Sabaa Tahir - Autor
© Christophe Testi

Autorin

Sabaa Tahir

Sabaa Tahir war Redakteurin bei der Washington Post. Berichte über den Nahen Osten beschäftigten sie und führten schließlich dazu, dass sie ihren ersten Roman schrieb. Sie wollte eine Geschichte erzählen, die die Gewalt in unserer Welt abbildet. Sie wollte aber auch Figuren erschaffen, die in dieser Welt Hoffnung finden. Die nach Freiheit suchen und sich für die Liebe entscheiden, egal gegen welche Widerstände. Aus diesem Impuls heraus entstand ihr erster Roman, Elias & Laia. Die Herrschaft der Masken

Interview

„Ich fühlte mich als Kind machtlos, ganz so, als hätte ich keine eigene Stimme, und Bücher waren mein einziger Trost.“ | 30.03.2015

Die Autorin Sabaa Tahir wuchs als Kind asiatischer Einwanderer in einer Kleinstadt in der kalifornischen Mojave-Wüste auf und war aufgrund ihrer Herkunft vielen Anfeindungen ausgesetzt. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Journalistin bei der Washington Post. Geprägt von ihren eigenen Erlebnissen u...

Die Autorin Sabaa Tahir wuchs als Kind asiatischer Einwanderer in einer Kleinstadt in der kalifornischen Mojave-Wüste auf und war aufgrund ihrer Herkunft vielen Anfeindungen ausgesetzt. Nach ihrem Studium arbeitete sie als Journalistin bei der Washington Post. Geprägt von ihren eigenen Erlebnissen und den Konflikten im nahen Osten beschloss sie eine Geschichte zu schreiben, die die Gewalt in unserer Welt abbildet. Sie wollte aber auch Figuren schaffen, die in dieser Welt Hoffnung finden und nach Freiheit suchen. Wie sie als Kind in die Welt der Bücher geflüchtet ist, wie das Buch „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ entstand und wie sie zur Figur der brutalen Kommandantin Keris Veturia steht, erklärt Sabaa Tahir ausführlich im nachfolgenden Interview.

In wenigen Wochen kommt Ihr Debütroman „An Ember in the Ashes“ auf den Markt, nicht nur in Ihrer Heimat USA, auch in 24 weiteren Ländern, bei uns in Deutschland unter dem Titel „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“. Literaturkenner sind überzeugt, dass Ihnen mit dem Buch ein ganz großer Wurf gelungen ist und Hollywood hat sich bereits die Filmrechte gesichert. Wie fühlt sich das an, in so jungen Jahren gleich mit dem ersten Roman einen derart gewaltigen Erfolg zu haben, und wie gehen Sie damit um?
Es ist natürlich so, dass das Buch noch nicht im Handel ist, und deshalb weiß ich noch gar nicht, wie die Leser darauf reagieren werden. Bisher hatte ich allerdings Glück und bin hier in den USA auf positive Resonanz gestoßen. Das Ganze fühlt sich in höchstem Maße unwirklich an, ganz so, als könnte ich jeden Moment aus einem Traum erwachen. Ich gehe damit um, indem ich versuche, jeden Tag aufs Neue dankbar zu sein und intensiv an meinem nächsten Projekt zu arbeiten, um mich abzulenken.
„Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ist ein Fantasy-Abenteuer für junge Erwachsene und in jeder Hinsicht ein Epos der Superlative: eine perfekte Mischung aus antikem Drama, Action-Thriller und Liebesgeschichte. Wie würden Sie selbst den Inhalt des Romans mit wenigen Sätzen umreißen?

„Elias & Laia“ ist ein Fantasy-Roman für junge Erwachsene, in dem es um zwei Menschen geht: Laia, ein Mädchen, das den Mut finden muss, ihren Bruder zu retten, nachdem der von einem brutalen Regime ins Gefängnis geworfen wurde; und Elias, einem Soldaten dieses Regimes, der dazu ausgebildet wurde, die Vorgaben des Regimes umzusetzen, und der nur den einen Wunsch hat, sich von der Tyrannei zu befreien.

Der Roman spielt in einer originell und fantasievoll gestalteten fiktiven Welt, im Imperium, einem an das alte Rom erinnernden Reich, das fünfhundert Jahre zuvor das Land der Kundigen war und Heimstatt der besten Universitäten und Bibliotheken der Welt. Dann wurde es von den Martialen erobert und steht seither unter deren Schreckensregime der Masken. Bleiben wir zunächst einfach bei dem Schauplatz an sich: Woran haben Sie sich bei dessen Konzeption orientiert? Haben Sie reale Schauplätze der Geschichte besucht, und wie viel und welche Art von Recherche waren überhaupt vonnöten?

Ich habe mich von der Geschichte inspirieren lassen. Das Alte Rom der julisch-claudischen Epoche hat mich von jeher fasziniert. Ich habe Recherchen zu Architektur, Bekleidung und militärischen Eroberungen der damaligen Zeit angestellt. Der Hauptschauplatz von „Elias & Laia“ ist ein Reich namens Imperium. Ich habe das System meines Imperiums nach der sozialen Schichtung des Alten Roms ausgerichtet.
Im Hinblick auf Schwarzkliff, die brutale Militärakademie in „Elias & Laia“, habe ich mich intensiv mit Sparta befasst. Im antiken Sparta kamen die Jungen im Alter von 7 Jahren in die Agoge – ein brutales Erziehungssystem – und mussten dort bleiben, bis sie erwachsen waren. Sie wurden in der Wildnis ausgesetzt, in der sie sich allein durchschlagen mussten, man ließ sie hungern, prügelte sie und zwang sie, gegeneinander zu kämpfen. Sie töteten, bevor sie das Teenageralter erreichten. All das habe ich benutzt, um sowohl Schwarzkliff als Kulisse realistisch zu gestalten, als auch das gnadenlose Training, das Elias und Helena, die beiden Soldaten im Buch, dort durchstehen müssen.

Ihre weibliche Titelheldin Laia ist eine der Kundigen, denen die Herrschaft der Masken verbietet, zu lesen und sich Wissen anzueignen oder weiterzugeben. Unterdrückung mittels Vorenthalten von Bildung - was hat Sie bewogen, sich in Ihrem Roman mit dieser so ganz besonders brutalen Form der Tyrannei auseinanderzusetzen?

Unterdrückung hat viele Gesichter – eine der effektivsten Methoden ist die gezielte Unterdrückung von Wissen. Deshalb gab es zu den Zeiten der Sklaverei in den Vereinigten Staaten das Bildungsverbot. In den USA gibt es diese Gesetze schon lange nicht mehr, aber an vielen anderen Orten wird Bildung auch heute noch als gefährlich erachtet. Das beweist der Anschlag auf Malala Yousafzai im Jahre 2012. Vor allem für junge Leser ist es wichtig, sich darüber im Klaren zu sein.

Laias Eltern, Schwester und Großeltern wurden von den Martialen ermordet, ihr Bruder Darin scheint heimlich für den Kundigenwiderstand zu arbeiten, denn er wird mitten in der Nacht wegen Hochverrats von den Masken verhaftet. Auch das hat einen leider sehr modernen Bezug, wie Sie im Vorwort zu „Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ ausführen. Können Sie den deutschen Lesern etwas mehr darüber erzählen?

Ich hatte die Idee zu der ersten Szene in „Elias & Laia“, als ich über Frauen in Kaschmir las, die mitansehen mussten, wie ihre Brüder, Väter und Söhne vom örtlichen Militär entführt wurden und auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Das hat mich maßlos belastet, weil ich zwei ältere Brüder habe, und ich habe mich gefragt: „Was, wenn ihnen das passieren würde? Und ich nichts dagegen ausrichten könnte?“ Es ist traurig, aber diese Art von Verschwinden-lassen gibt es auf nahezu jedem Kontinent. Ich glaube nicht, dass den Menschen immer bewusst ist, wie alltäglich das ist – und dass es an vielen Orten keinen Rechtsweg gibt, den man beschreiten könnte, um dagegen anzugehen.

Nach Darins Verhaftung lässt sich die siebzehnjährige Laia als Sklavin in die Militärakademie Schwarzkliff einschleusen. Dort begegnet sie einem Elitesoldaten, Elias, dem männlichen Titelhelden, der eigentlich Laias Feind sein müsste, aber ein gefährliches Geheimnis hat: Er will desertieren. Wie ist es Ihnen gelungen, sich so eindringlich in die Innenperspektive eines jugendlichen Soldaten hineinzuversetzen?

Elias ist im Grunde seines Herzens ein Krieger. Ich bin das indes nicht. Um ihm einen authentischen Charakter verleihen zu können, habe ich Krieger der heutigen Zeit interviewt. Dazu zählten ein Polizei-Sergeant und ehemaliger Soldat, ein FBI-Agent, der Mitglied einer Spezialeinheit für gewalttätige Gangs ist, ein Kadett von Westpoint, der berühmtesten Militärakademie der USA, sowie ein Soldat, der im Irak in der Schlacht um Fallujah gekämpft hat. Diese Krieger zu interviewen, hat mir geholfen zu verstehen, was während verschiedenster Situationen in der Psyche eines Kriegers vorgeht. Ich habe das Gelernte benutzt, um Elias so realistisch wie eben möglich anzulegen – in seinen Gedankengängen, seinen Handlungen und Fähigkeiten und in seinem Austausch mit anderen.

Bevor wir noch weiter auf das Buch eingehen, ein paar persönliche Fragen. Sie sind in London geboren und als Kind südasiatischer Einwanderer in einer kalifornischen Kleinstadt aufgewachsen. Welche Rolle haben Bücher in Ihrer Kindheit gespielt? Gibt es ein Buch, das Sie als Autorin besonders geprägt hat?

Ich bin in einer kleinen Stadt in der Mojave-Wüste aufgewachsen, und wie in so vielen Kleinstädten gab es auch in meiner Heimatstadt sehr viel Engstirnigkeit. Schon in sehr jungen Jahren wusste ich aufgrund der Kommentare, mit denen meine Familie bedacht wurde, dass wir dort nicht dazugehörten. Wenn man ein Kind ist und die Eltern von den Leuten beschimpft werden, oder man selbst gesagt bekommt, man solle dahin zurückkehren, wo man hergekommen ist, ist die Welt furchterregend und einsam. Ich fühlte mich als Kind machtlos, ganz so, als hätte ich keine eigene Stimme, und Bücher waren mein einziger Trost. Vor allem Fantasy-Romane, vielleicht, weil sie mich in eine gänzlich andere Welt entführten. Man könnte gewissermaßen sagen, dass Bücher mich gerettet haben.
Ein spezieller Roman, der mich geprägt hat, fällt mir nicht ein – ich weiß nur, welche Autoren mich geprägt haben, und dazu gehörten unter anderem J.K. Rowling, Terry Brooks, Marilyn Robinson, Junot Diaz, Marcus Zusak, Alison Croggon und Antoine de Saint Exupery.

Nach Ihrem Studium haben Sie mehrere Jahre als Redakteurin bei der Washington Post gearbeitet – eine bessere Adresse kann man sich für eine journalistische Karriere kaum vorstellen. Mal ganz ehrlich: Gab es eine Zeit, in der Sie heimlich davon träumten, in die Fußstapfen von Bob Woodward und Carl Bernstein zu treten und ein zweites Watergate aufzudecken?

Das ist ein hehrer Wunschtraum, aber um ganz ehrlich zu sein, war es niemals meiner. Ich habe sehr gern bei der Zeitung gearbeitet und Redaktion gemacht. Dass ich nie als Reporterin tätig war, hatte jedoch einen Grund, denn im Hinblick auf das Schreiben schlug mein Herz einfach nicht für die Berichterstattung. Ich liebte Belletristik, allem voran Fantasy – folglich verspürte ich niemals das Verlangen, in den Bereich Investigativ- oder Nachrichten-Journalismus zu gehen.
„Elias & Laia – Die Herrschaft der Masken“ wird chronologisch abwechselnd aus Laias und Elias’ Perspektive erzählt, was dem Werk eine zusätzliche Authentizität verleiht. Haben Sie parallel an beiden Perspektiven gearbeitet oder erst die eine und dann die andere geschrieben und sie dann miteinander verwoben?

Als ich an den ersten Fassungen arbeitete, habe ich beide Perspektiven zeitgleich geschrieben. Später, als ich versuchte, meinen Figuren eine individuelle Vielschichtigkeit zu geben, habe ich an jeder separat gearbeitet. Ich habe sämtliche Elias-Kapitel in einem Block geschrieben und dann sämtliche Laia-Kapitel, um ihre Charaktere so zu gestalten, dass sie sich deutlich voneinander unterschieden.

Wenn man den bisher über Sie veröffentlichten Artikeln Glauben schenken darf, haben Sie 2007 mit der Arbeit an „Elias & Laia“ begonnen – wir haben 2015. Wie lange haben Sie unter dem Strich an dem Roman gearbeitet? Und – Hand aufs Herz! – wie häufig haben Sie „umgeschrieben“?

Ich habe sechs Jahre gebraucht, um das Buch zu schreiben – von 2007 bis 2013, als ich es in den USA verkaufte. Ich habe zahllose Male umgeschrieben und das ist keine Übertreibung. Ich habe das Konzept mehrmals drastisch revidiert und es gab zig kleinere Überarbeitungen.

Ihr Roman besticht durch fesselnde, charismatische und enorm nuancierte Figuren. Und dann ist da die Kommandantin der Militärakademie von Schwarzkliff, Keris Veturia. Wie schwierig war es für Sie, eine Frau mit einer derart überstrahlenden Gewaltbereitschaft zu porträtieren?

Das war zuweilen ungemein schwierig! Ich fand es faszinierend, die Figur der Kommandantin anzulegen und über sie zu schreiben; ihrem Charakter treu zu bleiben, war jedoch ein Kampf, denn sie hat eine so entsetzliche, gewalttätige Persönlichkeit. Sie tut Dinge, die kein geistig gesunder oder anständiger Mensch jemals tun würde. Aber diese Grausamkeit ist ein Bestandteil dessen, was sie ist, und es war wirklich wichtig für mich, dass ich mich bei ihr nicht zurückhielt.

Hollywood hat bereits die Filmrechte an „Elias & Laia“ gekauft. Werden Sie auch an der Erstellung des Drehbuches beteiligt sein, und was wäre Ihre persönliche Traumbesetzung für die Rollen der Laia und des Elias?

Das Drehbuch werde ich nicht schreiben, werde mich aber mit einbringen können! Im Hinblick auf die Besetzung könnte ich nicht sagen, welche Schauspieler für diese Rollen ideal wären; das Großartige ist, dass es in Film und Fernsehen und auf der Bühne viele begabte Schauspieler gibt. Im Endeffekt ist mir wichtig, dass sich die Vielfalt und Unterschiedlichkeit, die im Buch zu finden sind, auf der Leinwand widerspiegelt. Zum Glück ist das etwas, dem sich die Paramount und die Produzenten des Films verschrieben haben, deshalb bin ich überzeugt, dass sie für „Elias & Laia“ eine Traumbesetzung zusammenstellen werden.

„Elias & Laia“ ist Fantasy für junge Erwachsene und wird in Deutschland am 15. Mai 2015 im Bastei Lübbe Imprint ONE erscheinen. Wenn Sie drei Wünsche frei hätten, was Ihr Werk neben der Unterhaltung bei Ihren Lesern bewirken soll, wie würden die lauten?

Zunächst einmal hoffe ich, dass meine Geschichte die Menschen dazu ermutigen wird, tapfer zu sein, durchzuhalten und an die Macht der Hoffnung zu glauben. Darüber hinaus würde ich mich freuen, wenn das Buch den Menschen einen Gedankenanstoß liefern würde: dass wir, gleichgültig, wie anders wir aussehen oder woher wir kommen, weit mehr miteinander gemein haben, als wir vielleicht denken. Und drittens hoffe ich, dass meinen Roman sowohl Erwachsene als auch Teenager lesen, weil ich glaube, dass beide Altersgruppen Freude daran haben werden.

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