Das verschlossene Zimmer
 - Rachel Givney - Hardcover

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22,00

inkl. MwSt.

Lübbe Belletristik
Hardcover
Literarische Unterhaltung
544 Seiten
Altersempfehlung: ab 16 Jahren
ISBN: 978-3-7857-2786-7
Ersterscheinung: 25.02.2022

Das verschlossene Zimmer

Roman
Übersetzt von Ute Leibmann

(96)

Wie viele Geheimnisse erträgt eine Familie?

Krakau, im Frühjahr 1939. Alle Zeichen stehen auf Krieg, denn das Deutsche Reich treibt seine Angriffspläne auf Polen unbarmherzig voran. Die junge Marie aber beschäftigen ganz anderen Fragen: Wer ist ihre Mutter? Warum verschwand sie, als Marie ein Kleinkind war? Und warum verweigert ihr Vater, ein renommierter Arzt, jedes Gespräch über sie? Als sie die Ungewissheit nicht mehr aushält, entschließt Marie sich zu einem drastischen Schritt.

Marie zog eine Haarnadel aus ihrem blonden Haar. Bisher verfügte sie über keinerlei Erfahrungen als Einbrecherin, doch Olaf, ein ortsansässiger Tunichtgut, der zusammen mit ihr in der Straßenbahn zur Schule fuhr, hatte sich ihr gegenüber in dieser Woche damit gebrüstet, dass es ein Leichtes sei, ein Schloss mit einem schmalen Metallstück aufzubrechen. "Einfach nur reinschieben und ein bisschen hin und her ruckeln", hatte er geprahlt.

Marie musterte den Messingdraht und lächelte. In der Regel sahen die Leute in einer Haarnadel nur ein Accessoire, mit dem man seine Frisur bändigen konnte. Marie sah darin etwas anderes – einen Schlüssel.


Als Marie das Zimmer ihres Vaters aufbricht und durchsucht, riskiert sie, dadurch sein Vertrauen zu verspielen. Doch sie hat keine andere Wahl: Sie muss wissen, was aus ihrer Mutter wurde ...


Rachel Givney erzählt eindrucksvoll davon, was eine Familie ausmacht. Ein Roman, der zutiefst bewegt und nachhallt.

Rezensionen aus der Lesejury (96)

buchnarr buchnarr

Veröffentlicht am 02.04.2022

Ergreifend, dramatisch – absolut lesenswert

Die Handlung des Romans spielt im Krakau des Jahres 1939, im Schatten der drohenden Invasion der Nazis, und hat eine Dringlichkeit, die zu den Themen und der Handlung passt. Die Art und Weise, wie in diesem ... …mehr

Die Handlung des Romans spielt im Krakau des Jahres 1939, im Schatten der drohenden Invasion der Nazis, und hat eine Dringlichkeit, die zu den Themen und der Handlung passt. Die Art und Weise, wie in diesem Roman die Behandlung, die mangelnde Fürsorge und der fehlende Respekt von Frauen dargestellt werden, war zuweilen schockierend, erschütternd, aber vor allem, so glaube ich, leider völlig zutreffend für diese Zeit.

Atmosphärisch dicht, mit überzeugender Handlung und Figuren sowie einem eingängigen Schreib- und Erzählstil, nimmt „Das verschlossene Zimmer“ gegen Ende noch einmal eine erstaunliche Wendung, die ich so nicht kommen sah, und damit aber einen brillanten Abschluss für diesen fabelhaften Roman darstellt.

Dies ist ein Roman, der mir in Erinnerung bleiben wird und den ich gern anderen Lesern ans Herz legen möchte. Es ist eine großartige Geschichte, die die Autorin hier zum Leben erweckt hat und die ich mit vollen 5 Sternen bewerte.

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Laudibooks_ Laudibooks_

Veröffentlicht am 29.03.2022

Eine emotionale Reise nach der eigenen Identität

Inhalt:
Krakau im Frühjahr 1939: Die 17-jährige Marie lebt mit ihrem Vater Dominik Karski, einem angesehenen Arzt, sehr zurückgezogen. Marie's Mutter verschwand vor 15 Jahren. Sie schätzt und liebt ihren ... …mehr

Inhalt:
Krakau im Frühjahr 1939: Die 17-jährige Marie lebt mit ihrem Vater Dominik Karski, einem angesehenen Arzt, sehr zurückgezogen. Marie's Mutter verschwand vor 15 Jahren. Sie schätzt und liebt ihren Vater, kann aber überhaupt nicht verstehen, dass er jedes Gespräch und jede Frage zu ihrer Mutter verweigert. Die junge Frau kennt noch nicht einmal den Namen ihrer Mutter. Sie ist aufgewachsen, ohne zu wissen, woher sie kommt. Marie möchte endlich Antworten und beginnt selbst Nachforschungen anzustellen.

Mein Leseeindruck:
Anfangs wusste ich nicht so recht, was ich von Marie und Dominik Karski halten soll. Dies hat sich aber sehr schnell geändert und die Geschichte, samt ihrer Protagonisten hat mich in seinen Bann gezogen. Die Autorin Rachel Givney hat einen flüssigen und bildgewaltiger Schreibstil. Sie hat wahres Leben in ihre Figuren gehaucht. Sie sind authentisch und greifbar. Ich konnte mich gut in sie hineinversetzen, ihre Handlungen nachvollziehen und vor allem mit ihnen "FÜHLEN". Die Autorin bringt die Unruhen vor Beginn des zweiten Weltkrieges, den aggressiven Konfrontationskurs der NS-Führung und den Hass und die Vernichtung der Juden sehr gekonnt in ihre Geschichte unter. Sie setzt ihre Themen feinfühlig und emotional um. Ich musste meinem Herzen Luft machen. Mir sind die Tränen geflossen. Der Spannungsbogen zieht sich, dank vieler Rückblicke in die Vergangenheit, durch das gesamte Buch. Viele Andeutungen und Wendungen haben mich miträtseln lassen.
Fazit:
5/5⭐️ Lesehighlight
Ein packender, aufwühlender Familienroman. Eine emotionale Suche nach der eigenen Identität.

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katziane katziane

Veröffentlicht am 17.03.2022

Mehr als ein Familiengeheimnis

Die Geschichte entführt die Leserschaft in die Vergangenheit und zwar in das Jahr 1939 noch vor Beginn des 2. Weltkrieges. Die junge Marie lebt mit Ihrem Vater Dominik Karski, einem angesehenen Arzt, ... …mehr

Die Geschichte entführt die Leserschaft in die Vergangenheit und zwar in das Jahr 1939 noch vor Beginn des 2. Weltkrieges. Die junge Marie lebt mit Ihrem Vater Dominik Karski, einem angesehenen Arzt, in Krakau. An ihre Mutter kann sich Marie kaum erinnern. Sie möchte mehr über diese erfahren, doch ihrem Vater ist diesbezüglich nichts zu entlocken und so macht Marie sich alleine auf die Suche nach der Muter, deren Namen und dem Grund ihres Verschwindens.

Teilweise wirkt Marie etwas naiv in ihrem Verhalten. Vielleicht ist das ihrer Jugend geschuldet, vielleicht aber auch ihrem Elternhaus. Jedenfalls wird sie so behütet, dass sie offensichtlich viele Dinge gar nicht mitbekommt oder erst viel später. Dennoch ist diese junge Frau eine starke Persönlichkeit und sie wächst an dem was sie tut und erlebt.

Etwas fremd wirkt die Geschichte wohl zunächst auf den Leser, was wohl der Zeit geschuldet ist, in der sie spielt und auch der Region. Dennoch fesselt sie vom ersten Moment an. Nicht nur die Suche Maries sondern auch viele weitere Aspekte tragen hierzu bei. So geht es ganz nebenbei auch um den Krieg, um die Stellung der Juden in der Gesellschaft zum damaligen Zeitpunkt, um die Rolle der Frau und vieles mehr. Und dann geht die Reise noch weiter zurück in die Vergangenheit, in die Zeit des 1. Weltkrieges und kurz danach, in die Zeit von Maries Geburt. Und schließlich geht eine Suche zu Ende und etwas Neues beginnt.

Die Autorin hat hier eine Geschichte geschrieben, dies ihresgleichen sucht und hält gegen Ende auch noch eine große Überraschung bereit. Mich konnte „Das verschlossene Zimmer“ durchgängig begeistern und das erst recht, weil ich aufgrund des Klappentextes zunächst eine ganz andere, vielleicht nicht so hintergründige Story erwartet habe.

Copyright © 2022 by Iris Gasper


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KerstinTh KerstinTh

Veröffentlicht am 12.03.2022

Wunderbare Geschichte

Die Haupthandlung spielt in Krakau im Jahre 1939. Marie ist gerade eine junge Frau geworden und lebt mit ihrem Vater, Dr. Dominik Karski, allein zusammen. Ihr Vater ist sehr führsorglich, allerdings auch ... …mehr

Die Haupthandlung spielt in Krakau im Jahre 1939. Marie ist gerade eine junge Frau geworden und lebt mit ihrem Vater, Dr. Dominik Karski, allein zusammen. Ihr Vater ist sehr führsorglich, allerdings auch ein eigenartiger Kauz. Marie kennt ihr Mutter nicht und auch ihr Vater wird ihr dabei keine Hilfe sein – er schweigt. Marie beginnt selbst Nachforschungen anzustellen – wird sie Dominiks Geheimnis lüften?

Teilweise wirkten die Charaktere schon sehr nach Wundermenschen, sowohl Dominik, als auch Marie und Helena. Es ist schön zu sehen, wie sehr Dominik seine Tochter schützen möchte. Sie ist sein ein und alles. Marie ist eine sehr kluge junge Frau – es wäre wirklich schade, wenn sie nur als Ehefrau und Mutter verkommen würde. Allerdings merkt man ihr an ihrem teilweisen naiven und kindlichen Verhalten doch noch ihre sehr junges Alter an. Auch gab es stellenweise inhaltliche Schwächen, da manche Handlungen merkwürdig, unpassend oder auch unzusammenhängend waren, dennoch störte mich das am Ende überhaupt gar nicht. Der Schreibstil hat mir gut gefallen, er war angenehm und flüssig zu lesen. Die Kapitel waren spannend und ich wollte immer wissen, wie es weitergeht. Dass der Leser irgendwann auch Helena kenne lernt, hat mir sehr gut gefallen und die Rückblenden in die Vergangenheit waren sehr interessant.
Das Cover hat mir sofort angesprochen, es sah schon so geheimnisvoll aus: eine Frau verbirgt einen Schlüssel hinter ihrem Rücken. Als ich dann den Klappentext gelesen habe, wollte ich unbedingt wissen, um was für ein Familiengeheimnis es geht.

Ich habe das Lesen dieses Romans ehr genossen. Ich habe die Gehsichte nur so aufgesaugt und das ende hat mich total überrascht. Ich kann für diesen Roman eine klare Leseempfehlung aussprechen und vergebe sehr gerne volle fünf von fünf Sterne.

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Chrissysbooks Chrissysbooks

Veröffentlicht am 08.03.2022

Ein ergreifender Roman, der mich in den Bann gezogen hat.

Krakau, 1939
Marie wird von ihrem Vater groß gezogen. Sie hat keine Ahnung, warum ihre Mutter sie damals verlassen hat. Doch jegliche Fragen in diese Richtung, warum diese verschwand, blockt ihr Vater ... …mehr

Krakau, 1939
Marie wird von ihrem Vater groß gezogen. Sie hat keine Ahnung, warum ihre Mutter sie damals verlassen hat. Doch jegliche Fragen in diese Richtung, warum diese verschwand, blockt ihr Vater ab. Aber Marie möchte dieses Geheimnis lüften und bricht in das abgeschlossene Zimmer ihres Vaters ein. Sie hofft damit zu erfahren, wer ihre Mutter ist.
Rachel Givney hat es mit ihrem historischen Roman eine ergreifende Geschichte geschrieben, die mich sehr fesseln konnte. Das Cover hat mich gleich neugierig gemacht, denn was hat es mit dem verschlossen Zimmer auf sich? Dabei spielt der Roman in zwei Zeitebenen, Krakau 1939 und 1918 in Lemberg. Erzählt wird in der dritten Person, größtenteils aus der Sicht von Marie. Immer wieder kommt es zu emotionalen Szenen, in beiden Zeitebenen.
Der Leser begleitet die wissbegierige, intelligente und sehr mutige Marie, die es nicht leicht hat ihren Traum zu realisieren. Die Rolle der Frau ist in der damaligen Zeit noch eine ganz andere als heute. Der Vater Dominik ist ein renommierter Arzt und unterstützt den Traum seiner Tochter nicht, Medizin zu studieren. Welches schreckliche Geheimnis versucht er zu verbergen? Diese Frage zieht sich durch den ganzen Roman und erhöht die Spannung.
Zusätzlich wird gezeigt, wie schwierig die Liebe zwischen einem Juden und einer Katholikin war, gerade in der schrecklichen Zeit des Nationalsozialismus.
In dieser tiefgründigen, mitreißenden und dramatischen Geschichte geht es unter anderem um die Rolle der Frau in der damaligen Zeit, aber auch um den Krieg und den Hass gegenüber den Juden. Besonders überrascht hat mich das unvorhersehbare und ergreifende Ende. Gerne empfehlen ich diesen fesselnden Roman weiter.

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Interview

"Ich neige dazu, mit Kopfkino zu schreiben – dabei stelle ich mir Figuren und Orte vor, als würde ich sie vor mir sehen." | 17.01.2022

Die Handlung Ihres Romans ist komplex, am Ende steht eine völlig überraschende Wendung – können Sie versuchen in zwei Sätze zu fassen, worum es geht?DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER spielt in Krakau im Jahr 1939. Während Hitler die Invasion auf Polen vorbereitet versucht Marie, eine neugierige und intellige...

Die Handlung Ihres Romans ist komplex, am Ende steht eine völlig überraschende Wendung – können Sie versuchen in zwei Sätze zu fassen, worum es geht?
DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER spielt in Krakau im Jahr 1939. Während Hitler die Invasion auf Polen vorbereitet versucht Marie, eine neugierige und intelligente junge Frau, ihre vermisste Mutter zu finden, die vor fünfzehn Jahren verschwunden ist.
Bei der Suche nach ihrer Mutter sind Maries einzige Anhaltspunkte eine verschwommene Erinnerung an ein altes Märchen und eine Haarsträhne. Nicht einmal den Namen ihrer Mutter gibt der Vater ihr preis. Marie versucht fortan mit allen Mitteln, dem Familiengeheimnis auf die Spur zu kommen. Inwieweit sind Herkunft, Heimat und Familie für Sie zentrale Themen des Romans?
Vor allem für Maries Vater Dominik, der sich weigert mit seiner Tochter über die Vergangenheit zu sprechen. Er lebt sehr zurückgezogen, hat keine Freunde und spricht nie über seine Herkunft, weil er befürchtet, dass jemand hinter sein Geheimnis kommen könnte. Aber indem er sich weigert, über sich selbst, seine Gefühle und seine Vergangenheit zu sprechen, führt Maries Vater ein trauriges, einsames Leben. Das macht ihn auch zu einem faszinierenden und ambivalenten Charakter.
DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER ist zugleich auch eine Coming of Age-Geschichte: Marie ist siebzehn Jahre alt, sie steht an der Schwelle zum Erwachsenwerden. Für ihre Jugendliebe Ben konvertiert sie zum Judentum und riskiert damit sogar den Bruch mit ihrem Vater. Inwieweit ist es eine Identitätssuche, die Marie antreibt?
Marie ist aufgewachsen, ohne zu wissen, was mit ihrer Mutter passiert ist, ohne das Wissen, woher sie kommt. Das würde wohl bei jedem ein erhebliches Trauma verursachen, und diese Suche nach Identität treibt Marie jetzt an, die Wahrheit heraus zu finden. Auf der Suche nach ihrer Mutter entdeckt Marie auf vielfältige Weise, wie es in der Welt zugeht. Sie begegnet Rassismus und Sexismus, sie verliebt sich und erfährt, was Menschen tun, um ihre Familien zu schützen.
Sie haben viel für Ihren Roman recherchiert, sind durch Polen gereist und haben sogar Polnisch gelernt. Was war die ausschlaggebende Inspiration für Ihre ungewöhnliche Geschichte?
Als ich Krakau zum ersten Mal besuchte, verliebte ich mich in seine mittelalterlichen Gebäude und seine blutige, komplexe Geschichte. Ich beschloss, wenn ich jemals einen Roman schreiben würde, der im Zweiten Weltkrieg spielt, würde ich ihn in dieser Stadt spielen lassen. Seitdem bin ich mehrmals zur Recherche nach Polen zurückgekehrt und habe die letzten zwei Jahre damit verbracht, Polnisch zu lernen – eine wunderbare, aber schwierige Sprache – um ganz in die Geschichte und Kultur eintauchen zu können. Die Polen sind sehr gastfreundlich, besonders Fremden gegenüber. Das hat mir die polnische Community in Melbourne gezeigt, wo ich lebe.
Für weitere Recherchen besuchte ich das Jüdische Holocaust-Zentrum in Melbourne, hörte mir die Geschichten von Überlebenden an und zog einen jüdischen Experten hinzu, um wahrheitsgetreue Darstellungen des Judentums in Polen im Jahr 1939 zu entwickeln. Ich besuchte auch die Alte Synagoge in Krakau, das Konzentrationslager Auschwitz, Warschau, und einige ehemalige preußische Städte, um mich an die im Roman dargestellten Orte versetzen zu können. In Krakau habe ich gelernt, wie man Pierogi (Knödel) und Hochlandkäse macht, und ich habe polnische Volkstraditionen in der schönen Bergstadt Zakopane studiert. Ich besuchte Lemberg in der heutigen Ukraine, die alten Marktplätze, Apotheken und das ehemalige jüdische Viertel, all die Orte, die ich im Buch beschreibe. Diese Erfahrungen haben mich inspiriert!
Im Original trägt Ihr Buch den Titel Secrets My Father Kept – den Kern dieses titelgebenden Familiengeheimnisses deckt Marie und mit ihr die Leser:innen erst ganz am Ende des Romans auf. Ihr Buch zeigt auf wunderbare, sehr einfühlsame Weise, was es bedeutet, Mutter – oder Eltern zu sein. Die zentrale Frage des Romans ist dabei: Wie weit ist man bereit zu gehen, um das eigene Kind zu schützen?
Mich haben schon immer die Entscheidungen fasziniert, die Frauen treffen müssen, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht. Meine beiden Bücher (DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER und JANE IN LOVE) thematisieren die Not der Frauen in patriarchalen Gesellschaften, die ihren Ambitionen feindlich gegenüberstehen. Aber auch wenn Frauen heute die Möglichkeit haben, sich beruflich weiterzuentwickeln, gibt es immer einen Kampf um das Zeitmanagement. Ich bin Mutter und mir bricht jedes Mal das Herz, wenn ich meinen kleinen Sohn für meine Arbeit verlasse. Trotzdem liebe ich meinen Job, der mich sehr erfüllt, aber es ist eben nie einfach. In »DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER« wollte ich dieses Gefühl der Liebe zum eigenen Kind und die damit verbundenen Emotionen und Herausforderungen darstellen.
Sie leben und arbeiten in Melbourne in Australien. Als Drehbuchautorin haben Sie an vielen, auch in Deutschland bekannten Serien (z.B. McLeod’s Töchter) mitgeschrieben. Inwieweit sind diese Erfahrungen in Ihren Roman eingeflossen?
Mein erster Roman JANE IN LOVE wird von Amazon Studios verfilmt. Ich neige dazu, mit Kopfkino zu schreiben – dabei stelle ich mir Figuren und Orte vor, als würde ich sie vor mir sehen. Außerdem sind meine Geschichten meistens in drei Akte gegliedert, mit einem Anfang, einer Komplikation und einer Auflösung, ganz wie im Film.
Als Romanautorin muss ich beschreiben, wie die Dinge aussehen, riechen, klingen und die inneren Gedanken der Charaktere. Beim Drehbuchschreiben werden diese Details durch die Produktion und das Sounddesign, die Kostüme und die Darbietungen der Schauspieler vermittelt. Beim Roman ist da nur das geschriebene Wort – was eine einsame Erfahrung sein kann. Drehbuchschreiben hingegen erfordert die Zusammenarbeit mit Regisseur:innen, Produzent;innen, Schauspieler:innen und oft auch mit anderen Autor:innen, um eine Geschichte zum Leben zu erwecken. Aus diesem Prozess kann man viel Freude und Bestätigung ziehen. Aber das Schreiben von Romanen gibt mir eine andere Art von Erfüllung – indem ich Charaktere und Handlungsstränge erschaffe, die einzig mir gehören.
Der zentrale Schauplatz Ihres Romans ist Krakau. Polen steht 1939 an der Schwelle zum Krieg, die deutsche Invasion ist als ständige Bedrohung spürbar, spaltet die Gesellschaft und fördert Rassismus und Antisemitismus. Was hat die polnische Gesellschaft in dieser Zeit geprägt?
Das Interessanteste, was ich bei meinen Recherchen entdeckte, war, dass viele Polen nicht daran glaubten, dass die Deutschen tatsächlich einmarschieren würde. Hitler hatte Reden über den Lebensraum im Osten gehalten, aber der Erste Weltkrieg lag erst zwanzig Jahre zurück. Polen war damals eine junge Republik und zum ersten Mal in seiner Geschichte unabhängig. Die Menschen waren voller Hoffnungen auf die Zukunft und niemand wollte einen weiteren Krieg.
Juden bildeten 1939 in Polen eine bedeutende Minderheit. In einigen polnischen Städten machten Juden fast 90 Prozent der Bevölkerung aus. In Krakau waren es etwa 26 bis 28 Prozent, darunter orthodoxe Juden, andere assimiliert oder völlig säkular und nur dem Namen nach jüdisch. Der Rest der Bevölkerung bestand hauptsächlich aus Katholiken. Es herrschte nicht mehr Antisemitismus als in anderen Ländern – vielerorts waren Juden ein selbstverständlicher Teil der Gesellschaft. Einerseits gab es Rassismus und Vorurteile, aber andererseits auch viele Menschen die anderen Glaubensrichtungen offen gegenüberstanden. Im Roman habe ich versucht, diese Nuancen darzustellen.
Klassische Rollenmodelle stellt Ihr Roman in Frage, ihre weiblichen Protagonistinnen, allen voran Maries Mutter Helena, entziehen sich dem klassischen Frauenbild dieser Zeit, oder?
Ja. DAS VERSCHLOSSENE ZIMMER erforscht die Not von Frauen, die in einer patriarchalen Gesellschaft Karriere machen wollen. Die Heldin Marie will nicht nur ihre Mutter finden, sondern wie ihr Vater auch Ärztin werden. Doch sie stößt, auf dem Weg ihrem Traum zu folgen, auf massiven Widerstand innerhalb der Gesellschaft. Auf der Suche nach ihrer Mutter entdeckt Marie, dass die Welt für Frauen, die eine Karriere anstreben, ein lebensfeindlicher Ort sein kann.
Haben Sie einen persönlichen Bezug zu Ihrer Geschichte, zu den Schauplätzen Ihres Romans oder Ihren Figuren?
Ich komme aus einer Familie mit vielen starken Frauen. Meine Mutter ist Ärztin und hat fünf Kinder, und meine beiden Großmütter hatten Karriere und Familie zu einer Zeit, als solche Dinge noch verpönt waren. Meine familiären Wurzeln machten Osteuropa zum perfekten Schauplatz für diesen Roman. Mütterlicherseits stammt meine Familie aus diesem Teil von Europa und ich habe bei meinen Recherchen einiges über sie erfahren. So heißt auch eine der Hauptfiguren des Buches Kolikov, nach meinen Vorfahren.
Der Roman endet unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, das Schicksal Ihrer Protagonist:innen bleibt am Ende ungewiss. Wie sehr schmerzt es Sie als Autorin, die eigenen Figuren ihrem Schicksal zu überlassen?
Ich wollte den Roman immer am 1. September 1939, dem ersten Tag des Beginns des Zweiten Weltkrieges, enden lassen. Viele Leser:innen haben mir nach der Lektüre gesagt, wie sehr sie das Ende lieben. Es gab aber von vielen auch den Wunsch nach einer Fortsetzung, weil sie wissen wollen, was als nächstes im Leben meiner Protagonist:innen passiert!

Autorin

Rachel Givney

Rachel Givney - Autor
© Tegan Louise

Rachel Givney hat als Drehbuchautorin schon an vielen der beliebtesten australischen TV-Serien mitgewirkt, u. a. bei McLeods Töchter. Nach längeren Aufenthalten in den USA, Großbritannien und Deutschland lebt die gebürtig Australierin heute wieder in Sydney. Für Secrets My Father Kept reiste sie aber mehrfach für Recherchen nach Polen. Die Filmrechte ihres ersten Romans, der Jane-Austen-Komödie Jane in Love, wurden von einem großen Streamingdienst optioniert. Derzeit arbeitet Rachel …

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