Vorwort

Liebe Leser,

es ist Weihnachten, doch von einer stillen Nacht sind die beiden Kommissare Mara Billinsky und Jan Rosen weit entfernt. Sie haben gerade zwei berüchtigte Dealer im Frankfurter Rotlichtviertel gestellt – als diese vor ihren Augen erschossen werden! Mara und Jan jagen dem flüchtenden Täter hinterher. In einem leerstehenden Gebäude verlieren sie sich. Und plötzlich steht Mara dem Täter allein gegenüber …

Und was dann geschieht? Findet es heraus! Jeden Adventssonntag erscheint an dieser Stelle die Fortsetzung der spannenden Kurzgeschichte "Tödliche Nacht" von Leo Born.

Viel Spaß beim Lesen!

Teil 1 von 4

Wo steckte Mara Billinsky?

Die Waffe in der Hand, lief Jan Rosen weiter durch die Nacht, angespannt, bedrückt.

Eben waren Maras Schritte noch zu hören gewesen. Warum war es plötzlich so still? Wie in einer Gruft. Dabei befand er sich mitten im Bahnhofsviertel.

Minuten zuvor hatten sie noch alles bestens im Griff gehabt. Sie hatten mit Unterstützung zweier Streifenbeamten zwei Drogendealer festgenommen: Kazmir und Marcos. Keine Schwergewichte, aber auch keine kleinen Fische.

An die Wand stellen, abtasten, Schnappmesser abnehmen. Zwei Minuten, länger hatte es nicht gedauert. Nicht ungefährlich, und dennoch Routine.

Doch dann war Chaos ausgebrochen in der Gasse neben dem Club 39, einem schäbigen Stripschuppen. Eine huschende Gestalt am Eingang der Gasse, plötzlich ganz nah bei ihnen. Mehrere Schüsse dröhnten. Kazmirs und Marcos’ Blut spritzte in einer Fontäne auf Billinsky und Rosen, und im nächsten Moment sanken die beiden Drogendealer zu Boden. Tot.

Der Killer rannte davon, eine fast zierliche Gestalt, wendig, geschmeidig und unheimlich flink.

Billinsky hatte den Streifenpolizisten befohlen, bei den Leichen zu bleiben, während sie mit Rosen die Verfolgung aufnahm. Durch Hinterhöfe, über Zäune hinweg, zwischen engstehenden Blöcken am Rand des Bahnhofsviertels hindurch.

Der Killer hatte sich in einen verlassenen, verfallenden Bau geflüchtet. Billinsky und Rosen kannten das Haus von einem früheren Einsatz – es wurde oft von Drogengangstern als Umschlagsplatz genutzt. Im Grunde war es nur noch das Skelett eines Gebäudes: acht Etagen hoch, mit etlichen Fenstern wie schwarzen viereckigen Augen.

Sie hatten sich getrennt, um den Täter in die Zange zu nehmen. Billinsky hatte Rosen zur Vordertüre beordert, während sie das Haus durch den Hintereingang betreten wollte.

Nun näherte sich Rosen seinem Ziel, auf einmal allerdings langsamer, zögerlicher, als würde eine innere Bremse ihn zurückhalten.

Diese Stille.

Ihm wurde bewusst, dass heute der Weihnachtsabend war. Überall in Frankfurt wurden Geschenke ausgepackt – und er musste hier sein. Ausgerechnet hier. Das Herz hämmerte in seiner Brust. Er hielt inne.

Warum war nichts mehr von seiner Kollegin zu hören?

Wo steckte Mara Billinsky?

***

Wo steckte Jan Rosen?

War er schon in dem Gebäude?

Mara Billinsky rannte noch schneller. Schneematsch spritzte auf, tränkte ihre schwarzen Jeans. Eine klamme Kälte legte sich auf ihre Beine, während sich in ihrem Nacken Schweiß ausbreitete.

Sie hatte das Haus umrundet, erreichte den hinteren Eingang, der offenstand, wie immer, und stoppte ab. In der rechten Hand hielt sie die Waffe, mit der linken wischte sie sich übers Gesicht. Der schwache Schein einer weit entfernten Straßenlaterne zeigte das Blut auf ihren Fingern. Das Blut der beiden Dealer. Sie fühlte es auf ihren Wangen, bereits eingetrocknet, widerlich.

Aus den Stripschuppen, die sich in einer der Parallelstraßen aneinanderreihten, hörte sie die wummernden Elektrobeats. Doch von irgendwoher mischten sich auch die Klänge von White Christmas in den dumpfen Sound.

Weiße Weihnachten?, fragte sich Mara. Wohl eher blutrote. Auf jeden Fall finstere. Wie meistens bei ihr. Oft hatte sie an den Feiertagen Dienst geschoben. Kein Wunder. Allein zu Hause herumzusitzen und Kerzen anzuzünden war kaum ihr Ding. Aber jetzt bloß nicht ins Grübeln kommen, sagte Mara sich. Bleib konzentriert.

Sie atmete einmal tief durch.

Erst dann betrat sie das Gebäude, wo sie sofort von eisiger Stille umschlossen wurde. Sie folgte einem langen Flur Richtung Vordereingang und Treppenhaus.

Wo steckte Rosen?

Er musste eigentlich schon längst irgendwo hier sein.

Sie hatten den Killer doch in die Zange nehmen wollen.

War Rosen etwas zugestoßen?

Von der Musik war nichts mehr zu hören, keine Beats, kein White Christmas.

Wie aus dem Nichts löste sich ein Schatten aus der grauschwarzen Finsternis, die im ganzen Gebäude herrschte. Ein Huschen, lautlos und schnell.

Mara riss ihre Pistole hoch.

Adrenalin jagte durch ihren Körper wie ein reißender Fluss. Sie zwang sich zur Vorsicht, als sie weiterschlich. Ihre Augen hatten sich besser an die ringsum wabernde Dunkelheit gewöhnt. Sie sah die Umrisse der Türen, das Ende des Flurs, wo sich das Treppenhaus befand. Und etwas Kleines, Funkelndes, das vor ihren Füßen lag.

Hatte der Killer etwas verloren? Rasch bückte sie sich, um den Gegentand aufzuheben. Es handelte sich um einen Schokoladenweihnachtsmann, keine fünf Zentimeter groß. Sie steckte ihn in die Tasche und ging weiter.

Ein Geräusch von Sohlen, die vorsichtig, aber dennoch schnell liefen. Nach oben, schoss es Mara durch den Kopf. Der Kerl rannte die Treppe hinauf.

Sie sah die flüchtende Gestalt in der Erinnerung vor sich, grazil, geschmeidig, schnell.

Warum um alles in der Welt rannte der Killer nach oben? Das ergab doch keinen Sinn. Wäre ich auf der Flucht, dachte Mara angespannt, würde ich sonstwohin laufen, aber nicht nach oben.

Wieder atmete sie durch. Und nahm von Neuem die Verfolgung auf. Stufe für Stufe, die Pistole schussbereit.

Ihre Anspannung wuchs mit jeder Sekunde.

Und erneut fragte sie sich: Wo war Rosen?

***

Wie paralysiert stand er vor dem Vordereingang.

Die Stille zerrte unerträglich an seinen Nerven.

Auch die Kälte.

Und dass er allein war.

Wo steckte Billinsky?

Schon drin? Wahrscheinlich.

Aber wieso hörte er nichts von ihr?

Jan Rosen rührte sich nicht vom Fleck. Er konnte es einfach nicht.

Und je länger er zögerte, desto stärker holten die Erinnerungen ihn ein. Wie Nadeln stachen sie in seine Haut, unzählige kleine spitze Nadeln, überall an seinem Körper.

Die Erinnerung an jenen Moment, als er und Billinsky vor einigen Monaten unversehens zwei Männern gegenübertreten mussten: knallharten Gangstern. In einem leerstehenden, verfallenen Gebäude, genau wie dieses hier. Die Gangster hatten Waffen gezogen und das Feuer eröffnet, blitzschnell, erbarmungslos.

Billinsky hatte sich mit einem Sprung die Treppe nach unten in Sicherheit bringen können, Rosen allerdings war nicht flink genug gewesen. Sein erstes Feuergefecht, seine erste lebensbedrohliche Situation im Dienst. Und die erste Kugel, die er sich einfing. Im Oberschenkel, Steckschuss.

Gelegentlich war die Stelle selbst heute noch gereizt, so viele Wochen später, sie pochte, schmerzte, juckte.

Auch jetzt war das der Fall.

Rosens Finger krampften sich um die Waffe. Der geriffelte Griff fühlte sich fremd an, als hätte er nie mit dem Ding Schießübungen gemacht, es nie gereinigt. Er starrte den Eingang an, ohne sich in Bewegung zu setzen, noch immer wie paralysiert.

Billinsky.

Sie wartete auf ihn, ganz sicher, sie verließ sich darauf, dass er ihr beistand.

Er berührte den Rahmen der schief hängenden Eingangstür mit der freien linken Hand. Rein mit dir!, befahl er sich.

Diese verdammte Angst.

Sie war es, die am meisten an seinen Nerven zerrte. Mehr als die Stille, mehr als die Kälte. Diese gottverfluchte Angst.

***

Teil 2 von 4

Stufe für Stufe, weiter nach oben.

Mara Billinsky spürte, wie sich etwas in ihrer Brust immer stärker anspannte.

Eine tiefe Lautlosigkeit. Und diese Dunkelheit, die immer dann zerbrechlich wurde, wenn Mara einen Treppenabsatz erreichte und von außen die Lichter der Neonwelt des Bahnhofsviertels blitzartig durch ein Fenster ins Gebäude stachen.

Noch ein Stockwerk, noch eins.

Stille. Nichts als Stille.

Scheiße!, fluchte Mara stumm in sich hinein. Ich hab ihn verloren! Ich hab den Mistkerl verloren!

Aber wie war das möglich?

Er musste doch noch irgendwo hier sein.

In dem Moment, als Mara die übermächtige Stille verfluchte, ertönte ein Geräusch. Es kam aus der Etage unter ihr, aus der fünften. Also wieder ein paar Stufen nach unten.

Einerseits drängte es sie, sich zu beeilen, andererseits schärfte ihr der eigene Überlebenswille ein, bedachtsam zu sein. Ein Widerstreit, den Mara bestens kannte.

Sie erreichte das darunterliegende Stockwerk und schob sich in den Flur. Rechts und links des Ganges gab es Türen, die allesamt offenstanden und zu ehemals als Büros genutzten Räumen führten.

Jetzt herrschte wieder Grabesstille.

Woher war das Geräusch gekommen? Irgendwo von hier, ganz sicher. Und was war es gewesen? Ein Wimmern, gab sich Mara die Antwort. Ja, ein Wimmern, leise und verloren. Oder doch nicht? Schwer zu sagen.

Sie folgte dem Flur, Schritt für Schritt. Früher am Abend hatte sie noch gefroren, die eisige Frankfurter Dezemberluft hatte sich in sie verbissen, jetzt war Mara schweißgebadet.

Und wo zum Teufel steckte Rosen? War ihm doch etwas zugestoßen?

Auf den Boden funkelte etwas. Mara bückte sich. Ein Schokoladenengel in Silberpapier. Auch diesen Gegenstand ließ sie in der Jackentasche verschwinden.

Der Flur machte eine 90-Grad-Kurve.

Mara glitt um die Ecke. Mit aller Vorsicht, leise, ganz leise. Ihre Doc-Martens-Stiefel setzte sie so behutsam wie möglich auf. Es roch nach Staub – und nach Maras Schweiß.

Plötzlich ein Fetzen aus Licht. Am Ende des Flurs.

Ja, dort hinten, in einem der letzten Zimmer brannte ein Licht. Nicht sehr hell, vielleicht stammte es von einer kleinen Lampe, die von einem Schirm abgedunkelt wurde.

Also weiter.

Zu beiden Seiten des Flures befanden sich weitere Räume, schwarz klaffende Öffnungen in den nackten Wänden.

Mara passierte leere Türrahmen, einen nach dem anderen. Am Ende des Flurs waberte nach wie vor der Lichtfetzen, klein und schwach, als wäre er nur eine Einbildung.

Sie spürte ihren Herzschlag, das Leben, das in ihr pulsierte. Aus welchem aberwitzigen Grund setzte sie es immer wieder aufs Spiel? Aus welchem verrückten Grund war sie Polizistin geworden?

Weil sie nie etwas anderes hatte sein wollen, weil sie sich nichts anderes vorstellen konnte – nicht einmal jetzt, in Momenten wie diesen, wenn Furcht und Wille in ihr miteinander rangen, wenn die Anspannung bis zum Äußerten anwuchs.

Abermals ertönte das Geräusch.

Jetzt war Mara sich sicher. Ja. Ein Wimmern.

Vorbei an der nächsten Tür, dann an der nächsten.

Noch eine Tür zwischen Mara und dem Raum, aus dem das Licht quoll.

Im nächsten Moment tauchte ein Schatten auf. Ganz nah vor ihr. Ein Mündungsblitz zuckte auf. Das Krachen des Schusses – ein gewaltiges, übermächtiges Dröhnen in Maras Ohr.

***

Obwohl der Schuss nur gedämpft bis zu ihm nach draußen drang, erschrak Jan Rosen so heftig, dass es ihn schüttelte. Seine linke Hand lag noch immer auf dem Türrahmen, sein Blick war nach wie vor ins Innere des Gebäudes gerichtet wie in einen schwarzen Abgrund.

Die Sekunden tickten in seinem Kopf herunter. Und schon wieder diese Stille. Kein einziger Laut mehr seit dem Schuss, kein Trommeln von Schritten, keine Stimmen, einfach gar nichts.

Was war mit Billinsky?

Rosen schloss kurz die Augen. Er zählte lautlos bis drei, dann betrat er das Haus. Erster Schritt, zweiter Schritt. Er presste sich an die Wand, der Stoff der Jacke schabte daran entlang, das einzige Geräusch weit und breit.

Er spähte nach oben ins Treppenhaus.

Rasch forderte er per Handy Verstärkung an. Hoffentlich dauert das nicht so lange!, dachte er.

Der Schuss war nicht im Erdgeschoss abgefeuert worden, es hatte sich eher so angehört, als wäre er aus einem der oberen Stockwerke gekommen.

Aber aus welchem?

Du musst da hoch!, sagte er sich.

Wäre nur Billinsky hier gewesen, sie hätte ihn dazu gebracht, sich in Bewegung zu setzen.

Du musst da hoch!

Genau wie zuvor, schloss er für einen Moment die Augen. Für einen langen, sehr langen Moment. Er zählte bis drei und sah noch einmal hinauf ins abweisende Dunkel des Treppenhauses.

Du musst da hoch!

***

Teil 3 von 4

Mara spürte, wie hauchdünn das Projektil an ihrem Kopf vorbeizischte. Sie reagierte instinktiv, ohne zu überlegen, und warf sich nach vorn, die Umrisse der Gestalt im Blick, die urplötzlich aus einem der Zimmer im Flur aufgetaucht war.

Sie fühlte den Stoff einer Jacke, den Körper darunter, dann landete sie krachend mit dem Fremden auf dem Boden. Staub wallte auf, sie rangen miteinander. Maras Pistole glitt aus ihrer Hand, mit der sie geistesgegenwärtig den Arm ihres Gegners mit aller Kraft in die Höhe drückte, damit er nicht erneut auf sie schießen konnte. Auch seine Pistole fiel mit einem metallischen Laut auf den Boden.

Keuchend presste Mara den Killer nach unten, während sie mit der rechten Hand nach ihrer Waffe tastete. Ihre Fingerspitzen berührten den Griff, sie schnappte danach, drückte die Mündung auf den Stoff der Mütze, die der Fremde trug.

Flink kam Mara auf die Beine.

„Hoch mit dir!“, befahl sie, die Pistole schussbereit auf ihn gerichtet.

Er befolgte die Anweisung. Ein zierlicher Schatten, fast genauso groß – oder klein – wie Mara, stand da vor ihr, gehüllt in einen zu großen Wollmantel. Aufgrund der Dunkelheit war kaum eine Nuance des Gesichtes auszumachen.

„Hände über den Kopf!“

Erneut gehorchte er.

Ohne ihn aus den Augen zu lassen, bückte Mara sich rasch, um seine Pistole aufzuheben und sie in ihrer Jacke verschwinden zu lassen. „Los! Geh voran.“ Mit der freien Hand deutete sie auf den Raum, aus dem noch immer der schwache Lichtschein drang.

Nach dem Mann betrat Mara das Zimmer.

Der Boden war vollständig bedeckt von Zeitungen und Werbeprospekten. In einer Ecke sammelten sich TetraPaks mit Milch und Fruchtsaft, abgepackter Käse, Knäckebrot. Auch eine dünne, teilweise zerrissene Plastiktüte lag dort – daraus hervor quollen kleine Schokoladenfiguren: Engel, Weihnachts- und Schneemänner.

Wahrscheinlich in Supermärkten und Discountern zusammengeklaut, mutmaßte Mara.

In einer anderen Ecke bildeten mehrere zerwühlte Wolldecken einen großen Haufen.

Das Licht stammte von einer nahezu abgebrannten Kerze. Sie stand auf einem umgestülpten Bierkasten, der die dritte Ecke einnahm.

Der Killer hatte sich hier also eine Art Rückzugswinkel eingerichtet, und das gewiss nicht erst seit ein oder zwei Tagen.

Nachdem sie alles aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte, lenkte Mara ihren Blick wieder auf den Fremden, der noch immer die Hände erhoben hielt.

„Umdrehen!“, forderte sie ihn auf.

Er gehorchte. Seinen Kopf hielt er gesenkt, sodass sie fast nur die Mütze sehen konnte.

Mit einer schnellen Bewegung griff sie danach und zog sie ihm aus.

Dunkles langes Haar fiel ihm augenblicklich in Wellen über die Schultern, fast bis in Höhe der Ellbogen.

Mara gab einen Laut der Überraschung von sich.

Sie ließ die Mütze fallen. Mit den Fingerspitzen hob sie das Kinn des Killers an, dessen Gesicht vom Strahl der Kerze erfasst wurde. Dunkle Hautfarbe, schmale Wagen, kleine dunkle Augen. Ein kleines zartes Gesicht, umgeben von der wallenden schwarzen Haarpracht.

Mara pfiff leise durch die geschlossenen Lippen.

„Wer hätte das gedacht?“, murmelte sie.

Kein Killer, sondern eine Killerin.

Die Frau, die nicht älter als Anfang zwanzig sein konnte, erwiderte Maras Blick – mit einer seltsamen Mischung aus Furcht, Anspannung und Trotz.

„Sie können die Hände herunternehmen. Aber halten Sie sich ruhig, ich warne Sie!“

Die Frau ließ die Arme sinken, Maras Waffe blieb unverändert auf sie gerichtet. „Warum haben Sie die beiden Männer erschossen?“

Keine Antwort.

„Warum haben Sie das getan?“

In den Augen der Frau zuckte es, ihre schön geschwungenen, sinnlichen Lippen jedoch blieben geschlossen.

„Warum mussten Kazmir und Marcos sterben?“

Wieder das Zucken.

„Raus mit der Sprache!“

„Weil Kazmir und Marcos uns zerstört haben.“ Leise drangen die Worte zu Mara, doch voller Hass, voller Ohnmacht.

„Uns?“

„Sie haben meinen Mann mit Drogen in Kontakt gebracht. Erst steckten sie ihm hier und da etwas zu, kleine Geschenke. Dann aber, als er das Zeug nötig hatte, musste er dafür bezahlen. Immer mehr Geld. Er hat ihnen alles gegeben, was wir besaßen. Erst verlor er seinen Job, dann mussten wir aus der Wohnung raus. Kein Dach über dem Kopf. Und er wollte immer noch mehr Drogen. Da war er längst kaputt, zerfressen, am Ende. Wir lebten auf der Straße. Nur dass das kein Leben ist.“

Mara betrachtete sie, wartete darauf, dass sie fortfuhr.

„Mein Mann wollte Rache“, sagte die Frau. „Sein Ziel war es, Kazmir und Marcos umzubringen. Er klaute eine Waffe und Munition, übte in der Nacht zu schießen, im Wald. Ich war dabei, ich übte mit ihm. Er hatte wieder ein Ziel, auch wenn es ein blutiges Ziel war. Doch dann ...“ Sie verstummte.

„Was geschah?“

„Er starb. Einfach so. Am Rand der Straße, irgendwo im Bahnhofsviertel. Er hatte sich noch einmal Drogen besorgt, heimlich. Obwohl er mir versprochen hatte, nie wieder etwas davon anzurühren. Er starb wie eine Ratte. Was für ein jämmerlicher, unwürdiger Tod. Es dauerte über eine Woche, bis ich davon erfuhr – obwohl ich es bereits befürchtet hatte.“

„Und dann beschlossen Sie, seinen Plan in die Tat umzusetzen.“

„Ich wusste, dass Kazmir und Marcos heute in der Gasse beim Club 39 sein würden. Ein Freund meines Mannes hat es mir erzählt Er ist auch drogensüchtig. Sie wollten wieder ihren dreckigen Stoff verkaufen. Ich ging dorthin, um sie zu erschießen. Dann sind Sie und die anderen Polizisten dazwischengekommen. Ich schlich mich an. Und ich schoss. Das war meine Chance. Und dann rannte ich.“

Mara erwiderte nichts. Sie griff in ihre Jackentasche, holte die beiden Schokoladenfiguren hervor und warf sie zu den übrigen. „Die haben Sie verloren.“ Anschließend zog sie wortlos Handschellen aus ihrer Jacke.

„Bitte nicht.“ In das Gesicht der Frau kam ein flehender Ausdruck.

„Ich muss Sie verhaften und mit ins Präsidium nehmen, was denken Sie denn?“

„Ich kann nicht mitkommen“, entgegnete die Frau ebenso schlicht wie entschlossen.

„Machen Sie Witze?“

„Ich mache nie Witze.“

Plötzlich kam Leben in den Haufen aus Wolldecken.

Ein Wimmern ertönte.

Der gleiche Laut, den Mara zuvor im Treppenhaus vernommen hatte.

Das Wimmern wurde lauter.

***

Teil 4 von 4

Der trockene Knall des Schusses schien selbst jetzt noch in Rosens Kopf zu vibrieren.

Nichts zu sehen von der angeforderten Verstärkung. Wo bleiben die nur?

Er nahm eine Stufe nach der anderen, Stockwerk für Stockwerk. Alles in ihm bereitete sich vor auf weitere Schüsse. Auf einen Ausbruch von Gewalt. Auf Gefahr.

Schweiß rann in Strömen an seinen Schläfen herab. Auch die Hand, die seine Dienstwaffe hielt, war schweißnass.

Doch – kein weiterer Schuss.

Kein Geräusch.

Diese verdammte Stille.

Endlos.

Sie toste so gewaltig in seinem Schädel, es war unerträglich.

Ständig war er versucht, nach Billinsky zu rufen, aber das traute er sich einfach nicht.

Billinsky, wo steckst du?

***

Die Frau ging zu dem Bündel aus Decken und kniete sich davor hin.

Mara ließ es geschehen, blieb aber so aufmerksam wie zuvor.

„Ich habe dir doch gesagt, du sollst ruhig sein“, flüsterte die Frau

Mara beobachtete, wie sie eine Decke nach der anderen zurückschlug und unter den Stoffen schließlich ein höchstens drei Jahre altes Kind zum Vorschein kam. Ein Junge mit ebenfalls auffallend dickem schwarzem Haar, das ihm wirr in die Stirn fiel. Aus großen runden Augen starrte er Mara an.

„Mein Sohn“, erklärte die Frau, während sie den Kleinen zärtlich an sich drückte. „Sein Name ist Baran. Er ist so schwach, wir haben so wenig zu essen, er schläft die ganze Zeit über. Aber es werden andere Zeiten kommen. Ich werde uns beide da rausholen, Baran und mich.“

„Ich bringe Sie beide jetzt erst mal ins Präsidium. Und dann sehen wir weiter.“

Die Frau erhob sich und nahm ihren Sohn auf den Arm. „Dort werden sie mich von Baran trennen. Ich werde ihn nie wiedersehen. Und wenn doch, dann vielleicht mal für eine Stunde hinter Gefängnismauern. Das wäre mein Ende. Und vor allem: Das wäre sein Ende.“

„Das wird nicht passseren“, widersprach Mara.

„Und ob!“ Die Frau schüttelte den Kopf. „Dabei ist es gut, was ich getan habe. Verdammt gut. Kazmir und Marcos, diese Schweine, werden niemanden mehr ins Verderben stürzen.“

„Aber das heißt ganz sicher nicht, dass Selbstjustiz die richtige Lösung ist. Wir drei gehen jetzt ins Präsidium.“

„Wenn Sie und Ihre Kollegen Kazmir und Marcos festgenommen hätten – was wäre dann mit den beiden geschehen? Ein Jahr in den Knast, vielleicht zwei oder drei? Und anschließend hätten sie da weitergemacht, wo sie heute Abend vor der Festnahme aufgehört haben.“

„Trotzdem ...“

„Mein Sohn stirbt, wenn man ihn von mir trennt“, unterbrach die Frau Mara. „Und ich sterbe auch.“

„Nein, man wird sich um ihn kümmern.“

„Ich rede nicht von kümmern. Ich rede von zusammengehören. Ich rede von Familie.“

„Mir bleibt nichts anderes übrig“, entgegnete Mara.

Die Frau und der Junge sahen sie an.

„Mir bleibt nichts anderes übrig“, wiederholte sie dumpf.

„Das stimmt nicht“, sagte die Frau. „Jeder von uns hat die Wahl. Auch Sie.“

„Ich bin Polizistin.“

„Sie sind nicht nur Polizistin. Sie sind auch ein Mensch.“

Mara spürte den inneren Kampf, der plötzlich in ihr entbrannte.

„Sie sind auch ein Mensch“, kam es noch einmal von der Frau, leise und zugleich eindringlich.

***

Rosen hatte fast den fünften Stock erreicht, als er zum ersten Mal nach einer endlosen Stille etwas hörte.

Stocksteif hielt er inne.

Er schluckte, wischte sich fahrig den Schweiß von der Stirn.

Immer noch keine Verstärkung, sagte er sich verzweifelt.

Schritte. Jemand folgte dem Flur auf dieser Etage.

Und kam genau auf ihn zu.

Die zweitletzte Stufe, die letzte Stufe.

Die Schritte näherten sich.

Rosen nahm all seinen Mut zusammen.

Er drehte sich in den Flur hinein, die Pistole erhoben, und seine Stimme hallte zittrig durch die Stille: „Stehenbleiben! Kriminalpolizei.“

Etwa vier Meter entfernt zeichneten sich in der Dunkelheit die Umrisse einer schmalen Gestalt ab.

„Hände hoch!“, rief Rosen.

Die Gestalt hob die Arme in die Höhe.

„Wer sind Sie?“, fragte Rosen, jetzt leiser. Sein Herz hämmerte so heftig in der Brust, dass sie schmerzte.

Eine vertraute Stimme ertönte: „Wer ich bin? Mara Billinsky. Kann es sein, dass wir uns kennen?“

Rosen sackte ein wenig zusammen, er spürte, wie die Anspannung von ihm wich.

„Mann, Billinsky“, murmelte er. Und pustete die Luft aus.

Sie näherte sich, und trotz der Dunkelheit erkannte er, dass sie schmunzelte. „Na?“, meinte sie spöttisch. „Alles klar?“

„Du bist gut.“ Er sicherte seine Waffe und steckte sie weg. „Warum spazierst du so entspannt hier herum? Was ist passiert? Wo ist er?“

„Wer?“

„Mensch, Billinsky!“, entfuhr es ihm. „Der Killer natürlich! Ich hörte einen Schuss!“

„Den hörte ich auch.“

„Was du nicht sagst!“ Er wurde immer ungeduldiger. „Wo ist er denn nun, dieser verdammte Kerl?“

„Hm, sieht so aus, als wäre er mir entwischt.“

„Was?“ Ungläubig starrte Rosen sie an. „Wirklich?“

„Klar.“ Sie hob die Achseln. „Und nun lass uns endlich aus diesem grauenhaften Bau abhauen und zurück zu den Kollegen gehen, zurück zum Club 39.“

„Okay“, meinte er gedehnt, immer noch ungläubig, aber auch irgendwie hilflos. Dann gab er per Handy durch, dass die angeforderte Verstärkung nun wirklich nicht mehr nötig sei.

Als sie gleich darauf wieder die Straße betraten, wallte ihnen die klare eisige Luft entgegen. Sie schlugen den Rückweg ein. Die Straßenlaternen ließen den Asphalt tintig schwarz glänzen.

„Rosen, ich habe eine Idee“, sagte Mara nach ein paar Schritten. „Nachher, wenn der Einsatz vorbei ist, gehen wir noch zusammen irgendwo im guten alten Bornheim einen Wein trinken. Das letzte gemeinsame Glas liegt lange zurück, findest du nicht?“

„Heute?“ Wiederum ziemlich erstaunt musterte er sie von der Seite. „Am Weihnachtsabend?“

„Warum nicht? Oder hast du noch Verpflichtungen?“

„Ich bin allein, genau wie du. Das weißt du doch.“

„Dann also Wein. Ja oder ja?“

„Aber nur wenn du mir die ganze Weihnachtsgeschichte erzählst, die sich heute abgespielt hat.“

Mara lachte leise, verhalten. „Einverstanden.“

„Ich bin schon gespannt, was da wirklich abgelaufen ist.“

„Ach, übrigens …“

„Ja?“

„Frohe Weihnachten, Rosen.“

„Frohe Weihnachten, Billinsky.“

ENDE

Über Leo Born

© Olivier Favre

Leo Born ist das Pseudonym eines deutschen Krimi- und Thriller-Autors, der bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht hat. Der Autor lebt mit seiner Familie in Frankfurt am Main. Dort ermittelt auch – auf recht unkonventionelle Weise - seine Kommissarin Mara Billinsky.

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