Sarah Stricker - Autor
© Olivier Favre 

Autorin

Sarah Stricker

Sarah Stricker, 1980 in Speyer geboren, schrieb nach Einsätzen bei der taz und Vanity Fair für viele deutsche Zeitungen und Magazine (Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Neon). 2009 ist sie mit einem Stipendium nach Tel Aviv gegangen und kurzerhand dort geblieben, sie berichtet für deutsche Medien über Israel und für israelische Medien über Deutschland. "Fünf Kopeken" ist ihr schriftstellerisches Debüt, für einen Auszug daraus ist sie 2011 mit dem Martha- Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden.

Interview

Interview | 04.07.2013

Sarah Stricker legt mit »Fünf Kopeken« ihr schriftstellerisches Debüt hin. Warum es befreiend sein kann, in einem Land zu schreiben, in dem niemand um einen herum die eigene Sprache spricht und was genau es mit der Fünf-Kopeken-Münze auf sich hat, verrät die Autorin im Interview.Wie ist die Idee zu ...

Sarah Stricker legt mit »Fünf Kopeken« ihr schriftstellerisches Debüt hin. Warum es befreiend sein kann, in einem Land zu schreiben, in dem niemand um einen herum die eigene Sprache spricht und was genau es mit der Fünf-Kopeken-Münze auf sich hat, verrät die Autorin im Interview.
Wie ist die Idee zu diesem Roman entstanden und wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Als ich in den USA studiert habe, war ich mit einem Mädchen befreundet, das auch aus Deutschland kam. Sie war sehr klug – und sehr, sehr unsicher, vor allem, was ihr Äußeres anging. Ihre ganze Körpersprache sagte: „schau mich nicht an!“ Irgendwann erzählte sie mir von ihrer kleinen Schwester, die angeblich bildhübsch sei. Wenn ihr Vater sie beide jemandem vorstellte, schob er immer erst die Jüngere nach vorne und sagte „das ist meine Schöne“, und dann „das ist meine Schlaue“, und deutete auf die Ältere. Schönheit und Klugheit schienen einander auszuschließen, wer schon über das eine verfügte, musste auf der anderen Seite leer ausgehen. Meine Freundin war fest davon überzeugt, potthässlich zu sein. Und ganz ehrlich war sie das irgendwie auch. Die Jungs in unserem Wohnheim nannten sie nur „the monster“. Dann spielte sie eines Tages bei einer Theateraufführung mit, wahrscheinlich weil sie irgendein Professor dazu gezwungen hatte – und ich saß im Publikum und sah plötzlich eine völlig andere Person. Da, auf der Bühne, wo sie in eine fremde Haut schlüpfen durfte, noch dazu in einer anderen Sprache, war sie auf einmal schön, nicht nur hübsch, sondern wirklich schön. Sie schrieben sogar in der College-Zeitung darüber. Damals habe ich viel darüber nachgedacht, wie sehr unser Umfeld den Blick, den wir auf uns selbst haben, beeinflusst, dass wir die Perspektive derer, die uns am nächsten sind, oft so verinnerlichen, dass sie unversehens zur Wahrheit wird – obwohl das, was jemand in einem sieht, oft mehr über den Betrachter aussagt, als über einen selbst. Ein paar Szenen sind schon während dieses Auslandsjahres entstanden, das ist zehn Jahre her. Später dann habe immer wieder abends nach der Arbeit oder am Wochenende an dem Roman gearbeitet. Aber erst in Israel habe ich mich wirklich hingesetzt und jeden Tag von früh bis spät geschrieben. Das hat zwei Jahre gedauert.
Sie leben seit 2009 in Tel Aviv. War es für Sie von Vorteil aus der Ferne über die eigene Heimat zu schreiben?
Unbedingt. Die Distanz schärft den Blick. Man sieht vielleicht weniger, aber das klarer, weil man zwangsläufig fokussieren muss. Viele sehr (süd-)deutsche Verhaltensweisen, die im Roman eine Rolle spielen, z.B. diese ganze „Schaffe, schaffe, Häusle baue“-Mentalität, die Unfähigkeit, einfach mal nichts zu tun, ohne dabei von schlechtem Gewissen zerfressen zu werden, all die verdrängten Ängste der Kriegsgeneration, die nicht nur in deren Kindern, sondern auch in den Enkeln bis heute weiterleben … vieles davon ist mir erst richtig klar geworden, als ich ganz weit von Zuhause weg war. Zum anderen hat es eine Menge Vorteile, in einem Land zu schreiben, in dem niemand um einen herum die eigene Sprache spricht. Mein Freund hat keine Ahnung, was ich da eigentlich den ganzen Tag fabriziere, ist aber felsenfest davon überzeugt, dass es nobelpreisverdächtig ist. Das ist sehr befreiend.
Für einen Auszug aus dem Roman sind Sie mit dem hoch dotierten Martha-Saalfeld-Förderpreis ausgezeichnet worden. Wie hat sich die Auszeichnung auf Ihr Schreiben ausgewirkt?
Es hat vor allem einen riesen Ego-Boost gegeben. Zu dem Zeitpunkt war ich bereits seit einem Jahr intensiv am Schreiben, ohne zu wissen, ob überhaupt jemand Lust haben würde, das Ding auch zu veröffentlichen; ich hatte es noch nicht mal jemandem zu lesen gegeben. Meine Freunde hier waren dazu, wie gesagt, schlichtweg nicht in der Lage, meiner Familie hätte ich kein objektives Urteil zugetraut, und um es sonst jemandem in der Heimat zu schicken, hatte ich vielleicht auch einfach zu viel Angst, eine womöglich verheerende Kritik könnte mich so entmutigen, dass ich aufgebe. Die Juroren des Martha-Saalfeld-Förderpreises liefen da außer Konkurrenz, von denen kannte ich ja keinen. Als dann eines Freitagnachmittags der Anruf kam, dass das Kultusministerium mir Geld dafür bezahlen wolle, dass ich auch bitte ja weiterschreibe, konnte ich mein Glück kaum fassen.
Die Protagonistin in Ihrem Roman ist hochintelligent, verfügt über zahlreiche Talente und ist mit einem Mann zusammen, der sie abgöttisch liebt. Und dennoch ist sie zutiefst einsam und unglücklich. Wie lässt sich dies erklären?
Das Problem ist, dass sie sich nicht mal eingestehen kann, wie unglücklich sie ist. Dafür müsste sie ja erstmal Emotionen zulassen. Und ihr Vater hat ihr beizeiten beigebracht, sich solchen „Seelenmief“ mal schön vom Leibe zu halten. Vom Moment ihrer Geburt an ist ihr Lebensweg vorgezeichnet. Sie muss das schaffen, was er mit der Wehrmacht leider nicht mehr ganz hingekriegt hat: die Welt erobern. Für eine Kindheit oder gar Jugend, in der man sich ausprobieren könnte, Fehler machen, sich selbst kennenlernen, bleibt da keine Zeit. Was zählt, ist zu funktionieren. Und das tut die Protagonistin. Sie hat grandiose Noten, eine vielversprechende Karriere vor sich, sogar eine Beziehung – nicht, dass man sich noch Sorgen machen müsste, am Ende auf diesem Gebiet zu versagen. Was sie nicht hat, ist auch nur die leiseste Ahnung davon, wer sie eigentlich ist. Und je weiter sich ihr Leben dem annährt, das ihr Vater sich für sie zurechtgelegt hat, desto schwerer fällt es ihr, sich selbst noch wahrzunehmen. Das geht soweit, dass sie sich eines Tages buchstäblich nicht mehr fühlt.
Als der Ukrainer Alex in ihr Leben tritt und sie in der U-Bahn minutenlang aus Faszination und Neugier anstarrt, wird ihr bewusst, dass sie vielleicht gar nicht so hässlich ist, wie andere sie immer haben glauben lassen. Was sieht Alex in ihr? Und wie hilft er ihr, neue Seiten an sich zu entdecken?
Was in diesem ersten Moment in Alex vorgeht, bleibt sein Geheimnis; wir können nur Vermutungen anstellen. Sieht er, der Fremde, tatsächlich etwas in ihr, für das die, die ihr ganz nah stehen, blind sind? Ist er an ihr interessiert? Oder ist es vielleicht nur ein Zufall? Die Protagonistin wird sich diese Fragen ihr ganzes Leben lang stellen, und es ist nicht zuletzt diese Ungewissheit, der Wunsch, eine einfache, schöne, klare Antwort zu finden, mit dem sich das ganze, wild in ihr herumwuchernde Gedenke zurechtschneiden ließe, die sie immer wieder zu ihm hintreibt. Entscheidend ist aber, dass er sie ansieht, wirklich ansieht, nicht wie ihre Eltern, denen es eher darum geht, sich in der Tochter zu spiegeln, oder wie ihr Partner, der sie maßlos idealisiert. Alex ist der einzige, der sie wirklich, wirklich ansieht – und sie damit so durcheinander bringt, dass sie den Blick zum ersten Mal auf sich selbst richtet. In seiner Welt interessiert sich niemand für ihren mit Pokalen und Wimpeln geschmückten Lebenslauf, hier ist sie völlig nackt, ganz ohne ihre Bildung und ihren Stolz, die sie sonst so gut schützen, und die Frau, die sie darunter entdeckt, ist ihr so fremd, ist so mutig, so skrupellos und vielleicht sogar schön, dass sie alles für sie aufs Spiel setzt.
In Ihrem Roman wird die Protagonistin nur „meine Mutter“ genannt. Warum haben Sie Ihr keinen Namen gegeben?
Zum einen weil sie tatsächlich fast vergessen hat, wer sie ist, deshalb beginnt der Roman auch nicht mit ihr, sondern mit ihren Eltern, deren Schicksal ihre eigenes in den ersten Jahren fast völlig überdeckt. Zum anderen ist die Geschichte aus der Perspektive der Tochter der Protagonistin erzählt, und ich glaube, dass Mütter in den Köpfen ihrer Kinder keine Namen haben. Das würde ja bedeuten, dass sie richtige Menschen wären, aus Fleisch und Blut, mit Wünschen und Bedürfnissen. Aber als Kind ist man es so gewohnt, dass das Leben der Eltern um das eigene kreist, dass man das ihre kaum betrachtet. Anderen Alten, Politikern, Schauspielern, vielleicht sogar noch den Großeltern, mag man eine Vergangenheit zutrauen. Aber unsere Fantasie hört da auf, wo die eigenen Eltern anfangen. Deshalb fällt die Ich-Erzählerin aus allen Wolken, als ihre Mutter diese Grenze eines Tages überschreitet und sie sich plötzlich die Frage stellen muss, ob nicht nur die Frau, die sie großgezogen hat, in Wahrheit eine andere ist, sondern am Ende vielleicht auch sie selbst.
Was hat es mit dem Titel „Fünf Kopeken“ auf sich?
Vor einigen Jahren hatte ich mal einen kurzen Flirt mit einem Russen, der, welch Überraschung, tatsächlich einige Parallelen mit Alex aufweist. Mal ließ er mich links liegen, dann wieder schenkte er mir ein verschwörerisches Lächeln, ein Kompliment, ein kleines Geheimnis, gerade so viel, dass es reichte, neue, völlig unbegründete Hoffnungen zu nähren. Eines Tages erzählte er mir von irgendeinem wichtigen Termin, einem Vorstellungsgespräch, einer Prüfung, was genau, habe ich vergessen. Also habe ich nach einem Glücksbringer gesucht, den ich ihm schenken könnte. Und da hat mir jemand von der Sache mit der Münze erzählt. In der Sowjetunion war „5“ die beste Note, deshalb gab es wohl in manchen Gegenden den Brauch, Kindern vor einer Klassenarbeit ein Fünf-Kopeken-Stück zu geben, das sie sich unters Kopfkissen legen sollten. Damals – diese ganze Geschichte spielte sich in Portugal ab, wo wir zu dem Zeitpunkt beide arbeiteten – konnte ich natürlich nirgendwo ein Kopeken-Stück auftreiben. Aber Jahre später, als ich eines Sonntags, so tief in einer Schaffenskrise, dass ich die Idee, einen Roman zu schreiben, beinahe ad acta gelegt hätte, über den Flohmarkt am Berliner Mauerpark lief, um auf andere Gedanken zu kommen, ist mir genau so eine Münze plötzlich in die Hände gefallen. Ich habe sie mir dann in Silber fassen lassen, um sie als Anhänger tragen zu können, sozusagen als Glücksbringer für das Buch, von dem damals erst ein paar Seiten existieren – und was soll ich sagen: es hat funktioniert.
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