Autorin

Hanna Miller

Hanna Miller, Jahrgang 1977, wuchs im Rheinland auf. Sie studierte Germanistik und Kulturwissenschaften, arbeitete als Verlegerin und Lektorin und schrieb zwei Reiseführer zu ihrem Lieblingslandstrich Cornwall. Für »Denn das Leben ist eine Reise« tourte sie mit ihrem Sohn zu zweit in einem Bulli durch Südengland. Hanna Miller lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

Interview

"Wenn ich einen alten VW-Bus sehe, stieg in mir schon immer diese diffuse Sehnsucht auf: einfach los zu können, frei zu sein." | 22.05.2020

Würden Sie ganz kurz in eigenen Worten erklären, worum es in Ihrem Roman geht?Die Heldin meines Romans, Aimée, ist von einer Sehnsucht getrieben, die sicher einige kennen: Sie möchte ankommen, Zugehörigkeit erfahren, ein gutes, zu ihr passendes Leben leben. Dabei ist sie ein ums andere Mal falsch ab...

Würden Sie ganz kurz in eigenen Worten erklären, worum es in Ihrem Roman geht?
Die Heldin meines Romans, Aimée, ist von einer Sehnsucht getrieben, die sicher einige kennen: Sie möchte ankommen, Zugehörigkeit erfahren, ein gutes, zu ihr passendes Leben leben. Dabei ist sie ein ums andere Mal falsch abgebogen und findet sich schließlich als Alleinerziehende in einem rostigen VW-Bus wieder. Vordergründig sucht sie eine Heimat für sich und ihren Sohn Len, in der Tiefe sucht sie sich selbst. Es geht um familiäre Verflechtungen und, natürlich, um eine große Liebe.
Wie würden Sie Ihre Hauptfigur Aimée beschreiben?
Aimée ergeht es wie vielen Frauen, wenn sie Mutter werden: Nicht selten drängen sich da ja ganz plötzlich die eigene Mutter und die erlebten Verletzungen in den Vordergrund. Das, was wir selbst erfahren haben, beeinflusst, wie wir die Beziehung zu unseren Kindern gestalten (können). Aimée muss ihren Dämonen ins Gesicht sehen und sie dann ziehen lassen, um bei sich selbst anzukommen. Darüber hinaus ist sie ein ziemlich bodenständiger Typ, der gerne mit den Händen arbeitet; sie weiß die kleinen, besonderen Momente zu schätzen, nimmt sich Zeit, liebt die Natur, den Wind und die Sonne im Gesicht.
Aimée ist Restaurateurin. Ihre Liebe zu alten Möbeln und ihre Arbeit nehmen einen großen Teil im Roman ein. Haben Sie selbst Erfahrung im Restaurieren oder wie haben Sie sich dieser Kunst genähert?
Möbel zu restaurieren hat mich immer fasziniert, aber ich hatte bislang wenig Berührung mit dem Thema. Für die Recherche zu „Denn das Leben ist eine Reise“ durfte ich einem Restaurator in Hamburg bei seiner Arbeit über die Schulter schauen. Das war eine echte, ja, meditative Erfahrung. Restaurieren hat unheimlich viel mit Achtsamkeit zu tun: nur das Nötigste zu machen und den Möbelstücken ihre Geschichte zu lassen.
Von einer Reise mit einem alten VW-Bulli träumen viele. Aimée erfüllt sich zusammen mit ihrem Sohn diesen Traum – auch wenn es sich in diesem Fall eher um eine Flucht handelt. Haben Sie selbst auch diesen Traum und konnten Sie sich diesen bereits erfüllen?

Wenn ich einen alten VW-Bus sehe, stieg in mir schon immer diese diffuse Sehnsucht auf: einfach los zu können, frei zu sein. Bei Aimée habe ich den Gedanken etwas weitergesponnen: Sie möchte alles hinter sich lassen, verbunden mit dem tiefen Wunsch anzukommen. Für „Denn das Leben ist eine Reise“ bin ich mit meinem kleinen Sohn für zwei Wochen im Bulli durch Südengland getourt. Wir sind ganz eingetaucht in dieses Zuhause-Gefühl in der Ferne, das hatte etwas Magisches. Der Bulli war allerdings ein ziemlich neues, luxuriöses Modell ...

Der größte Teil Ihres Romans spielt in St. Ives, einer Stadt in Cornwall. Warum haben Sie sich England ausgesucht und Aimée und ihren Sohn Len nicht nach Italien, Spa-nien oder Frankreich fahren lassen?

Ich liebe den Südwesten Englands – diesen grünen Zipfel mit seiner zerklüfteten Küste, wo Palmen wachsen und das Meer so türkis ist, dass einem fast schwindelig wird. St. Ives ist mein ganz persönlicher Sehnsuchtsort. Ich war schon oft dort, habe Reiseführer zum Ort und der Region geschrieben und schon lange den Wunsch, eine Romanhandlung dort anzusiedeln. Hier passte es einfach zu gut! St. Ives ist für mich Anfangs- und Endpunkt zugleich, je nach Perspektive, dahinter liegt nur noch der Ozean, bis nach Amerika.

Auch kulinarisch wird es im Buch häufig „englisch“. Die von Ihnen beschriebene Cornish Pasty lässt nicht nur Len das Wasser im Mund zusammenlaufen. Kochen und backen Sie gerne selbst, und wenn ja – hat es Ihnen die englische Küche auch angetan?
Die englische Küche ist, wie ich finde, maßlos unterschätzt. Cornwall im Besonderen ist ein Schlaraffenland: Scones mit Clotted Cream – süßes Gebäck mit einer buttrigen, goldkrustigen Sahne –, eine unendliche Anzahl an vor Ort produzierten Eissorten mit so wundervollen Namen wie Rhubarb Crumble oder Sea Salted Caramel und nicht zuletzt der allgegenwärtige fangfri-sche Fisch. Ich selbst backe lieber, als dass ich koche – vermutlich weil Kochen mit Kind einem gewissen Alltagszwang unterliegt – und habe eine Schwäche für süße Mehlspeisen.
In „Denn das Leben ist eine Reise“ gibt es viele Zeitsprünge. Mal befindet sich der Leser in der Gegenwart, mal wird von Aimées Vergangenheit erzählt. Beim Lesen kann man sich gut darauf einstellen, aber war es nicht schwierig, beim Schreiben den Überblick zu behalten?
Beim Plotten der Geschichte habe ich mir überlegt, welche Gegenwarts- und welche Vergangenheitsszenen ich benötige. Dann habe ich viel hin- und hergeschoben, zum Teil habe ich da-für Karteikarten verwendet, so lange, bis mir alles an Ort und Stelle schien. Die verschiedenen Varianten habe ich mit meiner Textgruppe, zwei lieben Kolleginnen, durchgesprochen. Natürlich hat sich beim Schreiben doch noch etwas verschoben oder machte plötzlich keinen Sinn mehr. Aber im Großen und Ganzen konnte ich mich ganz gut an dem Plan entlanghangeln.
Die erwähnten Zeitsprünge führen meist in die Kindheit und Jugend von Aimée und haben häufig mit ihrer Mutter Marilou zu tun. Wie würden Sie die Beziehung der bei-den beschreiben?
Marilou kommt aus einem sehr konservativen Elternhaus und entkam dieser Enge, indem sie ein gänzlich anderes Leben als ihre Eltern führt: als Trödlerin ohne festen Wohnsitz. Dabei war sie jedoch haltlos und konnte auch Aimée, ihrer Tochter, nur schwer Halt und Sicherheit vermitteln. Dass Marilou Aimée nicht geben konnte, was sie brauchte, hat ihre Beziehung nachhaltig erschwert. Zugleich war da aber auch viel Liebe zwischen den beiden und eine Menge unkon-ventioneller Momente der Leichtigkeit, die Mutter und Tochter gemeinsam »on the road« erlebten.
Gibt es eine Figur, die Ihnen beim Schreiben besonders ans Herz gewachsen ist? Und wenn ja, warum?
Ja, Len, Aimées sechsjähriger Sohn. Aimée möchte ihm all das geben, was sie selbst als Kind nicht hatte. Doch Len bringt seine ganz eigenen Themen, Ängste und auch Wünsche mit, er ist so klein und trotzdem eine starke, eigenständige Persönlichkeit. Ich habe ihn richtig ins Herz geschlossen.
Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt? Können Sie schon etwas verraten?
Ich möchte nicht zu viel verraten, aber ich arbeite an einer Liebesgeschichte, bei der beide Helden, die Frau und der Mann, jede Menge Geheimnisse haben, sowohl voreinander als auch unabhängig voneinander, die Frau in ihrem, der Mann in seinem Leben. Ich bin selbst gespannt, wie sich das entwickelt!
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