Gail Honeyman - Autor
© Philippa Gedge Photography

Autorin

Gail Honeyman

Gail Honeyman lebt und arbeitet in Glasgow. Sie bekam bereits mehrere Preise für ihr Schreiben. Ich, Eleanor Oliphant ist ihr erster Roman.

Steckbrief

Im Autorensteckbrief erzählt Gail Honeyman über ihren Debütroman "Ich, Eleanor Oliphant"

Lieblingssatz aus dem Buch:So seltsam es vielleicht auch klingt, ist das eine sehr kurze Unterhaltung zwischen Eleanor und Raymond, in der es um Suppe geht! Dieser winzige Dialog bringt mich zum Schmunzeln, weil er sehr viel von der psychischen Widerstandsfähigkeit vermittelt, über die Eleanor verfü...

Lieblingssatz aus dem Buch:
So seltsam es vielleicht auch klingt, ist das eine sehr kurze Unterhaltung zwischen Eleanor und Raymond, in der es um Suppe geht! Dieser winzige Dialog bringt mich zum Schmunzeln, weil er sehr viel von der psychischen Widerstandsfähigkeit vermittelt, über die Eleanor verfügt. Außerdem verdeutlicht er Raymonds beste Charaktereigenschaften – seine Liebenswürdigkeit, seine rücksichtsvolle Natur, seine Geduld.
Die Stelle im Buch, die am schwierigsten zu schreiben war:
Die größte Herausforderung bestand ohne jeden Zweifel darin, den Anfang des Kapitels “Schlechte Tage” zu schreiben. Das war eine emotional sehr aufwühlende Stelle.
Was ist schöner: den letzten Satz zu Ende gebracht zu haben oder das fertige Buch in Händen zu halten?
Den letzten Satz der ersten Rohfassung zu schreiben, beschert einem ganz besondere Gefühle – es ist einfach großartig zu wissen, dass man es endlich bis zum Ende geschafft hat. Aber wenn man sich daran dann einen Moment erfreut hat, blättert man wieder ganz zurück zur ersten Seite und fängt an zu redigieren...
Wer oder was hilft, wenn es mal schwierig ist, weiterzuschreiben?
Ich empfinde es als hilfreich, einen Spaziergang zu machen.
Was war zuerst da: die Story oder eine Figur aus dem Buch?
Die Figur. Meiner Meinung nach wird die Figur am Ende die Story.
Wie wichtig sind Freunde, Familie, Berater beim Schreiben?
Das Schreiben ist ein einsames Geschäft. Ich habe allerdings das große Glück, gleich mehrere Freunde zu haben, die ebenfalls Autoren sind. Es ist sehr hilfreich, mich mit ihnen auszutauschen, wenn ich schreibe oder über etwas nachdenke, was ich schreiben will.
Lieber akkurat durchplanen oder erstmal drauflosschreiben?
Was das angeht, gibt es keinen richtigen oder falschen Weg, aber ich persönlich schreibe lieber erstmal drauflos. Die effizienteste Methode ist das vermutlich nicht, bewirkt aber, dass das Buch sich organisch entwickelt. Wenn ich es als Autor interessant finde zu entdecken, was meine Figuren tun, und mich davon überraschen zu lassen, welche Richtung sie einschlagen, werden Leser es hoffentlich auch interessant finden. Das hoffe ich jedenfalls!
Wer das Buch liest, fühlt sich nach der letzten Seite…?
Solange sie etwas fühlen, wird mich das glücklich machen. Um welche Reaktion es sich dabei handelt, wird individuell unterschiedlich sein. Es ist einfach herrlich zu wissen, dass ein Buch einen Leser in irgendeiner Form berührt.

Interview

Gail Honeyman spricht im Interview über „Ich, Eleanor Oliphant“. | 07.04.2017

Wie ist die Idee zu Ihrem Debütroman entstanden?„Ich, Eleanor Oliphant“ liegen zwei miteinander verwandte Ideen zugrunde. Die erste war das Thema Einsamkeit, etwas, dem man jetzt zum Glück mehr Aufmerksamkeit schenkt, da wir allmählich zu begreifen beginnen, welche verheerenden Folgen die Einsamkeit...

Wie ist die Idee zu Ihrem Debütroman entstanden?
„Ich, Eleanor Oliphant“ liegen zwei miteinander verwandte Ideen zugrunde. Die erste war das Thema Einsamkeit, etwas, dem man jetzt zum Glück mehr Aufmerksamkeit schenkt, da wir allmählich zu begreifen beginnen, welche verheerenden Folgen die Einsamkeit häufig hat. Ich erinnerte mich an einen Artikel, den ich gelesen hatte. Darin erzählte eine junge Frau, die in einer Großstadt lebte, dass sie, wenn sie sich nicht maßlos bemühte, sich mit irgendjemandem zu verabreden, oftmals von Freitagabend, wenn sie ihre Arbeitsstelle verließ, bis Montagmorgen, wenn sie wieder in ihr Büro zurückkehrte, mit keiner Menschenseele ein Wort wechseln würde. Ich fing an, mich zu fragen, wie eine solche Situation entstehen kann. Wenn über Einsamkeit diskutiert wird, geschieht es oft im Zusammenhang mit älteren Menschen, aber ich begann, mir Gedanken darüber zu machen, wie sie sich im Leben jüngerer Menschen manifestieren könnte, und ob die für sie damit einhergehenden Probleme vielleicht etwas anders sind. War es schwieriger für sie, über ihre Einsamkeit zu sprechen, war es vielleicht sogar schwieriger für sie zu erkennen, dass sie einsam sind. Hatten die sozialen Netzwerke einen Einfluss, und wenn ja, war der positiv oder negativ? War es schlimmer, in einer Großstadt einsam zu sein oder in einer Kleinstadt? Im Endeffekt war es nicht schwer sich vorzustellen, wie eine junge Frau, deren Familie nicht in der Nähe wohnte, in die Situation hatte geraten können, die in dem Artikel beschrieben war; sie zog in eine ihr fremde Stadt, mietete sich eine kleine Einzimmerwohnung oder ein möbliertes Zimmer, nahm einen Job in einer kleinen Firma an, in der sie Kollegen hatte, mit denen sie nichts verband. Die Möglichkeiten, die sich aus erzählerischer Sicht eröffneten, fingen an, mich zu faszinieren.
Der zweite Denkanstoß, der zum Entstehen des Buches geführt hat, war die Idee sozialer Unbeholfenheit. Es gibt nur sehr wenige Menschen, die mit der Gabe gesegnet sind, mühelos und charmant mit Fremden Smalltalk halten zu können; wir anderen versuchen einfach, uns in solchen Fällen so gut wie eben möglich durchzuschlagen. Die meisten von uns haben schon mal eine außerordentlich anstrengende Unterhaltung mit jemandem geführt, dessen Konversationskünste und Benehmen schlichtweg ein wenig unbeholfen wirkten. Mir fiel auf, dass ich mir nie groß Gedanken gemacht hatte, ob es für dieses Verhalten vielleicht einen Grund gab. War in ihrer Vergangenheit oder Kindheit vielleicht etwas passiert, was zu dieser besonderen Entwicklung beigetragen hatte? Mir wurde bewusst, dass ich über einen solchen Menschen eine Geschichte schreiben wollte. Eine einsame, etwas unbeholfene Person und zugleich jemanden bei dem Einsamkeit und soziale Unbeholfenheit sich untrennbar miteinander verbunden hatten und immer stärker wurden. So entstand die Geschichte von Eleanor Oliphant.
Ihr Roman dreht sich um die sympathische, aber auch sehr eigensinnige Protagonistin Eleanor Oliphant. Wie würden Sie sie beschreiben? Was ist für Sie das Besondere an dieser Figur? Gibt es eine reale Vorlage für Eleanor Oliphant?
Hundertprozentig nicht – ich bin noch niemals einem Menschen wie Eleanor begegnet! Wenn man von den düstereren Aspekten der Geschichte einmal absieht, hat es unglaublich viel Spaß gemacht, die Figur der Eleanor Oliphant zu schreiben, unter anderem, weil sie ungefiltert agiert und über sehr wenig Selbstwahrnehmungsfähigkeit verfügt, sodass sie häufig Dinge laut ausspricht, die zu sagen den meisten von uns nicht einmal im Traum einfiele. Überdies ist Eleanor sich sozialer Konventionen entweder gar nicht bewusst, oder aber sie schenkt ihnen keinerlei Beachtung. Aufgrund dieser Faktoren sieht sie andere Menschen und die Welt – selbst ganz banale, routinemäßige Situationen und Begegnungen – aus einem ganz besonderen Blickwinkel. Eine Figur zu entwickeln, die diese ganz besondere Stimme und diese so spezielle Sicht auf die Welt hatte, war eine Herausforderung, die enormen Spaß gemacht hat.
Eine weitere wichtige Figur in Ihrem Roman ist ihr IT-Kollege Raymond. Wie ist das Verhältnis der beiden?
Wenn wir Eleanor zum ersten Mal begegnen, ist sie an einem Punkt angelangt, an dem es, so wie es ist, einfach nicht weitergehen kann, und Raymond tritt genau zum richtigen Zeitpunkt in ihr Leben. Ebenfalls hilfreich ist meines Erachtens, dass er ein ausgesprochen unvoreingenommener Mensch ist; er nimmt Eleanor, wie sie ist, mit all ihren Marotten und Macken. Einerseits lässt er sie ganz sie selbst sein, zugleich versucht er auf behutsame Art und Weise, ihr dabei zu helfen, so glücklich zu werden, wie sie werden kann, ohne dabei je zu denken oder zu unterstellen, dass im Moment nicht alles in bester Ordnung mit ihr ist. Das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Aspekt, der dazu beiträgt, dass sie ihm zusehends mehr vertraut. Das andere, das vielleicht Allerwichtigste ist, dass er ein gütiger Mensch ist, und seine Güte wirkt ihr eigenes Wunder.
Die Protagonistin hat in ihrer Kindheit und Jugend wenig Liebe und Zuwendung erfahren. Dennoch ist es ein sehr positives und hoffnungsstimmendes Buch. Was wollten Sie den Lesern mit auf den Weg geben?
Ich glaube, die unterschiedlichen Arten von Freundschaft, einschließlich generationsübergreifender und platonischer Freundschaft, sind ein wichtiger Aspekt des Buches. Außerdem wollte ich hervorheben, wie bedeutsam Liebenswürdigkeit und Güte sind, und aufzeigen, dass selbst Kleinigkeiten, mit denen man anderen gegenüber Rücksichtnahme beweist, eine komplette Transformation bewirken können, sowohl für den Gebenden als auch für den Empfangenden.
Die Übersetzungsrechte Ihres Romans wurden vorab in 25 Länder verkauft. Was ist das für ein Gefühl?
Ich kann das noch gar nicht richtig fassen, wirklich nicht. Es ist einfach so skurril (und großartig!) sich vorzustellen, dass man Eleanors Geschichte auf der ganzen Welt lesen wird. Ich war total begeistert, als ich erfuhr, dass man das Buch verlegen würde – ich muss mich selbst heute noch zwicken.
Sie haben für Ihr Schreiben schon zahlreiche Preise bzw. Preisnominierungen erhalten. Welche Bedeutung hat das Schreiben in Ihrem Leben?
Bevor dieses Buch veröffentlicht wurde, war das Schreiben ein Hobby für mich, jetzt ist es mein Beruf geworden, worüber ich mich maßlos freue. Ich empfinde es als unglaubliches Glück, hauptberuflich als Schriftstellerin arbeiten zu können.
Haben Sie einen Lieblingsplatz zum Schreiben? Was lieben Sie an ihm besonders?
Ich habe keinen Lieblingsplatz – bis vor kurzer Zeit hatte ich einen anderen Vollzeitjob und habe nur in meiner Freizeit geschrieben (beispielsweise während der Mittagspause in einem Café), sodass ich gelernt habe, weitgehend überall zu schreiben! Ideal wäre für mich ein Ort, an dem es keinen WiFi-Zugang, aber jede Menge Tee gibt.
An welchen neuen Projekten arbeiten Sie derzeit?

Da das Ganze erst im Anfangsstadium ist, möchte ich noch nicht allzu viel verraten, doch es handelt sich dabei um einen Roman, der in den 1940er Jahren und der Jetztzeit in London und in Schottland spielt. Ich habe es sehr geliebt, mit Eleanor Zeit in ihrer Welt zu verbringen, aber es macht mir auch sehr viel Freude, etwas ganz anderes zu schreiben und anderen Figuren eine Stimme zu geben.

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