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Tim Dinter

Interview

Interview | 13.10.2014

Wer sich für Berlin der 80er Jahre interessiert, kommt an »Herr Lehmann« nicht vorbei. Der Roman von Sven Regener, großartig mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt, erscheint nun bei Eichborn als Graphic Novel. Comiczeichner Tim Dinter erklärt im Interview, warum sich der Stoff perfekt für e...

Wer sich für Berlin der 80er Jahre interessiert, kommt an »Herr Lehmann« nicht vorbei. Der Roman von Sven Regener, großartig mit Christian Ulmen in der Hauptrolle verfilmt, erscheint nun bei Eichborn als Graphic Novel. Comiczeichner Tim Dinter erklärt im Interview, warum sich der Stoff perfekt für eine Graphic Novel eignet, vor welche Herausforderungen ihn der Text gestellt hat und wie er die Hauptfigur zu seinem Herr Lehmann gemacht hat.
Sven Regeners Roman »Herr Lehmann« und auch der Film von Leander Haußmann sind inzwischen Kult. Wie ist die Idee zu einer Graphic Novel entstanden?
»Herr Lehmann« ist ein großartiger Berlin-Roman. Der Verlag hatte schon längere Zeit mit der Idee gespielt, die Geschichte auch als Graphic Novel zu erzählen. In meinen Arbeiten spielt Berlin ebenfalls eine große Rolle. Schon seit Jahren zeichne und male ich die Stadt, ich mag die Melancholie und die Schnoddrigkeit der Gebäude und Straßen. Der Ton von Sven Regener und mein Stil passen gut zueinander. Das fand auch der damalige Verlagsleiter – und hat mich gefragt, ob ich mir eine »Herr Lehmann«-Adaption vorstellen kann.
Warum eignet sich dieser Stoff als Graphic Novel?
Das Buch bietet sich einfach für eine visuelle Umsetzung an. »Herr Lehmann« ist ein sehr realistisch, dialogisch und pointiert erzählter Roman. Und das Kreuzberg der 80er-Jahre ist natürlich eine ganz besondere und spannende Kulisse. Zudem wird die Geschichte komplett aus der Sicht der Hauptfigur erzählt. Man kann ihr ganz wunderbar durch Berlin und die Kreuzberger Nächte folgen. Flaneure haben mich immer schon interessiert. Ihre Spaziergänge durch die Stadt sind visuell interessant, sogar, wenn nicht viel geredet wird.
Worauf haben Sie bei der Umsetzung von »Herrn Lehmann« besonders achten müssen?
Die genaue Darstellung der Originalschauplätze ist mir immer sehr wichtig. Ein Großteil meiner Arbeit besteht deshalb aus sehr ausführlicher Recherche. Die Straßen und Gebäude, die Kneipen, die Frisuren, die Kleidung, die Kunst. Autos und Läden. Die Stimmung, die im Kreuzberg der 80er Jahren so typisch war, lässt sich sehr gut über solche Details vermitteln.
Denkt man an »Herrn Lehmann« haben viele das Gesicht von Schauspieler Christan Ulmen vor Augen, der ihn im Kinofilm spielte. Hatten Sie beim Zeichnen gleich ein Bild von Herrn Lehmann, oder war es schwer ein neues Gesicht für ihn zu finden?
Die Arbeit an »Herr Lehmann« hat mit Unterbrechungen etwa drei Jahre gedauert. Das ist eine lange Zeit, in der sich die Figuren, die man zeichnet, absolut verselbstständigen und emanzipieren. Normalerweise befreien sie sich von realen Vorbildern, aber natürlich auch von Filmfiguren. Ich habe aber von vorneherein versucht, mich nicht am Film zu orientieren, sondern Sven Regeners Buch zu lesen und dann Herr Lehmann, Karl und die schöne Köchin ganz eigenständig zu entwickeln. Im Laufe von drei Zeichenjahren lernt man die Figur dann sehr gut kennen. Sie reift sozusagen. Man zeichnet sie in allen Lagen, Zuständen und Perspektiven. Am Ende muss man dann wieder an den Anfang zurückkehren, um das anfängliche Aussehen anzupassen. Dann muss Herr Lehmann ganz zu meinem Herr Lehmann werden.
Wie eng haben Sie sich an die Romanvorlage gehalten? Sind Szenen, die sich evtl. grafisch nicht gut umsetzen lassen, rausgenommen worden bzw. vielleicht sogar neue dazu gekommen?
Da die Romanvorlage sehr realistisch und chronologisch erzählt ist, war die Zeitstruktur und die Abfolge der Ereignisse klar. Der Plot und der Takt verlaufen natürlich sehr nah am Roman. Auch die Dialoge sind da. Und sie sind bei Sven Regener natürlich richtig gut. Die visuelle Ebene übernimmt aber tatsächlich große Teile des Erzählertexts und der Unterhaltungen, Kapitel und Szenen verändern sich in ihrer Länge, manche fallen weg. Sprache, Sprachwitz und Rhythmus sind bei Regener ja zentral – auch dafür muss man Entsprechungen finden. Schauplätze, Inneneinrichtung, Kleidung und so weiter orientieren sich natürlich ebenfalls an den Vorgaben des Textes, aber im Grunde sind sie meine Welt: eine Welt, die ich beim Lesen des Romans imaginiert und dann genau recherchiert habe.
Wie eng war die Zusammenarbeit mit Sven Regener?
Er hat das Projekt unterstützt und ihm lag viel daran, dass ich meine eigene Interpretation der Geschichte erzähle. Die Bearbeitung eines Romans ist nur dann wirklich interessant, wenn auch etwas Neues, Eigenes dabei entsteht. Es geht nicht darum, ein erfolgreiches Konzept einfach in anderer Form noch einmal zu wiederholen. Meine Version ist etwas düsterer, allein schon durch die schwarzweiße Szenerie.
Worin liegt die Stärke der Graphic Novel? Was kann sie dem Leser bieten, was ein Roman nicht kann?
Die visuelle Ebene erzählt etliche Elemente der Geschichte, die im Roman auf sprachlicher Ebene vermittelt werden: Atmosphäre, Schauplätze, Zeit, emotionale Zustände, Gedanken – diese Liste lässt sich fortführen. Das Bild ist unmittelbarer als das Wort. Allerdings sehe ich beide Ebenen nicht in Konkurrenz zueinander, denn idealerweise erzählen Bild und Text (auch als Schrift) zusammen eine Geschichte. Auch die Formen Roman und Graphic Novel stehen nicht per se in Konkurrenz zueinander.
»Herr Lehmann« ist für viele mehr als ein Roman. Das Buch verkörpert das Lebensgefühl einer Generation, eines Berlins kurz vor dem Mauerfall. Was bedeutet Ihnen der Roman?
Immerhin genug, um mich drei Jahre damit zu beschäftigen! Es ist schon ein sehr gutes Buch, vor allem für jemanden, der sich so eingehend mit Berlin und mit leicht melancholischen Humor befasst wie ich.
Sie leben und arbeiten selbst in Berlin. Inspiriert Sie die Stadt?
Ja. Ich bin auch schon einige Jahre in Berlin und habe die Stadt immer gerne gezeichnet. Ich würde sogar fast behaupten, dass sie mit den Jahren fast so etwas wie eine der wichtigsten Figuren in meiner Arbeit geworden ist. Eine Stadt als Charakter.
Gibt es weitere Projekte, an denen Sie zurzeit arbeiten?
Nach drei langen Jahren »Herr Lehmann« habe ich erstmals ein paar Wochen nur an kleineren Projekten gearbeitet: meine Comic-Kolumne „Lästermaul und Wohlstandskind“ für den Tagesspiegel, hier und dort eine Illustration. Das nächste große Projekt ist jetzt aber wieder eine Graphic Novel, an der ich seit einiger Zeit mit dem Autor Thomas Pletzinger arbeite. Es erzählt die Lebensgeschichte eines Menschen, dem seine Ideale abhanden kommen. Der Arbeitstitel ist „Das Leben und Sterben des Idealisten Max Breendonk aus Göttingen“. Die Hauptfigur ist ein Unternehmensberater und Krisenmanager, der auf einer langen und unerwartet gefährlichen Winterreise seinem Leben und seinem Scheitern auf den Grund geht. Die Geschichte spielt im Milieu der Entwicklungshelfer und Entwicklungshilfeindustrie, einer faszinierenden, bunten, kosmopolitischen und irritierend fragwürdigen Welt. Das Buch spielt in New York, Hamburg, Belgien, Kambodscha, Israel, Südamerika und Afrika, in Flughafenhotels und Flüchtlingslagern. Es geht um große Themen wie Globalisierung, Korruption und Moral, aber es ist gleichzeitig auch eine Familiengeschichte. Mit diesem Buch werde ich sicher wieder ein paar Jahre verbringen.
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