Svealena Kutschke - Autor
© Anne Schönharting, Ostkreuz

Autorin

Svealena Kutschke

Svealena Kutschke ist in Lübeck geboren und studierte Kulturwissenschaften in Hildesheim. Sie ist Preisträgerin des Open Mike der Berliner Literaturwerkstatt 2008. Ein Jahr später erschien ihr Debüt "Etwas Kleines gut versiegeln". Sie erhielt das Berliner Senatsstipendium, das Arbeitsstipendium der Stiftung Schleswig-Holstein und Aufenthaltsstipendien in China, Polen und Kroatien; ihre Beiträge erscheinen in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien. 2013 erschien ihr zweiter Roman "Gefährliche Arten" im Eichborn Verlag.

Interview

Interview | 08.07.2013

Mit dem Roman »Gefährliche Arten« von Svealena Kutschke erlebt der Leser einen rasanten, aufwühlenden Höllenritt. Im Interview spricht die Berliner Autorin über das Böse in einer sympathischen Figur, nämlich einer jungen Frau und Mutter, die Schritt für Schritt zur Serienmörderin wird.Wie sind Sie z...

Mit dem Roman »Gefährliche Arten« von Svealena Kutschke erlebt der Leser einen rasanten, aufwühlenden Höllenritt. Im Interview spricht die Berliner Autorin über das Böse in einer sympathischen Figur, nämlich einer jungen Frau und Mutter, die Schritt für Schritt zur Serienmörderin wird.
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Das Alphabet war besser zu lernen als Gleichungen mit Unbekannten. Zudem bin ich ein überzeugter Eskapist. Daher, und wegen des mangelnden Talents in den exakten Wissenschaften, war eine Karriere im Cern eher unwahrscheinlich.
Welche Bedeutung hat das Schreiben für Sie?
Wenn ich eine Figur erarbeite, kehrt sich dieser Prozess relativ schnell um, ich übernehme die Perspektive der Figur, einen neuen Wahrnehmungsfilter, durch den ich alles betrachte. Als ob die Figur mich erarbeitet. Wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, diese Filter auszuwechseln, würde ich mich tödlich langweilen. Was natürlich auch bedeutet, dass ich unaufmerksam werden würde. Dazu neige ich. Eine Figur reißt mich da wieder raus.
Haben Sie einen bevorzugten Platz an dem Sie schreiben?
An meinem Arbeitstisch. Er ist sehr hässlich. Nicht schreiend hässlich, also eine Hässlichkeit, die so offensichtlich ist, dass man sie schon wieder schön finden kann, sondern er ist auf die unangenehme, peinliche Art hässlich, die stylischen, billigen Möbelstücke nach spätestens einem Jahrzehnt zu eigen ist. Nichtsdestotrotz ist er mir heilig. Er ist die einzige Konstante in einem vibrierenden, amorphen Schreibuniversum. Die Verlässlichkeit seiner Existenz ist monolithisch.
Wie ist die Idee zu Ihrem neuen Roman entstanden?
Es gab eine Figur, mit einer Haltung, die ich faszinierend fand. Und es gab ein Thema, an dem ich mich abarbeiten wollte. In diesem Fall das Böse, in einer sympathischen Figur. Das Monströse, das sich dort manifestiert, wo man es nicht vermuten würde. Auch die Figur selber nicht. Ich wollte eine Ich-Erzählerin, die nicht denkt, was sie tut, weil es ihr nicht wirklich bewusst ist. Die Herausforderung war, den Roman so zu arbeiten, dass sich auch der Leser dieses Bösen nicht wirklich bewusst ist, es irgendwie nicht mit der Figur zusammenbringen kann, und es dennoch Sinn macht. Auf einer anderen Ebene.
Gibt es Parallelen oder gemeinsame Motive zu Ihrem Debüt »Etwas Kleines gut versiegeln«?
Wenige. Lisa war eine versponnen-verspielte Ich-Erzählerin, Sasha ist eine abgründige. Sie ist sehr viel härter und gibt weniger über sich preis. Aber es gibt wieder diesen doppelten Boden, diese Meta-Realität, die nichts Psychologisches hat wie das Surreale und auch nichts Märchenhaftes wie der magische Realismus, sondern eben eine Ebene ist, auf der etwas geschieht, was eigentlich nicht geschehen kann, aber dieselbe massive Wirkkraft auf die Figuren besitzt wie ihre sogenannte Realität. Eine Realität, die sich verhält wie ein Quantenteilchen, das sehr selbstverständlich an zwei Orten gleichzeitig sein kann.
Der Roman spielt auf verschiedenen Zeitebenen. Wie sind Sie beim Schreiben des Romans vorgegangen?
Ich bin nicht chronologisch vorgegangen, sondern auch beim Schreiben gesprungen, das war notwendig, um sich die Figur zu erschließen, die Monstrositäten, derer sie sich in Nanjing schuldig macht, mit ihrer Entwicklung der letzten zehn Jahre kurzzuschließen.
Hatten Sie von Anfang an eine Vorstellung davon, was inhaltlich in dem Roman passieren soll oder haben die Figuren ab einem bestimmten Zeitpunkt angefangen, eine Art Eigenleben zu führen?
Eine Figur hat von Anfang an ein Eigenleben, ihr pures Auftauchen ist ein Mirakel. Natürlich ist das im Grunde Quatsch. Aber notwendig. Natürlich ergrübelt man sich auch Figuren, aber die bewusst ausgedachten, das sind nicht diejenigen, die funktionieren, bei mir zumindest nicht. Die Figuren, an denen ich dranbleibe, entstehen wahrscheinlich im toten Winkel der Grübeleien. Und dann bleibt es ein Wechsel von Erdenken und Zuhören. Wenn es gut läuft, ist der Text beizeiten eine autarke Wucherung, der man sich dienstbar machen muss, die man aber gleichzeitig autoritär behandelt, indem man Rahmen steckt, die Fäden zusammenhält ect, vielleicht wie bei einem Gespräch, dessen Dramaturgie man bestimmt.
Ihr Roman beschreibt das Leben von Sasha, einer jungen selbstbewussten Frau, die als Künstlerin in Berlin lebt. Welche Entwicklung nimmt sie im Verlauf des Buches?
Sasha ist eine junge Künstlerin, sie ist aber auch eine junge Mutter und zudem eine Serienmörderin. Das hat natürlich eine zeitliche Abfolge, eine Entwicklung in der Figur. Die verschiedenen Zeitebenen sind aber dramaturgisch verschränkt, weil sich jede Entwicklung ankündigt, und weil jedes Scheitern auch den Versuch in sich birgt, die positive Intention.
Wie begegnet der Leser Sasha?
Ich kann höchstens etwas dazu sagen, wie ich der Figur begegnet bin. Ein interessiertes Misstrauen ist angebracht. Nun haben Figuren aber generell ein übergriffiges Verhalten, meine zumindest neigen dazu, in mein Denken einzugreifen, über den Schreibtisch hinaus. Meine Wahrnehmungsfolie und Haltung zu verändern. Das war bei einer Figur wie Sasha per se relativ unheimlich, und umso anstrengender, da sie ihre Dämonen banalisiert. Hier wäre es vielleicht klug, darauf hinzuweisen, dass bei der Arbeit an diesem Roman weder Tiere noch Menschen zu Schaden gekommen sind.
Welche Botschaft möchten Sie dem Leser vermitteln?
Ich habe keine Botschaft für den Leser. Es gibt eine Herausforderung, etwas das funktionieren muss. In diesem Fall eine Ambivalenz, eine Verstörung. Die Irritation darüber, wie eine Figur, mit der man sympathisiert und die bei aller Verschrobenheit durchaus, wie ich denke, nachvollziehbar bleibt, Abgründe entwickeln kann, die jenseits allen Verstehens liegen. Dennoch bleibt sie eine Figur, die liebt, und die immer seltsamere und zerstörerische Wege findet, das zu zeigen. Dieser Mörderin fehlt im Grunde die Emotion einer Mörderin.
Aber wenn ich drei Jahre an einem Text arbeite, ist die Herausforderung eher eine egozentrische. Ich selbst muss interessiert bleiben. Das läuft über das Geheimnis. Wenn ich selber den Roman genau verstehen würde, hätte ich keinen Grund mehr, ihn zu schreiben. Es ist ja ein Prozess des Ergründens. Ich weiß natürlich mehr über die Figur als der Leser, aber letzten Endes verstehe ich meine Figuren auch nur so gut, wie man einen Menschen verstehen kann, der einem nahe ist. Er bleibt immer fremd.
Der Roman beschreibt zu Beginn eine scheinbar normale und klassische Liebesbeziehung. Es wird dem Leser jedoch schnell klar, dass die Figuren in einem besonderen Spannungsverhältnis zueinander stehen. Worin besteht für Sie der Reiz in der Figurenkonstellation?
Es gibt ein Versagen der Figuren aneinander, das darin besteht, dass sie sich nicht entscheiden für einander. Das Heroische der Liebe wird dadurch banalisiert. Das ist ein recht menschliches Versagen, das in diesem speziellen Fall dämonische Konsequenzen nach sich zieht. Es handelt sich ja nicht um resignierte Figuren, sie wollen alle das Intensive, Wahre, aber sie haben keinen Mut dafür. Der Mangel wird also recht aggressiv kanalisiert.
Gibt es noch Hoffnung, dass sich alles zum Guten wendet?
Dazu hat Sasha jede Aussage verweigert. Ich habe gehört, sie ist zur Fahndung ausgeschrieben. Ihre Spur verliert sich in einem frühen Murakami, einer ihrer Lieblingsautoren, die Passage wurde aber gestrichen.
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