Melmoth
 - Sarah Perry - Hardcover

Klicken Sie hier, um den Weitersagen-Button zu aktivieren. Erst mit Aktivierung werden Daten an Dritte übertragen.

24,00

inkl. MwSt.

Eichborn Verlag
Hardcover
Sonstige Belletristik
332 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-8479-0664-3
Ersterscheinung: 30.09.2019

Melmoth

Roman

(41)

Ein fesselnder und wunderbar unheimlicher Roman

Helen Franklins Leben nimmt eine jähe Wende, als sie in Prag auf ein seltsames Manuskript stößt. Es handelt von Melmoth – einer mysteriösen Frau in Schwarz, der Legende nach dazu verdammt, auf ewig über die Erde zu wandeln. Helen findet immer neue Hinweise auf Melmoth in geheimnisvollen Briefen und Tagebüchern – und sie fühlt sich gleichzeitig verfolgt. Liegt die Antwort, ob es Melmoth wirklich gibt, in Helens eigener Vergangenheit?

Ein Buch, das einen packt und nicht mehr loslässt. Ein weiteres Meisterwerk von Sarah Perry.


Pressestimmen

Virtuos, angsteinflößend und intelligent.
THE WASHINGTON POST
Sarah Perry beweist aufs Neue, dass sie eine Meisterin der Atmosphäre ist.
WALL STREET JOURNAL
Eine unheimliche, markerschütternde Geschichte und zugleich ein Plädoyer für Wärme und Mitmenschlichkeit.
THE NEW YORK TIMES BOOK REVIEW 
MELMOTH meistert das seltene Kunststück gleichzeitig extrem unterhaltend und tiefgründig zu sein. Eine der großen literarischen Meisterleistungen unseres jungen Jahrhunderts.
THE GUARDIAN
MELMOTH ist ein pulsierender und kraftvoller Roman über Liebe und Menschlichkeit.  Das perfekte Heilmittel gegen die allzu glatte und haltungslose Literatur der letzten Jahre.
NPR, Buch des Jahres 2018

Rezensionen aus der Lesejury (41)

Winniehex Winniehex

Veröffentlicht am 18.10.2019

Wer war Melmoth ?

Helen Franklin lebt auf eigenen Wunsch weit abgeschottet von der Stadt Prag. Eines Tages kommt ihr Freund Karel total aufgelöst zu Helen. Er spricht wirr, kommt aber bald auf den Punkt und zeigt ihr ein ... …mehr

Helen Franklin lebt auf eigenen Wunsch weit abgeschottet von der Stadt Prag. Eines Tages kommt ihr Freund Karel total aufgelöst zu Helen. Er spricht wirr, kommt aber bald auf den Punkt und zeigt ihr ein seltsames Manuskript. In diesem wir von einer mysteriösen Frau gesprochen namens Melmoth, Sie soll verdammt sein ewig auf der Erde zu wandeln. Sie beobachte die Menschen und schon bald fühlt sich auch Helen verfolgt und beobachtet. Um nicht ganz durch zu drehen versucht Helen herauszubekommen ob es Melmoth wirklich gegeben hat und welches Schicksal Sie ereilt hat.

Die Geschichte beginnt direkt mit einem düsteren Einstieg, kurz wird geschildert worum es geht und schon ist man tief in der Story drin. Dunkel und düster, trotzdem voller Spannung, je mehr man las umso interessanter wurde die Geschichte. Ja, man wurde regelrecht in die Geschichte eingesogen. Was mir besonders gefiel war, dass in der Story zwischen Gegenwart und Vergangenheit spielt, dabei wird zum größten Teil zwischen Prag und England geswitcht. Dabei wurde genau drauf geachtet, dass auch die historischen Zeitalter immer gegeben waren, so dass man sich ein Bild zu der Zeit machen konnte.

Meiner Meinung eine wirklich sehr spannende und lesenswerte Geschichte. Es wurden hier verschiedene Epochen und dessen Geschissene gut thematisiert. Die Autorin hat den Leser in einer sehr dunkel und mysteriöse Welt einrauchen lassen. Mir gefiel Sie ganz gut bis auf den Anfang, dort wurde kurz angerissen wie Helen nach Prag kam. Sie fühlt sich schuldig und meiner Meinung nach aalt Sie sich darin auch. Das ist der einzige Kritikpunkt an der ganzen Geschichte der mir persönlich jetzt nicht so gefiel. Ansonsten eine wirklich sehr lesenswerte Geschichte.

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

SLovesBooks SLovesBooks

Veröffentlicht am 13.10.2019

Hass-Liebe

Meine Meinung:

Ich habe mich sehr auf ein neues Buch von Sarah Perry gefreut. Ich mochte schon den Vorgänger und war im speziellen von der Thematik und dem Schreibstil positiv überrascht.

Das erging ... …mehr

Meine Meinung:

Ich habe mich sehr auf ein neues Buch von Sarah Perry gefreut. Ich mochte schon den Vorgänger und war im speziellen von der Thematik und dem Schreibstil positiv überrascht.

Das erging mir auch bei diesem Buch nicht anders. Perry hat eine ganz tolle Art zu schreiben, an die man sich vielleicht erst mal gewöhnen muss, weil sie so von dem heutigen Standard abweicht. Dabei schafft sie es aber immer auf einem gut leserlichen Niveau zu bleiben, sodass man trotzdem einen guten Lesefluss bekommen kann, auch wenn ich für ihre Bücher eindeutig länger brauche.

Auch ist ihre Themenwahl ziemlich einzigartig. Man kann dieses Buch nicht einfach einem Genre zuweisen, weil es ein wahrer Mix ist. Man erkennt aus den verschiedensten Bereichen Facetten. Das hat mir wirklich gut gefallen. Perry schafft es nicht nur ihre Gesellschaftskritik gut zu platzieren und auch in unerwarteter Härte und Deutlichkeit zu präsentieren, sondern auch das Handeln vom Leser persönlich kritisch zu hinterfragen. Man ertappt sich beim Nachdenken und das ist es, was ein gutes Buch für mich ausmacht.

Trotzdem habe ich so eine Art Hass-Liebe für das Buch entwickelt. Es gibt Stellen, an denen finde ich es richtig gut und spannend und noch dazu hervorragend geschrieben und dann gibt es Passagen, die absolut langatmig, abschreckend, verstörend oder fragwürdig finde. Ich komme bei diesem Buch einfach nicht nur auf eine Meinung. Das ist ein große Wirrwarr. Die Spannung wird leider nicht konstant gehalten. Das ist es, was ich ein wenig am Buch bemängeln würde.

Das Buch ist sehr vielschichtig und birgt sehr wahrscheinlich noch viel mehr als das, was ich beim erstmaligen Lesen alles erfassen konnte. Wenn man mit ein wenig Abstand analytisch drüber gucken würde, dann würde einem sicherlich noch ein Dutzend mehr Dinge auffallen, die ebenfalls in diesem Buch stecken. Sehr aussagekräftig ist es allemal. Von daher freue ich mich in der Tat dieses weitere Buch der Autorin gelesen zu haben.

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

Svanvithe Svanvithe

Veröffentlicht am 13.10.2019

Melmoth

„Melmoth“ von Sarah Perry ist von dem erfolgreichen Schauerroman „Melmoth der Wanderer" von Charles Maturin inspiriert. Dieser erschien im Jahr 1820 und stellt einen Mann in den Mittelpunkt, der für 150 ... …mehr

„Melmoth“ von Sarah Perry ist von dem erfolgreichen Schauerroman „Melmoth der Wanderer" von Charles Maturin inspiriert. Dieser erschien im Jahr 1820 und stellt einen Mann in den Mittelpunkt, der für 150 Jahre seine Seele dem Teufel verkauft und dann auf der Suche nach jemanden ist, der seinen Platz einnimmt. Bei Sarah Perry ist Melmoth eine Frau, ein mystisches Wesen, das einer unglaublich düsteren und quälenden Dunkelheit verhaftet ist. Denn Melmoth ist Zeugin einiger historischer, wahrlich teuflischer Gräueltaten der Menschheit.

Im Mittelpunkt des Geschehens im Winter des Jahres 2016/2017 steht die in Prag asketisch lebende und als Übersetzerin arbeitende Engländerin Helen Franklin: _„Klein, unscheinbar, umweht von einer Traurigkeit, deren Ursache niemand errät; still erfüllt sie ihre Selbstbestrafung, pflichtbewusst, ohne Umschweife und voller Selbsthass.“_ Unter ihrem Bett liegt ein grauer Pappkarton, in dem Helens ganzes Dasein auf dreißig mal zwanzig Zentimetern verstaut ist, so tief vergraben wie unter englischer Erde, begonnen vor zweiundvierzig Jahren in Essex in einem Haus mit Rauputzfassade und zweiundzwanzig Jahre später durch einen reinen Willensakt beendet. Er stammt aus einer Zeit, in der Helen wirklich lebendig war. Alles davor ist nur Prolog, alles danach eine Randnotiz gewesen.

Trotzdem sie sich Vergnügen und Kameradschaft widersetzt, findet sie einen Freund: Dr. Karel Pražan. Durch ihn macht sie zum ersten Mal Bekanntschaft mit dem Mythos der Melmoth, Melmotte oder Melmotka, wie sie in Prag genannt wird, einer Frau, die dazu verdammt ist, auf nackten, blutigen Füßen die Welt zu durchstreifen, um Zeugnis abzulegen von der Gewalt und Grausamkeit der Menschheit und auf der Suche nach denjenigen, die in die Abgründe des Elends geraten sind.

_„Sie ist einsam. Ihre Einsamkeit ist uferlos und wird erst enden, wenn die Welt untergeht und Melmoth Vergebung erfährt. Sie erscheint den Menschen am Tiefpunkt ihres Lebens, und nur die Erwählten spüren ihren Blick. Sie heben den Kopf, und plötzlich steht die Zeugin vor ihnen. Angeblich streckt sie dann die Arme aus und sagt: Nimm meine Hand! Ich war so einsam!“_

Melmoth scheint Menschen zu mögen, die etwas zu verbergen haben. Wie Helen.

Nach dem Verschwinden von Karel hinterlässt er ihr nicht nur seine Besessenheit von Melmoth, sondern auch ein Manuskript, das eine Sammlung primärer historischer Quellen enthält, die auf besondere Art Melmoth darstellen. Jene vielfältige Texte bieten ein klares und sorgfältiges, gleichwohl erschreckend erschütterndes Zeugnis: Da ist der tschechoslowakische Junge, der aus Unverständnis und Langeweile versagt und Schuld auf sich lädt, als er seine Nachbarn, eine jüdische Familie, denunziert. Wir erfahren von einem Bettler, dessen Arbeit als türkischer Beamter den Völkermord an den Armeniern 1915 begünstigt und einem Engländer, der sich im 17. Jahrhundert an der Verfolgung der Katholiken beteiligt. Und wir lernen eine junge Frau kennen, deren Körper durch eine Säureattentat ihres eifersüchtigen Freundes verbrannt wurde und sich nichts sehnlicher wünscht, als von ihrem qualvollen Leiden erlöst zu werden.

Sarah Perrys Prosa ist üppig, malerisch und anspruchsvoll. Mit Scharfsinn und durchaus unheimlich anmutenden Bildern wie schwarzen Dohlen gelingt ihr die Verdichtung der detaillierten Ereignisse und die atmosphärische Einbindung des Lesers, der zudem immer wieder direkt angesprochen wird.

Die Autorin formuliert ethische und philosophische Fragen, beispielsweise nach dem Unterschied zwischen dem, was gut, richtig oder gesetzmäßig ist. Lassen wir uns nicht zu sehr von Äußerlichkeiten ablenken, weil wir das Innere nicht kennen? Was sind unsere Pflichten in der Gemeinschaft? Reicht es aus, zu wissen und Zeugnis abzulegen, oder sind wir miteinander verbunden und involviert, so dass dies aktive Reaktionen hervorrufen muss? Sollten wir dem Wunsch nach Verdrängung, auch in Momenten der Schuld nachgeben oder Verantwortung übernehmen und uns das Gefühl von Anstand und Hoffnung auch im tiefsten Dunkel erhalten? Sarah Perry hat eine Antwort hierfür:

_"Wir sind ganz allein, deswegen müssen wir tun, was Melmoth tun würde: Wir müssen hinsehen und bezeugen, was nicht in Vergessenheit geraten darf."_

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

Seitenseglerin Seitenseglerin

Veröffentlicht am 13.10.2019

Wunderschöne, anspruchsvolle Sprache & faszinierende, düstere Atmosphäre – leider fehlt Spannung

* Spoilerfreie Rezension! *

Inhalt

Im Roman stößt Helen auf ein seltsames Manuskript, das von einer Legende handelt: von Melmoth, einer Frau in Schwarz, die angeblich dazu verdammt sein soll, für immer ... …mehr

* Spoilerfreie Rezension! *

Inhalt

Im Roman stößt Helen auf ein seltsames Manuskript, das von einer Legende handelt: von Melmoth, einer Frau in Schwarz, die angeblich dazu verdammt sein soll, für immer über die Erde zu wandeln und menschliche Gräueltaten zu bezeugen. In Prag findet Helen immer mehr Hinweise auf die Frau in Briefen und Tagebüchern…

Übersicht

Einzelband oder Reihe: Einzelband
Verlag: Eichborn
Seitenzahl: 336
Erzählweise: Allwissender Erzähler, Präteritum und Präsens wechseln sich ab
Perspektive: männliche und weibliche Perspektive
Kapitellänge: Es gibt keine Kapitel im Buch, nur Überschriften, wenn eine neue Quelle präsentiert wird.

Tiere im Buch: +/- Es wird im Buch Fleisch gegessen, Menschen tragen Schuhe aus Kalbsleder, es werden Hahnenkämpe erwähnt und Kakerlaken in großer Zahl erschlagen. Vögel fliegen gegen Glas und sterben, und es gibt Beschreibungen von halbverhungerten Straßenhunden, denen niemand hilft. Immerhin wird auch geschildert, dass im Winter immer wieder Schwäne aus dem Eis der Moldau befreit werden. Falls das in Prag wirklich geschieht, ist das sehr erfreulich!

Warum dieses Buch?

Auf dieses Buch haben mich das wunderschöne Cover und das mit viel Liebe gestaltete Design neugierig gemacht. BücherliebhaberInnen wie wir lieben es ja, solche Schmuckstücke ins Regal zu stellen und zu bewundern! Als ich dann noch gehört habe, dass dieses Buch zur "gothic fiction" (also zur Schauerliteratur) gezählt wird wie 2 meiner absoluten Lieblingsbücher – „Sturmhöhe“ / „Wuthering Heights“ und „Jane Eyre“ - , wusste ich, dass ich es unbedingt lesen muss!

Meine Meinung

Einstieg (+/-)

„Karel glaubte zu spüren, wie ihm die Neugier eine Hand zwischen die Schulterblätter legte und ihn vorwärtsschob.“ Seite 31

Der Einstieg ist mir leider nicht leicht gefallen. Es hat einige Seiten gedauert, bis ich ganz in die Geschichte eintauchen konnte. Dann wurde die Lektüre aber zu einem intensiven, faszinierenden Erlebnis. Man muss sich selbst am Anfang auf jeden Fall genug Zeit geben, um ins Buch zu finden.

Schreibstil (♥)

Sarah Perrys Schreibstil fand ich absolut großartig - ich war ganz verzaubert von den wunderschönen Vergleichen und sprachlichen Bildern und von den atmosphärischen Beschreibungen. Dabei muss man allerdings wissen, dass die Autorin sehr anspruchsvoll schreibt – man kann das Buch auf jeden Fall nicht nebenbei lesen, sondern muss sich voll und ganz darauf konzentrieren. Dieses Buch ist also genau das Richtige für Menschen, die beim Lesen gefordert werden möchten. Das Lesen kam mir stellenweise (obwohl ich das Buch rückblickend gern gelesen habe) vor wie ein Kraftakt – ich war erleichtert, als ich die letzte Seite umgeblättert hatte. Viel zu wenige Absätze im Buch erschweren zusätzlich die Lektüre.

Ungewöhnlich, aber sehr gelungen und spannend fand ich außerdem die direkte Ansprache und Miteinbeziehung der LeserInnen – dieses Stilmittel macht das Buch zu einer sehr besonderen Lektüre!

„Wenn sie nicht hinsieht, müssen Sie es an ihrer Stelle tun – dort hinter dem Geländer – nein, noch ein kleines Stückchen weiter, da unten, zwischen zwei geparkten Autos – warten Sie, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Da, jetzt haben Sie es, nicht wahr?“ Seite 72

Inhalt, Themen, Botschaften & Ende (+/-)

„‘Glaubst du, man kann sich nach etwas sehnen, vor dem man höllische Angst hat?‘“ Seite 143

Mit „Melmoth“ hat Sarah Perry einen Roman geschaffen, der sich ohne Frage sehr gut der Schauerliteratur („gothic fiction“) zuordnen lässt und der einem während der Lektüre auch immer das Gefühl gibt, dass wir uns eigentlich gar nicht in der Gegenwart befinden, sondern weit in der Vergangenheit, vielleicht sogar in der Blütezeit der Schauerliteratur im 19. Jahrhundert. Der interessante und düstere Schauplatz – die geschichtsträchtige Stadt Prag im Winter – wird sehr eindrucksvoll genutzt. Melmoth selbst ist eine faszinierende, tragische, mysteriöse und gleichzeitig Furcht einflößende Figur mit biblischer Vorgeschichte, die laut der Legende, die man Kindern erzählt, gezwungen ist, einsam und für immer auf der Erde zu wandeln.

Das eigentliche „Böse“ in dieser Geschichte hat jedoch nichts Übernatürliches an sich; es sind die Menschen, die zu unfassbaren Gräueltaten fähig sind. Verschiedene Quellen, die in die Geschichte eingewebt sind und einen relativ großen Teil davon ausmachen, führen uns immer wieder in die Vergangenheit und in andere Länder, wo wir ZeugInnen von verschiedenen menschlichen Verbrechen werden: Ein Junge verrät in der Zeit des Nationalsozialismus eine jüdische Familie, weil er neidisch auf ihr Radio ist; Kinder werden verprügelt; ganze Familien vergiften sich aus Angst. Besonders die Kriegsgräuel schildert die Autorin bis ins grausigste Detail und zwingt somit ihre LeserInnen, (wie Melmoth) diese furchtbaren Szenen zu bezeugen. Viele ihrer ungeschönten und eindringlichen Beschreibungen machen wütend, schockieren oder liegen noch lange Zeit schwer im Magen. Themen wie Ethik, Schuld, Trauer, Antisemitismus, Egoismus und Krieg werden eindrucksvoll und tiefgründig im Roman verarbeitet.

Wer mit einer detaillierten Literatur-Recherche in der Gegenwart rechnet, wird übrigens enttäuscht werden: Helen werden alle Quellen auf dem Silbertablett serviert, ihr Erzählstrang nimmt stellenweise erstaunlich wenig Platz in der Handlung ein. Die vielen kleinen Erzählungen, aus denen sich die Geschichte zusammensetzt, haben mich manchmal aus dem Lesefluss gerissen, aber ansonsten nicht gestört, da ich sie alle sehr interessant fand. Eine Einteilung in kürzere Kapitel und mehr Absätze hätte sicher noch etwas für die Leserfreundlichkeit des Buches tun können. Ansonsten stimme ich mit verschiedenen RezensentInnen überein – auch ich glaube, dass es die etwas sperrige und oftmals langatmige Geschichte schwer haben wird, ihr Publikum zu finden. Wer jedoch bis zum Schluss durchhält, wird mit einem grandiosen, fulminanten Gänsehaut-Ende belohnt, das einem lange in Erinnerung bleibt.

Protagonistin & Figuren (+)

Die Figuren konnten mich insgesamt überzeugen, auch wenn viele von ihnen schwer zugänglich sind und man erst einmal mit ihnen warm werden muss. Eine extrem unsympathische Figur habe ich sogar gehasst. Fest steht, dass Sarah Perry ein Talent dafür hat, sehr interessante und ungewöhnliche Charaktere zu erschaffen, die sich von jenen in anderen Büchern auf erfrischende Weise abheben.

Spannung (-!)

Mein einziger großer Kritikpunkt an der Geschichte ist die fehlende Spannung. Es gibt einige Abschnitte, die sich für mich unglaublich gezogen haben und die ich deshalb auch sehr langatmig und anstrengend zu lesen fand. Immer wieder bin ich gedanklich abgeschweift und musste mich zwingen, mich wieder auf die Geschichte zu konzentrieren. Ich befürchte leider, dass das langsame Tempo der Geschichte in Kombination mit ihrer fehlenden Spannung, ihrer Sperrigkeit und ihrem anspruchsvollen Schreibstil dazu führen wird, dass viele Menschen das Buch nach einigen Seiten bereits wieder abbrechen und beiseite legen werden, was ich durchaus verstehen könnte.

Atmosphäre (♥)

Absolut punkten konnte das Buch dafür bei mir mit seiner düsteren, intensiven und mysteriösen Atmosphäre und seinen vereinzelten Horror-Elementen. Sarah Perry weiß das Setting (Prag) und die Jahreszeit (Winter) zu nutzen. Die subtile Bedrohung durch Melmoth und die unheimliche Stimmung, die ständig im Hintergrund mitschwingt, fand ich großartig! Ich liebe es, mich zu gruseln - und das gelang der Autorin immer wieder ausgezeichnet.

„Plötzlich werden ihre Unterarme kalt, die Härchen sträuben sich, und in ihrer Brust tut sich ein Vakuum auf, als nähme das Herz Anlauf zu einem verstolperten Schlag. Es fühlt sich an, als würde sie von leblosen, gierigen Augen gemustert.“ Seite 43

Feministischer Blickwinkel (+/-)

Positiv ist anzumerken, dass das Buch den Bechdel-Test auf den ersten Seiten besteht, dass Frauen oft sehr hoch qualifiziert sind (viele haben studiert, Thea war zudem eine sehr erfolgreiche Anwältin), dass Männer weinen und dass das Geschlechterverhältnis sehr ausgeglichen ist.

In den verschiedenen Quellen über Melmoth, die natürlich alle zu einer früheren Zeit spielen, sind die Geschlechterrollen oft sehr traditionell verteilt (Frauen kochen, sind für den Haushalt zuständig etc.), und vereinzelt finden sich sehr stereotypisierende Beschreibungen von Frauen (sie lauschen immer, sie erzählen Dinge sofort weiter). Zur Kriegszeit wird auch geschildert, wie Frauen beleidigt (Hu++) und (von mehreren Männern) vergewaltigt werden – diese Szenen hatten eine schockierende Wirkung auf mich und sollen, denke ich, aufrütteln. Auch toxische Männlichkeit und die furchtbaren Taten, die damit einhergehen, werden angesprochen. So hat zum Beispiel ein Mann seine Freundin mit Säure übergossen, weil er seinen „Besitz“ mit niemandem teilen wollte. Ähnliche Verbrechen und sogar Frauenmorde passieren übrigens noch heute – sogar bei uns. Jeden dritten Tag stirbt eine Frau in Deutschland durch die Hand ihres Partners oder Ex-Partners.

Mein Fazit

„Melmoth“ ist ein gelungener Schauerroman mit einer wunderschönen, anspruchsvollen Sprache und einer düsteren, unheimlichen Atmosphäre, dem es aber leider an Spannung fehlt. Der Einstieg fiel mir schwer, dann wurde die Lektüre jedoch zu einem intensiven, faszinierenden Erlebnis. Sarah Perrys anspruchsvollen Schreibstil fand ich großartig - ich war ganz verzaubert von den wunderschönen sprachlichen Bildern und atmosphärischen Beschreibungen. Ungewöhnlich, aber äußerst gelungen fand ich auch die direkte Ansprache der LeserInnen. Mit Melmoth hat die Autorin eine faszinierende, tragische, mysteriöse und gleichzeitig Furcht einflößende Figur geschaffen. Das eigentliche „Böse“ in der Geschichte sind jedoch die Menschen. Verschiedene Berichte, die in die Geschichte eingewebt sind, führen uns in die Vergangenheit, wo wir ZeugInnen von unfassbaren Gräueltaten werden. Diese schildert die Autorin bis ins grausigste Detail. Viele der ungeschönten und eindringlichen Beschreibungen machen wütend, schockieren oder liegen noch lange Zeit schwer im Magen. Themen wie Schuld, Trauer, Antisemitismus und Krieg werden eindrucksvoll und tiefgründig im Roman verarbeitet. Die Figuren konnten mich überzeugen, auch wenn viele von ihnen schwer zugänglich sind und man erst einmal mit ihnen warm werden muss. Fest steht, dass Sarah Perry ein Talent dafür hat, sehr interessante, erfrischende und ungewöhnliche Charaktere zu erschaffen. „Melmoth“ gibt einem während der Lektüre ständig das Gefühl, dass wir uns eigentlich gar nicht in der Gegenwart befinden, sondern weit in der Vergangenheit. Der interessante Schauplatz – die geschichtsträchtige Stadt Prag im Winter – wird sehr eindrucksvoll genutzt. Mit seiner düsteren, intensiven und mysteriösen Atmosphäre und seinen Horror-Elementen konnte der Schauerroman bei mir punkten. Die subtile Bedrohung durch Melmoth und die unheimliche Stimmung, die ständig im Hintergrund mitschwingt, fand ich großartig! Trotz alledem kam mir die Lektüre stellenweise vor wie ein Kraftakt – ich war erleichtert, als ich die letzte Seite umgeblättert hatte. Mein einziger großer Kritikpunkt an der Geschichte hängt damit zusammen: Es ist die fehlende Spannung. Es gibt einige Abschnitte, die sich für mich unglaublich gezogen haben und die ich deshalb auch sehr langatmig und anstrengend zu lesen fand. Immer wieder bin ich gedanklich abgeschweift und musste mich zwingen, mich wieder auf die Geschichte zu konzentrieren. Hier stimme ich mit einigen anderen RezensentInnen überein – auch ich glaube, dass es die etwas sperrige und oftmals langatmige Geschichte mit ihrem langsamen Tempo und ihrem anspruchsvollen Schreibstil schwer haben wird, ihr Publikum zu finden. Wer jedoch bis zum Schluss durchhält, wird mit einem grandiosen, fulminanten und unvergesslichen Gänsehaut-Ende belohnt.

Bewertung

Idee: 5 Sterne ♥
Inhalt, Themen, Botschaft: 4 Sterne
Umsetzung: 4 Sterne
Worldbuilding: 5 Sterne
Einstieg: 3 Sterne
Schreibstil: 5 Sterne ♥
Protagonistin: 4 Sterne
Nebenfiguren: 4 Sterne
Spannung: 1 Stern
Atmosphäre: 5 Sterne ♥
Ende / Auflösung: 5 Sterne ♥
Emotionale Involviertheit: 3-4 Sterne
Feministischer Blickwinkel: +/-

Insgesamt:

❀❀❀❀ Lilien

Dieses Buch bekommt von mir insgesamt vier Lilien!

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

SaBineBe SaBineBe

Veröffentlicht am 13.10.2019

Ungewöhnlich aber nicht uninteressant

Helen lebt seit einigen Jahren in Prag in einer Art selbst gewähltem Exil. Sie hat nur wenige Freunde, lebt sehr spartanisch. Eines Tages erzählt ihr Karel von Melmoth, einer schwarzen Gestalt, die ihn ... …mehr

Helen lebt seit einigen Jahren in Prag in einer Art selbst gewähltem Exil. Sie hat nur wenige Freunde, lebt sehr spartanisch. Eines Tages erzählt ihr Karel von Melmoth, einer schwarzen Gestalt, die ihn zu verfolgen scheint. So wie vorher Josef Hoffmann, der in einer Bibliothek stirbt und Karel all seine Unterlagen über Melmoth hinterlässt. Einige dieser Unterlagen gibt Karel an Helen weiter und verschwindet dann spurlos. Fortan fühlt sich Gehen beobachtet und verfolgt. Ist Melmoth nun auch hinter ihr her?
Die Autorin greift hier den Mythos um Melmoth auf, einer gefallenen Gestalt, dir dazu verdammt ist ewig allein auf Erden zu wandeln und Zeugnis abzulegen über die Sünden und Verfehlungen der Menschen. Erzählt wird die Geschichte in mehreren Ebenen. So werden unter anderem alte Berichte und Geschichten zitiert, und wir erfahren die Lebensgeschichte von Josef Hoffmann.
Anfangs ist das Buch genauso, wie ich spannende Bücher liebe. Man wird schon gleich nach ein paar Sätzen so neugierig, dass man am liebsten gar nicht mehr aufhören möchte mit lesen. Leider wird das Buch durch die teilweise doch recht langen Berichte etwas langatmig, und man kommt nur schleppend voran.
Der Schreibstil in der Gegenwartsform und scheinbar aus Sicht eines neutralen Betrachters gefällt mir ausgesprochen gut. Auch die Beschreibung von Prag ist so bildhaft, dass ich mich an meinen Besuch in dieser wundervollen Stadt vor einigen Jahren erinnert fühlte.

Insgesamt ein Buch, das ich nicht wirklich einordnen kann. Auf der einen Seite habe ich es gerne gelesen. Aber auf der anderen Seite fehlt mir dich das gewisse etwas.
Wer hier, wie ich, aufgrund des Klappentextes und der Leseprobe einen spannenden Mystery- oder auch Gruselroman erwartet, wird hier unter Umständen enttäuscht sein. Hier ist eher ein sehr anspruchsvolles Buch mit einer Botschaft entstanden, die dich der Leser im Laufe der Geschichte auch ein bisschen selbst erarbeiten muss.

Mit einigen Abstrichen durchaus empfehlenswert.

Diese Rezension stammt aus unserer Community Lesejury, in der lesebegeisterte Menschen Bücher vor allen anderen lesen und rezensieren können. Hier kannst du dich kostenlos registrieren.

Autorin

Sarah Perry

Sarah Perry - Autor
© Jamie Drew

Sarah Perry wurde 1979 in Essex geboren und lebt heute in Norwich. Ihr Roman Die Schlange von Essex war einer der größten Überraschungserfolge der letzten Jahre in England. Ausgezeichnet als Buch des Jahres 2016 der Buchhandelskette Waterstones, Gewinner des britischen Buchpreises 2017 für den besten Roman sowie für das beste Buch insgesamt. Der Roman war nominiert für den Costa Novel Award, den Dylan Thomas Prize, den Walter Scott, den Baileys und den …

Mehr erfahren
Alle Verlage