässt mich die gleichen Experten-Leser wieder anheuern, damit sie die Endfassung dann auch noch mal auf Herz und Nieren prüfen.

Hat sich ihre Zusammenarbeit in den vielen Jahren verändert?

Von den Grundzügen her ist sie weitgehend die gleiche geblieben.

Welches war die kurioseste Aufgabe, die Ken Follett Ihnen gestellt hat?

Zu einer kuriosen Aufgabe, die sich als schwierig erwies, aber zufriedenstellend gelöst werden konnte, kam es während meiner Recherchen zu „Auf den Schwingen des Adlers“, Kens Tatsachenthriller über die Befreiung von zwei Angestellten Ross Perots aus einem iranischen Gefängnis während der islamischen Revolution 1979. Eine der Personen, mit denen Ken ein Interview führen musste, war ein Amerikaner, der sich möglicherweise während der Zeit, da er im Iran gelebt hatte, des Verrats schuldig gemacht hatte, und sich seither ein gänzlich neues Image zugelegt hatte, hinter dem er sich vor seiner Vergangenheit verstecken konnte. Es dauerte zwar geraume Zeit, aber ich machte den Mann schließlich ausfindig und rief ihn in seiner neuen Heimat in Deutschland an. Als er erfuhr, welchen Grund mein Anruf hatte, herrschte erst einmal eine ganze Weile Stille. Er hatte eindeutig Angst, ich könne ihn bloßstellen. Ich versprach ihm, das nicht zu tun. Er erbot sich, als anonyme Quelle ein Telefonat mit Ken zu führen, seine Vergangenheit nicht preiszugeben, Ken aber dennoch die Informationen zu geben, die er benötigte. Das Ganze konnte zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst werden.

Gab es auch einmal eine Aufgabe, die Sie nicht lösen konnten?

Es gibt nur selten Projekte, bei denen Dinge sich nicht recherchieren lassen. Die Informationen sind vielleicht nicht immer tiefgründig oder umfangreich, aber etwas Nützliches kommt immer dabei heraus. Was sich jedoch als Herausforderung erweist, ist das Innenleben einiger Nachrichtendienste. Sie sind ja schon gemäß Definition „Geheim“-Dienste (oder waren das zumindest vor Wikileaks).

Was schätzen Sie am Schriftsteller Ken Follett am meisten?

Ich schätze es, dass Ken seinen Werken etwas Natürliches und Ungezwungenes verleiht. Gut zu schreiben, ist harte Arbeit, und viele Schriftsteller verderben ihre Geschichte, indem sie mit ihrem Wissen prahlen, unglaubwürdige Wendungen in den Plot einbauen oder einfach nur steif und schwerfällig schreiben. Ken ermöglicht uns, die Geschichte, die Figuren und die Kulisse ohne diese Behinderungen zu genießen. Und er weiß wirklich, wie man eine gute Geschichte erzählt!

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