Danny Wattin - Autor
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Autor

Danny Wattin

Danny Wattin, geb 1973, lebt als Schriftsteller mit seiner Familie in Uppsala. Der Roman „Der Schatz des Herrn Isakowitz“, der die Geschichte seiner eigenen jüdischen Herkunftsfamilie beschreibt, ist sein viertes Buch und das erste, das in Deutschland erscheinen wird. 

Interview

"Wer würde nicht auf eine echte Schatzsuche gehen wollen?" | 03.03.2015

Herr Wattin, „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ ist das erste Ihrer Bücher, das in Deutschland verlegt wird. Wie würden Sie sich selbst als Autor beschreiben?Ich bin ein autodidaktischer, schwedisch-jüdischer Schriftsteller mit einem zweiten Wohnsitz in Australien, der inzwischen seit ungefähr zwanzig...

Herr Wattin, „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ ist das erste Ihrer Bücher, das in Deutschland verlegt wird. Wie würden Sie sich selbst als Autor beschreiben?
Ich bin ein autodidaktischer, schwedisch-jüdischer Schriftsteller mit einem zweiten Wohnsitz in Australien, der inzwischen seit ungefähr zwanzig Jahren versucht, Bücher zu schreiben. Während dieser Zeit habe ich vier Romane geschrieben, die nicht zur Veröffentlichung kamen und fünf, die veröffentlicht wurden. In den ersten Werken geht es um die unterschiedlichsten Skurrilitäten des modernen Lebens. Ein Buch besteht aus einer Reihe von miteinander verbundenen Geschichten, die in Stockholm angesiedelt sind, im zweiten geht es um einen Büroangestellten, der dem Wahnsinn verfällt, und das dritte Buch ist eine Geschichte à la Romeo und Julia, die in einer Welt spielt, die von der Entwicklung und Kommerzialisierung der Fortpflanzungstechnologie beseelt ist.
Ich schreibe aber auch andere Dinge, unter anderem auf wissenschaftlichen Fakten basierende journalistische Artikel, Werbetexte, Drehbücher und Kinderbücher. Manchmal im Alleingang, manchmal als Co-Autor – wie zum Beispiel im vergangenen Jahr, als ich innerhalb von sechs Monaten in Zusammenarbeit mit 22 schwedischen Neunjährigen eine Geschichte über einen Jungen schrieb, der in einem Baumhaus lebt.
Inwieweit ist „Der Schatz des Herrn Isakowitz“ autobiografisch?
Das Buch ist in höchstem Maße autobiografisch. Meine Großeltern waren alle vier deutsche Juden, denen es aufgrund glücklicher Zufälle und Fügungen gelungen ist, den Holocaust zu überleben und nach Schweden zu fliehen. Ihre Geschichten habe ich im Verlauf der vergangenen zwanzig Jahre mit Hilfe persönlicher Gespräche und Recherchen in Archiven zusammengetragen, weil ich versuchen wollte dahinterzukommen, was ihnen vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg widerfahren ist. Das heißt, die Geschichten im Buch sind allesamt wahre Geschichten. Ebenso wie der Roadtrip, den mein Vater, mein neunjähriger Sohn und ich 2012 unternommen haben in dem Versuch, den Schatz zu finden, den mein Urgroßvater, Hermann Isakowitz, Erzählungen zufolge auf seinem Grundstück vergraben hat, bevor er deportiert wurde.
Hatten Sie das Buch bereits im Hinterkopf, als Sie Ihren Roadtrip planten?
Die Wahrheit ist, dass ich dieses Buch seit mehr als zwanzig Jahren schreiben wollte. Seit ich angefangen hatte, meine Verwandten und ihre Freunde zu den Dingen zu befragen, die ihnen während der Nazi-Zeit passiert sind. Ich war aber sehr unerfahren, als ich anfing, diese persönlichen Gespräche mit ihnen zu führen, und wusste nicht, was ich mit diesen Geschichten machen sollte. Geschichten, die in vielerlei Hinsicht dramatischer waren als das Gros der Romane, die ich gelesen hatte. Ich hatte das Gefühl, nicht über ausreichend Erfahrung zu verfügen, und wusste nicht, wie ich all diese außerordentlichen Geschichten auf stimmige und schlüssige Weise miteinander verbinden sollte.
Also habe ich erst mal nicht darüber geschrieben. Stattdessen habe ich andere Dinge getan, bin gereist, habe gearbeitet und andere Bücher geschrieben. Und dann, eines Tages, fast zwanzig Jahre nach meinem ersten Verwandten-Interview, machte mein ältester Sohn den Vorschlag, dass wir nach dem Schatz suchen, von dem mein Großvater erzählt hat, sein Vater habe ihn vor dem Krieg in Deutschland in seinem Garten vergraben. Ich erinnere mich, dass ich das für eine hervorragende Idee hielt. Wer würde nicht auf eine echte Schatzsuche gehen wollen? Mir war aber auch bewusst, dass ich einen solchen Roadtrip als Rahmenhandlung würde benutzen können, um all die anderen Geschichten darin einzubinden. Also habe ich während unseres kleinen Abenteuers ein Tagebuch geführt, das später ein Teil des Buches werden sollte.
Was hat Sie veranlasst, auf den Roadtrip zu gehen und das Buch zu schreiben, das so ganz anders zu sein scheint als die Bücher, die Sie davor geschrieben haben?
Abgesehen von der enormen Begeisterung meines Sohnes und der Vorstellung, auf eine echte Schatzsuche zu gehen, hat mich veranlasst, endlich herauszufinden, was meine Verwandten hinter sich hatten, und wie ihre Erfahrungen als Juden in Nazi-Deutschland sie und die nachfolgenden Generationen geprägt hatten.
Mein Interesse ist darin begründet, dass nur sehr wenige meiner Angehörigen über ihre Vergangenheit sprachen. Wenn man davon absieht, dass mein Großvater von Hermann Isakowitz vergrabenen Besitztümern erzählte, wurde nur sehr wenig geredet. Kam das Thema zur Sprache, sagten viele von ihnen „Das willst du nicht wissen“. Und wenn meine Mutter ihren Vater nach seiner Kindheit befragte, antwortete der immer nur „er habe keine gehabt.“
Das Ergebnis war, dass meine Verwandten mir immer ein Rätsel waren. Vor allem, weil sie so ganz anders waren als die Schweden, und im Vergleich zu denen schlichtweg übergeschnappt wirkten. Aber da sie mir nie erklärten, was sie durchgemacht hatten, habe ich nicht verstanden, warum. Ich wusste nicht einmal, dass viele derer, die unseren Familientreffen beiwohnten, gar nicht mit uns verwandt, sondern Leute waren, die mit im Konzentrationslager Dachau gewesen waren. Meine Familie war mir also ein Rätsel, das ich ergründen wollte. Ich glaube, das Buch ist das Resultat dieses Bestrebens.
Haben der Roadtrip und das Schreiben des Buches verändert, wie Sie persönlich Ihre Familiengeschichte sehen?
Das Schreiben und die Reise haben mir ein erheblich größeres Verständnis dafür vermittelt, was meine Familie durchgemacht hat und wie diese Ereignisse sie geprägt haben. Je mehr ich über ihre Vergangenheit erfuhr, desto mehr Mitgefühl hatte ich eigentlich mit diesen Menschen, desto mehr Liebe empfand ich für sie. Und ihr versponnenes Benehmen machte plötzlich totalen Sinn.
Darüber hinaus ist mir bewusst geworden, wie sehr das, was meine Verwandten durchgemacht haben, mich geprägt hat. Ich habe mich immer für äußerst originell und individuell gehalten, sehe jetzt aber ein, dass das wahrscheinlich nur eine Folge dessen war, als Enkel von vier Holocaust-Überlebenden in einer extrem homogenen schwedischen Vorstadt aufgewachsen zu sein.
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