Andrea Camilleri
© Basso Cannarsa

17.07.2019

Abschied von Andrea Camilleri

Spät kam der Erfolg. Gäbe es eine Rangliste, welcher Autor erst im hohen Alter Bestsellerstatus erreichte, Andrea Camilleri würde sicher einen der vorderen Plätze einnehmen. 1994 trat Camilleris wichtigste Romanfigur, Salvo Montalbano, erstmals in das Licht der lesenden Öffentlichkeit. Sein Schöpfer und Autor war damals fast siebzig Jahre alt. Ein später Ruhm, könnte man meinen, doch das ist die Sicht des internationalen Bestsellermarktes außerhalb Italiens. Denn in seiner Heimat war Andrea Camilleri schon lange vor dem ersten Abenteuer des sizilianischen Commissario eine maßgebliche, extrem produktive und vor allem auch prägende Gestalt der literarischen wie auch der sozial-politischen Welt. Zunächst als Lyriker und Autor von Erzählungen, dann als Regisseur, Drehbuchautor und Professor an der römischen Nationalakademie der Dramatischen Künste wirkte Camilleri über Jahrzehnte in einem Land, das er liebte, dem er aber auch mit kritischer Distanz begegnete. Er sah es als seine Aufgabe, als Schriftsteller Position zu beziehen. Tabuthemen gab es für ihn nicht. Unkorrumpierbar zu sein war seine Stärke, über alles sprechen zu können, über alles sprechen zu müssen sein Anliegen. Und es ist die große Kunst Camilleris, diesen aufklärerischen Impetus in die scheinbar so leichte, gefällige Form des Kriminalromans zu kleiden und damit auf eine ganz eigentümliche Art und Weise zu verdeutlichen, dass Literatur und Kriminalgeschichten keine unversöhnlichen Gegensätze darstellen. Andrea Camilleri gehörte seit Beginn der Neunzigerjahre zu den Autoren, die ein vermeintliches Unterhaltungsgenre zu neuen, zu anspruchsvollen Höhen geführt haben.

Spät kam der Erfolg. Umso beeindruckender mutet das Arbeitspensum eines Mannes an, der in fünfundzwanzig Jahren siebenundzwanzig Romane um seinen Helden Salvo Montalbano schrieb, zahlreiche Erzählungen, die in Sammelbänden erschienen sind, nicht mitgerechnet. Dazu gesellt sich ein gleichermaßen beeindruckendes Oeuvre an weiteren Romanen und Geschichten ohne den Kult-Commissario.

Wie groß seine Schaffenskraft war, erwies sich dem aufmerksamen Beobachter in den letzten Jahren. Das zunächst schwindende Augenlicht, schließlich die völlige Erblindung hielten ihn nicht davon ab, sein Romanwerk fortzusetzen. Als er nicht mehr selbst schreiben konnte, diktierte er halt. Und wer das Glück und – der Begriff gehört hier hin – die Ehre hatte, in Andrea Camilleris römischer Wohnung zum Gespräch geladen zu sein, erlebte einen Menschen, der auch im hohen Alter mit Witz, Esprit, funkelnder Intelligenz und beispielhafter Humanität die Welt im Großen und in Kleinen beobachtete, analysierte, reflektierte und durchschaute. Letzteres ohne jede Genugtuung oder als Zeichen von überlegener Altersweisheit, sondern mit der sympathischen Geste eines Mannes, der um die Stärken und Schwächen der Menschen weiß. Auch um die eigenen.

Andrea Camilleri ist heute, am 17. Juli 2019, im Alter von 93 Jahren in einem römischen Krankenhaus verstorben. Für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Hause Lübbe ist dies ein trauriger Tag. Andrea Camilleri war mehr als ein Autor. Er war unser Freund.

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