Christine Finke - Autor
© Patrick Pfeiffer Photodesign

Autorin

Christine Finke

Christine Finke, Jahrgang 1966, bloggt seit 2011 unter dem Namen “Mama arbeitet“ “über ihr Leben als Alleinerziehende mit drei Kindern. Die promovierte Anglistin, freie Journalistin und Kinderbuchtexterin lebt in Konstanz am Bodensee, wo sie sich im Stadtrat für Kinder und Familienfreundlichkeit einsetzt. Mit ihrem Blog erreicht sie täglich mehre tausend Leser und ist deutschlandweit bekannt.

Interview

"Es hakt an allen Ecken und Enden – die größten Probleme sind finanzieller Natur und Erschöpfung bei den Alleinerziehenden durch Überlastung." | 24.02.2016

In Ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ schreiben Sie, wie Alleinerziehende in Deutschland vom System im Stich gelassen werden. Welche Probleme stellen sich einer alleinerziehenden Mutter in unserer heutigen Gesellschaft?Es hakt an allen Ecken und Enden – die größten Probleme sind finanzie...


In Ihrem Buch „Allein, alleiner, alleinerziehend“ schreiben Sie, wie Alleinerziehende in Deutschland vom System im Stich gelassen werden. Welche Probleme stellen sich einer alleinerziehenden Mutter in unserer heutigen Gesellschaft?
Es hakt an allen Ecken und Enden – die größten Probleme sind finanzieller Natur und Erschöpfung bei den Alleinerziehenden durch Überlastung. Das hängt natürlich zusammen: Wer ständig Geldsorgen hat und die Verantwortung für ein Kind alleine trägt, hat kaum noch Luft für sich selbst. Viele Alleinerziehende fühlen sich auch isoliert, schief angeguckt und beruflich benachteiligt, denn es ist extrem schwierig, das Alleinerziehendendasein mit einer Vollzeittätigkeit in Einklang zu bringen. Womit wir wieder beim Geld wären.
Abgesehen davon ist die steuerliche Belastung von Alleinerziehenden in Deutschland fast so hoch wie die von Singles, es gibt keine einklagbaren Pflichten für den Vater des Kindes, falls der keine Lust hat, sich zu kümmern, aber einen Haufen Rechte, und es gilt immer noch als Kavaliersdelikt, den Unterhalt möglichst gering zu halten – jede zweite Alleinerziehende erhält keinen oder nur unregelmäßigen Unterhalt für das Kind. Man stelle sich das mal vor!
Sie waren 10 Jahre lang verheiratet, doch heute ziehen Sie Ihre drei Kinder alleine groß. Wie haben Sie die erste Zeit als alleinerziehende Mutter empfunden?
Einerseits als sehr befreiend – die Ehe war schon lange schlecht gewesen, die Stimmung zuhause miserabel. Es war unglaublich schön, sich im eigenen Haus endlich wieder richtig wohl zu fühlen. Ich war noch voll berufstätig, hatte ein Au-Pair und eine Putzfrau. Genügend Geld war auch da, weil ich gut verdiente. Es war eine Zeit, in der ich sehr viel Kraft und Optimismus hatte. Ich war so froh, dass ich es geschafft hatte, mich zu trennen – dieses Gefühl trug mich sehr lange.
Andererseits war es von Anfang an auch schwierig: die Kinder waren mehr als irritiert, ich musste sehr viele Gefühle auffangen und Tränen trocknen, hatte auch enorm viel zu regeln, was rechtliche Dinge betraf, und bemerkte recht schnell, dass Alleinerziehende kein besonders gutes Ansehen haben. Als verheiratete Frau und Mutter hat man einen ganz anderen gesellschaftlichen Status, das war mir überhaupt nicht klar gewesen. Die Reaktionen der Umwelt auf die Nachricht, dass ich nun getrennt sei, waren teilweise unterirdisch.
Hat sich auch Ihr Umfeld in dieser Zeit verändert?
Ja, sehr sogar. Zuerst beruflich, weil es bei meinem Arbeitgeber zu einer Entlassungswelle kam. Ich wurde also arbeitslos. Dann kam, und das war einfach Pech, auch noch eine Eigenbedarfskündigung des Vermieters hinzu. Wir waren also mit der Aussicht konfrontiert, kein Dach mehr über dem Kopf zu haben. Zum Glück erhielt ich dann über die städtische Wohnbaugesellschaft eine Wohnung im sozialen Wohnungsbau, in der wir heute noch wohnen.
Es ging für uns direkt aus der schönen Doppelhaushälfte mit 200 m² Wohnfläche und Garten in eine völlig andere Umgebung – zwar in derselben Stadt, aber in ganz neuem Setting. Das war aber im Nachhinein ein Glücksfall, denn die Nachbarn hier sind wunderbar, unsere Wohnung ist schön und bezahlbar, und die Lage gut.
Ist es in unserer Gesellschaft überhaupt möglich, als Alleinerziehende in erster Linie Mutter zu sein?
Gegenfrage – will frau das denn? Alleinerziehende sind ja auch Menschen, die das Bedürfnis haben, sich durch ihren Beruf zu verwirklichen, eigenes Geld zu verdienen und im Arbeitsleben Freude an der Zusammenarbeit mit Kollegen zu haben.
Aber um die Frage zu beantworten: das ist für Alleinerziehende ähnlich wie für andere Mütter, denke ich. Der finanzielle Druck auf Familien ist enorm. Kinder sind ein Armutsfaktor in Deutschland, und das gilt leider für alle Familien, für Alleinerziehende allerdings besonders.
Und auch das neue Unterhaltsrecht, das vorsieht, dass Mütter wieder arbeiten, wenn ihr Kind 3 Jahre alt ist, macht es Frauen, die lieber zuhause bleiben wollen, natürlich schwer.
In Ihrem Blog "Mama arbeitet" schreiben Sie über das Leben als Alleinerziehende, setzen sich als Stadträtin für Kinder und Familienfreundlichkeit ein und haben sogar die Debatte entfacht, ob die Bundesjugendspiele abgeschafft werden sollten. Wie haben Sie es geschafft, Ihr Leben so zu managen, wie Sie es heute tun?
Das Bloggen hat mir dabei ganz entscheidende Impulse gegeben. Ich habe mich gewissermaßen freigeschrieben, mir auch durch die Diskussionen im Netz viel Wissen angeeignet und Kontakte geknüpft – und irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich merkte, dass ich mit dem, was ich tue etwas bewirke. Das Gefühl, die Leute zu erreichen, vielleicht den einen oder anderen zum Umdenken oder wenigstens zum Nachdenken zu bringen, motiviert mich sehr. Ansonsten war auch noch eine gute Portion Wut und Verzweiflung dabei. Ich dachte mir, das kann doch nicht sein, dass hier niemand etwas gegen all diese Missstände unternimmt!?
Ich kann ziemlich hartnäckig sein. Und ich arbeite gerne strukturiert – das hat mir sicher geholfen, als ich mich aus der Arbeitslosigkeit heraus selbstständig gemacht habe. Das ist nämlich ohne eigenen Kundenstamm, mit 45 Jahren und drei kleinen Kindern eine echte Herausforderung.
Was muss sich Ihrer Meinung nach in der deutschen Politik und auch in unserer Gesellschaft ändern, damit Alleinerziehende die gleichen Chancen und Bedingungen haben, wie die klassische Bilderbuchfamilie nebenan?
In erster Linie müssen wir Alleinerziehenden lauter, sichtbarer werden. Wir haben ein Imageproblem: wir sind gleichzeitig fast unsichtbar im Alltag mit unseren Nöten, aber im selben Moment so eine Art „schwarzes Schaf“ unter den Familienformen. Dabei ist jede fünfte Familie eine Ein-Eltern-Familie, Tendenz steigend!
Wenn wir Alleinerziehenden es trotz Erschöpfung und Überlastung schaffen, eine Lobby zu bilden und uns Gehör zu verschaffen, dann wird sich auch politisch etwas in unserem Sinne tun. Ich merke jetzt schon, dass in den vergangenen zwei Jahren das Bewusstsein dafür, dass Alleinerziehende es enorm schwer haben, gewachsen ist. Das passiert aber momentan eher auf höherer politischer Ebene, bei den Parteien und im Familienministerium, als vor Ort in den Kommunen. Insofern ist noch viel Luft nach oben. Und das macht dann wiederum die Gemeinderatsarbeit so sinnvoll.

Es sollten sich viel mehr Alleinerziehende politisch engagieren, damit wäre schon viel gewonnen. Ein paar konkrete Vorschläge mache ich auch in meinem Buch, aber wie die Maßnahmen dann genau aussehen, können wir bei genügend politischer Macht dann gerne in Ruhe diskutieren.

Alle Verlage