Theresa Hannig - Autor
© Olivier Favre

Autorin

Theresa Hannig

Theresa Hannig wurde 1984 in München geboren. Sie studierte Politikwissenschaft, Philosophie und VWL und arbeitete als Softwareentwicklerin, Beraterin für IT-Sicherheit und als Projektmanagerin von Solaranlagen. Mit ihrem Debütroman Die Optimierer gewann sie den Stefan-Lübbe-Preis 2016. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Nähe von München.


Interview

Im Interview: Theresa Hannig über ihr Buch "Die Optimierer" | 10.09.2017

Liebe Frau Hannig, Sie sind die Gewinnerin des Stefan-Lübbe-Preises, der im letzten Jahr das erste Mal vergeben wurde. Der Roman musste dem Genre „Science Fiction“ entstammen– hat die Geschichte zu „Die Optimierer“ schon lange in Ihrer Schreibtischschublade geschlummert, oder haben Sie sie eigens fü...

Liebe Frau Hannig, Sie sind die Gewinnerin des Stefan-Lübbe-Preises, der im letzten Jahr das erste Mal vergeben wurde. Der Roman musste dem Genre „Science Fiction“ entstammen– hat die Geschichte zu „Die Optimierer“ schon lange in Ihrer Schreibtischschublade geschlummert, oder haben Sie sie eigens für den Preis geschrieben?
Ich habe schon lange an der Geschichte gearbeitet. Genau genommen seit 2008. Ich weiß das noch genau, weil ich damals nach einer langen Schreibpause – im Studium hatte ich weder Zeit noch Muße dazu – wieder ein großes Projekt in Angriff nehmen wollte. Die Geschichte hat sich seitdem natürlich weiterentwickelt. Aber die Grundthemen sind gleichgeblieben, denn sie waren damals aktuell und sind es noch heute: Zunehmende Automatisierung, Überwachung durch den Staat und die damit einhergehende Einschränkung der Freiheit des Einzelnen.
Sie beschreiben in Ihrem Buch ein fast beängstigendes Zukunftsszenario: Der Staat hat die komplette Kontrolle über die Bürger. Sie werden beobachtet und ihnen werden Berufe zugeteilt. Sogar wie viele Sexualpartner sie haben, wird festgehalten. Auf den ersten Blick wirkt das negativ und beängstigend, doch finden Sie daran auch positive Seiten?
Grundsätzlich ist die Konstruktion des Staates in meinem Roman an den idealen Staat von Platon in seinem Werk „Politeia“ angelehnt. Dort wird in einem langen Dialog hinterfragt, was echte Gerechtigkeit ist. Schließlich wird ausgeführt, dass es wahre Gerechtigkeit nur in einem gerechten Staat geben kann – doch dieser „gerechte“ Staat ist nach heutiger Interpretation eine Diktatur. Meine Idee war nun, die platonische Staatenkonstruktion auf die heutige Zeit bzw. die Zukunft zu übertragen. Der Grundgedanke ist also tatsächlich die Gerechtigkeit und das Wohl für Alle. Im Verlauf der Geschichte wird aber klar, dass die Umsetzung für viele Menschen das Gegenteil bedeutet.
Ihre Hauptfigur Samson Freitag ist ein Lebensberater, der irgendwann, nach einem schlimmen Ereignis, das System in Frage stellt. Wie entwickelt sich dadurch die Geschichte weiter?
Samson ist Beamter und ein überzeugter Vertreter des Systems. Er ist stets bemüht, sich korrekt zu verhalten und hat durch Fleiß und Beharrlichkeit Karriere gemacht. Aber auch ihm gelingt es nicht, das Verhalten anderer Menschen zu kontrollieren. Und weil er zwar bisher ein treuer Diener des Staates war, er dem Staat aber ziemlich egal ist, spürt er bald wie gnadenlos das System mit denjenigen umgeht, die nicht konformgehen.
Interessant ist, dass die Geschichte fast schon in „naher Zukunft“ spielt, und zwar im Jahre 2052. Die Szenen, die Sie beschreiben, sind daher gar nicht so weit hergeholt und dadurch umso beängstigender. Glauben Sie, unsere Gesellschaft entwickelt sich in diese Richtung?
Ich denke schon, denn wir stehen am Anfang von zwei technologischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die meiner Meinung nach nicht mehr rückgängig zu machen sind – außer durch Krieg und totale Zerstörung aber das wollen wir ja nicht hoffen: Die Vernetzung der Gesellschaft und die Entwicklung künstlicher Intelligenz. Beide Prozesse gehen Hand in Hand und werden unser Leben zusehends beeinflussen. Die immer weiter zunehmende Vernetzung bringt uns viele Vorteile aber auch die Möglichkeit der totalen Überwachung. Und die Entwicklung künstlicher Intelligenz wird nach und nach immer mehr menschliche Arbeitsplätze kosten. Da muss man sich schon überlegen: Was „arbeiten“ die Menschen in 30 Jahren noch?
Die Menschen begrüßen sich in Ihrem Roman nicht mehr mit „Guten Tag“ oder „Hallo“, sondern mit „Jeder an seinem Platz!“ Man kennt solche Begrüßungsfloskeln aus verschiedenen extremen Regimen, was bedeutet diese Begrüßung für die Gesellschaft bzw. für jeden Einzelnen?
Der Staat ist eine sogenannte Optimalwohlökonomie, das heißt, dass er den Anspruch hat, der Gesellschaft und jedem Bürger das größtmögliche Wohl zu ermöglichen. Dieser Anspruch ist aber auch ein Zwang für den Einzelnen. Denn nur, wenn jeder an seinem Platz ist – sprich als Zahnrad im Getriebe dient – kann das System funktionieren. So ist die Begrüßung ein Machtinstrument, mit dem sich die Präsenz des Systems vergegenwärtigt. Sie ist die ständige gegenseitige Versicherung dass jeder an seinem Platz ist – und auch dort bleibt!
Sie sind selber Mutter von zwei kleinen Kindern, die zu dieser Zeit, in der das Buch spielt, noch leben werden. Machen Sie sich Gedanken um die Zukunft der neuen Generation?
Natürlich. Ich wünsche mir, dass meine Kinder mit den gleichen Freiheiten und Sicherheiten leben werden, die ich genießen konnte und kann. Es ist ein unverdientes Glück, dass wir zu dieser Zeit in diesem Teil der Welt leben dürfen und wir müssen uns bewusst sein, dass nichts davon selbstverständlich ist. Auch die Demokratie ist anfällig für Unterdrückung und Machtmissbrauch. Wenn ich mir ansehe, was zurzeit in der Türkei und in Polen passiert, bekomme ich das kalte Grauen. Vor den Augen der Welt verwandeln sich zwei Demokratien in Diktaturen. Das ist schrecklich! Deshalb müssen wir unsere Grundwerte wie Frieden, Freiheit, Demokratie, Gewaltenteilung und Gleichberechtigung jeden Tag aufs Neue stärken und verteidigen. Ich hoffe, dass ich im Jahr 2052 auch noch lebe und dass wir bis dahin nicht aufgehört haben, uns dafür einzusetzen.
„Die Optimierer“ erinnert ein bisschen an Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, den viele in der Schule als dystopisches Zukunftsszenario gelesen haben. Inwieweit haben Sie sich inspirieren lassen?
„Schöne neue Welt“ und „1984“ von George Orwell sind einfach zwei großartige Bücher, die man natürlich im Hinterkopf hat, wenn man sich mit dystopischen Geschichten beschäftigt. In beiden Romanen geht es ja auch darum, mit welchen Mitteln die Bürger kontrolliert werden. Erst vor kurzem habe ich einen Brief gelesen, den George Orwell von seinem früheren Französischlehrer Aldous Huxley bekommen hat. In diesem Brief gratuliert Huxley Orwell zu dessen Bucherfolg. Gleichzeitig gibt er ihm aber auch zu verstehen, dass seine eigene – Huxleys – Methode, die Menschen mit Drogen unter Kontrolle zu bringen, viel realistischer sei als Orwells Folter und Überwachung. Ich finde das sehr interessant, zeigt es doch, welche Methode die Bürger als politische Akteure auszuschalten zur jeweiligen Zeit en vogue war. In meinem Roman geschieht die Ausschaltung durch die größtmögliche Erfüllung aller persönlichen Wünsche.
In Ihrem Vorwort befindet sich ein Zitat von Edward Snowden: „Zu behaupten, das Recht auf Privatsphäre sei einem egal, weil man nichts zu verbergen hat, ist wie zu behaupten, das Recht auf freie Meinungsäußerung sei einem egal, weil man nichts zu sagen hat.“ Ein sehr interessantes und schönes Zitat, möchten Sie mit Ihrem Buch auch ein bisschen die Gesellschaft aufrütteln?
Ja, irgendwie schon. Denn wir leben in einer Zeit, in der der Deal „Freiheit gegen Sicherheit“ immer mehr Zuspruch findet. Dabei muss man für vermeintliche Sicherheit, mit der tatsächlichen Einschränkung der Privatsphäre bezahlen. Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft bessere Strategien entwickeln, um die komplexen Probleme zu bewältigen, die uns mit der Globalisierung ins Haus stehen. Mit einfachen Lösungen wie „Lasst uns eine Mauer bauen“ oder „Lasst uns alle überwachen“ kommen wir doch nicht weit.
Ist „Science Fiction“ Ihre Leidenschaft oder hätten Sie auch Lust, etwas Anderes zu schreiben?
Das Schreiben ist meine Leidenschaft, „Science Fiction“ ist ja eigentlich nur ein Label, das zur besseren Einordnung existiert. Und wenn ich sage, ich habe einen Science Fiction Roman geschrieben, denken die Leute meist, in meinem Buch kommen Raumschiffe und Außerirdische vor. Dabei ist „Die Optimierer“ in meinen Augen in erster Linie ein politischer, dystopischer Roman. Aber in meinen Geschichten gibt es meistens auch einen phantastischen Moment, eine Abweichung von der Realität, die die Story für mich besonders interessant macht. In der einen Geschichte sind es hochintelligente Roboter, in der Anderen Traumgestalten oder sonstige Fabelwesen.
Können Sie sich eine Verfilmung zu dem Buch vorstellen und wenn ja, welche Schauspieler wären Ihre optimale Besetzung?
Wenn ich eine Geschichte schreibe, sehe ich die Story mit den Augen der jeweiligen Figur. Ich schaue also aus ihr heraus, nicht auf sie drauf. Ich weiß zwar grundsätzlich wie sie aussieht, aber ich finde es extrem schwer, mir für meine Figur, die mir ja doch sehr vertraut ist, ein anders Gesicht vorzustellen. Am ehesten passend für Samson Freitag fände ich den Schauspieler James McAvoy, und zwar so, wie er die Figur Dr. Nicholas Garrigan in „The Last King of Scotland“ gespielt hat. Garrigans Hilflosigkeit und Verwirrung trifft den Kern von Samson Freitag, dessen Weltbild irgendwann nicht mehr mit der Realität übereinstimmt.

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