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Autor

Caroline Brinkmann

Caroline Brinkmann wurde 1987 im hohen Norden geboren, studierte in Göttingen Humanmedizin, ist heute als Ärztin tätig und schreibt, wann immer sie Zeit dafür findet. 

2013 gründete sie das Tintenfeder-Autorenportal, das angehende Schriftsteller über die Verlagsbranche aufklärt. Die Perfekten ist der erste Roman der Autorin, der im ONE-Programm erscheint.

Interview

Interview mit Caroline Brinkmann zu ihrem neuen Roman "Die Perfekten" | 02.08.2017

Frau Brinkmann, worum geht es in „Die Perfekten“?Rain und ihre Mutter Storm sind auf ständiger Flucht vor den Gesegneten, einer perfekten Weiterentwicklung der Menschen, die das Land Hope regieren. Wie für alle Menschen, die aufgrund ihrer Gene in der perfekten Welt keinen Platz haben, ist die einzi...

Frau Brinkmann, worum geht es in „Die Perfekten“?

Rain und ihre Mutter Storm sind auf ständiger Flucht vor den Gesegneten, einer perfekten Weiterentwicklung der Menschen, die das Land Hope regieren. Wie für alle Menschen, die aufgrund ihrer Gene in der perfekten Welt keinen Platz haben, ist die einzige Chance zu überleben, dass sie unsichtbar bleiben.

Rain wünscht sich vor allem ein normales Leben, doch gerade als sie beginnt, mit der Freundschaft zu dem Jungen Lark so etwas wie Normalität zu erlangen, verrät der sie an die Gesegneten. Sie wird festgenommen und rechnet mit dem Schlimmsten. Doch dann geschieht das Unglaubliche, was alles, woran sie bisher geglaubt hatte, in Frage stellt …

Es handelt sich als um eine Dystopie?! Vor ein paar Jahren ist ein regelrechter Hype um das Genre ausgebrochen. Wie unterscheiden sich „Die Perfekten“ von den bisherigen Dystopien?

Ich kann den Hype total nachvollziehen, denn es ist unglaublich spannend, sich zu überlegen, welche Technik und Möglichkeiten es in Zukunft geben könnte und wie sich die Welt, die wir kennen, verändern könnte. Es bietet einem Autor die Möglichkeit seine Leser zu unterhalten und gleichzeitig bestimmte Themen kritisch zu betrachten und zum Nachdenken anzuregen. Auch in „Die Perfekten“ finden sich heikle Themen, die sich zum Beispiel auf das aktuelle Thema Flüchtlingspolitik beziehen.

Das Buch lebt zudem von interessanten Charakteren, mit Stärken und Schwächen, Ecken und Kanten. Da ist eine toughe Protagonistin, die vor allem eines ist: sehr loyal. Nur das diese Loyalität ihrer Mutter gilt, der einzigen Familie, die sie kennt. Durch das einsame Leben auf der Flucht, ist Rain eine kleine Eigenbrödlerin. Sie schraubt gerne an Maschinen und ist technisch begabt. Doch sie hat auch eine verletzliche Seite und träumt von einem Leben, in dem sie sich nicht verstecken muss.

Dann wird sie ausgerechnet von dem ersten Menschen, dem sie neben ihrer Mutter vertraut, verraten. Doch damit nicht genug, sie erfährt, dass sie zu den Gesegneten gehört und dass Storm unmöglich ihre Mutter sein kann. Eine Erkenntnis, die sie zutiefst erschüttert und zerreißt.

Lark, der zweite Protagonist, ist ein sehr spannender Charakter, der oft die falschen Entscheidungen aus den richtigen Gründen trifft. Durch ihn lernen wir zwei gegnerische Seiten kennen und verstehen. Die Rebellen und die Soldaten der Gesegneten. Dabei gibt es keine klassische gute und böse Seite. Und es gibt auch keinen klassischen, sadistischen Bösewicht, der den Rest der Welt unterjocht. Beiden Protagonisten, Rain und Lark, geht es in erster Linie nicht darum, die Welt zu retten, sondern vielmehr einen sicheren Platz darin zu finden.

Auf wie viele Bände ist die Reihe angelegt?

Der erste Band ist in sich abgeschlossen, aber es gibt noch genug Handlungsstränge und Entwicklungen für einen zweiten Teil. Der soll nächstes Jahr erscheinen.

Wie lautet Ihr liebster Satz aus dem Buch?

„Nicht die Gene machen einen Menschen perfekt, sondern sein Wesen. Und das sieht man ihnen nicht an.“

Eine Welt, in der es die perfekten Menschen gibt… Könnte das unsere Zukunft sein?

Ich hoffe nicht. Auch wenn die Genforschung viele Möglichkeiten bietet, hoffe ich, dass der ethische Aspekt weiterhin eine große Rolle in der Wissenschaft spielen wird. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie eine Welt wäre, in der wir unsere Kinder selbst generieren könnten. Wird es dann Trends geben? In einem Jahr sind hellhäutige Kreationen mit schwarzen Augen und blonden Haaren gefragt. Im nächsten Jahr dann sind dunklere Hauttypen mit wasserblauen Augen der letzte Schrei. Und wo hört dieser Wahn nach Perfektion dann auf?

Ich möchte jedenfalls nicht in einer Welt leben, in der mein Wert nur noch anhand meiner Schönheit und meiner Intelligenz gemessen wird, denn was passiert dann mit denen, die nicht den neuen Standards entsprechen?

Wie kam Ihnen die Idee für diese Geschichte?

Im Fernsehen, in Zeitschriften und in den sozialen Medien ist Aussehen und Perfektion ein großes Thema. Wenn man zu sehr in diese Welt eintaucht, hat man plötzlich das Gefühl, die Welt besteht nur noch aus trainierten Instagram-Sportlern und wohlproportionierten Modeltypen, die teure Autos fahren. Und ehe man sich versieht, meldet man sich bei WeightWatchers an und wünscht sich zum nächsten Geburtstag eine Nasen-OP. Und wenn man sich dann endlich wohl fühlt und sich mit neuem Selbstbewusstsein bei Tinder anmeldet, um den Mann fürs Leben zu finden, kommt die Nachricht: „Ich will ja echt nicht fies sein, aber warum bist du denn so blass? Mach mal Solarium.“

Was würden Sie jemandem raten, der gerne perfekt sein möchte?

Ich glaube, dass das Streben nach Perfektion ziemlich frustrierend wäre und sich letztendlich als ein Kampf ohne Ende herausstellen würde. Wenn man glücklich werden will, sollte man sich so lieben, wie man nun mal ist. Und wenn man dann noch jemanden findet, der einen trotz oder gerade wegen all der kleinen Makel liebt, dann hat man den perfekten Platz in der Welt gefunden.

Welche der Figuren aus Ihrem Buch ist Ihnen am ähnlichsten und warum?

In vielen Figuren finden sich Teile von mir selbst. In einigen mehr als in anderen.

Ich schraube wie Rain gerne an Maschinen, zuletzt meiner Waschmaschine, herum. Allerdings folge ich dabei penibel YouTube- und Internet Anleitungen. Bei der Mission „Waschmaschinen-Rettung“ fühlte ich mich in dem Moment, als die mächtige Maschine in ihren Einzelteilen vor mir lag zwar wie ein unaufhaltsamer Held und Rain so nahe wie noch nie, allerdings lief die Waschmaschine nach der Aktion so gut wie vorher, nämlich gar nicht.

Rain ist da wesentlich begabter. Ihre Fuchsmanguste Cassiopaio hat mein Schlafbedürfnis und meinen Futterneid „geerbt“, allerdings kratze und beiße ich in der Regel nicht.

Und auch wenn ich mich gut in Lark hineinversetzen kann, hoffe ich, nicht in seiner Lage zu enden.

Hauptberuflich sind Sie Psychiaterin in einer Klinik. Hat Sie dieser Beruf beim Schreiben in irgendeine Richtung beeinflusst?

Ich habe viel mit unterschiedlichen Menschen und Charakteren zu tun, was mich auch in meiner Tätigkeit als Autor beeinflusst. Ich lege zum Beispiel großen Wert auf die Frage „Warum ist jemand so, wie er ist?“. Wir alle werden durch Umstände und Erfahrungen geprägt und das ist auch ein wichtiger Punkt in meinen Büchern.

Ich finde Figuren, die alle Fähigkeiten, die man als Held so braucht, in die Wiege gelegt bekommen, die durch das Schicksal zum Helden bestimmt wurden und von allen bewundert werden, vor allem eins: langweilig. Viel spannender sind doch die Figuren, die um ihre Ziele kämpfen müssen, immer wieder scheitern, sich wieder aufrichten und weiterkämpfen. Die nicht alles können, sondern auf ihrem Weg immer wieder verloren gehen und falsche Entscheidungen treffen. Denn irren ist menschlich.

Wie alt waren Sie, als Sie mit dem Schreiben begonnen haben?

Ich habe schon immer geschrieben. Totales Autoren-Klischee, ich weiß. Tagebuch, Gedichte, Fan Fiction, so begann es. Und irgendwann habe ich mir eigene Geschichten ausgedacht und meinem Bruder von diesen fremden Welten erzählt. Lange Zeit habe ich aber nur für mich (und meinen Bruder) geschrieben.

Erst viel später, während des Studiums, habe ich mich mit der Idee beschäftigt, etwas zu Veröffentlichen. Ich liebe es einfach zu Schreiben. Es ist für mich wie Urlaub, in eine Geschichte einzutauchen und mit meinen Charakteren Abenteuer zu erleben. Allerdings sind mir zunehmend gesellschaftskritische Aspekte wichtig und ich baue ernste Themen in meine Bücher mit ein.

Inzwischen sind Sie 30 Jahre alt. Damit zählen Sie unter den Autoren zur jüngeren Generation. Gibt es außer dem Alter etwas, was Sie von den älteren Autorinnen und Autoren unterscheidet?

Ich bin altersbedingt näher an der Zielgruppe. Dadurch weiß ich oft, was die Zielgruppe interessiert und beschäftigt und baue diese Themen gerne in meine Bücher ein. Allerdings bin ich mit 30 auch nicht zu jung und bringe schon etwas Lebenserfahrung mit. Das finde ich bei der Entwicklung von Geschichten ebenfalls wichtig.

Was nehmen die Leser aus Ihrem Buch mit?

Ich hoffe, dass die Geschichte berührt und zum Nachdenken anregt, denn auch wenn es sich um eine fantastische Dystopie handelt, ist diese Welt unserer gar nicht so unähnlich.

Wir Menschen teilen uns gerne nach Kategorien ein. Egal ob nach Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder Genen. Diese Schubladen sind fest in uns verankert und geben uns das Gefühl von Sicherheit und Zugehörigkeit. Gerade das, was uns fremd ist, löst in uns das Gefühl von Bedrohung aus und wir klammern uns an das, was wir kennen und versuchen mögliche Gefahren auszusperren. Bei der aktuellen Flüchtlingsthematik kann man dieses Phänomen beobachten und „Die Perfekten“ greift genau diese Thematik immer wieder auf. Auch wenn es schwerfällt, sollten wir alle versuchen, unsere eigenen Schubladen zu erkennen und gelegentlich zu hinterfragen.

Wie wird es mit Rain im zweiten Teil von „Die Perfekten“ weitergehen? Können Sie da schon etwas verraten?

Rains Leben wurde im ersten Band komplett umgekrempelt. Sie ist vom Ghost zur Gesegneten aufgestiegen und hat eine große Entwicklung durchlaufen. Allerdings wurde sie von den Ereignissen am Ende des Buches auch sehr geprägt und hat sich noch einmal sehr verändert.

Auch die Gesellschaft befindet sich im Wandel und es bleibt spannend, was mit den Gesegneten passiert und ob die Menschen das alte System der Klassen hinter sich lassen können.

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