André Mumot - Autor
© Nina Altmann

Autor

André Mumot

André Mumot ist promovierter Kulturwissenschaftler, Autor, Literaturübersetzer, Journalist und lebt in Berlin. Er übersetzte u.a. Bücher von Jo Nesbø  und Neil Gaiman.
Sein Debütroman MUTTERTAG erschien im Herbst 2016 im Eichborn Verlag.

Interview

Im Interview: André Mumot über seinen Debütroman "Muttertag" | 29.09.2016

André Mumot, Sie sind promovierter Kulturwissenschaftler, preisgekrönter Literaturübersetzer, erfolgreicher Journalist, Kritiker und Feuilletonist – jetzt haben Sie Ihren ersten Roman geschrieben, Muttertag. War das immer Ihr Ziel, ein langgehegter Traum, oder was hat Sie dazu bewogen?Ich war da imm...

André Mumot, Sie sind promovierter Kulturwissenschaftler, preisgekrönter Literaturübersetzer, erfolgreicher Journalist, Kritiker und Feuilletonist – jetzt haben Sie Ihren ersten Roman geschrieben, Muttertag. War das immer Ihr Ziel, ein langgehegter Traum, oder was hat Sie dazu bewogen?
Ich war da immer ein bisschen hin und hergerissen, wenn ich ehrlich bin. Ich habe ja ständig mit Büchern und Literatur zu tun. Da juckt es einen natürlich hin und mal wieder in den Fingern. Aber gleichzeitig ist auch der Respekt sehr groß, man weiß schließlich genau: Das kann gewaltig schiefgehen. Ich bin da allerdings nicht zimperlich: Die meisten Versuche habe ich im Laufe der Jahre schnell wieder fallenlassen. Aber dann war der richtige Zeitpunkt doch irgendwann da. Und zum Glück auch das Gefühl: Diesmal könnte es was werden, diesmal sollte ich dranbleiben.
Muttertag ist eine grandiose Mischung aus Verschwörungsthriller, subtilem Horror und moderner Familiensaga und ein sehr komplexes Werk. Wie lange haben Sie daran gearbeitet und was war die größte Herausforderung?
Das kann ich gar nicht mehr so genau sagen, es hat schon eine ganze Weile gedauert. Und besonders schwierig war wohl das, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Man versucht ja immer, den Roman zu schreiben, den man selbst lesen möchte. Ich wollte eine möglichst vielschichtige Geschichte finden, in der die unterschiedlichsten Figuren und Lebenswelten aufeinandertreffen und sich verschiedene Handlungsstränge immer intensiver mit einander verbinden. Ich wollte Realität einfangen und zugleich mit den Genres spielen. Als Leser bin ich immer dann besonders begeistert, wenn ein Autor es schafft, seine Puzzleteile auf überraschende Weise zusammenzufügen und dabei auch noch der Spannungsbogen steigt und auf ein Finale zusteuert, das es wirklich in sich hat. Das selbst hinzubekommen, war nicht leicht, aber es ist ein ziemlich gutes Gefühl, wenn am Ende alles aufgeht.
Zu Beginn des Romans ist der Journalist Morten Rheinberger einer heißen Story auf der Spur, die 25 Jahre zuvor schon mal für Aufregung gesorgt hat und nun seine ganze Familie in Bedrängnis bringt. Dabei geht es auch um die so genannte GKT, eine reichlich dubiose Gesellschaft für Kritische Theologie. Was verbirgt sich hinter dieser Organisation?
Man sollte da, glaube ich, nicht zu viel verraten, aber der seriöse Anstrich täuscht. Auch wenn man den Mitgliedern der GKT wohl zugutehalten muss, dass sie sich sehr ernsthaft mit Bewusstseinserweiterung und den Grenzen unserer Moralvorstellungen auseinandersetzen. Das Problem ist nur, dass sie dabei jegliches Maß und auch alle Hemmungen verlieren. Es ist also eine okkultistische Vereinigung – mit, sagen wir mal, großen Zielen und ziemlich brutalen Methoden.
Muttertag ist auch eine Reise durch die deutsche Provinz – und dabei kommen sehr unangenehme Wahrheiten zutage. In einem besonders dramatischen Moment entscheiden sich empörte Dorfbewohner, bei Nacht und Nebel ein Haus in Brand zu stecken, in dem kranke Menschen untergebracht sind, die ihnen unheimlich erscheinen. Ähnliche Gewaltakte mussten wir in letzter Zeit ja häufig erleben. Hat Ihnen da die Realität als bedrückende Inspiration gedient?
Nur bedingt. Ich habe große Teile des Romans schon 2011 geschrieben – das war in dieser Hinsicht eine sehr viel ruhigere Zeit. Damals haben keine Notunterkünfte gebrannt. Das ist auch für mich selbst ein erschreckender Aspekt: Die Menschen reagieren doch immer gleich in ihrer Angst und ihrem Unbehagen, das alles Fremde in ihnen auslöst. Das ist ja auch in der Fiktion ein altes Motiv. Denken Sie nur an den mordlustigen Mob, der mit Fackeln und Mistgabeln zum Frankenstein-Schloss marschiert. Die Realität sieht leider bis heute nicht anders aus, das hat insbesondere das letzte Jahr gezeigt. Mein Roman soll erst mal keine politische Analyse sein, aber natürlich: Ich habe mich schon bemüht, in den fiktiven Konflikten Stimmungen einzufangen, die unter der Oberfläche unserer Wirklichkeit spürbar sind, die auch schon 2011 spürbar waren. Das sind auch Gefühle des Abgehängtseins und einer tiefen, oft aggressiven Frustration. Und die entlädt sich in Gewalt und löst das wirkliche Unheil erst aus.
Während Morten Rheinberger sich in etwas hineinrecherchiert, was die Leser das Fürchten lehren wird, macht sein 16jähriger Stiefbruder Philip Steinert eine neuzeitliche Version der Trotzphase durch, hört nur noch klassische Musik und träumt von einem Leben im Reihenhäuschen mit Blautanne vor der Tür und Abenden vor dem Fernsehapparat. Ist Philip das klassische Resultat einer von Lebensabschnittsgefährten, Scheidungen und Umzügen geprägten Patchwork-Familie?
Na ja, jeder rebelliert anders, würde ich sagen. Für Philip Steinert ist dieses Spießer-Ideal ein konsequenter Weg, sich dem ziemlich chaotischen Leben seiner Mutter zu entziehen. Aber dieser Zusammenprall der Generationen hat mich auch besonders interessiert – die Machtkämpfe, die da vonstatten gehen und die manchmal durchaus amüsant sein können. In Muttertag geht es um eine ganze Reihe sehr unterschiedlicher Eltern-Kind-Konstellationen, und einige davon sind ziemlich beunruhigend und extrem. Die von Philip Steinert und seiner Mutter ist wahrscheinlich noch die gesündeste und harmonischste.
Sie sind, wie eingangs gesagt, unter anderem als Literaturübersetzer tätig und wurden für Ihre Arbeit mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis 2014 ausgezeichnet. Haben Sie vor, auch weiterhin Werke anderer Autoren zu übersetzen, oder wollen Sie sich in Zukunft vorwiegend dem Schreiben eigener Romane widmen?
Es ist wirklich ein Geschenk, diese unterschiedlichen Tätigkeiten ausüben zu können und sich nicht immer nur um die eigenen Ideen zu drehen. Außerdem ist das Übersetzen eine fantastische Sache. Ich glaube wirklich, es gibt keine bessere Schreibschule. Beim Übersetzen kriecht man so tief hinein in die Sprache eines Autors, in seine Technik, in seine künstlerischen Entscheidungen. Man prüft ja jedes einzelne Wort, wägt ab, nimmt keine Formulierung als selbstverständlich. Ich hoffe, dass das für mich auch weiterhin kein Widerspruch sein muss – fremde Werke zu übersetzen und eigene Bücher zu schreiben.
Ist denn schon etwas in Planung, und falls ja, worum geht es darin?
Ideen gibt es, sie schwirren so in der Luft herum und ich betrachte sie immer noch ziemlich kritisch. Der Moment, in dem ich sie einfangen kann und alles zusammenpasst, muss also noch kommen. Wenn es soweit ist, geht es dann aber wahrscheinlich wieder sehr schnell.
Muttertag wird am 14. Oktober 2016 erscheinen, und da Sie selbst als Kritiker tätig sind: Haben Sie Angst vor den Kollegen oder sehen Sie der Veröffentlichung völlig gelassen entgegen?
Man sagt ja immer: Kritiker sind besonders empfindlich, wenn sie selbst kritisiert werden. Das wird sich jetzt wohl rausstellen. Aber wer austeilt, muss einstecken können, das ist ganz einfach. Gut begründete Kritik ist wichtig – über Bücher muss diskutiert und gestritten werden. Ich bin schon sehr gespannt, welche Haare die Kollegen in der Suppe finden werden – und ob ich es dann wirklich schaffe, entspannt zu bleiben.
Und haben Sie schon irgendwelche besonderen Pläne für den Erscheinungstag?
Nein, nein. Darüber denke ich vorerst nicht nach. Also doch: Der Plan ist erst mal, möglichst entspannt zu bleiben.

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