Im Sommer 1975 reist Hannah Arendt, eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts, im Alter von 69 Jahren ein letztes Mal von New York in die Schweiz, in das Tessiner Dorf Tegna. Von dort fliegen ihre Gedanken zurück nach Berlin und Paris, nach Marseille und in die USA der 1940er Jahre, nach Jerusalem und Rom. Sie ist Tochter, Geliebte und Ehefrau, Professorin, leidenschaftliche Freundin, Witwe jetzt. In Tegna möchte sie noch einmal denken und dichten, faulenzen und mit den Rotkehlchen das Leben genießen. Doch mit den Erinnerungen kehrt auch die an den Eichmann-Prozess 1961 wieder. »Was wir scheinen« erzählt von einer Hannah Arendt, die aus dem Schatten der bekannten Fakten tritt und lebendig wird: in ihrem Unabhängigkeitsdrang, mit ihrem Scharfsinn und Witz sowie ihren zarten Saiten, auf denen sie meist nur für sich selbst spielte. Hildegard Keller wirft einen mitreißend frischen Blick auf Hannah Arendts Leben und Werk. Sie lädt zum Entdecken und Staunen ein, unterwegs mit einer starken und verletzlichen Frau, die ihre Freiheit über alles schätzte.

»Was wir scheinen« ist der Roman einer großen Lebensreise von Königsberg über Berlin, Paris nach New York, nach Jerusalem, Zürich, Basel und Rom – und immer wieder ins sommerliche Tessin.

Hildegard Keller

Hildegard E. Keller

Die 1960 in St. Gallen geborene Autorin und Literaturwissenschaftlerin Hildegard E. Keller veröffentlichte Theaterstücke, Hörspiele und Filme, die Frauen und ihre Werke ins Leben zurückholen. Sie war Jurorin beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (2009–2019) und Mitglied im Literaturclub des Schweizer Fernsehens (2012–2019). Bereits während ihres Studiums der Germanistik, Hispanistik und Soziologie begann sie zu schreiben, Theater und Druckgrafik zu machen. Seit 2001 ist sie Professorin für Literatur an der Universität Zürich, wo sie heute multimediales Storytelling lehrt (zurichstories.org). Zehn Jahre lang lebte sie in den USA und lehrte an der Indiana University in Bloomington. Seit ihrer Rückkehr nach Zürich ist sie freie Autorin und führt die Edition Maulhelden. Ihr Dokumentarfilm »Whatever Comes Next« wurde auf zahlreichen Festivals gezeigt und auf 3sat ausgestrahlt. Ihr Hörspiel »Die Stunde des Hundes« war für den Deutschen Hörbuchpreis 2009 nominiert. »Was wir scheinen« ist ihr erster Roman.

Zur Homepage der Autorin: hildegardkeller.ch

Hannah Arendt

Hannah Arendt (1906 – 1975)

Als Hannah Arendt 1941 in New York ankam, war sie eine Frau ohne Nationalität, ein staatenloser Mensch; die Nazis hatten sie »ausgebürgert«. Arendts Flucht aus Berlin hatte sie über Paris nach Lissabon geführt, mit einem Schiff gelang ihr die Überfahrt in die USA. Dort wurde sie mit ihren Arbeiten unter anderem zu totalitären Systemen schnell bekannt und ihre Thesen und Gedanken wurden viel diskutiert. Im April 1961, mittlerweile hatte sie die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen, flog sie für die Zeitschrift »New Yorker« nach Jerusalem: Adolf Eichmann wurde der Prozess gemacht, Hannah Arendt sollte darüber schreiben. Ihre Reportage »Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen« löste weltweit Kontroversen aus. Ihr unabhängiges Denken zwischen allen Stühlen hatte sie nun endgültig ins eigentlich ungeliebte Zentrum der Aufmerksamkeit gestoßen. Die Anfeindungen und persönlichen Schmähungen forderten einen Preis, über den Hannah Arendt öffentlich nie gesprochen hat. Ihren letzten Sommer verbrachte sie im Tessiner Ort Tegna; wenige Monate später, am 4. Dezember 1975, starb sie in New York.

Termine

26. Februar 2021
Buchhandlung Lüthy Balmer Stocker
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor. Moderation: Eichborn-Programmleiter Dominique Pleimling

18. März 2021
Instagram live @blauschwarzberlin
Hildegard Keller im Gespräch mit Maria-Christina Piwowarski

23. März 2021
Literaturhaus Köln virtuell
Hildegard Keller online zu Gast im Literaturhaus Köln; Moderation Stefan Koldehoff (DLF)

27. März 2021
Latenight mit Ladies. An Hildegards Zoombar
Hildegard E. Keller empfängt drei Ladies, die in ihrem Roman »Was wir scheinen« eine wichtige Rolle spielen: Hannah Arendt, Ingeborg Bachmann und Alfonsina Storni.
Veranstalter: Wortlaut.ch in Partnerschaft mit Wyborada und Edition Maulhelden.

30. März 2021
Hannah meets Helmut. Malte Herwig und Hildegard Keller an der Zoombar
Gastgeberin Hildegard Keller trifft sich an ihrer Zoombar mit Malte Herwig. Er ist Autor der Biographie über Helmut Schreiber, Magier der Nazizeit - und danach.

19. April 2021
Dussmann das Kulturkaufhaus, Berlin / Online-Veranstaltung
Hildegard Keller im Gespräch mit Eichborn-Programmleiter Dominique Pleimling. Über Recherchen auf Hannah Arendts Spuren, das Schreiben, die Lyrik Hannah Arendts und viele weitere Hintergrundberichte zur Entstehung des Romans

27. April 2021
Schweizerhof, Luzern
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor.
Veranstalter: Literaturgesellschaft Luzern & Literaturhaus Zentralschweiz

3. Mai 2021
Literaturhaus Zürich
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor.
Lesung und Gespräch, Moderation: Felix Münger

22. Mai 2021
Kleiner Frühling – Buch-Kunst-Fest Appenzell
Open Air
Lesung auf dem Rapid

29. Mai 2021
Leipzig liest – virtuell
Blaues Sofa
Hildegard Keller im Gespräch über ihren Roman »Was wir scheinen«

30. Mai 2021
LitFest Zürich
Live und virtuell: Hildegard Keller im Gespräch

1. Juni 2021
Romanfabrik Frankfurt
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor

17. Juni 2021
Bibliothek Zug
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor.
Lesung und Gespräch. Moderation Thomas Hengartner
Veranstalter: Literarische Gesellschaft Zug

1. Juli 2021
Literaturhaus Thurgau, Gottlieben
Hildegard Keller stellt ihren Roman »Was wir scheinen« vor.
Lesung und Gespräch.

Pressestimmen

»Die große Stärke dieses zudem unterhaltsam geschriebenen Romans ist es, dass man Hannah Arendt beim Zweifeln, beim Begreifen (in Begriffen), beim Sel­ber­den­ken in (inneren) Dialogen eng begleiten darf. So gelingt es der Autorin gut, den Leser und die Leserin mitten in dieses Denken hineinzuführen.«
Jens Uthoff, taz

»Keller hütet sich davor, ins Voyeuristische abzugleiten, sondern bleibt mit ihrer Figur auf Augenhöhe. … Insgesamt ist ihr damit ein eher leises und einfühlsames Portrait einer Denkerin zwischen den Stühlen gelungen, was jedoch gerade deswegen Authentizität schafft und Stärke beweist.«
Anika Waldorf, literaturkritik.de

»Keller gelingt mit der Anlage ihres Buchs ein Überraschungscoup. Denn selbst vielen Arendt-Kennerinnen und -Kennern ist oft nicht bewusst, welche Rolle die Schweiz und das Tessin im Leben dieser Frau spielten, die lange in New York lebte.«
Jürg Steiner, Bündner Tagblatt

»Hildegard E. Keller ist mit 'Was wir scheinen' das Kunstwerk gelungen, einen Roman über Hannah Arendt zu schreiben, der sich leicht lesen lässt, ohne das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen.«
Eva Bachmann, Kulturmagazin Saiten

»Hildegard Keller bringt die Frau, die in die Abgründe eines Jahrhunderts geschaut hat, zurück ins Leben.«
Stefan Busz & Priska Amstutz, Tagesanzeiger

»Ein Heldinnenepos, wenn auch nicht in Versen, hat Hildegard Keller verfasst. ... So legt sich die Biofiction erfolgreich ins Zeug, um das Interesse an Leben und Werk der Hannah Arendt zu entfachen.«
Martin Oehlen, Kölner Stadt-Anzeiger

»Ein Buch über eine alte Bekannte, das als Inspiration dienen soll für heute.«
SRF Kultur

»Profunde Faktenkenntnis gepaart mit Inspiration, das Spiel mit Schein und Sein, dies geht beim diesem biografischen Roman eine glückliche Verbindung ein. Doch der größere Verdienst von 'Was wir scheinen' liegt nun nicht darin, dass 'die Arendt' so lebensnah erscheint (...) Sondern, dass dieses Buch geradezu dazu animiert, den Kant`schen Leitspruch 'Sapere aude!', dem sich auch Hannah Arendt verpflichtet fühlte, anzueignen. 'Was wir scheinen' ist auch – ohne irgendwie professoral daherzukommen – eine Einführung in das selbständige Denken, eine Aufforderung, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.«
Birgit Böllinger, Büro für Text und Literatur

Interview mit Hildegard E. Keller über ihren Roman »Was wir scheinen«

Sie haben über fünfhundert Seiten lang Ihre Hauptfigur Hannah Arendt begleitet. Was hat Sie dazu veranlasst?

Ganz einfach die Tatsache, dass man mit Hannah Arendt nicht so schnell fertig wird! Sie hat mich tatsächlich auf Trab gehalten. Ihre beiden Bücher »Ursprünge des Totalitarismus« und »Vita activa« las ich als Studentin, aber erst in Amerika habe ich Arendt für mich wiederentdeckt. Im Midwest, wo ich, wie übrigens Arendt selbst, das amerikanische Campus-Leben kennenlernte, war sie damals in fast aller Munde. Nun hat sie es auch in Europa soweit gebracht. Hannah Arendt ist zur Zitatengeberin der Stunde geworden. Das ist eine zweifelhafte Form der Präsenz, wenn im gefühlten Minutentakt ein Fitzelchen von einem in die Welt hinausgeschleudert wird. Gemessen an dem, was diese Frau wirklich war und was sie der Welt hinterlassen hat, ist dieses Namedropping kurios.

Hannah Arendts Leben, ihr Werk, ihr Temperament, ist Kraftnahrung vom Feinsten. Ich bin ihr selbst, meinem Verleger Dominique Pleimling und ganz besonders meiner Lektorin Ulrike Ostermeyer dankbar, dass das Projekt mit und an diesem großen Leben wachsen konnte.

Und warum ein Roman?

Ich begeistere mich für gelebtes Leben, für Menschen aus Fleisch und Blut, für Charakterköpfe, für Persönlichkeiten mit einem klugen Herzen, und zu denen gehört Hannah Arendt. Sie ist nichts fürs Totsein. Deshalb habe ich sie mit meinen Mitteln ins Leben zurückgeholt.

Ich lasse mich ungern durch Zeit und Raum bremsen, und das war auch hier so. Ich habe meine Hauptfigur mit viel künstlerischer Freiheit aus dem Gerüst ihrer Biografie herausgelöst und ins Hier und Jetzt gestellt, damit sie mit uns, die wir heute leben, spazieren und zu uns reden kann. Auch als alte Frau will sie noch träumen und neue Freundschaften, von mir erfundene Freundschaften schließen. Besonders die fiktiven Figuren stellen eine ganz neue Freiheit für sie dar, und natürlich auch für mich. Nur im Freiraum der Imagination kann ich die große Begegnungs- und Interaktionslust zeigen, die sie für mich verkörpert.

Wie ist der Roman aufgebaut?

Der Roman beginnt und endet im Zug. Das passt zur Schweiz und dazu, wie der Roman entstanden ist. Nicht wenige Seiten habe ich im Zug geschrieben, entworfen oder redigiert. Man sitzt also mit Hannah Arendt im Gotthardtunnel und fährt nach Tegna, einem Dorf hinter Locarno, wo sie ihren Urlaub verbringen will. Sie ist verwitwet und weiß, dass sie selbst im Spätherbst ihres Lebens ist, aber Tessin muss nochmals sein. Mit der Schweiz hatte sie ja sehr viel mehr zu tun, als allgemein bekannt ist, für den Roman habe ich vieles davon aufgearbeitet und mit Musik und anderem Zeitkolorit unterlegt.

Von Tegna aus reist man mit Hannah Arendt durch ihre inneren und äußeren Welten, denn die Form des Romans ist wirklich das ideale Gefährt für ein so bewegtes Leben. Die Lebensreise setzt nach dem großen Bruch 1941 ein, mit der Ankunft von Hannah Arendt und Heinrich Blücher in New York. Sie führt über das zerstörte Deutschland, über Kalifornien, Jerusalem und Rom schließlich nach Basel, wo sich im Todesjahr von Karl Jaspers die beiden Zeitstränge verbinden.

Das Tessin ist der Hauptschauplatz. Meine Hannah Arendt liebt die Maggia-Schlucht, den kleinen Zug von Locarno durchs Centovalli, den sie Bimmel-Bammel nannte, die Vögel, die Eidechsen und überhaupt die Abgeschiedenheit in der Natur.

Was macht Ihre Hannah Arendt aus?

Hannah Arendt war mit der Publikation der fünfteiligen Reportagen-Serie »Eichmann in Jerusalem«, die zwischen Februar und März 1963 erschien – ziemlich abstrus mit Werbung durchschossen –, der englischen Originalausgabe in Buchform und der deutschen Übersetzung 1964 fast schlagartig eine öffentliche Person geworden. Eine Kontroverse gegen sie und ihr Buch, die sie selbst öffentlich »Kampagne« und in privaten Briefen »Mobilisierung des Mobs« nannte. Aus dem grellen Licht einer Öffentlichkeit, die sie teils mit Hass, teils mit Euphorie überschüttete, ohne sich in der von ihr erhofften sachlichen Weise mit ihrem Buch auseinanderzusetzen, kam sie bis zu ihrem Tod nicht mehr heraus. Ich las und tastete mich lange an diese Wende in ihrem Leben heran und erspürte eine Leerstelle.

Die Frau, die jahrelang hart im Wind stand, den Menschen, der kaum je von den persönlichen Folgen dieser Ereignisse gesprochen hat, die Denkerin, die ihrer Linie treu geblieben ist, die ganze Hannah Arendt, die das alles durchgemacht hat, sie wollte ich ins Leben zurückholen.

In »Was wir scheinen« sind wir bei und mit ihr. Sie gewinnt persönliche und private Facetten, die im Schatten der öffentlichen Persona liegen, und wird auch durch die Verbindung von Erlebtem und Gedachtem ein »ganzerer« Mensch, so hoffe ich jedenfalls. Wenn das gelingt, habe ich als Schriftstellerin und Forscherin das Beste erreicht.

Spricht aus diesem Roman eher die Forscherin oder die Künstlerin in Ihnen?

Für mich lässt sich das eine nicht vom anderen trennen. Von Haus aus bin ich Mittelalterforscherin. Ich weiß, dass man ein Stück Vergangenheit nur glaubwürdig reanimieren und auffrischen kann, wenn man recherchiert. Ich bin Literaturwissenschaftlerin und Professorin, Künstlerin und Autorin. Davon profitiert mein erster Roman, wissenschaftliche Recherchen sind ebenso eingeflossen wie meine Erfahrung als Stoffgestalterin, als Hörspiel-, Theater- und Filmregisseurin. Wenn ich eine historische Person reanimiere, spiele ich auf zwei Instrumenten gleichzeitig. Eigentlich wie die Figur aus der Kirche hoch über dem Lago Maggiore, die Hannah Arendt sich im zweitletzten Kapitel anschaut.

Dialoge schreibe ich seit Jahren, für Hörspiele, Dokufiktion, Theaterstücke mit fiktiven und historischen Persönlichkeiten, besonders Frauen, unbekanntere, aber auch bekannte wie Hildegard von Bingen, von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg. Die Form des Romans eignet sich für die Reanimation eines Lebens ausgezeichnet. Ich mag klug gemachte Animationsfilme sowieso lieber als um historische Genauigkeit bemühte Kostümfilme. Sie sind um Welten poetischer.

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Hildegard Keller über die Entstehung von »Was wir scheinen«

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