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Amanda Palmer

Amanda Palmer ist Sängerin, Musikerin, Aktivistin, Regisseurin und Bloggerin und wurde zunächst mit dem Punk-Kabarett-Duo The Dresden Dolls bekannt. Sie ist Fellow am Berkman Center for Internet & Society der Harvard Universität und machte 2012 mit der bisher erfolgreichsten Kickstarter-Kampagne der Musikgeschichte Furore, bei der sie 1,2 Mio. Dollar sammelte. Seit 2011 ist sie mit dem Autor Neil Gaiman verheiratet, den sie mit ihren vielen Fragen schon oft in Verlegenheit gebracht hat.
 
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Interview

„Wenn du es anstrengend findest, jemanden um Hilfe zu bitten, könnte es sein, dass du einfach auf die falsche Weise fragst.“ | 19.08.2015

Amanda Palmer wurde als Musikerin zunächst mit ihrer Band The Dresden Dolls bekannt, inzwischen arbeitet sie als Solokünstlerin oder tourt mit ihrer Band, dem Grand Theft Orchestra, durch die Lande. Im Interview erzählt sie von der Kunst, auf Menschen zuzugehen, dem harten Leben als Straßenkünstler ...

Amanda Palmer wurde als Musikerin zunächst mit ihrer Band The Dresden Dolls bekannt, inzwischen arbeitet sie als Solokünstlerin oder tourt mit ihrer Band, dem Grand Theft Orchestra, durch die Lande. Im Interview erzählt sie von der Kunst, auf Menschen zuzugehen, dem harten Leben als Straßenkünstler und auch von ihrer Zeit in Deutschland.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein Buch zu schreiben?
Die Idee kam nach dem Auftritt bei den TED-Talks[1]. Ich habe allerdings schon lange mit dem Gedanken gespielt, ein Buch zu schreiben, in dem ich die verschiedenen Stränge meiner Geschichte – meine Arbeit als Straßenkünstlerin, das Entwickeln von Empathie gegenüber meinen Fans, und mein heutiges Leben als vertrauende Musikerin – miteinander verknüpfen kann. Als TED mich einlud, fing ich an, dies alles zusammenzufügen. Damit hatte ich plötzlich so viel Material zusammen, dass ich nicht wusste, wie ich das alles in einen 12-minütigen Auftritt packen sollte. Ab da begann ich mit meinem Mantra „Das muss ich alles aufheben für das Buch“. Also musste es dieses Buch auch geben. Zum Glück verbreitete sich der Talk wie ein Lauffeuer, was es natürlich viel einfacher machte, einen Verlag dafür zu finden.
Sie haben der Welt mit Ihrem Crowdfunding-Projekt 2012 gezeigt, dass es nur etwas Menschlichkeit braucht, um etwas zu verwirklichen. Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihr Buch mithilfe eines Verlages und nicht mit einer Crowdfunding-Aktion zu veröffentlichen?
Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Sicherlich hätte es Sinn gemacht, das Buch direkt an meine Fans zu übermitteln. Andererseits habe ich zwei Dinge bei dieser „Direkt-zum-Fan-Arbeit“ gelernt, mit der ich mittlerweile viel Erfahrung habe. Erstens: Einen Herstellungsprozess zu bewerkstelligen ist sehr harte Arbeit. Ich habe schon eine Plattenfirma auf die Beine gestellt – mehr oder weniger – und es war wirklich anstrengend. Zweitens: Wenn ich das Buch über ein Crowdfunding-Projekt veröffentlicht und es einfach dabei belassen hätte, würde ich niemals so ein großes Publikum außerhalb meiner Fanbase erreichen. Und da meine Musik auch nicht jedermanns Geschmack ist, dachte ich, dass dies die Art von Buch ist, die überall alle Arten von Menschen anspricht.
Es ist nicht nur ein Buch über Crowdfunding und Kunst; es ist ein Buch über Beziehungen, über Angst, Unsicherheit, über menschliche Verbindungen. Und ich wusste, dass ich niemals in der Lage sein würde, ein Buch in dem Ausmaß selbst zu verlegen, dass irgendwo in einem kleinen Dorf in Deutschland jemand das Buch auf dem Tisch einer beliebigen Buchhandlung finden könnte, um es aus reiner Neugier in die Hand zu nehmen. Diese Art von Synchronizität, die große Verlage herstellen können, ist für meine zwei Leute, die nichts über das Buchgeschäft wissen, einfach nicht möglich.
Wie schaffen Sie es, zu jedem Publikum eine solche Beziehung aufzubauen? Was ist Ihr Geheimnis?
Wenn ich ein Geheimnis habe, dann ist es das, dass ich sehr wenige Geheimnisse habe. Und das ist heutzutage unglaublich selten.
Was war Ihr schönstes Erlebnis, das Sie bisher mit fremden Menschen hatten, und welches Ihr schlimmstes?
Im Buch gibt es dazu ganz viele Beispiele. Zum Beispiel habe ich einmal einen langen Blog über diese seltsame Begegnung mit einem alten, buddhistischen Mönch in einem Zug geschrieben, der mich abschleppen wollte. Ich weiß nur nicht, ob das nun sehr schön oder sehr unglücklich war.
Wann glauben Sie, haben Sie endgültig die Scham verloren, auf andere Menschen zu zugehen?
So ist das nie im Leben. In einer umherreisenden Band verliert man zweifellos die Angst vor Fremden, und die Dresden Dolls waren fünf Jahre lang auf Tour. Man verliert seine Schüchternheit einfach, wenn man die ganze Zeit um die Welt rollt, und ständig auf Fremde angewiesen ist. Und davor bereitete mich meine Zeit als Straßenkünstlerin genauso darauf vor. Jede Minute als Statue auf dieser Box war nur ein kleines Stück entfernt von meinem Berg aus Angst.
Waren Sie es irgendwann schon einmal leid, andere Menschen um Hilfe zu bitten?
Nein, nicht wirklich. Ich denke, das liegt an meiner Sicht auf die Welt. Es ist ein Unterschied, ob du die Welt aus der Perspektive von Überfluss oder Mangel siehst. Wenn du es anstrengend findest, jemanden um Hilfe zu bitten, könnte es sein, dass du einfach auf die falsche Weise fragst. Oder du siehst dich selbst in einem Kontext, in dem du das Opfer deiner Umwelt bist, anstatt ein Teil eines Öko-Systems, das einfach gerade Hilfe braucht.
Ich bin in der 34. Woche schwanger und habe viel mit diesen Dingen zu tun – ich fühle mich oft müde und wacklig, und zurzeit fällt mir alles nicht so leicht. Ich könnte mich jetzt also hinstellen und mich selbst als Belastung für alle anderen Menschen um mich herum sehen. Oder ich kann sagen „Jetzt bin ich mal diejenige, die Hilfe braucht“. Wenn man Dinge auf diese Weise annimmt und freundlich um Hilfe bittet, helfen die Leute gerne – viel mehr, als wenn man jemandem von vornherein mit Scham und Schuldgefühlen begegnet.
Sie haben während Ihres Studiums für eine kurze Zeit in Köln gelebt. Was haben Sie davon in Erinnerung behalten?
KÖLN! Ich habe in Sülz gewohnt, am Zülpicher Platz. Ich habe schöne Erinnerungen an Köln. Damals machte ich ein Praktikum in einem kleinen Theater namens Horizont Theater. Und ich habe sehr viel getrunken. Später kam ich oft dorthin zurück während meiner Tour, das ist jedes Mal ein wundervoller Besuch.
Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus? Wird es noch weitere Crowdfunding-Projekte geben?
Ja. Zurzeit stelle in ein Crowdfunding-Projekt auf Patreon.com auf die Beine, das ist der Nachfolger von Kickstarter. Dort bekomme ich von rund 5.000 Unterstützern jedes Mal über 30.000$, wenn ich ein Projekt in die Wege leite oder Webcasts für große Konzerte und Kunstprojekte organisiere. Im Moment arbeite ich an einer Coveraufnahme, zusammen mit meinem Dad, Jack Palmer, der Gitarre spielt und singt. Nächsten Monat habe ich einen kleinen, einmaligen Auftritt im New York Public Library und drehe darüber einen kleinen Film.
Es ist unglaublich befreiend, so unmittelbar von meinen Fans belohnt zu werden, und gleichzeitig weiterhin die Möglichkeit zu haben, meine Kunst frei und für jeden online verfügbar zu verbreiten. Ich verlasse mich lieber auf eine kleine Gruppe von Menschen, die mich gerne unterstützen, anstatt meine Kunst hinter verschlossenen Studiotüren zu verstecken, bis sie perfekt ist. Dafür ist das Internet nicht gemacht – warum also sollte man das verlangen?

[1] Sie finden den Auftritt mit deutschen Untertiteln unter diesem Link: [Link auf http://www.ted.com/talks/amanda_palmer_the_art_of_asking]

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