Eine bewegende deutsche Familiengeschichte

Geteilte Träume Ulla Mothes

Berlin, 1992: Erst als junge Frau erfährt Ingke, dass sie als Säugling zu DDR-Zeiten adoptiert wurde. Wer sind ihre wahren Eltern? Warum haben sie sie einst weggegeben? Und was bedeutet das für ihr Leben heute? Sie macht sich auf die Suche und stößt auf die Geschichte ihrer Herkunftsfamilie, die nach einem gescheiterten Fluchtversuch ihre Tochter verlor. Auf einmal hat die junge Frau zwei Familien, die um sie ringen: Ihre leibliche Mutter, die irgendwann von der BRD freigekauft wurde und bisher nichts über Ingkes Verbleib weiß. Und ihre vermeintlichen Eltern, bei denen sie behütet und geliebt aufgewachsen ist. Doch muss sie sich tatsächlich entscheiden?

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Ulla Mothes bei der Buchmesse@Home 2021

Was kostet es eigentlich Träume wahr werden zu lassen? Mut. Einfach nur Mut!

Ulla Mothes hat gemeinsam mit Anne Prettin am 26. Mai 2021 im Rahmen der Buchmesse@home über den Mut gesprochen, den es braucht, um die eigenen Träume wahr werden zu lassen. Mut beweisen auch die Heldinnen der Romane von Ulla Mothes (GETEILTE TRÄUME) und Anne Prettin (DIE VIER GEZEITEN). Sie kämpfen für ihre Familien und suchen ihr eigenes Glück. Und eines ist sicher: Sie werden trotz aller Widerstände alles daransetzen, ihre Träume zu verwirklichen!

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Interview mit Ulla Mothes

»Ich wollte ein Buch schreiben, das Leser in Ost und West anstiftet zusammenzufinden – und sie neugierig aufeinander macht.«

Warum haben Sie einen Roman über die deutsche Teilung geschrieben?

Meine Familiensaga GETEILTE TRÄUME entstand, weil ich ein Buch schreiben wollte, das Leser in Ost und West anstiftet zusammenzufinden – und sie neugierig aufeinander macht. Ich habe den Wunsch, den Einigungsprozess voranzutreiben.

Gibt es eine Verbindung zwischen Ihrer eigenen Lebensgeschichte und dem Inhalt Ihres Buches?

Ich bin im nördlichen Brandenburg und Berlin aufgewachsen, wo das Buch hauptsächlich spielt. Wie der Protagonist Ernst in meinem Roman habe ich auch den Aufnäher „Schwerter zu Pflugscharen“ getragen, im Wissen um sehr wahrscheinliche Repressionen. Ich wurde von der Stasi bespitzelt wie meine Figuren Ingrid und Bernhard und im Rahmen meines Ausreiseantrags verhört, mit der guten alten Good-Cop-Bad-Cop-Methode, die auch Dicki und Specki aus meinem Buch bei Rosa anwenden.
1986 bin ich mit 22 Jahren ausgereist, habe die Mauer im Zug von der anderen Seite entschwinden sehen wie meine Figur Petra – ein erhebendes Erlebnis – und habe das verspielt-anarchische Westberlin noch kennengelernt.

In Ihrem Roman geht es um die 18-jährige Ingke, die anlässlich einer schweren Krankheit ihrer Mutter erfährt, dass sie zu DDR-Zeiten adoptiert wurde, nachdem sie ihrer leiblichen Mutter nach einem Fluchtversuch weggenommen worden war. Zwangsadoptionen sind ein bis in die heutige Zeit hineinreichendes dunkles Kapitel der DDR-Geschichte, da immer noch viele Kinder und Eltern einander suchen. Welche Bedeutung hat dieses Thema für Sie?

Persönlich glücklicherweise keine. Bedeutsam ist ein Gedankengang, den ich Ingke zugeordnet habe. Sie fragt sich, ob sie selbst in den Westen geflüchtet wäre, wenn sie ein Baby gehabt hätte. Mit dem Risiko, erschossen zu werden, und auch dem der Trennung vom eigenen Kind. Derartige Fragen stellen sich heute viele Eltern auf der Welt. Versündigen sie sich an ihren Kindern, wenn sie sich und ihre Familie einer großen Gefahr aussetzen? Oder ist es bewundernswert, wie sie unter Lebensgefahr dafür kämpfen, dass ihre Kinder es einmal gut haben? Ingke ist zunächst ratlos, später begreift sie, wie hochmütig es ist, das für andere zu entscheiden.

Wie haben Sie für das Buch recherchiert?

Im Gegensatz zu zweien meiner Protagonisten war mir das Glück beschieden, in der DDR nicht „eingeknastet“ zu werden, weshalb ich mit einem ehemaligen Häftling des Stasigefängnisses in Berlin-Hohenschönhausen gesprochen habe, der mich auch durch das berüchtigte U-Boot geführt hat, den Keller, in dem meine Figur Bernhard einsitzt. Und ich durfte mit einer Frau reden, die Mitte der Siebziger zeitgleich mit meiner Protagonistin Petra im Frauengefängnis Hoheneck eingesessen hat.

Warum trägt Ihr Roman den Titel GETEILTE TRÄUME?

Es tut mir im Herzen weh, wenn meine alte Heimat missverstanden wird und Menschen abqualifiziert werden. Im Kalten Krieg, der in meinem Buch zu Ende geht, hat der Westen gesiegt, aber für den Einheitsprozess ist es wichtig, Träume, die die Menschen in der DDR hatten, den Traum von einer Gesellschaft gleichberechtigter Teilhabe zum Beispiel, ernst zu nehmen.
Und so kommt es in dem Buch eben neben Flucht und Repression auch zur Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft „Morgenröte“, in der es basisdemokratisch und gemeinschaftsorientiert zugeht, und es gibt Protagonisten, die sehr fortschrittlich denken, wie viele Menschen damals in der DDR. Und die Träume haben, die viele Menschen heute teilen.

In Ihrem Roman verarbeiten Sie eine Vielzahl an Themen, wie Enteignung nach 1945, die Kollektivierung in der Landwirtschaft, den Kampf um Meinungsfreiheit, Mode, Kunst und Wissenschaft in der DDR sowie die Suche nach Identität. Warum haben Sie dafür die besondere Form des Unterhaltungsromans gewählt?

Ich will zuvörderst unterhalten und Freude und Spannung vermitteln. Ich möchte, dass Menschen einfach in meine Romanwelt hineinspazieren können – und es en passant genießen, Tatsächliches zu erfahren. Einen leichten Zugang zu gehaltvollen Themen zu verschaffen, das hat mich ungemein gereizt.

Am 13. August 2021 jährt sich der Mauerbau zum 60. Mal. Was bedeutet dieses Datum für Sie persönlich?

Wenn mich jemand nachts um drei weckt und fragt, was war am 13. August 1961, werde ich wohl zeit meines Lebens wie aus der Pistole geschossen die richtige Antwort geben, obwohl ich da noch nicht auf der Welt war. Das Datum ist eine fantastische Gelegenheit, sich zu fragen, inwieweit man eigentlich selbst ein Kind oder Enkel des Kalten Krieges ist. Da kann Erstaunliches zutage kommen.

Brief an die Leser:innen

Die Autorin

© Ulla Mothes

Ulla Mothes, 1964 geboren, wuchs in der Mark Brandenburg sowie in Ostberlin auf. Als Studentin stellte sie einen Ausreiseantrag, weil sie nicht wollte, dass ihre Kinder mit einem Maulkorb aufwachsen müssen. Es folgten Exmatrikulation, Arbeit als Garderobenfrau, Ausreise 1986. Heute lebt Ulla Mothes als Lektorin, Autorin und Schreibcoach in Berlin. Ihre zwei erwachsenen Kinder dürfen bis heute sagen, was sie wollen.

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