Monika Held - Autor
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Autorin

Monika Held

Monika Held: Aufgewachsen in Hamburg und Cuxhaven. Lehre als Verlagskauffrau, Volontariat  bei der Hannoverschen Presse. Arbeit fürs Radio, Autorin der Zeitschrift Brigitte. Für ihre publizistische Arbeit über das Kriegsrecht in Polen und die Hilfstransporte zu den Überlebenden von Auschwitz wurde sie mit der polnischen Solidarnosc-Medaille ausgezeichnet. „Der Schrecken verliert sich vor Ort“ ist ihr dritter Roman. Bei Eichborn erschienen „Augenbilder“ und „Melodie für einen schönen Mann“. Monika Held lebt in Frankfurt am Main.

Interview

Interview | 06.08.2014

Nach ihrem hochgelobten Roman »Der Schrecken verliert sich vor Ort« liefert Monika Held mit »Trümmergöre« einen Roman über das Hamburg der Nachkriegszeit. Dort lebt Jula - die titelgebende »Trümmergöre« - die in einer Welt aufwächst, in der die Dinge nun einmal sind, wie sie sind, weil der Krieg sie...

Nach ihrem hochgelobten Roman »Der Schrecken verliert sich vor Ort« liefert Monika Held mit »Trümmergöre« einen Roman über das Hamburg der Nachkriegszeit. Dort lebt Jula - die titelgebende »Trümmergöre« - die in einer Welt aufwächst, in der die Dinge nun einmal sind, wie sie sind, weil der Krieg sie so gemacht hat. Immer mit einem weisen Spruch und einem Lächeln auf den Lippen, lässt sie die Zerstörung um sich herum verblassen. Im Interview erzählt Monika Held, welche Erfahrungen sie selbst in der Nachkriegszeit gemacht hat, was es braucht, um vor lauter Trümmern nicht den Mut zu verlieren, und wie sehr sie sich in der »Trümmergöre« wiederfindet.
Der Schauplatz des Buches ist überwiegend Hamburg während der Nachkriegszeit. Woher stammt Ihr Detailwissen?
Ich war ca. drei Monate alt, als die Engländer ihre »Operation Gomorrha« begannen. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 lösten 739 englische und amerikanische Bomber in Hamburg einen orkanartigen Feuersturm aus. Dreißigtausend Tote in einer Nacht kann man sich nicht vorstellen – und ein Säuglingskopf kann diese Bilder weder aufnehmen noch speichern. Dennoch werden mich wohl diese Zeit und die Erzählungen der Erwachsenen geprägt haben. Manche Kriegskinder, sagt man, seien, inmitten von Todesangst, besonders behütete, beschützte Kinder gewesen und daher später erstaunlich angstfrei. Ich kann das bestätigen.
Welche Erfahrungen haben Sie als Kind der damaligen Zeit geprägt?
Nicht die Dinge, unter denen die Erwachsenen gelitten haben. Ich bekam das Gelbe vom Ei, wenn es denn Eier gab. Ich wurde als Kind ernst genommen, schon, weil kaum einer Zeit hatte, sich um die Kinder zu kümmern. Ich hatte Tuberkulose, musste monatelang liegen, was den Vorteil hatte, dass mir vorgelesen wurde. Ich konnte mit fünf selber lesen. Mein liebster Begleiter war das Radio: Märchen und Hörspiele. Die Trümmer der Stadt wurden mein Spielplatz. Kinder machen sich keine Gedanken über die Landschaft, in der sie aufwachsen. Sie spielen überall. Ich habe gelernt, dass sich böse Männer in Ruinen verstecken.
Hat das Buch autobiografische Züge?
Mehr oder weniger, so wie jeder Roman. Ich schreibe über ein Kind, das ich hätte sein können. Meine Großmutter, war nicht wie die Großmutter im Buch – aber doch ein bisschen. Ich schreibe über einen Vater, wie ich ihn vielleicht gerne gehabt hätte, einen paranoiden Onkel, der meinem wirklichen Onkel wohl am nächsten kommt, und seine Freunde und Freundinnen. Sobald sich aber all diese Personen zu einer Geschichte zusammenfinden, entwickeln sie ihre eigene Logik und Vorstellung davon, was sie miteinander anstellen wollen. Das zwingt mich, auch während des Schreibens, immer wieder darüber nachzudenken, worum es mir wirklich geht.
Wie ist die Idee zu dem Roman entstanden? Wussten Sie von Anfang an, was für eine Geschichte Sie erzählen wollten?
Am Anfang stand ein Bild, das nicht verschwinden wollte, immer klarer wurde aber keine Anstalten machte, sich vorwärts zu bewegen.
Können Sie das Bild beschreiben?
Ich sah eine tief verschneite Stadt. Ein Mann mit Hut und langem Mantel zog einen Schlitten hinter sich her. Man sah das Gespann nur verschwommen, weil dicke Schneeflocken vom Himmel fielen. Auf dem Schlitten saß ein Mädchen, eingeklemmt zwischen zwei Koffern, auf denen ihr Name stand: Jula. Das Mädchen zählte die Schneeflocken, die ihm in den Mund flogen … Das war‘s. Das Bild war starr wie eine Fotografie. Ich dachte: Wenn ich das Bild aufschreibe, vielleicht bewegt es sich dann, und vielleicht erfahre ich, wohin die beiden gehen. So war es. Das Schreiben machte sie lebendig und dann wusste ich auch bald, wohin der Mann das Mädchen zog.
In der »Trümmergöre« wird die Nachkriegszeit einmal aus der Sicht des kleinen Mädchens erzählt und dann aus der Sicht der erwachsen gewordenen Frau, dennoch ist es keine typische Nachkriegs-Verarbeitungsgeschichte. Was stand beim Erzählen im Mittelpunkt?
Die Frage, was dieses Kind stark macht. Warum es in einer völlig kaputten Stadt, ohne Mutter, vom Vater verlassen, umgeben von mehr oder weniger verrückten Erwachsenen, eine schöne Kindheit hatte.
Was macht dieses Kind denn so stark?
Es wird gemocht und geliebt. Es ist allen, mit denen es zu tun hat, aus den unterschiedlichsten Gründen willkommen. Das Kind wird nicht benutzt, es wird gebraucht. Heute würde man sagen: So entsteht Resilienz, eine Art inneres Immunsystem gegen die Schmerzen, die diesem Kind ja auch zugefügt worden sind. Es gibt ein schönes Bild dafür: Bei der Förderung von Stärke geht es nicht darum, ein Kind vor dem Ertrinken zu retten, auch nicht darum, es so zu behüten, dass es nicht am Fluss spielt, sondern ihm rechtzeitig das Schwimmen beizubringen, damit es nicht ertrinkt, wenn es in den Fluss fällt.
Jula ist ein freches, wissbegieriges Mädchen. Es wächst zu einer gestärkten, selbstbewussten, intelligenten Frau heran. Am Ende spielt sie mit dem Gedanken, die Wohnung zu kaufen, in der sie acht Jahre mit ihrer Großmutter und ihrem Onkel gelebt hat. Die Wohnung ist voller guter und böser Erinnerungen (…) sie zögert den Kauf hinaus. Was macht die Entscheidung so schwer?
Sie weiß nicht, ob es gut ist, sich in den Erinnerungen einzurichten. Und sie fragt sich, ob es dort Platz gibt für den Mann, der nach Jahren des Getrenntlebens zu ihr ziehen will. Und irgendetwas an der Vorstellung, dass er seine Möbel in ihre Vergangenheit stellt, gefällt ihr nicht.
Sie haben einen Roman über Asylbetrug geschrieben, einen über eine Liebe nach Auschwitz, jetzt über eine Kindheit in Trümmern. Das sind immanent politische Themen – wollen Sie politische Romane schreiben?
Nein, will ich eigentlich nicht. Aber die Geschichten, die ich erzählen möchte, lassen sich dann nicht ohne zeitgeschichtlichen Hintergrund denken.
Gibt es schon ein neues Romanprojekt, an dem Sie arbeiten?
Ich habe ein Bild im Kopf. Der Rest ist Stochern im Nebel …
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