Autor/Sprecher

Jenke von Wilmsdorff

Jenke von Wilmsdorff ist Journalist, Schauspieler und Autor. Seit 2001 steht er für „Extra – Das RTL Magazin“ vor der Kamera, und übernimmt in seinen investigativen Reportagen die  außergewöhnlichsten Rollen und reist an die entlegensten Orte. Er ist stets Teil des Geschehens und geht auch bis an die eigenen Grenzen. Für seine Reise mit nordafrikanischen Flüchtlingen auf dem Weg nach Lampedusa wurde er 2012 für einen International Emmy nominiert. Für viel Aufsehen hat er mit seinen spannenden Selbstversuchen in „Das Jenke-Experiment“ gesorgt, das im Frühjahr 2013 erfolgreich bei RTL ausgestrahlt wurde.

Interview

Interview | 25.03.2014

»Wer wagt, gewinnt. Leben als Experiment« – und wer kennt sich besser mit Experimenten aus als Jenke von Wilmsdorff? Welche außergewöhnlichen Erfahrungen er während seiner Reisen gemacht hat und warum er als Kind unter vielen Ängsten gelitten hat, sogar Angst hatte, etwas zu essen, schildert...

»Wer wagt, gewinnt. Leben als Experiment« – und wer kennt sich besser mit Experimenten aus als Jenke von Wilmsdorff? Welche außergewöhnlichen Erfahrungen er während seiner Reisen gemacht hat und warum er als Kind unter vielen Ängsten gelitten hat, sogar Angst hatte, etwas zu essen, schildert er im Interview.
Als Schauspieler haben Sie in bekannten Serien wie »Lindenstraße« und »Tatort« mitgewirkt, für Ihre Arbeit als Fernsehjournalist sind Sie mehrfach mit renommierten Medienpreisen ausgezeichnet worden. Was hat Sie bewogen, mit »Wer wagt, gewinnt« erneut unter die Buchautoren zu gehen?
Ich werde immer wieder gefragt, ob ich denn überhaupt keine Angst habe und falls doch, wie ich mich ihr stelle. Meine Erfahrungen, Erlebnisse, Tipps und Tricks möchte ich weitergeben, denn ich weiß, dass viele unsere Ängste absolut überflüssig sind. Sie lähmen uns nicht nur, sie rauben uns auch noch wertvolle Lebenszeit.
»Wer wagt, gewinnt« setzt sich vor dem Hintergrund Ihrer eigenen Lebensgeschichte intensiv mit den Themen Angst und Angstbewältigung auseinander. Wenn man jüngsten Studien glauben darf, hat es noch nie so viele Menschen mit Angststörungen gegeben wie heute. Worauf führen Sie persönlich das zurück?

Die meisten Ängste werden doch an uns weitergegeben. Wir übernehmen, was unsere Eltern uns vermittelt haben und den Wenigsten gelingt es offensichtlich, sich von den auferlegten Ängsten zu befreien. Die ständig zunehmenden Erwartungen, die an uns gestellt werden, setzen uns zusätzlich unter Druck. Davon müssen wir uns befreien.

Im gleichen Kontext: Viele der unter Angststörungen leidenden Menschen lassen ihre Ängste gar nicht mehr zu, sondern rücken ihnen mit chemischen Keulen zu Leibe. Ist das Ihres Erachtens eine Lösung oder nur ein Umweg, mit dem sich die Betroffenen weiter vom Ziel entfernen?
Es gibt meiner Meinung nach nur eine Lösung, wenn man sich von seinen Ängsten befreien will: Man muss sie sich vornehmen, hinterfragen und auseinanderpflücken. Nur so erkennt man, dass die meisten Ängste, die uns lähmen und von einem freien, selbstbestimmten Leben abhalten, völlig überflüssig sind.
Sie schreiben in »Wer wagt, gewinnt«, dass Sie als Kind vor allem Angst hatten, sogar vor dem Essen. Wie genau hat sich das dargestellt, und wie ist es Ihnen gelungen, diese Angst zu überwinden?
Ich hatte vor fast Allem Angst! Vor der Dunkelheit, vor dem Alleinsein, vor der Schule und den Schülern und selbst vor dem Essen. Es gab Zeiten, da habe ich einfach nichts zu mir genommen. Ich habe damals unter meinen Ängsten sehr gelitten. Meine Mutter hat versucht, mit viel Geduld und Zucker (J) mir das Essen wieder schmackhaft zu machen, doch weder ihr Verständnis noch diverse Appetit anregende Mittel konnten mir die Angst nehmen. Es wurde erst besser, als ich alt genug war mich meinen Ängsten zu stellen und als ich verstand, wo genau sie sich versteckten. Heute esse ich alles! Selbst Dinge, die andere in unserem Kulturkreis niemals probieren würden.
Sie haben nach dem Abitur eine Schauspielausbildung absolviert und sich ihre ersten Bühnenlorbeeren in Dinkelsbühl verdient. Wenn Sie heute Gelegenheit hätten, noch einmal dort aufzutreten: Was wäre Ihre Traumrolle und warum?
Zurück nach Dinkelsbühl??? Darf es auch ein anderes Theater in einer anderen Stadt sein? Ich bekomme immer wieder Angebote ans Theater zurückzukehren und denke über einzelne Produktionen sogar etwas länger nach. Zum jetzigen Zeitpunkt passt es aber nicht in mein Leben.
Als TV-Reporter machten Sie Furore als Paparazzo in Hollywood, als Gondoliere in Venedig und als Kohleschlepper in Berlin. Was war die lustigste Rolle, in die Sie für »Jenke als...« je geschlüpft sind? Was war die übelste? Und welche ist Ihnen bis heute versagt geblieben?
Es waren ja keine Rollen, in die ich geschlüpft bin, sondern Berufe, die ich selbst für eine kurze Zeit ausgeübt habe. Anstrengend waren sie allesamt und komisch eigentlich nur durch mein Versagen. Als Pizzabäcker in Neapel zum Beispiel gelangen mir ausschließlich viereckige Pizzas. Das fand ich komisch, mein Chef auf Zeit weniger, weil er sie unmöglich verkaufen konnte. Als ich den Studentenjob des Freizeitpark-Maskottchens dokumentierte, konnte ich über die mich gängelnden Kinder und Jugendlichen, die mich traten, schubsten und mir Beinchen stellten nur sehr begrenzt lachen. Alle anderen um mich herum allerdings haben sich köstlich amüsiert. Das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit.
Wirklich unangenehm waren Berufe wie der des Rikscha-Fahrers in Kalkutta oder des Schwefelminen-Arbeiters in Indonesien. Sie waren nicht nur körperlich extrem anstrengend, sondern fanden zudem in einer fast lebensfeindlichen Umgebung statt. Versagt geblieben ist mir kein Beruf, der mich wirklich interessiert hatte.
Zurück zu »Wer wagt, gewinnt«: Sie schreiben an einer Stelle, dass Männer in punkto Angst Einzelkämpfer sind, während Frauen sich sogar zu Schwächen bekennen, nach denen gar keiner gefragt hat. Stimmt! Nur was veranlasst Frauen Ihrer Erfahrung nach dazu?
Ich halte die Herangehensweise der Frauen meist für die Bessere und viel klügere. Solange nach dem Gespräch den Erkenntnissen auch Taten folgen und man sich nicht im Reden verliert. Bei uns Männern findet dieser Prozess bedauerlicherweise oft entgegengesetzt statt. Ich denke, Frauen haben mehr Mut Schwächen zuzugeben, weil man ihnen es mehr zugesteht. Das hat wohl mit dem Geschlechter-Bild zu tun, dass ihnen vermittelt wurde. Uns Männern wurde ja immer eingetrichtert der Starke sein zu müssen. Was genauso falsch ist.
Angst hat viele Gesichter, und eine der größten Ängste von uns Menschen besteht darin, von anderen nicht so wahrgenommen zu werden, wie wir selbst uns gern sähen. Wie ist dieser Angst Ihres Erachtens am ehesten beizukommen?
In dem wir der Meinung der Anderen nicht zu viel Gewicht verleihen. Wer sind denn die Anderen, dass sie über uns urteilen können?! Irgendjemand findet doch immer etwas an uns auszusetzen. Das wird auch immer so bleiben. Also: weg damit! Weg mit dieser emotionalen Abhängigkeit und raus aus der Harmoniefalle!
Sie beschreiben an einer Stelle von »Wer wagt, gewinnt«eine sogenannte Rückführung in ein früheres Leben, der Sie sich unter Hypnose unterzogen haben. Wie stehen Sie heute zu dieser Erfahrung?
Als eher nüchtern denkender Mensch habe ich noch heute meine Zweifel, ob ich während der Rückführung wirklich in meine Vergangenheit gereist bin oder ob es sich bei den Bildern lediglich um Szenen gehandelt hat, die ich irgendwann einmal gelesen oder in einem Film gesehen habe. Viel überzeugender wäre es für mich gewesen, hätte ich plötzlich eine zusätzliche Fremdsprache sprechen können oder Dinge beschrieben, die ich so nicht hätte wissen können. Da dem aber bedauerlicherweise nicht so war, stehe ich meiner angeblichen Rückführung kritisch gegenüber.
Im gleichen Zusammenhang: Wir befassen uns alle sehr mit unserer Vergangenheit, nicht zuletzt, um aus ihr zu lernen, und wir beschäftigen uns viel und gern mit der Zukunft, um bestmöglich vorauszuplanen und vorzusorgen. Mit anderen Worten: Wir verplempern unsere Gegenwart und reden uns das wichtig und schön. Sind die Menschen sich dessen Ihrer Einschätzung nach überhaupt bewusst, und wenn nicht, wie lässt sich dieses Am-Leben-Vorbei-Existieren am ehesten verhindern?
Wir verlieren uns zu gern in unserer Vergangenheit, verklären sie. Das ist das Problem. Unsere Vergangenheit ist uns vertrauter und zurückliegende Probleme haben wir oft gemeistert. Die Gegenwart ist für viele leider nur ein lästiges Zwischenstadium auf dem Weg in die Zukunft. Ich glaube, die meisten Menschen verschieben ihr Leben auf die Zukunft. „Wenn ich erstmal...dann!“, ist so ein Klassiker. Wie schade, denn so verpassen sie ihr Leben und niemand weiß, was kommt. Ob überhaupt etwas kommt.
Sie beschreiben in »Wer wagt, gewinnt«eine ätzend-nervige Kollegin im Sender – so manch einer kennt die Dame als Nachbarin oder vermeintliche Freundin. Welcher Teufel reitet solche Menschen, andere als seelische Mülleimer zu missbrauchen?
Das sind mitunter Menschen, die sich ausschließlich um sich drehen und ihren eigenen Vorteil suchen. Aber auch Zeitgenossen, denen es an Empathie und Feingefühl fehlt, machen sich wenige bis keine Gedanken, was sie anderen zumuten. Und die Medien ermuntern uns zusätzlich zu einem solchen Verhalten. Mit TV- Spots, die unseren Egoismus zur Tugend machen sollen. Das finde ich äußerst bedenklich.
Sie schildern in »Wer wagt, gewinnt«eine Vielzahl von abenteuerlichen Begegnungen mit faszinierenden Menschen, die eine gänzlich andere Art von Leben führen als wir. Beispielsweise die Massai, die sich allen modernen Einflüssen entziehen und heute immer noch leben und denken wie vor Hunderten von Jahren. Ist diese Traditionstreue etwas, von der unsere westliche, sich ständig und teilweise gnadenlos weiterentwickelnde Gesellschaft etwas lernen könnte, und wenn ja, was?
Traditionstreue? Auch Traditionen sollten von Zeit zu Zeit überdacht und hinterfragt werden. Denn etwas an- und hinzunehmen, nur weil es Tradition ist, kann in die falsche Richtung gehen.
Und doch bin ich überzeugt davon, dass jeder von jedem lernen kann und wenn es auch nur die Erkenntnis ist, es anders zu machen. Mich hat bei den Massai und anderen Naturvölkern ihre andere Wertvorstellung beeindruckt. Für sie ist die Familie wichtig, die Natur und ein lebenswertes Leben. Sie pflegen aber auch viele Ansichten – gerade in Bezug auf ihr Frauenbild – die ich nicht teile.
Ein besonders nachdenklich stimmendes Kapitel Ihres Buches befasst sich mit den Seenomaden Asiens, die in völliger Freiheit leben – noch, weil so viel Freiheit den Regierungen der einzelnen Länder, in denen sie leben, Angst macht. Ähnlich ergeht es den Freidenkern in unserer Gesellschaft. Was sagt das Ihres Erachtens über die Mächtigen dieser Welt aus, und was wäre vom Einzelnen gefordert, um diesen ‚Tendenzen‘ entgegenzuwirken?
Anders zu sein macht den meisten Angst. Und Freidenker sind eben nicht so leicht zu manipulieren, zu beherrschen. Freidenker entfernen sich gerne mal von der Herde ‚Mensch‘ und immer wieder gibt es jemanden, der sich einfangen und eingliedern will. Freidenker haben auf der TOP Ten-Liste ihrer Bedürfnisse eine andere Reihenfolge als die Herdentiere.
Und dann ist da Oskar in »Wer wagt, gewinnt«, der ehemalige mexikanische Polizist, der die Seiten wechselte und als Auftragsmörder 150 Menschen ermordete – das nahezu klassische Beispiel dafür, dass fortwährendes Leben in Angst zu emotionalem Absterben und schließlich zu Gewalttätigkeit führt. Machen wir uns diesen Umstand in unserer Welt, im Kleinen sozusagen, Ihrer Ansicht nach ausreichend bewusst oder gilt Angsterzeugung gerade in unserer Gesellschaft immer noch als wirksames Mittel, Dinge zu ‚erreichen‘?
Mit großem Bedauern glaube ich in der Tat, dass Angsterzeugung ein beliebtes und allgemein genutztes Druckmittel ist. Sie wird von allen Altersgruppen eingesetzt; von Kindern, Jugendlichen und von Erwachsenen. Die Angsterzeugung als Machtmittel scheint in der Programmierung des Menschen fest verankert zu sein und den Wenigsten gelingt es, sich davon frei zu machen.
Sie haben »Wer wagt, gewinnt« Ihrem inzwischen erwachsenen Sohn Jánik gewidmet, und Sie haben durch Ihre Lebensgefährtin Mia drei noch recht junge ‚Bonuskinder‘, wie Sie selbst sie nennen. Versuchen Sie gezielt, Ihren Kindern die Angstfreiheit und Gelassenheit zu vermitteln oder anzuerziehen, die Sie sich in Ihrem Leben erarbeiten mussten, und wenn ja, haben Sie das Gefühl, damit erfolgreich zu sein?
Ich sehe es schon als großen Erfolg, wenn sie ihre Ängste erkennen und bekämpfen wollen. Das ist natürlich Arbeit, die unbequem und oft schmerzlich ist. Und genau dabei unterstütze ich sie.
Welche Projekte sind bei Ihnen für die Zukunft geplant?
Die neuen Folgen des »Jenke-Experiments« sind abgedreht und ab 17.03. bei RTL zu sehen. Zurzeit bereiten wir neue Folgen meiner Talk-Reihe »Jenke – ich bleibe über Nacht« vor und konzipieren weitere TV-Formate. Ich werde weiterhin Vorträge halten. Aber vor allem werde ich mein Leben mit den Menschen, die ich liebe, bewusst genießen!

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