Claas Tatje - Autor
© Nancy Heusel

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Claas Tatje

Claas Tatje, Jahrgang 1979, pendelt seit Jahren zwischen seinem Wohnort Hannover und der Hamburger ZEIT-Redaktion. Dort schreibt er im Wirtschaftsressort über die Bahn und andere Mobilitätsthemen. Im „Fahrtenbuch des Wahnsinns“ hat er seine Erfahrungen als Vielfahrer festgehalten.

Interview

»Flieger werden über kurz oder lang überflüssig. Es ist nur furchtbar teuer.« | 23.03.2021

Welche Art Bahnfahrer sind Sie, Herr Tatje? Wie, wann, wohin, wie oft und warum fahren Sie mit der Deutschen Bahn? Ich bin einer dieser Bahncard100-Routiniers. Einsteigen, Kopfhörer auf und los. Ich pendele von meinem Wohnort in Hannover zur Arbeit in die ZEIT-Redaktion nach Hamburg. Vor der Pandemi...

Welche Art Bahnfahrer sind Sie, Herr Tatje? Wie, wann, wohin, wie oft und warum fahren Sie mit der Deutschen Bahn?

Ich bin einer dieser Bahncard100-Routiniers. Einsteigen, Kopfhörer auf und los. Ich pendele von meinem Wohnort in Hannover zur Arbeit in die ZEIT-Redaktion nach Hamburg. Vor der Pandemie täglich, jetzt ein, zweimal die Woche. Recherchen führen mich oft nach Frankfurt, Stuttgart oder Berlin. Alles mit der Bahn. Das ist flexibler, günstiger und besser fürs Klima.

Welche Gefühle haben Sie für die DB?

Unsere Beziehung ist schon ziemlich alt. Sie hat mich selten sitzen gelassen und immer sicher nach Hause gebracht. Insofern verdanke ich ihr einen Großteil meines mobiles Leben. Dann aber auch wieder viele graue Haare. Umleitungen fährt sie ja grundsätzlich immer nur dann, wenn man selbst gar keine Zeit hat. Und das ausgedünnte Netz in der Pandemie macht das Leben auch nicht leichter. Dafür ist sie pünktlicher.
Was davon steckt in Ihrem neuen Buch TSCHUSING DEUTSCHE BAHN TODAY? Und was ist das überhaupt für ein Buch?

In dem Buch steckt viel davon, einfach weil mein Kollege Mark Spörrle und ich soviel unterwegs sind und auf jeder Bahnfahrt etwas erlebt wird. Praktisch alle geschilderten Zitate und Begegnungen mit Zugbegleitern und Mitreisenden haben wir so erlebt, einschließlich Fußballfans und Proseccodamen.
Das Buch soll Lust aufs Bahnfahren machen. Es gibt Tipps für Gelegenheits- und Vielfahrer, spannt dann aber auch sehr schnell den Bogen zu den großen Herausforderungen vor die das Unternehmen und unsere Gesellschaft stehen. Im Laufe der Recherchen und der vielen Gespräche ist uns klar geworden, dass die Bahn der Schlüssel ist für eine erfolgreiche Mobilitätswende und Klimaschutz. Welche Rolle die Bahn dabei spielen will und warum der Deutschlandtakt echten Fortschritt verspricht, all das beschreiben wir.

Warum haben wir so oft den Eindruck, nichts wird besser, nur teurer, wenn es um den hiesigen Schienenverkehr geht? Stimmt das überhaupt?
Das ist ein Irrglaube. Einzelne Fahrten gibt es oft im Angebot, die Dauerkarten sind im Vergleich zum Autofahren deutlich günstiger, zumal Pendler diese noch als Pendlerpauschale geltend machen können. Am Schienenverkehr haben die Regierungen Jahrzehnte gespart. Diese Folgen spüren wir bis heute. Erst in den vergangenen drei, vier Jahren ist das anders geworden. Eine Folge: Bauarbeiten und Umleitungen. So entsteht der Eindruck, alles werde schlechter.

Nicht zuletzt mit den Klimazielen im Nacken können wir kaum auf Züge verzichten – ist die DB denn der Aufgabe gewachsen, unsere CO2-Bilanz zu retten?

Ja, das ist sie. Häufigere Frequenzen und schneller Verbindungen sind gerade zwischen Metropolregionen wie Berlin und Nordrhein-Westfalen geplant. So werden Flieger über kurz oder lang überflüssig. Es ist nur furchtbar teuer.

Stellen Sie sich vor, Sie sind für eine Woche Bahnchef. Was würden Sie tun, entscheiden, verkünden?
Gar nichts, denn Ankündigungen bringen den Leuten nichts, sondern Taten. Beharrlichkeit zahlt sich oft erst nach dem Ende der Amtszeit aus. Da die Bahn nicht börsennotiert ist, kann der Chef oder vielleicht sogar mal eine Chefin – Zeit dafür wäre es jedenfalls – sich lösen vom politischen Klein-klein. Der eingeschlagene Weg ist da gar nicht so schlecht, wie wir im Buch beschreiben.

Wie schaffen wir es bloß, regelmäßig Bahn zu fahren, ohne wahnsinnig zu werden? Gibt es ein paar goldene Regeln, Geheimwaffen, unverzichtbare Tricks?
Gelassenheit. Planen Sie mehr Zeit ein, als Sie brauchen, gönnen Sie sich unterwegs was und schenken Sie den Zugbegleiterinnen ein Lächeln. Die haben gerade keinen leichten Job, können ja schlecht ins Homeoffice wechseln, und sind doch (fast) immer freundlich.

Wie hilft uns Ihr neues Buch TSCHUSING DEUTSCHE BAHN TODAY dabei?
Es ist voller praktischer Tipps, die einem im Bahnalltag weiterhelfen. Sei es beim Einsteigen, beim Umgang mit gewöhnungsbedürftigen Mitfahrern oder schon vorher beim Ticketkauf. Und Profis werden aus dem Träumen gar nicht mehr herauskommen. Wenn es etwa um neue Züge, besseres Internet oder digitalisierte Beschwerdeformulare geht. Und das Schönste: Wer es unterwegs liest, schöpft Kraft für neue Abenteuer!
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