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Norbert Häring

Dr. Norbert Häring, 1963 geboren, ist Wirtschaftsjournalist und Autor populärer Wirtschaftsbücher. Er schreibt für Deutschlands führende Wirtschaftstageszeitung Handelsblatt und  betreibt den Blog Geld und mehr. Der  Bestseller Ökonomie 2.0, den er gemeinsam mit Olaf Storbeck schrieb, gewann den Wirtschaftsbuchpreis 2007.  2014 wurde er mit dem Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Die von ihm 2011 mitbegründete internationale Ökonomenvereinigung World Economics Association hat über 12.000 Mitglieder.
 

Interview

»Wenn jede Finanztransaktion überwachbare und dauerhaft speicherbare Spuren hinterlässt, dann führt das in die totale Überwachung, zum gläsernen Bürger.« | 15.03.2016

Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Bargeld allmählich aus unserem Alltag verschwindet?Das Bargeld auf dem Rückzug ist, hat sich schon lange abgezeichnet. Was für ein Problem das ist, und vor allem, dass das nicht von selbst passiert, sondern von einem Netzwerk mächtiger Leute aus der Fina...


Wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Bargeld allmählich aus unserem Alltag verschwindet?
Das Bargeld auf dem Rückzug ist, hat sich schon lange abgezeichnet. Was für ein Problem das ist, und vor allem, dass das nicht von selbst passiert, sondern von einem Netzwerk mächtiger Leute aus der Finanzbranche in einer geplanten Kampagne betrieben wird, das wurde mir im letzten Frühjahr klar. Damals recherchierte ich zu einer akademischen Konferenz, die die Schweizerische Nationalbank unter Ausschluss der Öffentlichkeit in London abhielt. Es ging um die Beseitigung der Zinsuntergrenze bei null. Das ist ein anderer Ausdruck für die Abschaffung von Bargeld.
Was halten Sie von der aktuellen Debatte um die Abschaffung des 500€-Scheins durch die EZB?
Das wäre an sich recht harmlos, wenn es nicht Teil dieser Kampagne zur Abschaffung des Bargelds wäre. Wenige Tage nachdem die EZB ihre Absicht kundgetan hatte, forderte der ehemalige US-Finanzminister Larry Summers die Abschaffung des 100-Dollar-Scheins, der ja nur rund 90 Euro wert ist. Summers ist einer der wichtigsten, wenn nicht der wichtigste Drahtzieher in dieser Kampagne gegen das Bargeld.
Wie sehen Sie die Argumentation, dass die Abschaffung von Bargeld im Kampf gegen Steuerhinterziehung und Terrorismus helfen könnte?
Wenn jede Finanztransaktion überwachbare und dauerhaft speicherbare Spuren hinterlässt, dann führt das in die totale Überwachung, zum gläsernen Bürger. Das hilft natürlich bei der Verbrechensbekämpfung, jedenfalls soweit mögliche Vergehen von denen betroffen sind, die unten in der Überwachungshierarchie stehen. Das war aber noch nie ein gutes Argument dafür, Privatsphäre abzuschaffen und totalitäre Strukturen einzuführen. Sicher ist auch: wenn stimmen würde, was uns Wolfgang Schäuble versichert, dass es bei einer hohen Obergrenze für Bartransaktionen bleiben soll und es keine weitgehende Abschaffung des Bargelds geben soll, dann würde die Maßnahme gegen den Terrorismus so gut wie nichts nützen. Wer soll sich schon abschrecken lassen, seine Terrorwaffen bar zu bezahlen, nur weil das verboten ist. Nein, das hat nur eine gewisse Wirkung, wenn der Verkäufer mit Bargeld nichts mehr anfangen kann.
In Ihrem Buch sagen Sie, dass Bargeld unsere Freiheit und Privatsphäre schützt – denn Bargeld hinterlässt keine elektronischen Spuren. Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn all unsere Schritte nachverfolgt werden können?
Als ich Ken Rogoff interviewte, den ehemaligen Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds und Kämpfer gegen das Bargeld, sprach ich ihn auch darauf an. Seine Antwort war schockierend: Dank Internetüberwachung und Kameras überall, gepaart mit Gesichtserkennungssoftware, sei die Massenüberwachung schon so weit fortgeschritten, dass der Übergang zu rein elektronischem Zahlungsverkehr auch keine große Rolle mehr spiele. Ich bin anderer Meinung. Mit Bargeld haben wir gerade dort, wo wir nicht überwacht werden wollen, eine Möglichkeit, uns der Überwachung zu entziehen. Wenn das entfällt, sind wir der Totalüberwachung schutzlos ausgeliefert. Das führt bei den Untergebenen zu Selbstzensur des Handelns und Redens und bei den über die Daten Herrschenden zu massivem Machtmissbrauch. Von Demokratie kann keine Rede mehr sein, wenn die meisten Volksvertreter von den Herren über die Daten erpresst werden können.
Wie können wir als Verbraucher Ihrer Meinung nach unser Bargeld schützen?
Als Verbraucher können wir so viel wie möglich bar statt elektronisch bezahlen, auch größere Beträge, damit das normal bleibt, und nicht schon eine Barzahlung von 500 Euro einen Verdacht begründet. Als Wähler können wir Parteien wählen, die sich für die Privatsphäre, für die Durchsetzung des Datenschutzrechts im Internet und für das Bargeld einsetzen. Als Bürger können wir klagen, wenn uns rechtswidrig die Nutzung des einzigen gesetzlichen Zahlungsmittels verboten wird, oder wenn der Staat sich rechtswidrig weigert, das gesetzliche Zahlungsmittel von uns anzunehmen.
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