Autor

Walter Schmidt

Walter Schmidt ist freier Journalist und Buchautor. Für sein Buch "Dicker Hals und kalte Füße. Was Redensarten über Körper und Seele verraten" (2011) gewann er den Publizistik-Preis 2012 der "Stiftung Gesundheit". Er lebt in Bonn.

Interview

Interview | 11.03.2014

Wer kennt sie nicht, die typischen Elternsprüche. Klassiker wie „Ordnung ist das halbe Leben“ oder „So gehst du mir nicht aus dem Haus“ hat jeder schon einmal gehört. Und obwohl man sie als Kind gehasst hat, ertappt man sich als Erwachsener doch ab und zu dabei, genau diese Sprüche loszuwerden. Walt...

Wer kennt sie nicht, die typischen Elternsprüche. Klassiker wie „Ordnung ist das halbe Leben“ oder „So gehst du mir nicht aus dem Haus“ hat jeder schon einmal gehört. Und obwohl man sie als Kind gehasst hat, ertappt man sich als Erwachsener doch ab und zu dabei, genau diese Sprüche loszuwerden. Walter Schmidt, selbst Vater, erzählt im Interview, warum ihn dieses Thema gereizt hat, was hinter solchen Erziehungsfloskeln steckt und wem sie überhaupt nützen.

Herr Schmidt, in Ihrem Buch »Solange du deine Füße…« geht es zum Teil um Sätze, die wir als Kinder alle hassten, um sie dann später als Eltern manchmal trotzdem zu verwenden: „Kannst Du denn keine Ordnung halten!“, „Geh sofort auf Dein Zimmer!“ und „Was sollen denn die Nachbarn denken?“ Was hat sie an diesem Thema gereizt?
Fast alle Menschen haben Erfahrungen mit solchen Sprüchen gemacht, oft buchstäblich als Leidtragende, wenn auch mal mehr, mal weniger. Man braucht Freunden oder Bekannten nur die eine oder andere Floskel vorzuhalten, und schon erntet man lautes Aufstöhnen, vielleicht auch nur Augenrollen und ein verkniffenes Lächeln. Oder der Betreffende trägt selbst seine Favoritenliste unliebsamer Sprüche vor. So etwas verbindet, jedenfalls bringt es uns rasch ins Gespräch miteinander.

Welchen Elternspruch haben Sie selbst als Kind am meisten gehasst?
Am ehesten diesen: „Wenn ich das heute Abend dem Papa sage!“, auch wenn ich ihn zum Glück nicht oft zu hören bekam. Ziemlich hilflos, wenn auch gut gemeint, fand ich den Spruch meines früh verstorbenen Vaters: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz!“ So etwas kann einen leider prägen, denn ich fand Indianer als Junge toll. Übrigens ist es ja nicht nur der Spruch selbst, der sich dem Kind vermittelt, sondern stets auch die Haltung, die Angst oder die Sorge dahinter, die auch in andere Worte münden kann.
Warum finden Kinder die Sprüche überhaupt so schrecklich?

Nicht alle Sprüche werden zum Glück als schlimm empfunden; gegen aufmunternde ist ja in aller Regel nichts einzuwenden, auch wenn der im Buch diskutierte Satz „Die Drei ist die Eins des kleinen Mannes“ seine Tücken hat. Für die anderen gilt: Erstens haben die Floskeln nur wenig mit den Kindern, dafür aber sehr viel mit den Eltern zu tun – mit deren Werten, was ja noch angehen mag, aber eben auch mit den Ängsten von Müttern und Vätern, mit egoistischen Hoffnungen und persönlichen Grenzen. Die Sprüche können zudem oft gar nicht verstanden werden, weil den Kindern die Denkweise und die Erfahrungswelt Erwachsener noch weitgehend fremd sind.

Gibt es etwas, das alle Erziehungsfloskeln gemein haben, eine Art Erkennungsmerkmal?

Die vorwurfsvollen unter den Floskeln sind meist anmaßend und übertrieben, sie unterstellen etwas, entweder achtlos oder aus taktischen Beweggründen. Sie manipulieren, weil sie weniger dazu gedacht sind, dem Kind einen Spiegel vorzuhalten, als den inneren Druck der Eltern zu lindern oder deren Ratlosigkeit auszudrücken. Dass man sich hinter allen Sprüchen ein Ausrufezeichen denken kann, auch hinter solchen in Frageform, zeigt übrigens: Die Floskeln wollen nichts erfragen, sondern behaupten stets etwas. Dabei stehen sie ja allesamt unter dem Anfangsverdacht, womöglich nicht mehr zeitgemäß zu sein.
Aber steckt nicht auch ein bisschen Wahrheit oder sogar Weisheit in den alten Floskeln?
Natürlich, in vielen Fällen sogar, jedenfalls solange die Sprüche nicht maßlos sind oder das Kind herabwürdigen. Diesen wahren Kern aber kann man womöglich treffender ausdrücken, und das muss auch heißen: altersgerecht.
Bei welchem Satz haben Sie sich als Vater schon einmal ertappen müssen?

Herausgerutscht ist mir schon mehrfach: „Das hätte ich mal zu meinem Vater sagen sollen!“ Gedacht hab ich ihn aber mindestens hundert Mal! Sehr häufig sage ich bis heute auch: „Sei bitte pünktlich!“ Dieser Spruch ist allerdings völlig in Ordnung, wenn das Kind älter ist und man zusätzlich erklärt, warum Pünktlichkeit ein Ausdruck von Höflichkeit und Respekt anderen Menschen gegenüber ist, zumindest in unserer Kultur.
Was bewirken die Sprüche bei Kindern?
Etliche von ihnen bleiben unverstanden, weil sie nicht vom Kind her gedacht sind, und sie schärfen den Jungen oder Mädchen etwas ein, was junge Menschen ein Leben lang hemmen kann. Man denke nur an den ganz üblen Spruch „Aus dir wird nie etwas!“. Wenn einem Kind so etwas regelmäßig eingetrichtert wird, ist das eine Form seelischer Gewalt, ich würde sogar sagen: Grausamkeit. Und ein Kind, das laufend hören muss, dass es für irgendetwas „noch zu klein“ – im Sinne von „zu dumm oder ungeschickt“ – ist, könnte es im Leben schwerer als andere haben, über sich hinauszuwachsen und Selbstvertrauen zu entwickeln.
Kinder sind übrigens nicht „zu klein“ für einen Hammer, aber ein schwerer Zimmermannshammer ist zu gefährlich für ein kleines Kind. Das ist ein wichtiger Unterschied! Das kann man auch so sagen und dem Kind wenigstens ein 100-Gramm-Hämmerchen und kleine Nagelstifte besorgen, damit es unter Aufsicht hämmern und sich auch mal auf den Finger hauen kann. So lernt es, das Hämmern Spaß machen, aber auch weh tun kann.
Können Sie Eltern einen Trick verraten, um wenigstens die problematischen Sätze zu vermeiden?

Wenn wir Erwachsenen aufgeregt, ängstlich oder überfordert sind, also nicht im Vollbesitz unserer Vernunft, flutscht uns ganz leicht so ein heikler Spruch heraus. Das ist auch nicht weiter schlimm, wenn es bei Ausrutschern bleibt und wir unser Kind – in den schlimmeren Fällen – anschließend um Verzeihung bitten und ihm erklären können, wie es dazu gekommen ist. Eltern sind auch nur Menschen und machen Fehler, und geliebte Kinder halten eine Menge aus. Vorbeugend fürs nächste Mal können wir uns hinterher wenigstens klar machen, welcher Teufel uns da in Wahrheit geritten hat und was das mit eigenen Erfahrungen aus der Kindheit zu tun haben könnte. Das kann sehr aufschlussreich, aber auch beklemmend sein, und manchmal wird es traurig oder wütend machen – oder beides.
Wer kommt in Ihrem Buch zu Wort: Eltern? Pädagogen? Die Kinder?

Ich sollte aus Platzgründen eher aufzählen, wer nicht zu Wort kommt. Aber im Ernst: Es sind ins Buch eigene und fremde Beobachtungen und Anekdoten eingeflossen, und ich zitiere etliche Fachleute diverser Disziplinen, viele davon eigens befragt: Ernährungs-, Motivations- und Entwicklungspsychologen, Hirnforscher, Psychoanalytiker, Kinderärzte und andere Mediziner, aber auch Handwerksmeister und einen Fallschirmspringer. Und ja, auch Jugendliche sowie Eltern, die ja allesamt auch mal Kinder waren und sich an damals erinnern.
Welche Botschaft wollen Sie Ihren Lesern mit auf den Weg geben?
Wäge deine Worte! Und verzeih es dir selbst, wenn du Fehler machst! Zu diesen kann man stehen, auch und gerade gegenüber den eigenen oder anvertrauten Kindern. Damit gibt man ein wunderbares Beispiel. Und ein passables Vorbild zu sein, darauf kommt es letztlich vor allem an in der sogenannten Er-„Ziehung“. Denn sie soll nicht ziehen, sondern führen, vor allem aber zu etwas Gutem verlocken.
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